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Good bye Babylon

1945 1960 1980 2000 2020

Mit einem Plädoyer für den Fremdsprachenerwerb und dem Bekenntnis zur Vielfalt startete Europa in das "Jahr der Sprachen 2001". In Österreich rückt man verstärkt die Nachbarsprachen in den Mittelpunkt - sowie bilinguale Schulen dies- und jenseits der Grenzen.

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Mit einem Plädoyer für den Fremdsprachenerwerb und dem Bekenntnis zur Vielfalt startete Europa in das "Jahr der Sprachen 2001". In Österreich rückt man verstärkt die Nachbarsprachen in den Mittelpunkt - sowie bilinguale Schulen dies- und jenseits der Grenzen.

Babylonische Sprachenverwirrung orten die einen, bereichernde Sprachenvielfalt die anderen. Die Zahlen jedenfalls sprechen eine eindeutige Sprache: Europaweit werden 220 Idiome gezählt, 40 davon werden häufig gesprochen, elf davon gelten als Amtssprachen der Europäischen Union. Betrachtet man den ganzen Globus, wird die Palette noch bunter: 6.000 bis 7.000 Sprachen gibt es weltweit. Noch, denn Experten schlagen Alarm: Im Gefolge der Globalisierung werde Englisch immer mehr zur Einheitssprache, zumal im world wide web. Das Szenario ist düster: Nur zehn Prozent, also rund 600 Sprachen, könnten künftig überleben.

Für die EU Grund genug, mit 300 verschiedenen Projekten Flagge zu zeigen - und ihren Bürgern mit 110 Millionen Schilling in großangelegten Informationskampagnen die Notwendigkeit des Sprachenlernens plausibel zu machen. Noch grassiert die Sprachfaulheit - auch in Österreich: So beherrschen nach einer aktuellen Eurobarometer-Untersuchung nur 52 Prozent der Österreicher eine Fremdsprache, knapp die Hälfte davon Englisch. Elf Prozent sprechen Französisch, neun Prozent Italienisch. Im Vergleich zu Großbritannien macht sich die heimische Fremdsprachkompetenz freilich üppig aus: Dort beherrscht nur ein Drittel der Bevölkerung ein fremdes Idiom. Ganz anders die Situation in Luxemburg, wo sich nur zwei Prozent auf eine einzige Sprache beschränken.

Reiseziel Mitteleuropa Das "Europäische Jahr der Sprachen" nimmt man nun in Österreich zum Anlass, den Blick verstärkt auf die Nachbarländer zu richten: Ziel sei eine "Bildungsregion Mitteleuropa", erklärte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer im Rahmen einer Tagung zum 10-jährigen Bestehen bilingualer Schulen in Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Als eine der ersten Initiativen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden neun solcher Schulen ins Leben gerufen - je zwei davon in Tschechien und der Slowakei, fünf in Ungarn. Neben Deutscher Literatur werden auch die Fächer Biologie, Geografie, Mathematik und Weltgeschichte in deutscher Sprache unterrichtet, erzählt Jürgen Schachner, einer der 28 beteiligten (und von Österreich bezahlten) Lehrkräfte. Seit dem Schuljahr 1998/99 unterrichtet der diplomierte Mathematiker und Physiker am "Sandor-Pet''ofi-Gymnasium" in der südostungarischen Kleinstadt Mezöbereny. Eine Erfahrung, die er nicht missen will: "Manche Schüler entwickeln sich zu richtigen Sprachforschern und interessieren sich auch für Dialekte und sprachwissenschaftliche Zusammenhänge." Zwei Schulzweige des Oberstufengymnasiums werden bilingual geführt, einer nur ungarisch. Neben Deutsch werden auch Englisch, Italienisch und Russisch angeboten, wobei sich das Interesse für die Sprache des einstigen "Bruderlandes" in Grenzen hält, weiß Schachner, einer der fünf deutschsprachigen Lehrenden an der Schule: "Russisch ist aus historischen Gründen bei einem großen Teil der Bevölkerung sehr unbeliebt." Die Mehrheit seiner Schüler kommt aus einsprachigen Familien. Kein Wunder, ist doch die deutsche Sprache während der kommunistischen Ära heftig unterdrückt gewesen. Indes sind Sprachkenntnisse auch in Ungarn - zumal in Zeiten angestrebter EU-Mitgliedschaft - ein hohes Gut: Abgelegte Sprachprüfungen (wie etwa das österreichische oder deutsche Sprachdiplom) bescheren den Schülern Punkte für die Aufnahmeprüfung an der Universität. 116 Gymnasien bieten bilingualen Unterricht in insgesamt sieben Sprachen an, zieht Ungarns Bildungsminister Zoltan Pokorni stolz Bilanz. Dass das Projekt keine Einbahnstraße ist, würden laut Bildungsministerin Gehrer allein die zahlreichen zweisprachigen Schulen in der Grenzregion Ostösterreichs und in Wien beweisen. Eine davon, die "Komensky-Schule" im dritten Wiener Gemeindebezirk, hat sich als einzige Bildungsstätte den österreich-tschechischen Austausch in Sprache und Kultur zum Ziel gemacht. 40 Kleinkinder besuchen den bilingualen Kindergarten, über 200 Kinder und Jugendliche die zweisprachige Volks- und Hauptschule. Seit September vergangenen Jahres wird auch erstmals eine Oberstufenklasse geführt und bis zur Matura aufgebaut, erklärt Helena Huber, gebürtige Tschechin und eine von 27 Lehrerinnen und Lehrern an der "Komensky-Schule", die nach dem tschechischen "Lehrer der Nationen", Johann Amos Comenius (Komensky) (1592-1670) benannt ist. Mit dem praktizierten Team-Teaching zweier Lehrkräfte in deutsch und tschechisch hätten die wenigsten Kinder Probleme, weiß Huber: "Woher sollen sie wissen, dass man nicht immer so spricht?" 80 Prozent der Kinder entstammen österreich-tschechischen Mischehen und seien zweisprachig aufgewachsen, so Huber. Doch auch Botschafter- und Pendlerkinder würden die Möglichkeit nützen, tschechischen Unterricht nach österreichischem Lehrplan zu erhalten. Die "Erziehungsfächer" Musik, Zeichnen, Turnen, Geschichte und Religion werden auf tschechisch angeboten. Freiwillige Übungen in Russisch und Französisch sowie Tschechisch-Kurse für Eltern komplettieren das Angebot.

Auch in der Komensky-Schule ist das Europäische Jahr der Sprachen nicht spurlos vorübergegangen: Am 28. März werden in einem Tag der offenen Tür die gesammelten Sprachschätze präsentiert. Wie in allen anderen 300 europaweiten Projekten kann und soll hier der "Lust auf Sprache" gefrönt werden. Bis zur großen Abschlussveranstaltung im Dezember gibt es jedenfalls Möglichkeiten genug. Nur eines gilt es zu bedenken, weiß Dagmar Heindler vom Zentrum für Schulentwicklung in Graz, einer der heimischen Schaltzentralen in diesem Jahr sprachlicher Offensiven: "Sprachenlernen ist immer ein mühsamer Weg. Man sollte sich Ziele stecken - aber nicht zu hoch."

Informationen zu allen Veranstaltungen im "Europäischen Jahr der Sprachen" unter www.sprachen-2001.at undwww.eurolang2001.org

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