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Lesen können, aber nichts verstehen

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Analphabetismus ist nicht mehr nur ein Problem der Dritten Welt. Immer mehr Menschen verfügen auch bei uns nicht über die Fähigkeiten, mit der Fülle an Information im täglichen Lebens etwas anzufangen.

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Analphabetismus ist nicht mehr nur ein Problem der Dritten Welt. Immer mehr Menschen verfügen auch bei uns nicht über die Fähigkeiten, mit der Fülle an Information im täglichen Lebens etwas anzufangen.

Polyglott" zu sein ("vielzungig") gilt als hohes Bildungsziel. Gegenstand der Bewunderung ist einer, der nicht nur seine Muttersprache beherrscht, sondern auch noch möglichst viele "Fremdsprachen". Getreu der Lebensweisheit, daß jedes Ding zwei Seiten hat, wird aber auch Sprachenvielfalt oft keineswegs als Segen und Bereicherung der Welterfahrung gesehen, sondern im Gegenteil als Bedrohung: Wenn etwa in manchen Schulklassen sieben bis 15 Muttersprachen vertreten sind, wie das in den Metropolen (zum Beispiel in Wien) durchaus keine Seltenheit mehr darstellt, steigen Eltern auf die Barrikaden. "Mein Kind soll nicht Türkisch lernen, sondern Deutsch und Englisch!", heißt es dann oft.

Die Sorgen von Eltern, daß das eigene Kind in der Erlernung der Muttersprache und wichtiger Fremdsprachen gehandikapped würde, weil gleichzeitig in der Schulklasse Serben, Kroaten, Türken und Iraner sitzen, sind ebenso verstehbar wie ungerechtfertigt.

Die Soziolinguistin Ruth Wodak aus Wien: "Es gibt keine einzige wissenschaftliche Untersuchung, die bewiesen hätte, daß solche Kinder im Erlernen von Sprachen durch die Vielfalt Schaden erlitten hätten - im Gegenteil! Allerdings: Die Lehrpläne in den österreichischen Schulen halten mit der Internationalisierung in Schulen und Kindergärten nicht Schritt. Insofern sind die elterlichen Sorgen verständlich."

Die Frage, wie sich kulturelle und sprachliche Identität inmitten von Sprachenvielfalt bildet und festigt, ist einer der spannendsten Schwerpunkte auf einer Tagung in Wien, die von 26.-28. November im Rahmen des österreichischen EU-Vorsitzes abgehalten wird.

Ort: Österreichische Akademie der Wissenschaften mit mehr als 20 Referenten aus aller Welt.

Titel: "Kommunikationsverlust im Informationszeitalter."

Diesem Titel liegt eine Reihe schockierender Einsichten zugrunde: * Trotz Informationsüberflutung wird immer weniger verstanden.

* Weltweit geht die Zahl der Analphabeten in die hunderte Millionen.

* Selbst in einem Land wie Österreich rechnet man mit etwa 300.000 "funktionalen" Analphabeten, die zwar lesen können, aber oft nicht verstehen, worum es geht.

* Ein französisches Magazin titelte kürzlich: 40 Prozent unserer Kinder können nicht lesen!

* Wer zwar lesen, aber das Gelesene nicht auch verstehen kann, zählt zu den beruflichen Verlierern.

* Ein politischer Zusammenschluß wie die Europäische Gemeinschaft führt notgedrungen zur Konfrontation mit Mehrsprachigkeit - weder Politiker noch Bildungsinstitutionen sind dafür gewappnet. Aussichten auf Besserung dieser Lage gibt es kaum.

Werner Welzig, Germanist und Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: "Das Unverständnis ist groß. Ein sehr renommierter Wissenschafterkollege, dem ich von der Tagung erzählt habe, meinte: Analphabetismus? Ist denn das ein Thema für die Akademie der Wissenschaften? Und ein sehr renommierter Politiker schob die Problematik überhaupt ab: Hat das mit Afrika zu tun? Diese beiden Antworten illustrieren meine Motivation, den Analphabetismus, oder wie man heute besser sagt: Die Illiteralität, zum Thema zu machen. Die Illiteralität hat nämlich viele, oft sehr unvermutete Gesichter."

Es gibt überraschend viele Leute - in Österreich eben: 300.000 -, die zwar lesen und Sprache hören können, die aber nicht begreifen, was damit ausgedrückt werden soll.

Ein solches Erlebnis hat jeder Mensch schon gehabt. Wer hat noch nie versucht, die Gebrauchsanweisung des neuen japanischen Videorecorders, des Mobiltelefons, des Computers oder der tollen Digitaluhr mit den vielen Möglichkeiten zu entziffern? Freilich sind das Beispiele dafür, daß es nicht immer am Konsumenten von Sprache liegen muß, wenn Unverständnis und Ratlosigkeit vorliegen - die Produzenten von Texten sind oft ebenso schuld.

Aber man gewinnt so Verständnis für die Ratlosigkeit von Menschen, die verloren sind, weil sie wesentliche Grundfähigkeiten zum Sprachverständnis nicht mitbekommen haben.

"Nehmen Sie ein Gastarbeiterkind", erläutert Professor Wodak. "Oft lebt es quasi in einer Doppelwelt: Es kann kommunikativ mit anderen Menschen, vor allem solchen aus dem eigenen Kultur- und Sprachraum hervorragend umgehen, und sich in speziellen Situationen sehr gut verständlich machen - aber das sind nicht jene Situationen, auf die es ankommt, das sind nicht die sozialrelevanten Situationen. So werden zum Beispiel die Anforderungen der Schule nicht gut erfüllt. Karriere, Arbeit - in solchen Bereichen bleiben "funktionale Analphabeten" oder Illiterate zurück. Hier finden sie sich nicht zurecht. Und ähnliches gilt für viele, die sich mit Formularen nicht auskennen, auf Behörden hilflos sind und so weiter".

