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Prag im September

No bittescheen, hams me bitte-scheen Schweinsbrateen, ise tschechische Schpezialiteet, mit Sauerkraut, seehr delikatt, dazu bittescheen hams me Knedl, ja?

Und ich kann nicht anders und bin gerührt; dieses halb gesungene Böhmischdeutsch macht mich zu dem kleinen Buben, der es hörte, wenn er die Schuhe zum Besohlen brachte, er hörte es, wenn er bei der Greißlerin Russen, aber mit viel Zwiebel!, holte und wenn der Hausmeister schimpfte; er hörte es in der eigenen Familie, an deren Rand der Onkel Weywoda eingeheiratet hatte, Oberkellner in Rieders Weinkost, ein braver Mann, der auch in meiner Erinne-

rung noch den leichten Geruch nach vielen tausend von ihm servierten Kleinen Gulasch an sich hat. In jeder Werkstatt hörte man diese besondere Sprache Österreichs, an jeder Straßenecke, an jedem Wirtshaustisch, als vorherrschenden unter den vielen Dialekten der Hauptstadt. Aus Wien ist er inzwischen ganz verschwunden, obwohl die Stadt noch Generationen brauchen wird, um den gewaltigen Zustrom der Jahrhundertwende — jeder dritte Wiener war damals Tscheche — ganz zu assimilieren.

Aber hier höre ich ihn wieder, und es tut mir leid, daß ich mich vierzig Jahre lang geweigert habe, in die Tschechoslowakei zu fahren. Dafür hatte ich viele Gründe und Vorurteile: die Tschechen haben die Hälfte meiner Familie aus Häusern und Höfen vertrieben, in denen sie sechs Jahrhunderte lang zu Hause gewesen war, ohne Haß gegen ihre slawischen Nachbarn, solange die nicht das Herrenvolk zu spielen begannen, das * sie wahrhaftig nicht waren; sie haben da oben vom Böhmerwald bis zum Elbsandsteingebirge drei oder vier alte Kulturen einfach verschwinden lassen, als hätte es sie nie gegeben; sie haben...

Drim dort, bittescheen, is Cafe Slavia, wo sind gesessn die Dichter und Schurnalisten, tschechische, erzählt der liebenswürdige Professor, der uns durch die ■ Kleinseite führt und uns mit Anekdoten beschenkt, als fütterte er uns mit ausgesuchten Pralinees — wir kommen kaum nach, sie zergehen zu lassen, schon folgt die nächste, die Deitschen nemlich sind sich ja mehr in der Altstadt

gewesen, aber no, der Kisch war auch da und der Hasek iberall, und wenn sich belieben umzu-drehn, Sie kennen sähn was scheenes Barockes, ise doch wirklich ein nobles Palazettl, ise nicht?

Für dieses Wort, für das „Palazettl“, könnt ich dem alten Herrn die Hand küssen, denn in diesen paar Buchstaben steckt ja nun wirklich alles drin, das ganze Mitteleuropa, gewissermaßen nach modernster Spiohagemethode auf Stecknadelkopfgröße komprimiert; „Palazettl“: das ist italienisch, das ist deutsch, und sogar etwas Jüdisches schwingt mit, aber die Konstruktion ist pures österreichisch.

Ein halbes Leben habe ich mich geweigert, hierher zu fahren. Die Wachtürme und der Stacheldraht und die beabsichtigte Schikaniererei der Paßkontrollen, der aufgezwungene Wechselkurs... Warum sind diese Tschechen nicht imstande, wenn schon nicht mit dem Pathos der Polen oder der ungarischen Pfiffigkeit oder der südslawischen Abgebrühtheit, diese Absurditäten zu unterlaufen? Nur in der DDR ist das alles noch ärger, hier hebt sich doch manchmal vielsagend eine Augenbraue oder zuckt eine Schulter, aber summa summarum: was hier regiert, ist selbst für Ostblockverhältnisse schon seit zwanzig Jahren peinlich und peinigend.

No leider nicht, sagt der Gastfreund, und schenkt mährischen Wein in böhmisch-bunte Bleikristallgläschen, den gleichen Wein, der in Wien „Brünnerstraßler“ j heißt, nur der verminte Todesstreifen zieht sich jetzt durch die Weingärten dort, nämlich Witze gibt es jetzt keine, seit ise Genosse Tichonow im Himmel, bißl plaudern mit Genosse Stalin und Genosse Lenin. Nehmen bittescheen Stickl Torte, was hat gemacht meine Frau für Besuch so lieben. Missen wir mit Witze jetzt warten, was Genosse Gorbatschow wird unternemmen Dissbezigliches. Nur die Bulgaren sollen, her ich in Rahmen von Kominform, an einem Witz arbeiten — ise aber Gericht, unbestetigtes, ja?

