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Das ist Amerika

Sitten und Gebräuche

Bis in Europa ein Kind das reife Alter von drei Jahren erreicht, schneidet ihm die Mutter das Fleisch zurecht, drückt ihm die Gabel in die Hand und läßt es dann essen. Genau so benimmt sich der wohlerzogene Erwachsene in Amerika bei Tisch, nur spielt er beide Rollen, die der Mutter und die des Kindes. Zuerst schneidet er sich das Fleisch zurecht, dann legt er das Messer rechts neben den Teller, nimmt die Gabel in die rechte Hand und ißt.

Eine weitere, sehr wichtige Regel, die man sich vor allem einprägen muß, ist die von Trinkgewohnheiten. Die Amerikaner trinken ihren Kaffee (immer mit Schlag) zur Vorspeise und zur Nachspeise. Zu jeder Mahlzeit muß man eine Unmenge Wasser herunterstürzen, ob man nun ohnedies Martini trocken, Bier, Wein oder Brandy bestellt hat oder nicht. Jeder einzelne Bissen wird mit Wasser heruntergespült. In den Dorfschulen lernen die Kinder, man müsse mindestens drei Glas pro Mahlzeit trinken. In den höheren spricht man vonfünf, und auf den Universitäten Princeton, Yale und Harvard werden zwölf Gläser als das absolute Minimum hingestellt. Trinken Sie weniger als cht Gläser, hält man sie für ungebildet.

Abgesehen von den Tischsitten, haben die Amerikaner ziemlich ungezwungene Manieren. Jedermann wird mit dem Vornamen angeredet: Das ist überaus demokratischer Brauch. Auch wenn Sie zum Beispiel der anglo-amerikanischen Gepflogenheit gemäß hinter Ihren Namen mehrere akademische und andere Titel führen, etwa D. S. O., Ph. D., LL. D„ wenn Sie außerdem Leiter einer bedeutenden Wirtschaftsmission in den USA und wer weiß was noch alles sind, auch dann können Sie sich nicht weiß Gott wie über Ihre Umwelt erheben, wenn es bei der Vorstellung doch nur ganz einfach heißt: „Das ist John, das ist Janet.“

Wenn Albert Einstein vor dem Mikrophon interviewt wird, stellt der Ansager ihm dem Publikum etwa mit folgenden Worten vor: „Heute abend haben wir Mr. Albert Einstein in unserem Studio, den berühmten Naturwissenschaftsonkel. Hiya, Albert, furchtbar nett, daß Sie da sind. Möchte nur ein bißchen was fragen. Wie ist das eigentlich mit der Relativitätstheorie? Albie! Schauen Sie nicht so trübsinnig drein. Kopf hoch, Bertie, nur nicht so schüchtern!“

Liebenswürdigkeit ist Trumpf. Wenn der Aufzugführer sich bei einem Hauseinwohner nach dem Befinden von dessen Gattin erkundigen will, fragt er schlicht: „Hiya, Mister — wie geht s denn heute der Missus?“ Wenn Sie ein bißchen niedergeschlagen aussehen und ein kummervolles Gesicht machen, klopft Ihnen der Stiefelputzer auf die Schulter und'schreit Ihnen aufmunternd ins Ohr: „Nehmen Sie's doch nicht so tragisch.“

Unterhalten Sie sich mit den Leuten, müssen Sie Teilnahme für Ihre persönliche Angelegenheiten bekunden. Hat man Sie mit jemand bekanntgemacht, trachten Sie nach Möglichkeit gleich “in den ersten Minuten herauszubekommen, welchen Beruf ihr Gesprächspartner hat, wieviel er verdient und wie groß sein Bankkonto ist. Ferner fragen Sie ihn, ob er schon einmal die Steuerbehörde hinters Licht geführt hat. Stellt der andere Ihnen ähnliche Fragen, so antworten Sie ihm aufrichtig und ermuntern Sie ihn durch ein freimütiges Lächeln zu weiteren Fragen nach Ihren Berufsgeheimnissen, Ihren finanziellen Transaktionen.

Vergessen Sie nie, daß das Gehörorgan Ihres Gesprächspartners über Gebühr belastet ist, wenn Sie leise reden. Also brüllen, schreien, gröhlen Sie, so laut Sie können. Auch müssen Sie immer bedenken, daß der andere seine Kehle überanstrengt, wenn er zuviel reden muß. Also unterbrechen Sie ihn häufig und nehmen Sie ihm die Mühe ab, die Sätze zu Ende zu sprechen.

