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Weg von alten Affekten!

Lange lagen über dem Verhältnis zwischen Österreich und der Tschechoslowakei nicht nur die Schatten der Spaltung Europas nach 1945, deren Folgen Österreicher, Tschechen und Slowaken hautnäher erfahren haben als andere Völker an anderem Ort in Europa. Schwerer zu verarbeiten als in anderen Beziehungen war besonders im österreichischtschechischen Verhältnis auch die Erinnerung an eine gemeinsame

Geschichte, die die beiden Völker in sehr verschiedener Art und Weise erlebt haben.

Schon diese Spannungsverhältnisse hätten ausgereicht, um eine Beziehung in diesem Teil Europas zu einer besonderen Herausforderung selbst im Rahmen klassischer Formen der Entspannungspolitik werden zu lassen. In der jüngsten Geschichte der Tschechoslowakei hat sich aber auch nicht wenig von dem widergespie- gelt, was an neuen Widersprüchen und Gegensätzen im Inneren des osteuropäischen Kommunismus — mit aller Wirkung nach außen — entstanden ist.

Vom „Prager Frühling“ bis zur Charta 77 wurde die heutige tschechoslowakische Gesellschaft immer wieder von Bewegungen erschüttert, die Wege zur Reform und Erneuerung suchten. Die inner-tschechoslowakische Auseinandersetzung mit der Reformbewegung ist aber auch nicht ohne Einfluß auf die Beziehungen zu Österreich geblieben.

Gewiß läßt sich manche, noch heute fühlbare Empfindlichkeit auf tschechischer Seite besser verstehen, behält man den Verlauf der Nationalitätenkämpfe der alten Monarchie vor Augen (siehe Beitrag von Ernst Waldstein): Nicht geringste Ursache ihres Untergangs war ohne Zweifel ihr Unvermögen, gerade der aufstrebenden tschechischen Nation den ihr gebührenden Platz in der Gemeinschaft der Donauvölker einzuräumen.

So wenig produktiv es allerdings wäre, das tschechische Volk ausschließlich in der Rolle des Totengräbers der Monarchie zu sehen, so wenig sinnvoll wäre auch eine Übertragung von Affekten und Mißtrauen gegen das habsburgische Österreich auf die heutige Republik.

Wie sehr allerdings die Geschichte beiden Völkern den Weg zueinander versperrt hat, zeigt noch das Verhältnis zwischen Österreich und der Tschechoslowakei in der Periode zwischen den Weltkriegen. Welche Bedeutung für den Kampf um die Demokratie in Österreich die erste tschechische Republik gehabt hat, zeigt allerdings allein schon der Umstand, daß die vom Austrofaschismus verfolgte österreichische Sozialdemokratie ein erstes Exil in der benachbarten Tschechoslowakei fand, in Brünn das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie mit Otto Bauer an der Spitze aufgenommen wurde.

Mit dem Prager Fenstersturz von 1948 haben auch die Probleme der Teilung Europas, die Eingliederung der Tschechoslowakei in das unter sowjetischer Führung stehende osteuropäische System die Chance eines Neubeginns, einer Begegnung zwischen Österreichern und Tschechen auf den Grundlagen der parlamentarischen Demokratie zunichte gemacht. So mußte die österreichische Außenpolitik eine nicht nur von der Geschichte, sondern auch von der Weltpolitik belastete Beziehung bewältigen.

Einige der Gründe, warum dieser Prozeß im Verhältnis zur Tschechoslowakei so verhältnismäßig spät eingesetzt hat, wurden bereits erwähnt. Andere liegen in Bewegungen der Weltpolitik — der Hauch der Entspannung hat dann schließlich auch zu Beginn der siebziger Jahre dem österrei chisch-tschechoslowakischen Verhältnis neue Impulse verliehen: Dabei muß der besondere Beitrag gerade eines österreichischen Staatsmannes, des späteren Bundespräsidenten Rudolf

Kirchschläger, erwähnt werden, der als österreichischer Gesandter in Prag, aber auch als erster Außenminister der Regierung Kreisky dieser Beziehung besonderes Augenmerk gewidmet hat.

