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In einem unbekannten Land (II)

Ein strahlender, warmer Sonntag. Viel Volk auf den Straßen, viele junge Leute vor allem; etliche lutschen Eis, manche haben ein Kofferradio bei sich (man überträgt gerade eine Reportage von der „Radfernfahrt für den Frieden“). Hinter dem Stadtmuseum dehnt sich weit der Weimarhallenpark; auf dem Ruderweiher herrscht emsiges Treiben. Unter den Zuschauern bemerke ich einige russische Soldaten; sie scheinen wie selbstverständlich ins Bild zu gehören.

Das Schwanseebad, ein großangelegtes, recht hübsches Strandbad, ist überfüllt; plärrende Lautsprecher sorgen dafür, daß auch die Wasserratten über den Verlauf des friedlichen Radrennens orientiert werden. (Ärgerlich, diese ständige akustische Berieselung, denke ich; aber man kann sich ja auch bei uns kaum noch ungestört an der Sonne räkeln.) Bikinis sind eher selten, so weit man sieht; die Bademode hat hier offenbar noch nicht den „neuesten Stand“ erreicht. Vor dem Eingang (Erwachsene zahlen 30, Kinder 20 Pfennig) sehr viele Fahrräder und Motorräder, dagegen kaum Autos.

Gleich neben dem Bad gerate ich auf einen Rummelplatz. Da gibt es Bahnen aller Art, Glücksspiele und Schießbuden. (Auf einer Schiffsschaukel dreht ein junger Mann, angebunden zwar, endlos halsbrecherische Kreise.) Da gibt es Stände mit Zuckerwatte und auch Waffelbäckereien, was eben so dazugehört. Die Fischsemmeln allerdings, nicht übertrieben appetitlich anzusehen, würden bei uns wohl weniger Anklang finden. Die Bahnen sind gut besucht, die Stände fleißig frequentiert. Junge Frauen tragen bunte Sommerröcke, bescheidene Fähnchen meist. Elegante Kleider bilden die Ausnahme; aber es erweist sich, daß hübsche Mädchen auch in billigen Fähnchen attraktiv wirken.

Kleines Glück am Sonntagnachmittag, nicht weiter auffallend; und doch hat man sich’s kaum so vorgestellt. (Auch daß abends dann im Hotel etliche kleine Gesellschaften bei Melodien von Strauß, Rössifii und Benatzky dem rumänischen Sekt zusprechen, ist eigentlich überraschend.)

Transparente allerorten

In einer Buchhandlung kaufe ich ein Bändchen für meinen Buben, der bald Geburtstag hat. Die Auswahl ist groß; die Kinderbücher sind entzückend gemacht, großteils von Politik unberührt und sehr billig. Ob man das Büchlein postfertig einpacken könne, frage ich. Nein, sagt die Verkäuferin, das gehe leider nicht, da kein Wellkarton vorrätig sei; sie verweist mich ans nahegelegene Hauptgeschäft, und dort wird meinem Wunsch dann entsprochen.

Die Notenbank, in der ich Geld wechsle (wichtig: Paß vorlegen; Wechselschein aufbewahren), ist mit einem Transparent versehen; da liest man: „Die Republik braucht alle — Alle brauchen die Republik“. Am Gebäude der SED (Kreisleitung Weimar) steht zu lesen: „Es lebe der gemeinsame Kampf aller deutschen Friedenskräfte gegen atomare Auf-

rüstung und für Entspannung". Hier einige weitere Standardtexte, denen man überall in der DDR begegnet:

„Jungen und Mädchen! Frieden und Sozialismus führen zum Glück der deutschen Jugend.“

„Es lebe die Deutsche Demokratische Republik — der Staat der deutschen Zukunft.“

„Dem Volke zum Nutzen — der Republik zu Ehren.“

Und am „Platz der 56.000“ (das sind die Toten von Buchenwald): „Brüderliche Kampfesgrüße der KPdSU und ihrem leninistischen Zentralkomitee mit dem Genossen Chruschtschow an der Spitze!“

Transparente allenthalben, an öffentlichen Gebäuden, an Fabriken, an Bauernhäusern, über Straßen und Plätze. Immerhin, es sind nicht mehr ganz so viele wie früher, und nur selten wird gegen die Bundesrepublik polemisiert. Überhaupt fehlen aggressive Texte fast ganz; vorherrschend ist der eifernde, mahnende, beschwörende Appell.

Dieser Staat — so denke ich beim Lesen der Transparente, beim Lesen der Zeitungen und auch beim Radiohören —, dieser Staat ist gewissermaßen von Kopf bis Fuß auf Pädagogik eingestellt: auf eine ziemlich monotone, langweilige und banale Pädagogik, die zweifellos gewalttätige Züge, aber anderseits doch auch idealistische Impulse hat.

Überraschendes Repertoire

In einem Reisebüro studiere ich die angeschlagenen Theaterzettel, einigermaßen erstaunt über die Reichhaltigkeit des Angebots.

Leipzig zeigt: „Peer Gynt“, Brechts „Galilei“, „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch, den „Zerbrochenen Krug“ und Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“.

In Dresden stehen auf dem Spielplan: „Die Ratten“, „Torquato Tasso“, Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, die „Minna von Barnhelm“ und der „Urfaust“.

Dessau gibt „Revisor“, Schillers „Wilhelm Teil“, „Zigeunerbaron“ und „Orpheus in der Unterwelt“.

