Zwischen Tschechen und US-Amerikanern gibt es eine tief in der Geschichte wurzelnde spezielle Verbundenheit. Eine kleine historisch-essayistische Nachlese zur Prag-Visite von Barack Obama.

"Kaum eine Stadt Mitteleuropas trägt so die Bereitschaft zur Amerikanisierung in sich wie diese", schrieb Willy Lorenz, Herausgeber bzw. Chefredakteur der FURCHE in den 1960er/70er Jahren und später österreichischer Kulturrat in Prag, in seinem 1988 erschienenen Essayband "Liebe zu Böhmen" über die tschechische Hauptstadt. Es sollte nur ein Jahr dauern, bis die Stichhaltigkeit dieser, vor der Samtenen Revolution absurd erscheinenden Einschätzung nachgeprüft werden konnte. Wer heute mit dem Zug nach Prag reist, dem fällt schon im Grenzbahnhof der forcierte amerikanische Akzent der Durchsagen auf, McDonald's und Kentucky Fried Chicken wetteifern mit den traditionellen Bierstuben um die Gunst des Gastes, und legt sich der Besucher in einem Best Western Inn zur Ruhe, schreckt ihn der an Verfolgungsjagden in Brooklyn gemahnende Sirenenton eines Einsatzfahrzeugs wieder auf.

Doch die Affinität der Tschechen zu den Vereinigten Staaten von Amerika reicht weit ins 19. Jahrhundert zurück, als drückende Armut viele Menschen zur Auswanderung drängte. Schon damals zeigte sich der unterschiedliche Stellenwert der Emigration im Vergleich zu jener aus den Alpenländern: Zeitigte die Auswanderung aus dem Gebiet der heutigen Republik Österreich, aus welchen Gründen auch immer sie erfolgte, geringe Auswirkungen auf die alte Heimat, so entfaltete sich bei den Tschechen - und ähnliches gilt für die anderen Völker Ostmitteleuropas - ein dialektischer Prozess von Skepsis und Befruchtung.

Transatlantiker Antonín Dvorák

Ein frühes Beispiel dafür ist Josef Kajetán Tyls Drama "Die Waldnymphe oder Die Reise nach Amerika", in dem junge Männer aus dem vermeintlichen Paradies reuig heimkehren. Ein anderer nationaler Erwecker erfuhr die Emigration am eigenen Leib und brachte wertvolle Anregungen in die Heimat zurück. Vojtech Náprstek flüchtete nach der Revolution in die USA, wo er als Tscheche einerseits ein feines Sensorium vor allem für die Indianer entwickelte und den Grundstock zu einer ansehnlichen ethnografischen Sammlung legte, andererseits ähnlich einem Alexis de Tocqueville das Funktionieren der demokratischen Gesellschaft studierte. Nach seiner Rückkehr gründete er in Prag das heute nach ihm benannte Museum am Betlehemplatz, vor allem aber den Amerikanischen Damenklub, die Keimzelle der Frauenemanzipation unter den Tschechen. Zu den Aufgaben dieses nach 1989 zu neuem Leben erwachten Vereins gehörte unter anderem die Betreuung tschechischer Gäste aus den USA.

Das berühmteste künstlerische Zeugnis der tschechisch-amerikanischen und vielleicht überhaupt transatlantischen Beziehungen ist Antonín Dvoráks Symphonie "Aus der neuen Welt". Die Berufung an das Nationalkonservatorium in New York bedeutete für den Komponisten nicht nur eine Ehrung, sondern auch ein dreimal so hohes Gehalt, als wenn er sich für das Anbot des Konservatoriums in Prag entschieden hätte. Analog zu Vojta Náprstek interessierte sich Dvorák für die Musik der Schwarzen und Indianer, was in der "Novosvetská" seinen Niederschlag fand, und dem amerikanischen Staat leistete er Tribut mit der bombastischen Kantate "The American Flag".