Noch einen Brauch gibt es in Amerika, den Sie nicht außer acht lassen dürfen. Die Amerikaner sind nämlich große Brief-6chr2iber. Was immer sich in einer Familie ereignet, Sie müssen auf jeden Fall sämtlichen Verwandten gratulieren. Sie brauchen bei dieser Gratuliere! allerdings kein übermäßig großes Talent zu entfalten: denn es gibt für alle erdenklichen Gelegenheiten vorgedruckte Karten. In einem Papiergeschäft in der Gegend der Wall Street habe ich einmal aufs Geratewohl folgende Titel herausgegriffen: Krankheit, Krankheit durch Unglücksfall' im allgemeinen, Autounfall im besonderen, Krankheit mit Spitalsaufenthalt, patriotische Krankheiten, Kinderkrankheit, humoristische Krankheit. Außerdem gibt es Karten für alle möglichen Kombinationen von Adressaten: Schwester und Gatte, Sohn und Gattin, Bruder und Gattin, Bruder und Onkel. Tochter und Gatte usw. In einem Kästchen gab es ein besonderes Fach für Zwillinge, mit Unterteilungen für zwei Buben, zwei Mädchen und gemischte Pärchen. Schließlich fand ich noch Abschiedskarten mit einem kleinen Geldtäschchen, dessen Inhalt den Schmerz des Menschen lindern soll, von dem man scheidet.

Als ich mich in dem Laden umsah, kam der Inhaber auf mich zu und fragte: „Na, nicht das Richtige dabei, Freundchen?“

„Nein“, gab ich zur Antwort. „Ich möchte eine Karte, mit der ich meinem Urgroßvater von farbenblinden Drillingen gratulieren kann.“

„Haben wir“, sagte er, nickte mit sachlichem Ernst und nahm aus einem Körbchen drei Karten heraus, gab sie mir und fragte:

.Wie möchten Sie's haben, englisch, italienisch oder jiddisch?“

Vom Geldausgeben

Die Leute fragen mich oft, ob das Leben in New York billiger oder teuerer sei als in London. Da muß ich sagen, daß New York bei weitem die teuerste Stadt der Welt ist. Nicht, daß die Preise hoch wären, keineswegs, aber man kann nicht widerstehen, alles, was man sieht, zu kaufen, solange man noch ein Zehn-Centstück in der Tasche hat.

Sind Sie außergewöhnlich charakterfest und gelingt es Ihnen, an einem Drehbleistift vorbeizukommen, der den ihren von Miß Betty Grable nachgebildet ist, ohne ihn zu kaufen, dann erliegen Sie bestimmt der Lockung eines anderen, der an einem Ende ein Fernrohr hat. Wenn Sie gerade darum herumgekommen sind, eine Trompete mit einer Photographie von Leopold Stokowski zu kaufen, dann legen Sie sich bestimmt im nächsten Geschäft die Trompete zu. die „Salami“ sagt, wenn man hineinbläst. (Es ist unglaublich, wie viel drolliger als zu Hause einem all solche Wunderdinge im Laden immer vorkommen.)

Ich -persönlich habe mir eine ganze Menge Jacken gekauft, und dann noch ungefähr ein halbes Dutzend Kugelschreiber. Daraufhin nahm ich mir fest vor, mit der Kauferei aufzuhören, weil mir nicht mehr viel Geld übriggeblieben war. Am nächsten Tag fiel mir dann in einem Schaufenster eine ganze Galerie von bunten Füllfederhaltern auf, die sich auf einer rot und blau gemusterten Scheibe drehten. Wäre die Scheibe nicht gewesen, hätte ich das Schaufenster mit einem überlegenen Lächeln auf den Lippen links liegen gelassen. So konnte ich der Versuchung aber nicht widerstehen und kaufte mir noch zwei Füller. An einem hing ein Zettel mit der Versicherung, der Halter werde selbst in einer Höhe von 5000 Meter nicht undicht und man könne damit unter Wasser schreiben. Da ich einen beträchtlichen Teil memer schriftlichen Arbelten unter Was-■er zu erledigen habe, empfand ich das als angenehme Überraschung und steckte den Halter in die Tasche meiner neuen Jacke. Er erwies sich -als undicht. Meine neue Jacke war verschandelt. Leider passierte mir das nicht unter Wasser und nur drei Meter ober dem Meeresspiegel, und so lehnte der Mann, der mir den Füllfederhalter verkauft hatte, jede Verantwortung dafür ab. J|WB

Wer sieht auf wen herunter?

