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Der Traktat vom Traktor

Eines schönen Sommertages im Jahr 1948 ratterte zur größten Verblüffimg aller an unserem Haus ein Traktor vorüber. Im Fahrersitz des Traktors aber saß der Knecht des Mikl. Diese Probefahrt habe ich als die größte Sensation meiner Kindheit in Erinne-nmg. Der Karl, so hieß der Fahrer, hatte einen hohen Gang eingelegt, so daß die Steine der Schotterstraße von den Rädern nur so wegsprahgen und das Rattern zwischen unserem Haus imd dem gegenüberliegenden Gebäude kräftig verstärkt wurde. Alles lief ins Freie. Der Karl dreht um, hieß es. Wirklich machte er außerhalb des Dorfes halt, wendete und kam denselben Weg zurückgefahren, worhöglich noch schneller. Stolz wie ein Kaiser fuhr Karl der Gro-

ße lachend an den staunenden und erschrockenen Leuten vorbei.

Fahren, fahren, das hieß damals vor allem einmal nicht gehen müssen, utid keine Wohltat konnte größer imd keine Freude heller sein, als wenn man irgendwo aufsitzen und mitfahren oder sich auch nur irgendwo anhängen durfte. So hingen damals an den Leiterwägen, aber auch an den Anhängern der aufkommenden Traktoren, auf den Steigungsstrecken von Wels heraus, wo das Gelände von der ebenen Welser Heide ins Hügelland des Hausrucks übergeht, sehr oft Fahrradfahrer, die sich die Berge hinaufziehen ließen. Erst später wurde uns die Gefährlichkeit und Verbotenheit dieses Unterfangens bewußt, nachdem es auch bereits Unfälle gegeben hatte. Wenn ein Gendarm daherkam, mußte man auslassen und tun als ob nichts gewesen wäre. An manchem Wagen hingen an beiden der rückwärtigen Kipfen Radfahrer, wobei es für den rechts Fahrenden schwer war, sich auf der Straße zu halten und nicht in den Graben zu geraten. Aber es galt der Leitspruch: Ein bisserl fahren ist besser als gehen. Die Mühe des Ankoppeins war immer noch geringer als es die des Tretens gewesen wäre.

Schwierig war es, bereits auf der Steigung die Kipf- oder Bordwand zu fassen zu bekommen. Mancher Schelm von Traktorführer zeigte sich anfangs auch entgegenkommend, verlangsamte auch recht einladend sein Tempo, wenn man aber als Radfahrer auf gleich gekommen war und nach dem rettenden Holz des Anhängers langen woUte, gab er rücksichtslos wieder Gas. So griff der Radfahrer in die Luft und fiel auf die Nase. Der hämische Traktorist sah’s durch seinen Rückspiegel und war über den Schaden froh, den er angerichtet hatte. Ich werd dir geben, von wegen Schleppen. Kauf dir selbst einen Traktor…

Die Traktoren waren zu Beginn durchaus nicht nur reine Nutzfahrzeuge. Sie ersetzten den Bauern im Nahverkehr auch die noch fehlenden Autos, und am Sonntag vormittag war die ganze Ortschaft bald zugestellt mit den geparkten Traktoren. Mancher Traktorbesitzer hatte es sich und seinen Mitfahrern auf den Kotflügeln, einem Soziussitz und einer hinten angebrachten sogenannten Lage recht kommod und luxusautomäßig hergerichtet. Gegen das Stoßen der ungefederten Traktoren halfen untergelegte Polster, sogar eine Tuchent, bilde ich mir ein, einmal gesehen zu haben, gegen die Unbill von oben die alten, funktionslos gewordenen

Pferdekotzen und Familienschirme, da ja auch bei Regen tractori-bus ad ecclesiam gefahren wurde. Gedeckte Führerhäuser waren damals von Haus und Fabrik aus nicht der technische Brauch.

Das Aufsitzen war unter diesen Umständen natürlich wirklich sehr umständlich, und ich sehe noch heute die Erleichtenmg mancher dickeren Altbäurin lebhaft vor mir, wenn sie ihren Notsitz unter Mithilfe und tatkräftiger Unterstützung anderer, jüngerer Familienmitglieder erreicht hatte und an ihrem Bestimmungsort glücklich angekommen war. Jetzt konnte es losgehen. Einige Traktoren waren so frequentiert und überfüllt (tractor omnibus), Kinder standen zwischen Erwachsenen eingekeilt, daß man einen richtigen Menschenturm und eine Traube, einen Schwärm gewissermaßen, durch die Landschaft fahren sah. Auch daran erinnere ich mich: Ein Gendarm steht am Straßenrand und lacht kopfschüttelnd über eine solche Fuhre. Damals war nämlich die Polizei vor allem für Einbrecher und Diebe zuständig, den Verkehr

begann sie erst allmählich als eine ihrer Aufgaben zu begreifen.

