Digital In Arbeit

Nicht nur Erbe der KP-Zeit

Zoltan Meskos Buch über Säuberungen in Bratislava ist ein bedrückendes Zeugnis - auch übers heutige Ökumene- und Judentums-Verständnis katholischer Slowaken.

Und was halten Sie von Jozef Tiso?" Unweigerlich münden in Österreich Pressegespräche mit Slowaken in die Gretchenfrage nach dem "Slowakischen Staat" von Hitlers Gnaden und Jozef Tiso, dem Prälaten an seiner Spitze, der 1946 nach einem Hochverratsprozess hingerichtet wurde. Wie eine dunkle Wolke hängt die Erinnerung an 1939 über der Republik von 1993, und wenn dann Politiker, Kirchenmänner, Wissenschafter oder Journalisten Antworten geben, die der im Westen üblichen Political Correctness nicht entsprechen, werden die Vorurteile festgeschrieben.

Auch Zoltan G. Meskos seit kurzem in deutscher Übersetzung vorliegendes Buch über die "verschwiegene Verschwörung" scheint auf den ersten Blick nicht gerade dazu beizutragen, die Vorbehalte zu entkräften. Durchgängig wird hier zumal gegen den Protestantismus polemisiert, der sich seit Jan Hus über die Slowaken "ergossen", sie in ihrem Überlebenskampf gegen die Ungarn geschwächt und nach 1918 den Tschechen als "Trojanisches Pferd" für die Verbreitung des "Tschechoslowakismus" gedient habe.

Doch eröffnet die Publikation gerade in ihrer Unverblümtheit einen Zugang zur Denkweise katholischer Slowaken, einschließlich der Kirchen- und Parteiführer von heute. Die Konzentration auf die Medizinische Fakultät in Pressburg (Bratislava) und ihre Außenstelle in Kaschau (KoÇsice) schafft einen originellen Blickwinkel, und die Verbindung penibler Recherche mit persönlichem Erfahrungsbericht verbürgt eine fesselnde Lektüre.

Kampf gegen Slowaken

Nur sechs Jahre nach ihrer ungarisch konzipierten Gründung 1912 wurde die Pressburger Elisabeth-Universität von den neuen tschechoslowakischen Machthabern in Komensk´y-Universität umbenannt - in den Augen der katholischen Slowaken eine Provokation, denn der große Pädagoge Komensk´y (Comenius) war Tscheche und Bischof der evangelischen Brüdergemeinde. Nach der Trennung von Prag 1939 mutierte die Alma Mater zur "Slowakischen Universität", was 1945 prompt rückgängig gemacht wurde; bis heute heißt sie Komensk´y-Universität.

Zoltan G. Mesko steht nicht an, die Verdienste tschechischer Gelehrter um den Aufbau der Medizinischen Fakultät anzuerkennen, aber bis 1938 waren erst 30 Prozent der Dozenten und Professoren Slowaken; slowakische Dekane und Rektoren kamen erst mit der Föderalisierung der Tschechoslowakei 1938 und der Ausrufung der Unabhängigkeit im Jahr danach zum Zug. "Willkommen in unserer neuen Heimat, befreit vom tschechischen Vasallentum", frohlockte der Physiker Jozef Skotnick´y, was ihm nach dem Kollaps des Slowakischen Staats zum Vorwurf gemacht werden sollte. Schon der Slowakische Nationalaufstand von 1944 verhieß für betont katholische und nationalbewusste Slowaken nichts Gutes: In den Augen Zoltan G. Meskos bahnte sich eine unheilige Allianz von Protestanten, Juden, Tschechen und Kommunisten an, der die Rote Armee 1945 zum Durchbruch verhalf.

Während im tschechischen Teil des 1945 wiederhergestellten Gesamtstaats das Pflänzchen der Demokratie eine Chance zu haben schien, wurde in der Slowakei sofort nach Kriegsende gesäubert - mehr als die Hälfte des Lehrkörpers an der Medizinischen Fakultät war bereits vor der Machtergreifung der Kommunisten 1948 entlassen, und die Maßnahmen trafen überwiegend bekennende Katholiken und slowakische Patrioten.