Wodak: "Auf der Tagung werden wir hören, wie andere Länder, die viel Erfahrung mit Multikulturalität haben - wir in Österreich sind ja erst am Anfang -, manche Probleme lösen. Meine volle Bewunderung gilt zum Beispiel Australien, einem klassischen Einwandererland seit je. Dort können Menschen, die nicht Englisch als Muttersprache haben, für Behördengänge einen Dolmetscher anfordern, der sie zur Behörde begleitet."

"Die Illiteralität", so Professor Welzig, " ist ein wissenschaftliches, bildungspolitisches, sozial- und demokratiepolitisches Problem. Wenn ein großer Teil der Bürger nicht mehr imstande ist, technologische Neuerungen adäquat zu nutzen, ist das ein Problem des Arbeitsmarktes. Solche Verlierer der Modernisierung und Globalisierung können am öffentlichen Leben nur mehr eingeschränkt teilnehmen. Die Folge: Anfälligkeit für vereinfachende und radikale Ideologien; und damit ist es zum demokratiepolitischen Problem geworden!"

"Lesenkönnen", so der Germanist weiter, "heißt, sich zurechtfinden. Wenn wir den Leuten nicht das Lesen beizubringen fähig sind, nehmen wir ihnen die Grundfähigkeit der Orientierung in der modernen Welt."

Und Ruth Wodak ergänzt: "Wer mit sprachlichen und schriftlichen Texten gut umgehen kann - das hängt nicht unbedingt mit der sozialen Schicht zusammen -, versteht auch mit neuen Medien gut umzugehen. Auf diese Weise bildet sich eine neue Elite heraus, die wiederum auf sprachlicher Kompetenz beruht, auch wenn es scheinbar "nur" um Zeichensprache geht."

Wer mit Computer, Internet und E-mail nicht umgehen kann, wird kaum einen besseren Arbeitsplatz finden.

Und noch eine Gruppe gibt es, die von neueren technischen Entwicklungen großteils ausgeschlossen ist: Die Pensionisten. "Da hört man oft", so Professor Wodak, "ja, brauchen die das denn überhaupt? Ich finde, die Fragestellung ist falsch gewählt. Die neuen Möglichkeiten der Kommunikation sollten prinzipiell einem jeden zur Wahl offenstehen. De facto aber sind marginalisierte Gruppen, also solche, die an den Rand gedrängt sind (Behinderte, Alte und Minoritäten), benachteiligt. Sie gehören in eine neue Bildungsoffensive eingebunden."

Welzig: "Die Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit steigen mit dem rasanten technologischen Fortschritt. Andererseits führt der Informationsüberfluß im Global Village dazu, daß immer mehr Böhmische Dörfer entstehen. Darauf müssen die europäischen Bildungssysteme endlich ausreichend reagieren!".

Wissenschaftliche Schwerpunkte der EU-Tagung Die "Ebonics-Kontroverse" n Das ist der Versuch in den USA, dem weitverbreiteten strukturellen Rassismus entgegenzuwirken. Die Frage ist unter anderem: Ist das "nonstandard english", wie es die "african Americans" verwenden, eine eigene Sprache, vergleichbar etwa dem österreichischen Deutsch? Die Frage hat enormen innenpolitischen Sprengwert, denn es geht auch darum, ob "ebonics" (abgeleitet von "ebony"= Ebenholz) als Unterrichtssprache anerkannt wird.

Schriftart-Mehrsprachigkeit * Neben die kommunikative Mehrsprachigkeit (zunehmend viele Sprachen) tritt nun auch eine neue Vielfalt der Schriftarten. In der Europäischen Union beispielsweise kommen zur lateinischen Schrift in absehbarer Zeit auch Kyrillisch und das griechische Alphabet dazu, also bedeutungstragende Systeme mit eigener Grammatik.

E-mail bringt neue Sprache * Durch E-mail hat sich eine völlig neue kommunikative Fähigkeit gebildet. Das traditionelle Briefschreiben zum Beispiel geht immer mehr zurück. Trotzdem ersetzen die neuen Medien die alten Formen nicht, sondern sie ergänzen sie. Briefe braucht man für bestimmte Zwecke nach wie vor, zum Beispiel wenn es um persönliche Kontakte geht. Professor Ruth Wodak: "Wir haben herausgefunden, daß man via E-mail nicht streiten kann. Konflikte auf elektronischem Weg auszutragen ist tödlich - die vielen Doppelbedeutungen und unterschwelligen Details der persönlichen Botschaft gehen verloren. Ich bin überzeugt, daß sich in Zukunft die mündliche Kommunikation wie eh und je neben den neuen Formen, die jetzt durch Newswert und Begeisterung hochgespielt werden, durchsetzen wird. Es kommt zu einer Ausdifferenzierung: Man wird genauer wissen, was wofür geeignet ist."

Neue Formen des Sprachenunterrichts gehen viel mehr als bisher üblich auf den individuellen Wissensstand des Schülers ein. Motto: Nicht immer bei Adam und Eva anfangen! Neue Curricula berücksichtigen, daß Schüler aus bestimmten Sprachräumen beim Erlernen neuer Sprachen typische Fehler machen. Außerdem paßt sich der Unterricht unterschiedlichen Kompetenzstufen des Schülers an.

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