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Milos Zeman und der Sturm der Entrüstung

Tschechiens Präsident wollte einem Homosexuellen die Ernennung zum Uni-Professor verweigern - und löste damit eine heftige Debatte aus.

Martin C. Putna ist ein Homme des Lettres, zugleich aber ein Enfant terrible in der Gesellschaft wie in der katholischen Kirche seines Landes. In der Bildergalerie seiner Homepage kann man ihn, flankiert von seinem Mentor Václav Havel und dem Dalai Lama, als Moderator eines interreligiösen Gesprächs im Spanischen Saal der Prager Burg bewundern, aber auch als Putin verkleidet bei einer Demonstration gegen Miloˇs Zemans Vorgänger Václav Klaus. Und auf dem schwarzweißen Porträt auf der Startseite, das den Betrachter frontal anblickt, streckt Putna alle zehn Sekunden die Zunge heraus.

Dass der polyglotte Polyhistor mit einem Schlag auch breiten Bevölkerungskreisen bekannt wurde, verdankt er dem neuen Hausherrn auf dem Hradschin. Dem Präsidenten der Republik steht nämlich die Ernennung sämtlicher Hochschulprofessoren zu, und Miloˇs Zeman befand, Martin Putna sei nicht würdig, an der Prager Karlsuniversität Professor zu werden. Und dies, obwohl sich Putna dort, erst dreißigjährig, schon 1998 mit einer Monografie über die "Tschechische katholische Literatur im europäischen Kontext 1848 bis 1918“ in vergleichender Literaturwissenschaft habilitiert hatte.

Ein Sturm der Entrüstung, angeführt vom Rektor der Karlsuniversität, brach los und zwang Zeman zuletzt in die Knie. Putna steigt doch vom Dozenten zum Professor auf, doch das Ernennungsdekret wird ihm nicht vom Präsidenten in der traditionellen Feier, sondern nach dieser formlos vom Unterrichtsminister überreicht werden. Und die Feier am 11. Juni soll zudem die letzte ihrer Art sein - was Putna betrifft.

Kurioserweise hatte der Präsident zunächst erklärt, die Beweggründe seiner Ablehnung erst dann benennen zu wollen, wenn Putna gegen ihn einen Prozess anstrenge. Mit seiner Bemerkung, er wolle Putna durch die Nennung der Beweggründe "nicht erniedrigen“, löste er aber eine ähnliche Flut an Mutmaßungen aus wie Papst Benedikt XVI. bei der Absetzung des Erzbischofs von Trnava, Róbert Bezák. Zeman ließ aber dann doch die Katze aus dem Sack, indem er versicherte, er sei nicht schwulenfeindlich, doch mache es einen Unterschied, ob sich jemand bloß zu seiner Veranlagung bekenne oder auf der Regenbogenparade kämpferisch auftrete, denn das stehe einem Universitätsprofessor nicht gut an.

Der Protest und seine Feinde

Eine Frage der öffentlichen Moral also? Martin C. Putna hatte auf der ersten "Prague Pride“ 2011 ein Schild mit der Aufschrift "Katholische Buseranten grüßen Bátora“ hochgehalten. Der Manager Ladislav Bátora, zuvor unter anderem durch seine Romafeindlichkeit bekannt geworden, hatte den (dieser Tage abgewählten) Prager Bürgermeister Bohuslav Svoboda gerügt, weil er als bürgerlicher Politiker den Ehrenschutz über dieses Festival "devianter Mitbürger“ übernommen hatte. Eines Sinnes mit Bátora waren damals Präsident Klaus, der Prager Erzbischof Kardinal Dominik Duka sowie der Präsident der Christlichen Akademie Tomáˇs Halík, der Putna, einem Weggenossen seit Untergrundtagen, die aktive Teilnahme an der Demonstration übelnahm.

In der nunmehrigen Causa ergriff Halík jedoch eindeutig Partei für Putna, weil er, unisono mit Alterzbischof Kardinal Miloslav Vlk, durch Miloˇs Zemans Vorpreschen die akademische Freiheit bedroht sah. Kardinal Duka hingegen meinte, wie schon bei der "Prague Pride“ im Gleichklang mit Václav Klaus, man dürfe staatliche Funktionäre nicht zu bloßen Unterschriftleistern herabwürdigen; andererseits seien "für die Verleihung von Hochschultiteln akademische und staatliche Institutionen da“ und man müsse sich "nicht in jeden Streit einmengen“.

Mit einem Mann wie Martin C. Putna tut sich die katholische Kirche Tschechiens sichtlich schwer. Da hat man inmitten der antiklerikalen Gesellschaft einen brillanten Intellektuellen, der sich zur Kirche bekennt, andererseits ist dieser nicht bloß innerkirchlich ein Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen - und man kann ihn dafür nicht belangen, weil er nicht in kirchlichen Diensten steht. Mehr noch: Man muss ihn sogar verteidigen, versteht sich die katholische Kirche nach 1989 doch als siegreiche Drachentöterin, die ängstlich darüber wacht, dass der Drache nicht wieder zum Leben erwacht.

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