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Von Ghega bis Grüngreuel

Man kann ein Thema ernst und hei ter. zwei- und einseitig behandeln. So wie es eben auch verschiedene Spieg el der Zeit gibt: Brennspiege! und Eulenspiegel. Der Autor.

Durch die Eisenbahnen verschwinden die Distanzen, die materiellen Interessen werden gehoben und die Kultur gefördert — so ungefähr lautet ein Ausspruch des Ingenieurs Ghega; er ziert, in Marmor gehauen, bei der Station Semmering eine von den Reisenden sehr wenig beachtete Gedenktafel.

Unsere Reisenden finden kaum Zeit, den vielsagenden, für die Denkweise Ghegas so bezeichnenden Satz zu lesen. Die Mehrzahl der Eisenbahnbenützer ist mit Zugsanschlüssen oder anderem beschäftigt, und für Automobilisten gilt die Eisenbahn fast als überholt.

Für mich aber ist die Fahrt über den Semmering ein großartiges Erlebnis, ich steige in und mit der Bahn Meter um Meter bergwärts, stürze mich mutig in finstere Tunnels, fahre frohlockend über hohe Ueberbrückungen, erobere die Landschaft mit Schwung und überwinde die Entfernungen mit ähnlich erregten Gefühlen, wie sie vermutlich einst von den ersten Reisenden dieser Bahn empfunden wurden. Und wenn ich vor der Gedenktafel des Erbauers des Riesenwerkes aus Stein und Erz stehe, glaube ich, den Hut abnehmen zu müssen, ihm mit bescheidener Geste für seinen Beitrag zur Förderung der materiellen Güter und der Kultur Achtung zu erweisen.

Lächelt nicht, reisende Zeitgenossen! Sind wir denn nicht alle an materiellen Gütern sehr interessiert? Und die Kultur — nun also, ich weiß freilich nicht, inwieweit Ihr da eher Herrn Grüngreuels Ansichten teilt.

Ach, Ihr kennt Grüngreuel noch nicht?

Wie eine geschichtliche Fügung erscheint es mir, daß ich gerade in der Haltestelle Semmering — im hundertsten Jahre nach Eröffnung der Semmeringbahn — jenen bemerkenswerten Mann kennenlernte, der heute allerdings noch unberühmt und ohne Denkmal, dafür aber springlebendig unter uns weilend, mir als Herr Grüngreuel bekannt wurde. Welch ein Kopf! Diese Mischung aus Organisationstalent, technischer Erfahrung und modernem Geschäftsgeist, verbunden mit unerhörter Kenntnis der menschlichen Durchschnittsseele, läßt ihn fähig scheinen, Tore in die Zukunft aufzureißen und Menschen froher zu machen. Wie könnte ich Herrn Grüngreuels mir freizügig eröffnete Aspekte verschweigen, die das künftige Wohl lausender Menschen betreffen.

Der Zufall führte mir, als ich nach einer Bergwanderung auf einen Zug wartete, meinen alten Schneider Wenzel über den Weg. In seiner Gesellschaft befand sich Herr Grüngreuel, von seinem netten Sohne begleitet. Ich vermute, daß nur der Herr Papa bei Wenzel schneidern läßt, denn der Sohn, trug eine Hose, wie sie mein solider Wenzel kaum zustande brächte. Fortschrittlichen Modefreunden sei mitgeteilt, daß dieses tüten-förmige, knapp unter den Knien endende Beinkleid ganz toll zu einem Hemd paßte, wie Herr Grüngreuel junior schick genug war, zu tragen. Ein in knallbunten, schreiendgiftigen Klecksen gemustertes Texas-Jack-Hemd mit Honolulumotiven, Palmenbildern und einem Tigerkopf, neben einem Hawaiigirl mit süßem keep-smiling-Gesicht. Darüber hinaus beglückt der große Jüngling mit der igelartigcn Haartracht nicht nur die Augen seiner Mitmenschen, sondern ist uneigennützig bereit, jedermann fortdauernd einen Ohrenschmaus zu bieten, indem er gratis Musik verteilt; aus dem technisch raffinierten Kleingerät, das der pfiffige Bursche scheinbar stets mit sich trägt. Nebstbei bemerkt, veraltete Menschen klagen vielfach, diese Handschachtelradios seien eine neue Nervenfolter. Derartige griesgrämige Ueberständer früheren Menschentums sterben zwar langsam, aber sicher aus.