Zum ersten Präsidenten der Republik gewählt wurde der aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrte Tomás G. Masaryk. Hinter dem G. verbirgt sich der Mädchenname seiner Frau. Masaryk hatte die aus einer Hugenottenfamilie stammende Charlotte Garrigue beim Studium in Leipzig kennen gelernt und in den USA geheiratet, die erste First Lady des jungen Staats war also eine Amerikanerin; Tochter Alice wurde 1879 in Wien geboren und verstarb 1966 in Chicago. Es war wohl nicht nur der Wunsch nach der Kulisse der Prager Burg, der Barack Obama für seine große Prager Rede den Hradschiner Platz wählen ließ, sondern auch das dort befindliche Masaryk-Denkmal. Immer wieder vom Applaus des Publikums unterbrochen, erinnerte der amerikanische Präsident an "the good company and the good humor of the Czech people in my hometown of Chicago", aber auch an Masaryks Rede vor 100.000 Menschen in der Windy City, nachdem sich die USA 1918 für die Unabhängigkeit der Tschechen ausgesprochen hatten.

Von diplomatischer Klugheit zeugten in Obamas Rede seine wohlwollenden Worte über Russland. Denn was Willy Lorenz zur Zeit der Kommunisten über die Amerikanisierung gesagt hat, könnte man heute durchaus von der Russifizierung sagen. Die Abneigung breiter Bevölkerungskreise gegenüber einer Radaranlage, die eher als gegen Russland denn gegen den Iran gerichtet verstanden wird, lässt nämlich etwas von der Russophilie ahnen, die in den Tschechen ebenso schlummert wie der American Dream. So radikal die Kommunisten alle Spuren von Amerikafreundlichkeit ausradiert hatten, so konsequent wurde nach der Wende von 1989 jegliche Erinnerung an Russland und den Panslawismus getilgt.

"We shall always remember"

Man kann diese Ambivalenz auch den Spielplänen der Prager Theater entnehmen, die im Vergleich zu den Bühnen im deutschen Sprachraum ungleich mehr amerikanische Autoren aufführen, aber auch deutlich mehr russische. Die Brutalität des Sowjetregimes hat den Tschechen ihre Zuneigung zu den slawischen Brüdern freilich für lange Zeit vergällt und ein Film wie "Cesk´y sen" - "Der tschechische Traum", der den Kapitalismus als des Kaisers neue Kleider bloßstellt, genügt noch lange nicht, ihnen die Begeisterung für das neue System auszutreiben. Während in Wien die "Producers" ein Flop waren, sind in Prag die "Producenti" eine Cash Cow.

Geradezu identitätsstiftend ist der Amerikakult in Pilsen, das so wie ganz Westböhmen 1945 nicht von der Roten Armee, sondern von der U. S. Army befreit wurde. Ein halbes Jahrhundert lang wurde dies totgeschwiegen. Erst 1998 wurde von Staatspräsident Václav Havel ein neues Denkmal enthüllt, zwei Stelen am oberen Ende der Americká ulice, die eine mit dem amerikanischen Adler und einem "Thank you, America!", die andere mit dem böhmischen Löwen und einem "Díky, Ameriko!" versehen. Davor eine steinerne Landkarte mit dem Riss, der damals von der Ostsee quer durch die Tschechoslowakei und Österreich bis zur Adria gezogen wurde.

Im 2005 eröffneten "Patton Memorial" kann man die Details und das Drumherum erfahren, vom Einmarsch der amerikanischen Truppen über die Siegesparade, die Präsident Benes unter dem Jubel der Bevölkerung in Pilsen abnahm, bis zur Depression nach der Machtergreifung der Kommunisten. Man verlässt das Museum unter einer Fahne, die einen Tag auf der Kuppel des Washingtoner Kapitols geweht hat, und vom 2. bis 6. Mai wird heuer so wie alle Jahre mit einem Volksfest und einem "Convoy of Liberty" der Befreiung im Jahre 1945 im großen Stil gedacht. Motto: "We shall always remember."

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