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LARM, BILD UND BILDUNG

Meine Kindheit fiel in die Zeit des ersten Weltkrieges. Ich lebte in Stockholm. Es war Notzeit; jedermann mußte mit Brennstoff und Beleuchtung sparen. Die Straßen, die damals meist noch nicht asphaltiert, sondern mit Kopfsteinen gepflastert waren, dröhnten tagsüber von dem ohrenbetäubenden Lärm, den die von riesigen Ardennenpferden gezogenen Bierfuhrwerke verursachten. Am Abend aber wurden die Straßen in einem Maß still, von dem sich die heutige Jugend keine Vorstellung machen kann. Autos waren ungewöhnlich. Pferdefuhrwerke befanden sich nach Sonnenuntergang nur seltön auf den Straßen. Man zuckte zusammen und sprang zum Fenster, wenn eine Pferdedroschke vorüberrasselte — ganz abgesehen von den sensationellen Fällen, wenn die Spritzen der Feuerwehr, mit vier stattlichen Pferden bespannt, unter Glockengeläute ausrückten.

Am Abend war die Straße still. Still war es auch im Haus. Es gab keinen Rundfunk, kein Fernsehen; nur in wenigen Wohnungen standen primitive Grammophone. Man ging bisweilen ins Theater oder Kino; in der Hauptsache aber brachte man die Abende innerhalb seiner vier Wände zu. Dort herrschte eine erprobte alte Ordnung, die eine gewisse Achtung vor dem Nächsten bedeutete: Wenn jemand las oder zeichnete oder sonstwie arbeitete, wurde geschwiegen. Das Gespräch wurde im übrigen wenn auch nicht gerade flüsternd, so doch in gedämpftem Ton geführt. Dazu lud auch das Halbdunkel in den sparsam beleuchteten Räumen und die Stille außerhalb des Hauses ein. Damals konnte man noch durch die geschlossenen Fenster die Klänge oder das Nachdröhnen der verschiedenen Kirchenglocken unterscheiden.

Diese Stille war in gewisser Hinsicht fruchtbar. Sie ließ die Seele sich nach innen wenden. Die Jugend hatte damals nur wenig Zerstreuung. Mit oder gegen seinen Willen war man auf die Bücherregale der Eltern angewiesen. Waren sie abgegrast, lieh man sich ganze Stöße von Büchern aus der Schulbibliothek oder einer der öffentlichen Büchereien. Die politischen und kulturellen Spalten der Zeitungen wurden aufmerksam gelesen. Eifrig waren arme Schuljungen in den Antiquariaten nach den Büchern her, welche die Zeitungen ankündigten.

Dieses Milieu ist seit langem verschwunden. Die stille Gasse gibt es bloß noch in Memoiren oder einzelnen verträumten Kleinstädten. Der intensive Lärm des Straßenverkehrs läßt in der Nacht zwar nach, hört aber niemals auf. Unter den Häusern rasen die Züge der Untergrundbahn. Gewaltige Fernlaster nützen die Nacht, um die Stadt zu queren. Tagsüber steigert sich der Lärm zu einem unaufhörlichen Dröhnen, das der moderne Mensch als ebenso natürlich betrachtet wie wir damals die fast der Waldeinsamkeit gleichende Stille unserer Stadt am Abend.

Dieser Lärm dürfte eine physiologische Wirkung haben, über deren Nachteile die ärztliche Wissenschaft noch keinen endgültigen Bescheid geben kann. Dazu kommt, daß laute Stimmen, lärmende Musik und schriller Lärm jetzt auch in die Wohnungen eingedrungen sind. Kaum sind die Kinder aus der Schule nach Hause gekommen, schalten sie auch schon rein automatisch das Radio ein — oft ohne überhaupt das Programm zu kennen. Der Jugend, die vom Straßenlärm halb betäubt ist, mißfällt die Stille zu Hause, sie geht ihr auf die Nerven und wird als leerer Raum empfunden, der auf irgendeine Weise ausgefüllt werden muß. Deshalb bleiben Rundfunk oder Grammophon den ganzen Tag über eingeschaltet. Viele Schulkinder sind nicht imstande, ein Schulbuch zu öffnen, ohne gleichzeitig eine Zigarette zu rauchen oder sich musikalischen Lärm aus einem Grammophon zu Gemüte zu führen. Die modernen Jazzrhythmen haben auf die heutige Jugend abgefärbt: Die jungen Menschen wiegen sich hin und her, zittern, fuchteln mit Armen und Beinen und scheinen Qualen zu leiden, wenn sie stillsitzen müssen. Viele Lehrer können davon erzählen, zu welcher Plage die Schulstunden mit ihrem Stillsitzen für die Kinder werden. In ihrer Not versuchen die Lehrer, die bald genug dem gleichen Menschentypus angehören werden wie ihre Schüler, die Stunden mit Musik, Rundfunk und Grammophon auszufüllen. Sonst lasse die Aufmerksamkeit nach, glauben sie. Pädagogische Untersuchungen zeigen jedoch, daß die Lernfähigkeit ernstlich geschädigt wird, wenn die jungen Menschen sich ständig in einer Umgebung befinden, die von Musik und Lärm erfüllt ist — wobei die Grenze zwischen diesen beiden oft sehr schwer zu ziehen ist.