Doch jetzt zum Kern der Sache. Ich begann mein Gespräch, wie sich's gehört, mit dem Wetter, lobte den sonnigen Feiertag und war in bester Stimmung. Herr Grüngreuel senior, fescher Steireranzug, rosafarbiger Schlips, gamsbartgeschmückter Hut, bedauerte jovial, daß sein Auto derzeit in Reparatur sei, sonst würde er uns gerne nach Wien heimfahren. Bei dem Massenandrang von heimfahrenden Ausflüglern würde man im Zug schwerlich Sitzplätze kriegen.

Der Bahnsteig war tatsächlich bumvoll, es war ähnlich wie an einem Sonntag in Hütteldorf. Nur ein Unterschied lag in dem Bilde. Diese Sonntagsleutchen trugen fast alle mehr oder weniger umfangreiche Buschen gepflückter Alpenblumen bei sich. Da gab's Kinder mit großen Büscheln Waldwichen, Männer mit Latschenzweigen und Farnkraut, Frauen mit Riesenbuschen aus blaublühendem Schwalbenwurz-Enzian.

„Von wo kommen denn die vielen Leute mit den Blumen daher?“

„Vom Hirschenkogel natürlich!“ erklärte mir Herr Grüngreuel, „seit der Eröffnung der Drahtseilbahn reißt der Zustrom nicht ab. Eine glänzende Idee, den Berg für den kleinen Mann zu erschließen. Jetzt kann jedes Großmutterl mit Stöckelschuhen und im Sonntagskleid in die Alpenregion fahren. Um sieben Schillinge hinauf und herab, ein Mordsspaß!“

„Ein Mordsspaß ..wiederhole ich, nachdenklich die halbvertrockneten Buschen Enzians betrachtend, die in den Händen der Ausflügler verenden. „Es geht mir nur nicht ein, warum diese Seilbahntouristen alle Alpenblumen umbringen müssen?“

„Naive Frage!“ lachte Grüngreuel mit feistem Gesicht, „leicht zu beantworten. Sehen Sie die Menschenmassen an, lauter kleine Leute aus Wien oder der niederösterreichischen Provinz. Leute, die ohne Seilbahn nie auf den Berg hinaufkämen. Viele von ihnen kennen die Alpenblumen gar nicht. Der Großteil kennt sie und reißt sie trotzdem aus dem gleichen Trieb heraus ab, der den Menschen treibt, Wild zu jagen oder Fische aus den Bächen zu fangen. Eine Art Jagd- und Mordlust, die unseren nüchternen Menschen noch aus der Urzeit als dumpfer Instinkt nachhängt. Hirsche und Rehe zu schießen, Forellen zu fangen, ist nur Begüterten möglich, an die Blumen kommt ietzt, dank modernster Seilbahntechnik, jeder heran. Verstehen Sie?“

„Ihre psychologische Auslegung ist bewundernswert, Herr Grüngreuel. Aber so wie zu Jagd- und Fischfang eine Lizenz gehört, gibt es bereits auch Naturschutzgesetze, die zur lebendigen Erhaltung des schönsten Bergschmuckes, unserer Alpenblumen, Vorsorgen.“

„Pah, Gesetze!“ grinste Grüngreuel spöttisch, „wo kein Kläger, dort kein Richter; solange auf den Bahnhöfen keine Gendarmen amtshandeln und den Ausflüglern für ihr Plündergut Geldstrafen aufbrummen, ist das Plündern faktisch frei. Unsere Gendarmerie hat scheinbar andere Sorgen.“

