Mauer - © Foto: iStock / VvoeVale
Feuilleton

Der Zunge auf den Zahn gefühlt

1945 1960 1980 2000 2020

Die Mehrsprachigkeit in Wien und Pressburg/Bratislava/Pozsony  zu thematisieren, ist in Zeiten von Deutschpflicht und Ausländerhass da wie dort ein nicht nur historisch wichtiges Unterfangen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Mehrsprachigkeit in Wien und Pressburg/Bratislava/Pozsony  zu thematisieren, ist in Zeiten von Deutschpflicht und Ausländerhass da wie dort ein nicht nur historisch wichtiges Unterfangen.

„Deutschlernen ‚von unten’: Böhmakeln und Kucheldeutsch“ nennt sich der Wälzer über Wien, der die Begegnung von Tschechisch und Deutsch in der Donaumetropole (und nebstbei auch in Prag) erstmals umfassend untersucht. Während die Interferenzen der heutigen Migrantensprachen schon während ihres Auftretens behandelt werden, geschieht dies beim „Böhmakeln“ erst post festum und auch da noch von außen. Es sind drei Forscherinnen und ein Forscher der Universitäten Bamberg und Olmütz, die mit wissenschaftlicher Akribie ans Werk gehen. Die von ihnen herangezogenen Belege beginnen mit einem Volksstück des Lambacher Benediktiners Maurus Lindemayr aus dem Jahr 1775 und enden mit Liedern und Kabarettszenen der 1970er­Jahre.

Die Hauptautorinnen Bettina Morcinek und Veronika Opletalová gehen sine ira, aber cum studio vor. Sie stellen nüchtern fest, was sie lesen oder hören. Das gilt für den phonologischen Befund gleichermaßen wie für die Beurteilung des gesellschaftlichen Umfelds. Erstere Bestandsaufnahme liest sich begreiflicherweise sperrig, die „unterschiedlichen diachronischen, diatopischen und diastratischen Parameter des deutsch­tschechischen Bilinguismus“ werden die meisten Leserinnen und Leser wohl zum Weiterblättern zur umfangreichen Quellensammlung und zum Anhören der beiliegenden CD bewegen. Dort erhalten sie eine Analyse, wer nun authentischer geböhmakelt hat: Hermann Leopoldi, Heinz Conrads oder Peter Alexander. Wer aber das Klischee hinter sich lassen und auch den hinter der Lustigkeit lauernden Chauvinismus wahrnehmen will, muss das ganze Buch lesen (und zuvor tief in die Tasche greifen).

Eine Stadt als Chamäleon

Hält sich das Autorenteam des Wienbuchs bezüglich der Wurzeln seines Interesses bedeckt, so macht Jozef Tancer aus seiner Abkunft aus einer sprachlich gemischten Familie kein Hehl. Sein Sprachverständnis ist jedoch so unideologisch wie jenes der deutschen und tschechischen Fachkolleginnen: Es ist nicht gekoppelt mit der Vorstellung einer Volkszugehörigkeit, sondern gebunden an die Geschichte der von ihm befragten Personen.

Die Hauptstädte Österreichs und der Slowakei werden auch in puncto ,Völkermischmasch‘ wieder zu den Twin Cities, die sie immer waren.

Die 20 Senio rinnen und Senioren, durchwegs in den 1920er­Jahren geboren, sind in ihrem Leben nicht nur mit den drei großen Altpressburger Sprachen Deutsch, Ungarisch
und Slowakisch konfrontiert gewesen, sondern besonders im Fall ihrer Emigration mit weiteren „Zungen“, die in einzelnen Lebensphasen dominiert haben. Die jetzt von Tourismusmanagern aufgegriffene Dreisprachigkeit der Stadt habe es zwar durchaus gegeben, aber nicht so durchgehend und nach außen abgegrenzt, wie sie jetzt vermarktet wird, so Jozef Tancer.

Das Slowakische bekamen die Bürgerkinder im zu Bratislava mutierten Pressburg vielfach nur beim Spielen im Hinterhof mit, und die Nachbarskinder sprachen oft „ein grässliches Wienerisch“, das nicht nur bei den deutschsprachigen Juden verpönt war. Den Slowakisch­Unterricht in der Schule erteilten oft Tschechen, die in der verwandten Sprache nicht sattelfest waren und daher nach der Ausrufung des Slowakischen Staates 1939 abgeschoben wurden („Tschechen zu Fuß nach Prag“ skandierten Nationalisten noch vor der zweiten Teilung der Tschechoslowakei 1993). Das Ungarische vermittelten Kindermädchen von der Schütt insel gleich nebenan bei den Deutschen und das Deutsche bei den Ungarn Gouvernanten aus dem Sudetenland. Nicht wenige tun sich im Rückblick schwer zu definieren, was denn nun ihre „Muttersprache“ gewesen sei.

Die neue Mehrsprachigkeit

Nach der Machtergreifung der Kommunisten wurde den Einheimischen in der Schule als Zweitsprache das Russische verordnet, nach der Wende 1989 das Englische. Die radikale Infragestellung der Grenzen von Sprachen und der Wertigkeit des Spracherwerbs hat dem Buch Jozef Tancers in seiner Heimat große Aufmerksamkeit beschert. Unbekümmert um den aktuellen Wettlauf gemäßigter und faschistoider Slowaken freut sich der Germanist von der Comenius­Universität in Bratislava, wenn sich in Pressburg/Bratislava/ Pozsony eine neue Mehrsprachigkeit anbahnt, und es schreckt ihn nicht, wenn Eltern ihre Kinder tagtäglich in die Schule nach Kittsee oder Wien schicken. Die Hauptstädte Österreichs und der Slowakei werden auch in puncto „Völkermischmasch“ wieder zu den Twin Cities, die sie immer waren. Der „Sprachenslalom“, zumal der jüdischen Pressburger, die Degradierung Bratislavas zum Ziel von Tagesausflügen, vor allem aber die Aktualität des Grundthemas würden eine Übersetzung des angenehm lesbaren Buches ins Deutsche gewiss rechtfertigen. Mehrsprachig sind wir schließlich alle, so das Fazit des Forschers.

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