Nun ist es eine durch viele Untersuchungen und die Erfahrung der Menschheit erhärtete Tatsache, daß sich kaum eine Form höheren intellektuellen oder geistigen Lebens ohne Ruhe und Stille denken läßt. Schon in früheren Zeiten bedeutete es für die ungeübte Seele ein Problem, zu lauschen, sich ins Innere zu versenken. Die romanische Kirchenbaukunst ist einer der vielen Versuche, die die Menschen angestellt haben, um das Sich-in-sich-Versenken, diese Bekanntschaft mit dem inneren Ich, zu erleichtern. Heutzutage haben sich diese Schwierigkeiten stark erhöht. Es gibt heute nicht mehr bloß Scharen Jugendlicher, sondern ganze Bevölkerungsschichten, besonders vielleicht unter den Technikern, denen geistiges Leben etwas gänzlich Unbekanntes ist, und die förmlich melancholisch werden, sobald die dröhnende, ablenkende, von außen her kommende Begleitmusik eine Neigung zum Aufhören zeigt. Bloß fast besinnungslos eingewiegt vom Sausen und Brausen der modernen Zivilisation erfährt die moderne Menschheit Entspannung. Diese Form der Entspannung aber hat zur Folge, daß man sich nicht in eine tiefere Schicht in sich selbst zurückzieht, sondern sich im Gegenteil durch den Lärm betäubt! Mit jedem Jahr fällt einem solchen Menschen die Annäherung an die innere Schicht der Persönlichkeit und damit an den Herrn des geistigen Lebens schwerer.

Man kann diese Schwierigkeiten in den Gefängnissen und den Verkehrsmitteln wahrnehmen. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte man in der Metro in Paris müde Arbeiter sehen, die fast alle im Stehen lasen — wenn nichts anderes, so die tägliche Novelle in der Zeitung. Nun schaukelt sich die ganze europäische Menschheit halb im Schlaf, fast betäubt, in ihren schnell dahinrasenden Autobussen und Eisenbahnwaggons. Wenn einer während der ganzen Fahrt in ein Buch vertieft bleibt, wird er als merkwürdig empfunden und als kurioser Fall krankhafter Konzentration und Energie betrachtet. Vielleicht ist er der einzige im Zug, der normal ist.

Die Sache hat aber auch eine andere Seite. Wenn ich in Schweden umherreise, kann ich selbst in entlegenen Gegenden auf den Dächern der kleinen Bauernhäuser die Masten der Fernsehantennen sehen. Diese Menschen hielten sich vielleicht früher eine kleine Lokalzeitung und hatten ein billiges Radio. Jetzt hat sich ihre Welt verändert. Sie gehören einer Menschengruppe an, die von dem modernen Lärm und den modernen Sensationen nicht ansprechbar ist — vermutlich schalten sie das Radio bei allen derartigen Programmen sehr erstaunt aus. Oft sind sie auch durch eine puritanische Erziehung gegen die verschiedenen Erscheinungen der modernen Nacktheit im Tanz, Film und Schauspiel gefeit. Gierig und hungrig nehmen sie jedoch — das zeigen die letzten Untersuchungen — teil an menschenschildernden Programmen, so zum Beispiel Filmen und Theaterstücken sowie in erstaunlich hohem Maß an der religiösen Verkündigung. In wenigen Jahren ist ein großer Teil des schwedischen Volkes dank des Fernsehens politisch gebildet geworden. In kleinen schwedischen Bauernkaten sitzt Churchill mit seiner Zigarre, de Gaulle mit seinen majestätischen Gesten, Chruschtschow mit seinem freundlichen Grinsen — man hört die Stimmen, kann die Gesichter und deren Ausdruck studieren und sich dank sachgemäßen Kommentaren mit den Anschauungen und Programmen der Weltpolitiker bekanntmachen, Die politischen Ubersichtsprogramme geben dem einfachen Schweden ' eingehende Kenntnisse der politischen Geographie der Welt, ein Wissen, das er früher nicht besaß, ja nicht besitzen konnte.

Das ist eine bedeutende Leistung, die unter anderem dazu beiträgt, das Interesse unseres Volkes für große Einsätze in den sogenannten unterentwickelten Ländern zu wecken. Das Fernsehen verbindet unser abgelegenes nordisches Land mit der übrigen Welt, macht die Not unglücklicher Länder anschaulich und schafft einen Weltbürgergeist, der bereits konkreten Ausdruck in wirtschaftlicher und anderer Hilfe für notleidende Völker zu finden begonnen hat.

Neue Kenntnisse, neues Interesse für die Politik, ein neues lebendiges Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den verschiedenen Völkern der Erde — all dies ein Geschenk des Massenmediumg Fernsehen an unser Volk.

