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"Wer spricht noch kaisisch?"

Mandschu, die Sprache der letzten Kaiser von China, war einst weit verbreitet. Heute sprechen es nur noch eine Handvoll Menschen. In einem kleinen Dorf im Nordosten Chinas unterrichtet eine Schule die vom Untergang bedrohte Sprache -doch die junge Generation tut sich schwer."

Man könnte es bei diesen Informationen aus dem Internet belassen. Doch Marco will mehr wissen: "Wissen Sie, wieviele Menschen es genau gibt, die noch immer die kaisische Sprache sprechen?", fragt er. Oder: "Könnte man die Kaiser-Sprache nicht auch mit YouTube-Videos lernen -so wie ich Englisch?" Der Bub, der eigentlich einen anderen Namen trägt, fragt Verena Blaschitz Löcher in den Bauch. "Tut mir leid, mit Chinesisch habe ich mich noch nie befasst", antwortet sie ihm halb amüsiert, halb peinlich berührt. Während man an der Schule viele unterschiedliche Dinge lernen könne, müsse man sich an der Uni auf ein Thema spezialisieren. "In meinem Fall war das nicht Chinesisch, sondern Deutsch. Und besonders gut kenne ich mich damit aus, wie Kinder Sprachen lernen."

Die sieben Viertklässler, die am Institut für Sprachwissenschaft in der Wiener Porzellangasse an einem riesigen Tisch Platz genommen haben, schauen Blaschitz mit großen Augen an und machen Notizen. Zwei von ihnen sprechen arabisch zu Hause, die anderen bengalisch, philippinisch, polnisch, kroatisch oder serbisch. Von dieser Frau wollen sie nun mehr erfahren: wie Babys sprechen lernen, wie Dialekte zustande kommen oder wieviele Sprachen es weltweit gibt.

Am anderen Ende des Tisches sitzt ihre Lehrerin Julia Frischauf und fragt eifrig mit. Es ist einer von fünf Lehrausgängen zum Thema "UNO-Gedenktage", den die Begabungs-und Begabtenlehrerin in diesem Jahr mit ihrer Wiffzack-Gruppe von der Volksschule Vorgartenstraße 42 in Wien-Brigittenau unternimmt. Die Kinder, die von ihren Klassenlehrerinnen zu Frischauf geschickt wurden, sind nicht zertifiziert hochbegabt. Sie sind nur besonders an der Welt interessiert. Im kommenden März, kurz nach dem Internationalen Tag der Muttersprache am 21. Februar -sollen sie den anderen Kindern ihrer Schule im Rahmen einer Powerpoint-Präsentation die wichtigsten Erkenntnisse des Jahres vorstellen.

"Begabung gibt es nicht nur in der Oberschicht"

Die Schule liegt in keinem einfachen Bezirk, doch sie hat sich mit besonderen Angeboten interessant gemacht: Weil man als "Global Education Primary School"(GEPS) gilt, ist täglich in einer Unterrichtsstunde die Arbeitssprache Englisch. Kinder aus 29 Nationen besuchen die Schule, viele von ihnen erhalten zu Hause keine besondere Förderung. Auch Marco fällt in diese Kategorie. Der Bub stammt aus einer Roma-Familie und spricht zu Hause serbisch. "Er ist umfassend interessiert und merkt sich auch unheimlich viel - sogar Fremdwörter", weiß Julia Frischauf. Seit Jahren weist sie die Schulbehörden darauf hin, dass sich Begabung nicht nur in der gutverdienenden Mittel-oder Oberschicht zeige. "Kinder können auch dann Spitzenleistungen erbringen, wenn sie kein förderndes Elternhaus haben und keine Privatschule besuchen", meint Frischauf. "Man muss ihnen nur mehr zutrauen."

Warum lernen Babys leichter Sprachen?

In der Wiffzack-Gruppe, die jeden Freitagnachmittag stattfindet, wird das jedenfalls versucht. Zuletzt haben sich die fünf Buben und zwei Mädchen mit besonders selten gesprochenen Sprachen beschäftigt -Rätoromanisch, Sorbisch oder eben Mandschu. Im Gespräch mit Verena Blaschitz sollen nun die letzten offenen Fragen beantwortet werden. Warum lernen Babys leichter Sprachen? Weil bei ihnen das Gehirn noch nicht aus zwei Hälften besteht und es ab der Pubertät schwieriger wird. Können gehörlose Menschen auch eine Sprache reden? Ja, aber es klingt meistens etwas komisch, weil Sprache ja über das Hören funktioniert. Können taube Leute eine Fremdsprache lernen? Ja, aber nur eine fremde Gebärdensprache, von denen es sehr viele gibt. Gibt es Sprachen, die weltweit gesprochen werden? Am ehesten Englisch, aber auch die mathematische Sprache oder die Wissenschaftssprache Latein. Kann man wissen, wer eine Sprache erfunden hat? Nein, außer es ist eine Plansprache wie das 1887 vom Augenarzt Ludwik Zamenhof entwickelte Esperanto.

"Du kannst ja selbst eine Sprache erfinden", sagt einer aus der Runde zu Marco. Doch der ist schon wieder mit einem anderen Thema beschäftigt: "Was passiert in einer Welt ohne Sprachen?", fragt er Verena Blaschitz. "Da kann sich niemand verständigen", antwortet sie. "Dann wären alle traurig, weil sie nichts erzählt bekommen. Und wahrscheinlich sterben dann alle." (dh)

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