Ich wollte so lange nicht hierher fahren. Ich hab Vorurteile gegen ein Volk, das sich eine Wanze namens Schwejk zum Nationalhelden gewählt hat, das immer aufsässig war und doch nie Widerstand leistete und das es vielleicht in der Hand gehabt hätte, eine Utopie wahrzumachen, statt sie auf Stecknadelkopfgröße zu reduzieren. „Sie haben ihm halt in den Hus-Jahren das Genick gebrochen“, sagt B. Er hat sicher recht damit, aber dann hat es halt mit gebrochenem Genick Skoda-Kanonen für die k. u. k. Armee und für die Deutsche Wehrmacht gegossen und gießt sie jetzt für die Russen.

Aber Prag ist so wunderschön und heißt uns überall willkommen, sobald wir als Wiener erkannt werden, wozu, wie sich her-

ausstellt, nur ein Blick auf unsere Schuhe notwendig ist. Die unterscheiden uns von den Ostdeutschen, die in disziplinierten Belegschaftsrudeln die Stadt überfluten, ein relatives Paradies für sie, in dem man fast nach Belieben in ein Restaurant gehen und etliche Konsumartikel erwerben kann; ihre laute Aufgekratztheit verdirbt die Stille in der Altneusynagoge und auf dem alten jüdischen Friedhof, und mir die Ehrerbietung, die ich dem Rabbi Loew zu erweisen gedacht hatte. Nach Spuren vom Leben des Herrn Jacopo hielt ich bei mehreren Gängen zum Hradschin Ausschau, fand aber keine.

Der Platz neben dem Dom, auf dem die Kuriere auftauchten, ist nicht mehr vorhanden, der Dom selbst sieht jetzt anders aus, kom-

pletter sozusagen, aber nicht so phantastisch wie hinter meinen Augen. Die Räume, in denen Herr Jacopo seine Herren sucht, gibt es nicht mehr, und die Ratsstube hinter dem Wladislaw-Saal, aus deren Fenstern man die Herren Martinitz und Slawata gestürzt hat, ist mit Sicherheit nicht die, in denen ich die beiden jederzeit antreffen kann. Entweder haben sie sich damals, anno 1618, in der Turbulenz der Ereignisse nur dorthin geflüchtet oder hat sich der berühmte Fenstersturz nicht aus jenem Fenster ereignet, das heute den Touristen als Kuriosität gezeigt wird, sondern aus einem anderen, wahrscheinlich weniger dekorativen. Ich neige der zweiten Annahme zu. Das einzige, was ich wiedererkenne, ist Herr Tycho Brahe, aber er war größer und wüster, als sein Grabstein in der Teynkirche ihn darstellt.

Drei Tage in Prag und die letzte Reise, darum strenge ich mich auch an, halte brav mit auf den vielen schnellen Streifzügen und nehme es in Kauf, daß mich zwischendurch das Alien trotz seiner Betäubung kurz anfällt. Manchmal verliere ich dabei die innere Orientierung und weiß für Sekunden nicht, durch welche Stadt ich eben gehe, durch Wien oder Prag oder vielleicht Budapest oder Triest; ich verstehe nicht, was die Vorübergehenden sprechen, aber ich sehe in der Altstadt an vielen Stellen die alten durch die neuen Namen hindurchtreten und habe eine Erinnerung daran, daß ich als Kind oder noch früher diese Sprache sprach oder wenigstens verstand und daß ich sie, wenn ich mich nur für ein paar Minuten hinlegen könnte, wieder verstehen und vielleicht selbst sprechen könnte, weü es sich da ja um eine Sprache handelt, die ja eh alle sprechen, nein, sprechen könnten, wenn sie nur ...

Und als Sießes hams me Palatschinken, ise echte tschechische Schpezialiteet, bittescheen ...

Nein, mein Lieber, das denn doch nicht. Im Namen des Größeren Österreich: Die Palatschinken sind aus Rumänien („palacine“) über Ungarn nach Österreich und von dort erst nach Böhmen gewandert.

Aus dem posthum erscheinenden Buch „Demnächst oder Der Stein des Sisyphos“, Edition Atelier, Wien.

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