In Amerika gibt es keine Dünkelhaftigkeit. Niemand sieht auf den anderen herunter. Alle Männer und Frauen gelten als gleichberechtigt, mit folgenden Ausnahmen:

Eine ganze Reihe von Leuten angelsäch-sisdier Herkunft sieht auf alle andern Mitbürger herunter. Die Vorfahren all dieser Leute sind seinerzeit mit der „Mayflower“ herübergekommen.

Die „Mayflower“, das muß ich sagen, war übrigens ein mächtiges 85.000-Ton-nen-Schiff, das unzählige Male zwischen Southampton und Plymouth hin- und hergefahren ist. Nur so erklärt es sich, daß so viele Leute damit herübergekommen sind.

Außerdem sehen alle Weißen auf die Mulatten herunter,

alle Mulatten auf die Neger,

alle Neger auf die Mulatten,

alle Leute skandinavischer Abstammung auf die Deutschen,

alle Deutschen auf die übrigen Mitteleuropäer,

alle übrigen Mitteleuropäer auf die Italiener, Spanier, Armenier, Perser,

alle Italiener und Spanier auf die Mitteleuropäer und Iren,

alle zusammen auf die Juden,

alle Juden auf alle andern,

alle Amerikaner auf die New-Yorker,

alle Newr-Yorker auf die Leute aus dem Mittelwesten und Wilden Westen,

alle aus den Südstaaten auf die „Yanks“.

Alle Einwanderer sehen auf die Flüchtlinge herunter. (Ein „Einwanderer“ ist ein Flüchtling, der vor 1933 eingetroffen ist, und ein „Flüchtling“ ist ein Einwanderer, der nach 1933 gekommen ist.) Alle Flüchtlinge sehen auf ihre Schicksalsgenossen herunter, die mit einem späteren Schiff eintreffen, und unter denen, die mit dem gleichen Schiff eintreffen, sehen die Leute, die zuerst an Land gekommen sind, auf die Neuankömmlinge herunter, deren Gepäck ein bißchen später untersucht wurde.

Alle, die schon im Besitz der Staatsbür-gersdiaft sind, sehen auf die herunter, die eben erst ihre „ersten Papiere“ bekommen haben, und die mit den ersten Papieren sehen auf die Pseudobesucher herunter, die in die Vereinigten Staaten Fuß zu fassen versuchen.

Nadi alldem ist es leicht einzusehen, daß Jiddisch sprechende jüdische Negerflüchtlinge mit abgelaufenem Besuchervisum, in den Vereinigten Staaten das geringste Ansehen genießen.

„Reader's Digest“

Eine Kategorie Zeitung für sich bilden de Digests, von denen die größte, „Reader's Digest“, eigentlich für jedermann obligatorisch ist. Diese Zeitschrift wird Monat für Monat in über 13 Millionen Exemplaren verkauft, die zahlreichen fremdsprachigen Ausgaben und die Ausgaben für Blinde. Taube und Analphabeten gar nicht mitgerechnet.

Die Amerikaner haben schließlich nicht viel Zeit fürs Lesen, und so ein Digest gibt ihnen das Gefühl, alles gelesen zu haben, was der Mühe wert ist. Es gibt kein Thema, kein Wissensgebiet, über das man hie und da nidit etwas im „Reader's Digest“ finden kann. Alle Artikel sind gekürzte Versionen längerer Abhandlungen aus anderen Zeitungen und Zeitschriften, so daß der Leser das alles gewissermaßen in dehydrierter Form vorgesetzt bekommt — geschält, entkernt und gedörrt. Er braucht die Artikel bloß in ein Glas Wasser zu stecken, und wenn sie aufgelöst sind, das Ganze rasch zu trinken, um sich eine gewisse Dosis Kultur einzuverleiben. Viele Artikel werden auch von „Reader's Digest“ direkt bestellt, von den zahlreichen Redakteuren zurechtfriesiert und dann in einem Trabantenblatt abgedruckt, aus dem das „Digest“ sie dann in gekürzter Form „entnimmt“. Ab und zu werden diese lancierten Artikel so gekürzt, daß sie zum Schluß erheblich länger sind als vorher, und gelegentlich kommt es sogar vor, daß der „Abdruck“ ein paar Tage vor dem Original erscheint.

Aus „Komische Leute“, Paul-Zaolnay-Verlag, Wien

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