Nach und nach entleerte sich dann der Traktor wieder. Brauchst nicht extra anhalten, sagte mancher Mitgenommene, ich spring eh ab. Ja, die Kunst des Absteigens und Abspringens. Ein Sprung vom fahrenden Traktor war freilich etwas anderes als ein solcher vom Landauer oder Stei-rerwagen.

Noch ein Andachtsbild: Ich erinnere mich an eine Fahrt mit Traktor und Anhänger im Jahr 1954, dem Jahr des großen Hochwassers an der Donau. Ein Brük-kenwagen voll singender katholischer Jugend im Morgengrauen unterwegs nach Alkoven, um dort freiwillig beim Aufräumen zu helfen. Wir • sangen das ganze Liedgut durch, von „Christus, mein König" über „Froh zu sein, bedarf es wenig" bis „Hoch auf dem gelben Wagen". tJber den Traktor ist mir bis heute kein Lied bekanntgeworden. Ich bezweifle auch, daß die jungen Bauern, die ich mit den Kopfhörem von meinem Pichler Haus aus die Felder nach dem Sulzbach umackern sehe, etwas Derartiges in ihren Kassetten und Rekordern haben. Tractor non cantabilis.

So war also der Traktor seinerzeit ein Mehrzweckfahrzeug, wie man andererseits auch von den neuen Personenautos noch etwas mehr als bloß Luxus erwartete.

Von einem sehr auf die Nützlichkeit bedachten Bauern wurde erzählt, er habe sich hingekniet und lange am Boden seines Autos die Stelle gesucht, wo der Mähbalken anzubringen sei. Wie andererseits auch mit den Traktoren mancher ökonomische Unfug getrieben wurde. So hängte man einfach alle Geräte, die vordem von den Pfer-

den gezogen worden waren, an den neuen Traktor an, auch den einscharigen und den sogenannten Umgehpflug, der wie früher hinter den Pferden oder den Kühen eins zu halten hatte, Menen heißt das Führen der Pferde (Ochsen oder Kühe) in der alten Bauernmundart.

Ich mußte es noch tun und habe es gehaßt, ähnlich wie der junge Helmbrecht es gehaßt haben muß, weil doch sein Vater zu ihm in der mittelhochdeutschen Versnovelle sagt: „Lieber Sohn, willst bitte nicht an den Hof streben! Das höfische Leben ist nichts für Leute vom Bauernstand. Mene lieber für mich die Ochsen im Pflug, oder halte meinetwegen auch du den Pflug und ich mene die,,," (Lieber sun, nu men du mir / oder habe den phluoc. so men ich dir," V. 247 f)

Auch das Wort .^laben" (verwandt mit dem lateinischen cape-re, nicht habere) kennt die Mundart. Hab dich! und Habts enk wurden die Mitreisenden aufgefordert. Und nun also den Traktor

„menen", Führerschein Gruppe F…

Die gottverdammte Führerscheinprüfung, die nicht selten einen älteren Landwirt durchaus überforderte, weniger das Praktische als’ vielmehr das Theoretische, das seinerzeit noch sehr großgeschrieben wurde. Ich darf es sagen, weil ich mich damit selbst schwer genug getan habe und für den Teil F eine Nachprüfung brauchte. Die Behörde aber war ja einsichtig, was ließ sie sich nicht alles an Sonderregelungen und Ausnahmebestimmungen für die Landwirtschaft einfallen. So erteilte sie etwa auf einen bestimmten Bereich, meinetwegen die Gemeinde, eingeschränkte Bewilligungen, der Besitzer einer solcherart restringierten Lizenz durfte somit nicht nach Wels fahren, einem anderen hat rtian die höheren Gänge gesperrt, ihm auf diese Weise Fesseln angelegt und seinen Bewegungsdrang gezügelt.

Alle diese Maßnahmen hatten den Sinn, die Traktoren dieser vermindert Fahrtüchtigen zu agrarisieren und sie aus dem allgemeinen Straßenverkehr zu entfernen. Ja, mein lieber Müller, sagte einmal einer dieser Behinderten zu meinem Vater, lästig ist das schon, daß ich jetzt auf der Zweiten heimzockeln muß, viel schneller als mit den Ochsen geht das auch nicht.

