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Schön, aber schwierig

Zur Ausstellung "Prag:Wien" in der Österreichischen Nationalbibliothek.

Als vor einigen Wochen Václav Klaus nach Wien kam, besuchte er auch das Parlament und setzte sich im ehemaligen Reichsratssitzungssaal auf den Sitz, den Staatsgründer Tomás G. Masaryk innegehabt hatte. Die Botschaft war klar: Wir Tschechen haben uns emanzipiert, und ich als Präsident der Republik garantiere, dass diese Emanzipation nicht rückgängig gemacht wird. Die Prager "Lidové noviny" brachten das Foto auf der Titelseite, der Wiener "Presse" hingegen war die Episode nicht einmal eine Erwähnung wert.

Diese unterschiedliche Wahrnehmung der gemeinsamen Geschichte kommt einem in den Sinn, durchwandert man die Ausstellung "Prag:Wien" in der Österreichischen Nationalbibliothek. Angesichts des bevorstehenden EU-Beitritts Tschechiens die nachbarlichen Beziehungen zu pflegen, kann ja nur begrüßt werden, und die klug zusammengestellten prachtvollen oder zumindest ideell wertvollen Exponate lohnen den Besuch unbedingt. Doch die groß aufgezogene und beworbene Veranstaltung weckt Erwartungen, die sie nicht alle erfüllen kann.

Stadt oder Land?

Ausstellungen von Archivalien sind von vornherein nicht geeignet, ein großes Publikum anzusprechen. Sie erfordern umständliche Erklärungen, vor allem aber die Setzung von Akzenten. Die normierten Vitrinen im Barocksaal, um die man nicht einmal herumgehen kann, legen da auch hervorragenden Ausstellungsgestaltern Fesseln an.

Hinzu kommen Hemmschuhe, die mit dem Wesen des Veranstalters zusammenhängen. Zunächst ist die Nationalbibliothek eine Institution des Staates und nicht der Stadt. Eine Ausstellung über "zwei europäische Metropolen im Lauf der Jahrhunderte" ruft jedoch nach besonderer stadtgeschichtlicher Kompetenz. Anna Drabek und Monika Glettler, die im höchst lesenswerten, vorbildlich gestalteten Katalog fundierte und dabei leicht verständliche historische Überblicke bieten, weisen sie auch im hohen Maße auf, in der Ausstellung kommt sie aber kaum zum Tragen.

Hinzu kommt, dass der Staat, den die Österreichische Nationalbibliothek repräsentiert, zu dem Staat, dessen Hauptstadt Prag ist, in einem ganz besonderen Verhältnis steht. Es war in der Geschichte überwiegend von einer Dominanz Wiens gekennzeichnet. Ursprünglicher Anlass der Ausstellung war denn auch der 500. Geburtstag Kaiser Ferdinands I., der 1526 infolge eines Erbvertrags für fast 400 Jahre die Vereinigung der beiden Länder begründete. Und nicht zufällig finden sich unter den Exponaten der Ausstellung viele Abbildungen von habsburgischen Königskrönungen sowie von Eingriffen der kaiserlichen Armee.

Das Gemeinsame

Die Gestalter der Ausstellung waren erklärtermaßen bemüht, das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen, doch eben dieses Gemeinsame ist das Problematische. Wie sagte doch Václav Klaus vor dem Staatsbesuch, die europäische Einigung mit historischen Erfahrungen verbindend: "Die Gleichschaltung. Das haben wir in der Vergangenheit erlebt. Ich brauche das nie wieder."

Wenn also im Newsletter der Nationalbibliothek die Erste Bank, der Hauptsponsor der Ausstellung, davon spricht, sie habe sich in den angrenzenden Ländern einen "erweiterten Heimmarkt" geschaffen, dürfte dies bei tschechischen Lesern unangenehme Erinnerungen hervorrufen. Keinen glücklichen Griff machte auch Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, als sie in der Eröffnungsrede auf die Versuche der Hohen Pforte verwies, die unterjochten Balkanvölker ihres historischen Gedächtnisses zu berauben. Hat das habsburgische Österreich gegenüber den Tschechen nicht genau dasselbe versucht?

Zentral bei diesen Versuchen war neben der Rekatholisierung die in mehreren Anläufen versuchte Germanisierung. Auch wenn die von tschechischen Nationalisten einst behauptete völlige Auslöschung des Tschechischen im 18. Jahrhundert als Legende entlarvt ist, bleibt doch die Tatsache, dass die Sprache seit Jan Hus der Zankapfel par excellence geblieben ist. Pavel Kohout hat in seiner Festrede die Bedeutung der Kralitzer Bibel für die tschechische Wiedergeburt hervorgestrichen - in der Ausstellung geht das unscheinbare Exemplar neben all den Blickfängen rundherum völlig unter. Und völlig verfehlt war der Versuch, die Prager deutsche Literatur als Bindeglied zwischen Wien und Prag hervorzustreichen, ging es den Veranstaltern doch gerade nicht um die beiden Städte, sondern um die beiden Völker.

Positive Energie

Es verwundert nicht, dass in Prag einige Zurückhaltung herrschte, sich an der Ausstellung zu beteiligen, und auch noch herrscht, sie nächstes Jahr an die Moldau zu holen. Im dafür in Aussicht genommenen Palais Clam-Gallas war bis zum 1. Juni eine Schau mit dem Titel "Prag - Böhmen - Europa" zu sehen, wie "Prag:Wien" im Hinblick auf den EU-Beitritt Tschechiens konzipiert, aber aus dem tschechischen Blickwinkel. Die Habsburger spielten dort nur eine marginale Rolle, getreu FrantiÇsek Palack´ys Ausspruch "Wir waren vor Österreich da und werden nach Österreich da sein".

Am 14. Juni, dem Tag des EU-Referendums in Tschechien, organisiert die Erste-Gruppe, analog zu einem Fest in Prag, ein Volksfest auf dem Wiener Josefsplatz, bei dem Außenministerin Benita Ferrero-Waldner und Botschafter JiÇrí GrÙuÇsa das Abstimmungsergebnis verkünden sollen. An diesem Tag wird die "schöne, aber auch schwierige Schau" (Kurier) von 10 - 22 Uhr bei freiem Eintritt offen stehen. Auch an den ruhigeren Tagen davor und danach ist Ernst Gamillscheg, dem kundigen Kurator der Ausstellung, ein zahlreicher Besuch der Ausstellung zu wünschen, denn, so Pavel Kohout in Anspielung auf Temelín, "ein Kernkraftwerk, das nur positive Energien erzeugt", ist sie allemal.

Prag:Wien

Zwei europäische Metropolen im Lauf der Jahrhunderte

Österreichische Nationalbibliothek, bis 31. 10., tägl. 10-16, Do bis 19 Uhr.

Am 14. Juni freier Eintritt von 10-22 Uhr und Volksfest auf dem Josefsplatz.

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