„Zum Schaden unserer Heimat. Ich sehe da Leute mit durchschnittlich 30 bis 50 Zyklamen und 50 bis 100 Enzianblüten. Kommen jeden Sonntag, so wie heute, ungefähr 500 Plündertouristen auf den Berg, gibt das pro Woche etwa 2500 bis 5000 Pflanzenleichen. Das gewaltsame Abreißen schädigt die Wurzeln, die Samenausbildung wird verhindert, das Ende ist leicht vorauszusehen. In wenigen Jahren ist der Berg ratzekahl.“

„Stimmt vollkommen, Sie empfindsamer Naturliebhaber.“

„Es ist eine Gemeinheit, überall, wo diese Schwärme heutzutage hinkommen, werden die Blumen ausgerottet, das Wild durch Lärmen verschreckt, die Wege und Bänke mit weggeworfenen Fettpapieren, Sardinenbüchsen, Eierschalen, Obstabfällen und derlei Speiseresten verschandelt. Eine Kulturschande ist das!“ /

„Von Kultur sollen Sie nicht reden, das wirkt heutzutage langweilig. Die Leute wollen sich belustigen und fühlen sich in dieser Art sauwohl.“

„Ein Verderb für Forstwesen und Landschaften ist diese Zivili ...“

„I wo, ein gutes Geschäft, sonst nichts. Wer kann denn dafür, daß die Benutzer von Gondelbahnen und Sessellifts hemmungslos sind, wie fressende Heuschrecken in den Wald einfallen und mit funkelnden Augen ihrer Jagdlust frönen. Ich begreife Ihren Exkurs nicht. Sind Sie ein Sonderling?“

Ich wollte zu einer Darlegung meiner Ansichten über den Sinn des Wanderns und die Menschenvernunft ausholen, als ich durch Grüngreuel Juniors Benehmen schroff unterbrochen ward. Der junge Mensch begann plötzlich konvulsivisch zu zucken, schüttelte Kopf und Glieder und lallte: „Ey, ey, bäh, bäh, hälloooh, bäbiii, ouhouh, bambam-bam ...“

„Nervendefekt?“ fragte ich teilnahmsvoll flüsternd den Herrn Papa.

„Keine Spur! Der Kerl ist gottlob kerngesund, nur zeitweise geht ihm sein junges Temperament durch, wenn aus seiner Musikbox Jazz funkt. Nerven? Ha! Den sollten Sic hören, wenn der auf seinem Motorrad nachts durch die Stadt donnert, der weckt Ihnen leicht halb Wien auf.' Ein prächtiger Bursche!“

„Uebrigens, da kommt ja unser Zug, jetzt hinein, und wenn's Fetzen gibt!“

Ich stehe verwirrt da, sehe wie der junge Grüngreuel mit starken Armen durch die Menge rudert, sehe ihn als ersten in den Wagen stürmen — alles bei Musikbegleitung —, sehe wie er den dicken Papa nachzieht und wie Schneider Wenzel in dessen Sog mitgerissen wird. Dann werde ich von schreienden Menschen gestoßen und krieche als letzter die Stufen hinauf. Vor meinem Gesichte baumeln enzianblaue und zyklamen-farbene Sträuße. Zerdrückte Pflanzenleichen stimmen nach Verwesung. Der Zug fährt. Ich bin traurig, weil ich so zimperlich bin — und so lebensfremd. Ich habe zuviel von Humanitätsideen angenommen, das ist mein Unglück. Darum gelingt es mir nicht, mit den Massentouristen fröhlich zu sein.

Mit Herrn Grüngreuel konnte ich mich nicht weiter auseinandersetzen, weil er in Gumpoldskirchen den Zug verließ, um dort, wie er mir zurief, ein paar Viertel gescheiten Weines zu trinken. Möglicherweise wird mir der Name des betriebsamen und übertüchtigen Zeitgenossen irgendwann, irgendwo mit grellen Leuchtfarben entgegenfunkeln: „ ... Grüngreuel, dem Förderer des neuzeitlichen Tourismus!“ Auf das Wörtchen Kultur wird man hierbei praktisch ganz verzichten können.

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