So geht und ging es einerseits um die Entwicklung einer wirtschaftlichen Beziehung. Es geht aber auch um die Weiterentwicklung einer kulturellen Beziehung, die für beide Länder heute mit einem Prozeß des Wiederentdek- kens, zum Teil aber auch des Neu- entdeckens eines lange verschütteten Erbes, aber auch einer blühenden Gegenwartskultur verbunden sein könnte.

Heute geht es für das kulturelle Österreich darum, in eine neue Wechselbeziehung zum tschechoslowakischen Kulturschaffen der Gegenwart zu treten, der es auch an der institutioneilen Verankerung nicht fehlen sollte: Schon längst ist die Gründung von Kulturinstituten in Wien und Prag fällig.

Ungerecht wäre es allerdings auch, in diesem Zusammenhang den Beitrag zu verschweigen, den an neuem, aktivem Interesse an moderner tschechoslowakischer Kultur, ja am geistigen Schaffen überhaupt die kulturelle Emigration dieses Landes gehabt hat. Auch ihre im Exil entstandenen Werke sind Brücken zwischen österreichischer, europäischer Kultur einerseits und der heutigen tschechischen Kulturlandschaft andererseits.

Immer mehr sollten in die österreichisch-tschechoslowakischen Beziehungen aber auch neue, gesellschaftliche und regionale Komponenten einfließen, die über den bloßen Bereich der staatlichen Beziehungen in Wirtschaft, Kultur und Politik hinausreichen. So sollte etwa der Prozeß des gegenseitigen Verstehens, Kennenlernens und vielleicht An- näherns schon bei den jungen Menschen beider Länder — von den Schulklassen bis zu den Universitäten — beginnen und auch vor neuen Formen der Begegnung — wie sie auch mit anderen Völkern und Kulturen des heutigen Europas üblich sind — nicht haltmachen.

In dieser Beziehung sollte auch der sich entwickelnde Regionalis-

mus, in Österreich in Form des Föderalismus, eingeschaltet werden. Die Begegnung zwischen den Städten und Regionen, zwischen Mähren oder Niederösterreich, Böhmen oder Oberösterreich — um nur zwei Beispiele zu nennen, die beliebig ausgetauscht oder vervielfältigt werden können — sollte zu einer alltäglichen Konstante der österreichisch-tschechoslowakischen Beziehungen werden (siehe Beitrag von Botschafter Marek Venuta).

Von neuen Formen der Beziehungen sollten auch die zwischen den Religionsgemeinschaften und Kirchen nicht ausgeschlossen werden, sollten Katholiken und ihre Bischöfe — in Österreich und in der Tschechoslowakei — sowie auch Angehörige anderer Bekenntnisse leichter als heute den Weg zueinander finden können.

Gemeinsam tragen die tschechoslowakische und die österreichische Republik heute aber auch Verantwortung für ein gutes Stück Stabilität im Zentrum Eu ropas. Nicht unwesentlich wird ihr Verhältnis es beeinflussen, ob in diesem Teil Europas tiefe und sichtbare Trennungslinien verlaufen oder ob gerade ihre Beziehung es vermag, weltpolitische Gegensätze abzutragen, ein von der Natur spannungsgeladenes Verhältnis konstruktiver zu gestalten.

Dies mag ein Grund dafür sein, warum Grenzfragen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei in den letzten Jahren einen so erheblichen Raum eingenommen haben, besonderes Feingefühl gerade an den Schlagbäumen zwischen Niederösterreich einerseits, Böhmen und Mähren andererseits erforderlich ist.

Noch einen großen Weg können Österreich und’die Tschechoslowakei in Zukunft gemeinsam gehen, um einander näher zu kommen, als dies vielleicht in vergangenen Epochen der Geschichte möglich war.

Der Autor, Außenminister a. D., ist Abgeordneter zum Nationalrat.

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