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Verena Plutzar: „Es braucht auch Dolmetscher in Spital und Schule“

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Wo Menschen verschiedener Sprache zusammenleben, sind Konflikte und politische Instrumentalisierung vorprogammiert, sagt Verena Plutzar vom „Netzwerk SprachenRechte“. Eine Causa, die angesichts tausender Kriegsflüchtlinge zusätzlich an Aktualität gewinnt.

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Wo Menschen verschiedener Sprache zusammenleben, sind Konflikte und politische Instrumentalisierung vorprogammiert, sagt Verena Plutzar vom „Netzwerk SprachenRechte“. Eine Causa, die angesichts tausender Kriegsflüchtlinge zusätzlich an Aktualität gewinnt.

Für die kommenden Monate rechnen Expert(inn)en mit tausenden ukrainischen Kriegsflüchtlingen in Österreich. Noch ist das Thema Deutschkenntnisse im Rahmen der Aufnahme nicht die Causa prima. Aber Institutionen wie der „Österreichische Intergrationsfonds“ organisieren bereits Sprachkurse für die Vertriebenen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Kinder und Jugendlichen in Österreich die Schule besuchen werden und die Eltern Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Für Migrant(inn)en aus anderen Ländern ist seit 2005 die Aufenthaltserlaubnis an die Sprachkenntnis geknüpft. 2019 gab es zudem einen Gesetzesentwurf, der vorsah, den Empfang von Sozialhilfe an Deutschkenntnisse zu koppeln. Auch wird immer wieder diskutiert, Gemeindewohnungen nur an Menschen mit bestandenem Deutschtest zu vergeben. Verena Plutzar vom Netzwerk „SprachenRechte“ macht angesichts dieser „Sprachenungerechtigkeit“ ein explosives Problem aus, das sich mehr und mehr zuspitzt. Im Interview erklärt sie, warum die Fokussierung auf Deutsch für manche Gruppen zur existenziellen Bedrohung werden kann und warum die Sprache Deutsch in Österreich auch als ein Mittel zur Machtausübung genutzt wird.

DIE FURCHE: Frau Plutzar, das Netzwerk „SprachenRechte“ will insbesondere gegen Sprachenungerechtigkeit vorgehen. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Verena Plutzar:
Sprache muss oft als Begründung dafür herhalten, dass Menschen der Zugang zu grundlegenden Rechten verwehrt wird. Wer nicht Deutsch spricht oder nicht gut genug, dem wird es in puncto leistbares Wohnen, problemloser Teilnahme am Regelunterricht, Aufenthaltsrecht sowie Bürgerrechte schwer gemacht. Diese Sprachenungerechtigkeit findet alltäglich in institutionellen Zusammenhängen statt – etwa wenn im Krankenhaus die Behandlungen ausschließlich auf Deutsch stattfinden und Dolmetscher(innen) fehlen – oder wenn in Schulen mit Eltern nur auf Deutsch kommuniziert wird, obwohl sich das eindeutig für die betroffenen Kinder auswirkt. Auch werden Schüler(innen), die mit zwei oder mehr Sprachen aufwachsen, in ein einsprachig ausgerichtetes Bildungssystem gezwängt – ihre Stärke wird damit zu einer Schwäche gemacht. Das geht alles subtil vonstatten und ist dennoch in einem hohen Maße wirksam. Jetzt gerade sehen wir zwar, dass die Politik geflüchteten Menschen aus der Ukraine positiv gegenübersteht, und bereit ist, alle Institutionen – auch den Arbeitsmarkt – zu öffnen. Jedoch ist zu befürchten, dass früher oder später die Menschen an ihren Deutschkenntnissen gemessen werden und ihre Sprachen an Wert verlieren.

DIE FURCHE: Warum funktioniert diese gesetzlich geregelte Ungerechtigkeit, weshalb geht das zivilgesellschaftlich im allgemeinen Diskurs unter?
Plutzar:
Die entsprechenden Gesetze werden von Menschen gemacht, die von Sprachenungerechtigkeit in der Regel nicht betroffen sind. Wer aufgrund von Migrationsbewegungen nach Österreich gekommen ist, hat durch die restriktive Staatsbürgerschaftsgesetzgebung keine politische Mitbestimmung. Das Staatsbürgerschaftsverfahren inklusive Deutsch- und Werteprüfung ist sehr hochschwellig, die Einbürgerungsrate vergleichsweise niedrig. Ich halte das für demokratiepolitisch hochproblematisch. Zudem scheint Sprache so etwas Selbstverständliches zu sein, wie die Luft, die wir atmen. Niemand denkt darüber nach, wie komplex diese Sprache ist, mit der man so griffige Slogans entwickelt wie „Sprache ist der Schlüssel zur Integration und Bildung“. Ja eh, aber wenn das dann auf gute oder perfekte Deutschkenntnisse reduziert wird, dann wurde die Causa nicht zu Ende gedacht. Es gibt unzählige Menschen, die trotz fließender Deutschkenntnisse keine guten Jobs bekommen oder in der Schule scheitern. Sprache hat wie Integration und Bildung viele Ebenen – und die Schnittmengen sind kleiner als gedacht. Die Rolle der Sprache wird gleichzeitig über- und unterschätzt. Unterschätzt wird sie dort, wo man glaubt, mit Einheitsprüfungen Sprachkompetenzen objektiv abbilden zu können.

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