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Um sechs nach dem Krieg

Über Jahrestage, Zahlenfetischismus und den ganz gewöhnlichen Alltag bei den Tschechen.

Ich trete vor Sie, heute, am 158. Jahrestag der Geburt des Gründers unseres neuzeitlichen Staates, des Präsidenten Masaryk." Mit diesen Worten begann Václav Klaus seine Rede am 7. März dieses Jahres, als er "kurz nach 10 Uhr im Wladislawschen Saal der Prager Burg seinen zweiten Amtseid als Präsident leistete und damit für weitere fünf Jahre die Funktion des Staatsoberhauptes übernahm. Sein zweites und zugleich letztes Mandat endet am 7. März 2013."

Die "Lidové noviny" fügten auch noch hinzu, der "sechsundsechzigjährige Klaus" sei "nach Václav Havel der zweite Präsident der selbständigen Tschechischen Republik und das zehnte Staatsoberhaupt seit der Entstehung der Tschechoslowakei im Jahre 1918". Und natürlich war der Tageszeitung nicht entgangen, dass der Parteichef der Christdemokraten, Jirí Cunek, "zusammen mit ungefähr zwei Zehnern" zu spät gekommen war. Den Tschechen ist das Dezimalsystem derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass ihnen das dem deutschen "Dutzend" entlehnte "tucet" kaum mehr über ihre Lippen kommt; auch die einst dem Deutschen angepasste Wortstellung bei den Zahlwörtern kommt immer mehr aus dem Gebrauch.

Genauigkeit, Pünktlichkeit und Logik gehen den Tschechen einfach über alles. Über alles in der Welt, möchte man hinzufügen, denn diese Präzisionswut entspringt ohne Zweifel ihrem Wunsch, es den ordentlichen Preußen gleichzutun und die in ihren Augen schlampigen Österreicher zu übertreffen. Vor allem möchten sie letzteren, die sich zu Kaisers Zeiten immer eine Gesetzeslücke offengelassen haben, durch die die Deutschen schlüpfen konnten, nicht noch einmal auf den Leim gehen. Deswegen sind die Tschechen ja auch so allergisch, wenn die Österreicher von heute ihren Atomreaktoren mangelnde Sicherheit unterstellen.

Uhriges Prag

Im "hunderttürmigen" Prag, zu dessen Hauptsehenswürdigkeiten eine Astronomische Uhr gehört, wurden schon bald nach der Wende von 1989 in den Straßenbahnen, Autobussen und U-Bahnen digitale Laufwerke angebracht, die die Zeit bisweilen auf die Sekunde genau anzeigen. Mitte der Neunzigerjahre wurden die Passagiere allen Ernstes befragt, ob sie es bevorzugen, wenn die Elektrischen wie gewohnt bis zu zwei Minuten vor der angegebenen Zeit wegfahren, oder ob sie damit einverstanden wären, wenn die Toleranzgrenze über die offizielle Abfahrtszeit hinaus um zwei Minuten ausgeweitet wird.

Auf der Linie 11 wurde sechs Monate lang sogar ein Pilotversuch gestartet. Wie das Plebiszit ausgegangen ist, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Doch seit einigen Jahren werden die Prager Straßenbahnen im Inneren mit Leuchttafeln ausgestattet, die nicht nur die Anfangs- und Endhaltestelle, sondern, bei jedem Halt wechselnd, auch die jeweils acht nächsten Stationen anzeigen.

Das schließt natürlich nicht aus, dass die Straßenbahnen auch einmal im Stau steckenbleiben. An der Kreuzung beim Nationaltheater, dem vielleicht neuralgischsten Punkt der Stadt, habe ich einmal einen regelrechten Stellungskrieg zwischen zwei Garnituren erlebt, deren Fahrer zur Erheiterung der Fahrgäste um jeden Zentimeter Vorfahrt kämpften. Und als ich einmal für Freunde eine historische Tramway mietete, musste diese, zuerst einer Demonstration über eine andere Strecke ausweichend, dann aber derselben Demo nochmals begegnend, kapitulieren. Die historische Tramway, die an den Wochenenden in der schönen Jahreszeit auch nach Fahrplan verkehrt, trägt übrigens die Bezeichnung 91. Sie fährt nämlich seit der großen Landesausstellung von 1991, die an die noch größere Landesausstellung von 1891 erinnerte, die ihrerseits an die allererste böhmische Leistungsschau von 1791 anknüpfte …

Die Tschechischen Bahnen dürfen an Pünktlichkeit natürlich nicht zurückstehen und warten seit dem aktuellen Fahrplan mit der Neuerung auf, dass auf Anschlusszüge nur mehr fünf Minuten gewartet wird. Allerdings gibt es eine Klausel, die sehr österreichisch anmutet: "Züge werden verspätete Anschlüsse nur mehr dann abwarten, wenn es eine große Anzahl an Umsteigern gibt. Über die Überschreitung der fünfminütigen Wartezeit wird der Fahrdienstleiter in dem Fall entscheiden, dass ihm die Zugsmannschaft des verspäteten Anschlusszuges eine höhere Frequenz umsteigwilliger Reisender meldet." Da hör ich schon die Handys klingeln.