Abgesehen von Island und bis zu einem gewissen Grad von Finnland ist kaum ein europäisches Land so weit, daß alle Bevölkerungsschichten regelmäßig Bücher lesen und. besitzen. In Schweden, das doch über großartige Volksbibliotheken verfügt, kauft und liest der Bauer nie im Leben auch nur ein einziges Buch; auch in der Arbeiterklasse sind es bloß einige wenige in deren Elite, die ein gewisses Verhältnis zum Buch haben. Diese breite Masse gewöhnt sich nun an, durch das Fernsehen einen recht vulgären Inhalt gleichsam vorgekaut zu erhalten; die Form der langsamen geistigen Aneignung von Kenntnissen, die doch die Voraussetzung einer wirklichen Eroberung von Wissen und der geistigen Wirklichkeit bildet, bleibt ihnen gänzlich unbekannt. Die ständig wechselnden Fernsehbilder müssen ihnen die Lektüre ersetzen. Wenn man einen schwedischen Eisenbahnwaggon zum Zeitpunkt der Ausgabe der Abendzeitungen betritt, sieht man zu seinem Erstaunen sehr viele Erwachsene sofort Ndie gezeichneten Serien verschlingen; Bilder beginnen zunehmend Bücher zu verdrängen. Das hat zur Folge, daß man sich mit Vereinfachungen und Schematisierungen begnügt und alle jene mühsamen Wege scheut, die allein zu vertieftem Erleben führen. Durch Mißbrauch der Suggestionskraft der Massenmedien wird ein moderner Menschentypus geschaffen, der einerseits ohne Selbstkontrolle gegen suggestive Beeinflussung lebt, anderseits sich mit einem banalen, vereinfachten und zum Vulgären hinneigenden Kulturstoff begnügt.

Ich bin der letzte, der ein Volk mit dem anderen vergleichen, eine bestimmte Rasse oder Nationalität ablehnen möchte. Ich habe mich aber in den letzten Jahren oft bei dem sehnsüchtigen Seufzer ertappt: Könnten wir uns doch einen Monat lang von allem Amerikanischen absperren — der Jazzmusik, den zappelnden Steptänzern, den Cowboyidolen, dem faulen Zauber und den stereotypen Balletten! Laßt uns um Gottes willen still sein in unseren Heimen! Wir wollen den musikalischen Lärm loswerden. Wir wollen — wenigstens zur Abwechslung — im Fernsehen beispielsweise russisches Ballett, russisches Theater und russische Filme sehen.

Ich weiß, daß dieser Seufzer vergeblich ist. Die amerikanische Vergnügungsindustrie arbeitet mit so unermeßlichen Mitteln, daß sie offenbar niemand aufhalten kann. Merkwürdigerweise wollen auch besonnene und gebildete Amerikaner nicht einsehen, welche Schande dieser vulgäre Kulturexport für die Vereinigten Staaten bedeutet.

In einer kritischen Lage, wenn sich ein Diktator des Fernsehens bemächtigen sollte, würde dies die verhängnisvollsten Folgen haben. Der größte Teil unseres Volkes wäre schutzlos einer geschickten politischen Fernsehpropaganda ausgeliefert.

Es ist die Pflicht der Leiter unserer neuesten Massenmedien, ungesäumt einzugreifen. Es gilt, konsequent in der Gegenrichtung zu arbeiten. Das Fernsehen muß seine Suggestionskraft eingestehen und sein Publikum daran gewöhnen, diese bisweilen fast dämonische Wirkung zu durchschauen und damit zu neutralisieren. Oder mit anderen Worten: Das Fernsehen muß die schwierige Kunst des sorgfältigen Auswählens, der Kontrolle und der Kritik lernen. Das kann auf verschiedene Art erreicht werden. Der ohrenbetäubende, bewußt alles andere übertönende unmusikalische Lärm muß wenigstens zeitweise verstummen. Das Fernsehen sollte als eine Art Volkshochschule, aber in gänzlich unakademischen Formen, arbeiten — mit einer neuen Art konkreter und direkter Beredsamkeit, mit bewußter Beschränkung auf das Wesentliche und Bleibende. Vor allem sollte das Fernsehen in Interviews, biographischen Schilderungen und besonderen Filmen die großen Persönlichkeiten Europas und der Welt vorführen, die durch ihr Leben und ihre Leistungen besser als jede Untersuchung zeigen, was man unter einem kritischen und freien Menschen versteht. Die vulgäre Propaganda hat jahrzehntelang der Jugend Europas versichert, jener sei der freieste, der sich vom unpersönlichen Triebleben am stärksten beherrschen lasse. Gegen diesen Aberglauben zu Feld zu ziehen, lohnt sich nicht. Wohl aber lohnt es sich heute wie stets, die großen Gestalten darzustellen, die in der Kunst, Dichtung, Wissenschaft und Gedankenwelt und in gewisser Hinsicht auch in der Politik gezeigt haben, was wahre Freiheit bedeutet.

Niemand will auf guten Rat hören. Ein lebendiges Beispiel aber steckt an. Zu glauben, das schlechte Beispiel sei ansteckender als das gute, ist ein verhängnisvoller Irrtum.

Int Deutsche übertrage vom Dr. Alfred von Sterneck, Tumbu

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