Das sind Repertoires, die (in der Auswahl zumindest) den Programmen unserer Bühnen ungefähr entsprechen. Jedenfalls kann der Hunger nach vielseitiger geistiger Nahrung im Theater eher gestillt werden als im Buchladen oder gar am Zeitungskiosk; dort wird man, von der „Humanitė“ und gleichgerichteten Blättern abgesehen, westliche Presseerzeugnisse vergeblich suchen.

Ankunft in Leipzig. Ich habe Mühe, mich in dieser Stadt zurechtzufinden, nicht etwa, weil der Verkehr besonders groß wäre, sondern weil jede zweite Straße entweder wegen Bauarbeiten gesperrt oder aber mit einer Einbahntafel ver sehen ist; Tröstlich nach langen Irrfahrten, daß auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof wenigstens kein Mangel an Parkplätzen herrscht… Im „Zimmernachweis“ schüttelt die Dame den Kopf; nein, alle Hotels seien aüsverkauft, man könne mieli .hur privat üriterbrihgefi. Da, ich ein bißchen bockbeinig tue und meinen Schweizerpaß schwenke, werde ich schließlich ans „Touristbüro für Ausländer“ gewiesen. Das Fräulein dort macht mir wenig Hoffnung, telephoniert dann hinter verschlossener Türe und kommt nach einigen Minuten mit dem Bescheid, daß sie „unter großer Mühe“ doch noch ein Zimmer für mich habe reservieren können: im „Astoria“ nämlich, dem „führenden Hotel der Messestadt“.

Das verordnete Zimmer (ohne Bad) kostet 16 Mark; an der Empfangsloge muß ich zwecks polizeilicher Kontrolle und Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung meinen Paß abgeben. Verlängerung um 24 Stunden? um 72 Stunden? Die Dame am Empfang weiß es nicht. Anderntags, siehe da, gibt ein nüchterner Stempel darüber Auskunft, daß ich noch sechs Tage in der DDR bleiben kann. Im Hotelausweis („Aushändigung des Zimmerschlüssels nur gegen Vorlage dieses Ausweises“) fallen mir zwei Stellen auf; die erste: „Wir dürfen Sie bitten, Ihre Besuche in den im Erdgeschoß gelegenen Gasträumen oder in der Hotelhalle zu empfangen. Das Betreten des Hotelbereiches bleibt nur den polizeilich gemeldeten Gästen vorbehalten.“ Die zweite: „Helfen Sie Volkseigentum vor Schaden zu' bewahren, indem Sie beim Verlassen des Zimmers kontrollieren, daß Wasserhähne und Fenster geschlossen sind und das Licht ausgeschaltet ist.“

Mietzinse und Lebensmittel

Ein Freund in Bonn hat mir die Adresse seines Bruders und seiner Schwägerin in Leipzig gegeben. „Mit meinem Bruder“, sagte er mir, „werden Sie schwerlich reden können, der ist linientreu und stur.“ Und von seiner Schwägerin nimmt er an, daß sie sich für Politik überhaupt nicht interessiere. Es erweist sich, daß der Mann in den beiden Punkten unrecht hat.

Familie P. wohnt in einem Außenbezirk von Leipzig. Ja, sagt Frau P., als ich ihr die Grüße aus Bonn überbringe, man habe schon von mir gehört. Sie ist natürlich ein bißchen überrascht; ich komme unangemeldet, und Besuche dieser Art sind selten. Aber die gegenseitige Befangenheit weicht schnell, und bei Kaffee und Kuchen ergibt sich ein nahezu munteres, ganz normales Gespräch. Die Wohnstube ist nett, mit einem gewissen Komfort ausgestattet, den man als maßvoll modern bezeichnen kann — sie gleicht im ganzen auffallend der Stube meiner Bekannten in Bonn. Die Wohnung (drei Zimmer, sauber, geräumig, allerdings ohne Bad) kostet 50 Mark im Monat. Das ist sogar eher viel; der Mietzins fällt in der DDR, wie ich immer wieder höre, praktisch kaum ins Gewicht…

Des einen Freud ist jedoch des andern Leid: Die niedrigen Einnahmen setzen den Hausbesitzer außerstand, auch nur die nötigsten Reparaturen vornehmen zu lassen. Darum der bröckelnde Verputz, darum die schadhaften Hausfassaden, welche das Bild ganzer Straßen und Ort-

schäften so oft unansehnlich machen.

Billig, billiger als bei uns, sind außer den Mieten auch die unentbehrlichen Lebensmittel: Milch, Brot, Zucker, Mehl. Anderseits versteht man leicht die Freude von Frau P., daß ich eine Schweizer Schokolade und ein Päckchen Zigaretten mitgebracht habe; für die Tafel Schokolade (von schwerlich gleichwertiger Qualität) zahlt sie 3,80 bis 4,80, für 20 Zigaretten je nach Marke etwa 2 bis 5 Mark. Nun, meint Frau P., das sei nicht so arg; ohne Süßigkeiten und Rauch gehe es schließlich auch. Beklagenswerter findet sie es, daß Südfrüchte so rar und so teuer sind: alle zehn Wochen vielleicht tauchen Orangen, Zitronen, Bananen auf und kosten dann ungefähr 5 Mark pro Kilo. Am übelsten aber wird den Kaffeeliebhabern mitgespielt: bei 40—50 Mark fürs Kilogramm kann einem dieses Genußmittel leicht bitter und ungenießbar werden…

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