Freilich habe ich neben dreistündigen Verspätungen auch einmal erlebt, dass der Zug aus Wien in der tschechischen Hauptstadt zehn Minuten zu früh ankam. Am meisten aber faszinieren mich die alten Waggons, in denen die Sitzplätze ähnlich wie beim kreuzweisen Schuhbandbinden nummeriert sind: Dem Sitz Nummer 1 neben dem Eingang gegenüber liegt Sitz Nummer 2; Sitz 3 befindet sich wieder auf der anderen Seite neben Nummer 1; dann geht es abermals hinüber zu Sitz 4, von dort aber unter Umgehung des gegenüberliegenden Sitzes quer zum Fenstersitz 5. Diesem genau gegenüber liegt Fenstersitz 6; und logischerweise geht es dann noch zweimal hin und her zu Nummer 7 und 8. Da es sich freilich um Bänke handelt, wird bei Überfüllung alles über den Haufen geworfen und plötzlich sitzen auf acht Sitzen zehn Leute.

Früh übt sich …

Ein derart logischer und zugleich flexibler Umgang mit Zahlen aller Art will natürlich gelernt sein, etwa in der einst mächtigen Sokol-Bewegung, deren Turnübungen auf die Sekunde genau geplant sind. In einem Gottesdienst an einem 19. November habe ich erlebt, wie der Priester die Kinder fragte, was wohl in 35 Tagen sein werde, und in der Prager Jesuitenkirche schlägt die Uhr innen an der Orgelempore alle Viertelstunden. Mein Cousin hat mir vor Weihnachten geschrieben, er komme mit seiner Familie mit 40-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Und die Webseite der malerischen Stadt Becov bei Karlsbad gibt sich überzeugt, der Nobelpreisträger Jaroslav Seifert habe dort "75 Prozent aller Schönheit dieser Welt gefunden". Es gibt in diesem Land einfach nichts, was nicht gemessen werden könnte; sogar die Messstationen werden nach Jahreszahlen bewertet, und da hat das Prager Klementinum, in dem die Temperatur seit 1775 gemessen wird, noch allemal die Nase voraus.

Auch das Warten haben den Tschechen die Österreicher beigebracht: Fünfzig Jahre lang hat ihnen Franz Josef I. (auf das I. wird nie vergessen) die Krönung zum König von Böhmen versprochen und sein Wort nicht gehalten. Da wundern einen heutige Schlagzeilen wie "Der am meisten erwartete Film des Jahres" (Der Da Vinci Code) nicht. Zur Zeit des Kommunismus hieß es erst recht "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst", und daher scharrt das Publikum der Stadtführungen des Prager Informationsdienstes bis heute schon zehn Minuten vor Beginn in den Startlöchern; fünf Minuten vor Beginn meint die Führerin entschuldigend: "Wir müssen noch einen Autobus abwarten." Und dann wird nur mehr gemauschelt, was mit denen geschieht, die es doch nicht geschafft haben.

Fassen Sie sich kurz!

Erstaunlich eigentlich, dass gerade die tschechoslowakische Regierung Gorbatschows Drohung "Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte" so wenig ernst nahm. Hat doch schon der brave Soldat Schwejk mit dem Sappeur Vodicka ein Treffen "nach dem Krieg jeden Abend um sechs im Kelch" vereinbart. Sinnigerweise wurde nach der Samtenen Revolution von 1989 an der Stelle des Stalin-Denkmals ein Metronom errichtet. Und Václav Havel hat seine Memoiren augenzwinkernd "Prosím strucne" übertitelt, was bezeichnenderweise in der deutschen Übersetzung "Fassen Sie sich bitte kurz" ungleich schwerfälliger daherkommt.

Havels Buch war ebenso ein Erfolg beschieden wie dem Theaterstück eines Autorenkollektivs, das unter dem Titel "Nichts wird uns aufhalten - Ein Tag im Leben eines Fahrradboten" im Theater "Ypsilon" zu sehen ist. Die Inhaltsbeschreibung liest sich so: "Du musst Prag kennen, du musst schnell sein, musst auf Vorschriften pfeifen, die kürzest mögliche Trasse fahren, schon auch regelmäßig trinken, aber schnell, dich warm anziehen, aber auch wieder nicht allzu sehr, damit sich an deinem Körper nicht der Schweiß hält - und vor allem darfst du nicht stehenbleiben. Bleib niemals stehen. Fahr! Die Zeit läuft dir davon."

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