Traditionell gab es in Pressburg drei große Studentenheime: Im "Svoradov" wohnten die katholisch und national gesinnten Slowaken, im "ÇStefánik" die evangelisch und tschechoslowakisch geprägten, und im "Lafranconi" mischten sich die beiden Gruppen. Als Zoltan G. Mesko 1947 das "Svoradov" bezog, wurde er Zeuge der gezielten Infiltrierung dieses "katholischen Alcázars" (so der Regierungsbeauftragte Ladislav Novomesk´y) mit Protestanten und Tschechenfreunden, die für ihn "schaurige Marsmenschen" waren. Die folgenden Jahre sahen zudem den Aufstieg von Juden in die "regierende kommunistische Klasse". Einige von ihnen, an der Medizinischen Fakultät vor allem A. Millar und FrantiÇsek Démant, waren federführend im Kampf gegen die slowakisch und katholisch fühlenden Mediziner. Freilich fielen etliche von ihnen ihrerseits der "antizionistischen" Säuberung von 1952 zum Opfer.

Kampf gegen "Kleriker"

Bis zur Wende von 1989 dauerte die Verfolgung der "Kleriker" an, wie die katholischen Studenten von den Kommunisten pauschal bezeichnet wurden. Rund ein Viertel der Medizinstudenten jener Jahre hatte tatsächlich Theologie studiert, was ebenfalls manche Phänomene in der Slowakei von heute wie etwa die besonders nachdrückliche Unterstützung der "Pro-Life"-Bewegung und generell die radikale Positionierung des politischen Katholizismus erklärt. Selbst in der Christdemokratischen Bewegung (KDH) wittert Zoltan G. Mesko, der 1968 in die USA emigriert ist, heute Überläufer der Kommunisten. Die zweite Generation kommunistischer Mediziner, der durch die freie Wahl der Studienrichtung, Reisegenehmigungen und den Zugang zu Informationen unaufholbare Vorteile zuteil wurden, halte das Gesundheitswesen der Slowakischen Republik bis zum heutigen Tag fest in ihrer Hand.

Die Vita von Meskos Freund Anton Neuwirth, der sich für die deutsche Übersetzung des auf Englisch verfassten Buches eingesetzt hat, füllt dessen letzte Seiten. Als Halbjude, der im Slowakischen Staat studiert hat, widerlegt er die pauschale Verdammung dieses Staates, der auch in Meskos Augen "keine optimale Lösung", aber einen Versuch darstellt, "das kleine slowakische Volk zu retten". Als überzeugter Katholik sechs Jahre von den Kommunisten eingekerkert und danach ein Vierteljahrhundert in die Provinz verbannt, vertrat Neuwirth ab 1993 die Slowakische Republik als erster Botschafter beim Heiligen Stuhl. Kurz vor seinem Tod im September 2004 erlebte er die Wahl seiner Tochter Anna Záborská zur Vorsitzenden des Ausschusses für Rechte der Frau und sexuelle Gleichbehandlung im Europäischen Parlament.

Belastete Verhältnisse

Das Gebäude des "Svoradov" wurde der katholischen Kirche mittlerweile zurückerstattet, und Zoltan G. Mesko hofft auf eine Wiedereröffnung des Studentenheimes mit österreichischer Hilfe, damit zumindest diese Wunde der brutalen Verfolgung durch das kommunistische Regime geschlossen werden kann.

Zu hoffen ist aber auch auf eine Mediation im so schwer belasteten Verhältnis zwischen den christlichen Kirchen untereinander und der katholischen Kirche mit dem Judentum, von dem Zoltan G. Meskos Buch ein bedrückendes Zeugnis ablegt.

Die verschwiegene Verschwörung. Ein kommunistisches Modell von politischer Säuberung an der slowakischen Universität in Bratislava/Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg. Von Zoltan G. Mesko. Janineum, Wien 2004. ISBN 3-901194-11-8. 186 Seiten, kt., e 21,- Zu beziehen in Buchhandlungen und bei Kathpress, Tel. 01/512 52 83-11.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau