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Lange braune Schatten über der Tatra

1945 1960 1980 2000 2020

Am 18. April jährt sich zum siebzigsten Mal die Hinrichtung Jozef Tisos, des Priesters und Präsidenten des Slowakischen Staats der Jahre 1939 bis 1945. Angesichts der aktuellen politischen Lage kommt dem Jahrestag besondere Bedeutung und Aufmerksamkeit zu.

1945 1960 1980 2000 2020

Am 18. April jährt sich zum siebzigsten Mal die Hinrichtung Jozef Tisos, des Priesters und Präsidenten des Slowakischen Staats der Jahre 1939 bis 1945. Angesichts der aktuellen politischen Lage kommt dem Jahrestag besondere Bedeutung und Aufmerksamkeit zu.

Die beiden Gedenktage liegen nah beieinander: am 14. März jener der Ausrufung des slowakischen Staats von Hitlers Gnaden und am 18. April jener des Tods durch den Strang seines einzigen Oberhaupts zwei Jahre nach dem Ende des Staats. Die beiden Jahrestage werden von den Medien alljährlich wahrgenommen, weil sie ein Barometer für die politische Lage im Land sind. Heuer verstärkt - nicht nur wegen des runden Jahrestags von Tisos Tod vor 70 Jahren (und seiner Geburt vor 130 Jahren am 13. Oktober), sondern auch wegen des aktuellen Vormarsches nationaler Parteien.

Seit dem 23. März 2016 ist der Chef der Slowakischen Nationalpartei, Andrej Danko, Präsident des slowakischen Einkammerparlaments, und mit der letzten Nationalratswahl vom 5. März 2016 ist auch die "Volkspartei - Unsere Slowakei"(L'SNS) ins Hohe Haus eingezogen. Ihr Vorsitzender Marian Kotleba amtiert seit dem 20. Dezember 2013 als Landeshauptmann der Region Banská Bystrica.

Während der gemäßigte Danko sich angesichts der Korruptionsfälle in der noch immer dominierenden linkspopulistischen "Smer" von Ministerpräsident Robert Fico sowie der Zerstrittenheit des bürgerlichen Lagers die Hände reibt und Pläne für die Übernahme der Regierungsgewalt spätestens 2024 oder 2028 schmiedet, zeigen die stimmen-und mandatsmäßig nur knapp hinter ihm rangierenden "Kotlebovci" vor, wie man durch Provokation und Skrupellosigkeit vor allem junge Wähler anspricht.

Ein Faschist im Parlament

Ein besonders eifriger Abgeordneter zum Nationalrat ist der 23-jährige Skinhead Milan Mazurek, der durch sein aggressives Auftreten gegen eine muslimische Familie vor dem Pressburger Hauptbahnhof und die Organisation von "Sicherheitsdiensten" in Fernzügen weithin bekannt ist. Bei einem Treffen der Faschisten in der ehemaligen Synagoge von Ruzomberok betonte der Leugner des Holocausts und der Nürnberger Prozesse die Bedeutung der drei Pfeiler seiner Partei, als da sind Christentum, nationale und soziale Gesinnung. Bei einem Vernetzungstreffen im nördlichen Nachbarland unterstrich er, 1683 habe "das christliche Europa mit Polen an der Spitze Wien, das Tor nach Europa, verteidigt", heute jedoch ließen es die "Verräter in die Hände derselben Leute fallen, gegen die sie sich einst zur Wehr gesetzt haben".

Bei anderer Gelegenheit freilich bekannte der Beschützer der christlichen Werte, der vor Jahren aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten ist, er halte "das Christentum für die Ursache des meisten Übels in Europa", ja, es sei "gar nicht europäisch und mir wird dabei schlecht". Im slowakischen Nationalrat ist Mazurek Mitglied des Ausschusses für Menschenrechte und nationale Minderheiten.

... und ein Faschist auf der Kanzel

Ein Sympathisant der L'SNS im Klerus ist der griechisch-katholische Redemptorist Miroslav Cajka. In einem Video bezeichnete er Justizministerin Lucia Zitnanská und Ministerpräsident Fico als Antichristen. Zitnanská, Abgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der dritten Koalitionspartei, der ungarisch-slowakischen "Brücke" (Most/Híd), hatte ein sogenanntes antiextremistisches Gesetz eingebracht. Er habe in den Zehn Geboten nachgesehen und dort kein elftes Gebot "Du sollst kein Extremist sein" gefunden, so Cajka, vielmehr sei Jesus Christus der größte Extremist aller Zeiten gewesen. Wer sich gegen den Extremismus als solchen stelle, stelle sich also gegen Christus. Freilich ließ der Pater Gnade walten und schloss mit einem Exorzismus: "Lucia, ich segne Sie weg von aller Macht des Satans und seiner Dämonen mit dem Kreuz des größten Extremisten im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen."

Das war dem Vizeprovinzial der griechisch-katholischen Redemptoristen denn doch zuviel, zumal sein Ordensbruder heuer bei den Feiern am 14. März an der Seite Marian Kotlebas ein gemeinsames Gebet geleitet hatte. Er bedaure das Ärgernis, das Pater Cajka hervorgerufen habe, und weise "die Verbreitung und Unterstützung von Extremismus, Hass, Angst und Diskriminierung zurück, die im grundsätzlichen Widerspruch zur christlichen Lehre stehen".

Und erfreulicherweise waren die deutlichen Worte Pater Luká ciks nicht die einzigen, die dieser Tage zu vernehmen waren. In Rimavská Sobota wollten die Rechtsradikalen am 14. März ein ganztägiges Fest feiern und hatten nicht nur das Kulturhaus gemietet, sondern beim Dechanten auch eine Messe in der katholischen Kirche angemeldet. Als er festgestellt habe, dass der Besteller nicht die Regionalverwaltung von Banská Bystrica, sondern die "Volkspartei - Unsere Slowakei" sei, habe er im Einvernehmen mit dem Bischof den Gottesdienst abgesagt, so Dechant Polák. Für die heute 48 in der Stadt lebenden Juden (vor dem Hitler'schen Vasallenstaat waren es 600) wäre eine Hochjubelung des erklärten Antisemiten Jozef Tiso unerträglich gewesen. Sieben Überlebende gehörten zu den 70.000 unter Tisos Ägide nach Auschwitz Deportierten.

Leichte Bewegung

Kardinal Ján Korec, der in Jozef Tisos Geburts- und Wohnort Bánovce nad Bebravou eine Gedenktafel für den priesterlichen "Führer und Präsidenten" enthüllt hat, ist nicht mehr unter den Lebenden und der 83-jährige Erzbischof Ján Sokol, der vor Jahren im Fernsehen das Tiso-Regime gepriesen hat, ist zwar bei kirchlichen Anlässen immer wieder präsent, kommt aber nicht mehr zu Wort.

So konnte sein Nachfolger in Bratislava, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Stanislav Zvolensky, kürzlich mit den Spitzenvertretern des Zentralrats der Juden in der Slowakei Rom aufsuchen, als Gegeneinladung zu jener der Jüdischen Kultusgemeinden im Vorjahr nach Israel. Papst Franziskus wurde ein Psalmenkommentar überreicht, der in interkonfessioneller Zusammenarbeit entstanden war.

Bis zur Bewältigung des Umstandes, dass ein katholischer Priester zugleich ein Symbol der nationalen Wiedergeburt ist und als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde, ist es noch ein weiter Weg. Den einen Bischof, der sich dieser Herausforderung unerschrocken gestellt hat, den Erzbischof von Trnava, Robert Bezák, haben die Kollegen aus ihrer Konferenz hinausgeekelt.

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