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Die ganze Geschichte

Tschechische Historiker mit dem Willen zur Objektivität brechen Tabus.

Im Atlas zeigt sich die deutsch-tschechische Nachbarschaft als lange Grenze. Das Wissen über das Land "im Herzen Europas" ist dennoch geringfügig. Das liegt zum Teil an den Tschechen selbst. Ihre Geschichtsschreibung war durch lange Perioden mehr als fragwürdig. Wer sich mit dem Lande beschäftigte, konnte sich mitunter fragen, was sie selbst von ihrer Vergangenheit wissen. Nun ist ein Buch auf deutsch erschienen, das drei tschechische Historiker ursprünglich als ,,Samisdat"Publikation (also auf Schreibmaschinen vervielfältigt) verfasst hatten. Nach der Wende brachten sie es gleich gedruckt heraus - und fanden bei ihren Landsleuten wenig Verständnis. Da kam doch so vieles zur Sprache, was bisher unbekannt oder tabuisiert gewesen war, da blieb streckenweise kein Stein auf dem andern. Eine Verbreitung des (gekürzten) Buches in deutscher Sprache dürfte in Prag auf noch weniger Verständnis stoßen. Sie könnte aber ein wesentlicher Schritt zu gegenseitigem Kennenlernen sein.

"Böhmische" Nationalität

Als Beispiele für romantischnationalistische Geschichtsfälschung braucht man nur auf die Königinhofer und die Grünberger Handschrift zu verweisen, die im frühen 19.Jahrhundert "entdeckt" wurden. Ausgerechnet der spätere Präsident Masaryk gehörte zu den Entlarvern der Fälschungen. Das "dunkle" Jahrhundert der Unterdrückung nach der Schlacht am Weißen Berge (1620) und dem Dreißigjährigen Krieg wurde im Zeitalter der Aufklärung wesentlich anders bewertet als im 19. Jahrhundert, als sich die "böhmische" Nationalität in eine tschechische und eine deutsche spaltete.

Damit beginnt die tragische Entwicklung, die natürlich auch in dem vorliegenden Buch einen Schwerpunkt bildet. Zur gegenseitigen Entfremdung kam noch die Abneigung gegen die Juden: "Der tschechische Antisemitismus war sozusagen in die tschechische Germanophobie eingeflochten, weil die Juden bei uns mehrheitlich deutsch sprachen". Man mag dem Buch Gründe dafür entnehmen, warum die Tschechen so wenige gute Politiker hervorbrachten. Das war in der Monarchie so und wirkte sich verhängnisvoll in den zwanzig Jahren der Republik aus. Der allseits geachtete Staatspräsident Thomas G. Masaryk konnte seinen kleinen Vielvölkerstaat nicht zu einer friedlichen Gemeinschaft ordnen. Es gelang aber auch nicht, sich unter den Nachbarn Freunde zu machen. Als dann Hitler im Begriff war, den Staat auszulöschen, griffen zuerst Polen und Ungarn zu, um sich von ihren Landsleuten bewohnte Territorien zu nehmen.

Ein Volk: die Illusion

In Pressburg und an der Tatra zeigte sich jetzt, dass die Idee von einem tschechoslowakischen Volk, das nur verschiedene Dialekte sprach, eine Illusion gewesen war. Sie hatte Masaryk vorübergehend geholfen, die Tatsache zu vernebeln, dass die deutsche Volksgruppe stärker war als die slowakische. England und Frankreich, die geholfen hatten, das Staatsgebilde aus der Taufe zu heben, sahen die Situation nun anders - was sich 1938 in München erwies. Weder zu Italien, noch zu Jugoslawien (dem anderen Kunstgebilde aus dem Erbe der Monarchie) konnte in 20 Jahren eine Annäherung erreicht werden. Die Sowjetunion hatte Gründe, sich zurückzuhalten, während sie die zahlenmäßig starke tschechische KP fest im Griff hielt.

Unter diesen Voraussetzungen war es verständlich, dass die Tschechen sich nicht überwinden konnten, Hitler einen wenigstens symbolischen Widerstand zu leisten (ein Problem, dass die Österreicher seit dem März 1938 auch beschäftigte).

Kenntnisreich

Das Buch endet vorerst 1938. Dass es auch später wenige wirkliche Politiker gab, dass ein halbes kommunistisches Jahrhundert nicht gerade eine Schule für sie war, ist bekannt. Nach der herausragenden, weltweit angesehenen Gestalt des Václav Havel kehrte der böhmische Alltag zurück: Václav Klaus ist schon wieder im Begriff, sich mit aller Welt zu verzanken. Das Buch ist ebenso kenntnisreich wie glaubwürdig geschrieben. Mag sein, dass dem Ausländer trotz Kürzung immer noch zu viele Einzelheiten geboten werden. Der Leser muss aber einsehen, dass zum Begreifen dieses rätselvollen Nachbarn die ganze Geschichte seit dem Mittelalter gehört.

Wo ist unsere Heimat?

Geschichte und Schicksal in den Ländern der böhmischen Krone

Von Petr Pithart, Petr PÇrihoda und Milan Otáhal. Aus dem Tschechischen von Frank Boldt Verlag Langen Müller, München 2003, 368 Seiten, geb., e 25,40

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