Die Bedenken vieler, vor allem älterer Menschen gegen die Modernisierung und Motorisierung waren zahlreich, wurden aber von anderen. Fortschrittsgläubigen und meist Jüngeren, als unbegründet und altvaterisch abgetan. Durch das Befahren mit den schweren Traktoren und Maschinen werde der Grund so sehr zusammengedrückt und gepreßt, daß er in wenigen Jahren auch mit den schwersten Pflügen nicht mehr aufzureißen sein werde. Einige der damals geäußerten, im Rausch der Modernisierung aber verworfenen Bedenken bekommen neuerdings doch, wenn auch etwas anders als geunkt und prognostiziert, Bedeutung und Sinn. Eine Landwirtschaft der Pferde kann es nicht mehr geben, aber eine Landwirtschaft, die zur Erzeugung eines Kilos Getreide einen Liter Ol in Form des Kunstdüngers und des Treibstoffes verbraucht, wird es demnächst auch nicht mehr geben können. Cassandra wird recht behalten. Tractor mortalis!

Mit der Motorisierung kamen vor allem die Unfälle. Von schrecklichen Unglücken las man plötzlich in den Zeitungen, Kinder und Erwachsene stürzten von den Traktoren oder wurden von Anhängern überrollt, Tragödien ohne Zahl, Traktoren warfen um und begruben die Lenker unter sich, Unfälle von einer teuflischen Zufälligkeit sind mir im Gedächt-

^nis. Es bestätigte sich sehr unheilvoll in der Wirklichkeit die sprachliche Verwandtschaft von Fahren und Gefahr. Fahren erwies sich als gefährlich.

Und obwohl nun mancher auch junge Mensch mit dem Traktor, dem Motorrad oder dem Auto verunglückte, hatte das Fahren immer noch etwas Faszinierendes, wenn nicht ohnedies die Faszination selbst der Motor des Elends war. Einmal fuhren wir Anfang der fünfziger Jahre mit dem Fahrrad nach Lambach, um uns den Verkehr auf der Bundesstraße 1 anzusehen, von dem man Wunder erzählte. Wir waren nicht die einzigen, die eine solche Tour zu den Touristen unternahmen. Es ging uns, als wir die letzte Höhe überschritten hatten .und ins Trauntal nrüt der Bundesstraße und dem ununterbrochenen Verkehrsstrom hinuntersahen, geradeso wie Menschen, die zum erstenmal in ihrem Leben das Meer erblicken und sich über seine Unendlichkeit nicht mehr einbekommen und wundern können. Hier herrschten nun zur Reisezeit im Sommer wirklich und tatsächlich amerikanische Verhältnisse,

Kurz vor Lambach gab es damals außerdem ein Hauptlager für das ebenfalls aus Amerika zu uns gekommene Getränk Coca-Cola, das wir an sich schon von den Besatzungssoldaten kannten, Leere Coca-Cola-Flaschen markierten damals ihre Spur entlang dem Innbach, wenn sie zum Fischen dagewesen waren. Neben dem Depot aber hatte man eine Straßenschank eingerichtet. Wir machten dort Rast und tranken soviel von dem merkwürdigen Getränk, daß uns schlecht wurde, wir sahen und tranken uns satt, ja mehr als satt und über den Durst,

Plötzlich gab es in der Ferne einen Knall, kurze Zeit später be-

reits einen Rückstau der Autos, Bei der sogenannten Roten Kapelle, einer bald sehr berüchtigten Unfallstelle, waren zwei Personenkraftwagen zusammengestoßen. Ein Witzbold riet einmal, man sollte an dieser harmlos scheinenden Kurve der Einfachheit halber gleich ein Unfallspital errichten. Ein bekannter Welser Wünschelrutengänger führte indessen alles Unglück auf Erdstrahlen zurück, was er am Krüppelwuchs etlicher Bäume im dortigen Umkreis zeigen und beweisen wollte. Als Kind gab mir sehr zu denken, daß gerade in unmittelbarer Nachbarschaft einer Kapelle, von der doch eher ein Segen ausgehen sollte, soviel Schreckliches passierte.

Kurze Zeit nach unserem Ausflug zu den Ausflüglern bekam auch mein ältester Bruder ein Motorrad. Er stellte es ganz im In- ‘ nern des Hauses ab, in einer dicht neben der Stube gelegenen wohnzimmerähnlichen Kammer, so wie früher die Pferdeställe mit den kostbaren Tieren in den Bauernhäusern dicht an der Stube lagen, nicht selten nur durch eine Tür und nicht einmal einen Gang voneinander getrennt. Oder wie einige Bauern im Winter abends die Batterie des Traktors abmontierten und ins Schlafzimmer mitnahmen, damit sie nicht frieren mußte. Ich glaube, auch mein Bruder wollte seiner geliebten Maschine recht nahe sein, um sie beschützen zu können. Dann aber sah man, daß irgendwelches ausfließendes öl den Boden verschmierte und mußte erkennen, daß die TF, wie die Marke des Motorrades lautete, gewissermaßen nicht ganz stubenrein war. Darum stellte sie der Bruder jetzt ins Preßhaus hinaus. Dort stand sie -und dort standen auch wir Jüngeren manche Stunde.

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