Flüchtlingsbetreuung als politisches Labyrinth

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Über Geflüchtete wird viel gesprochen und geschrieben. Über den ganz normalen Alltag mit ihnen aber kaum etwas. Ein Gastkommentar.

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Über Geflüchtete wird viel gesprochen und geschrieben. Über den ganz normalen Alltag mit ihnen aber kaum etwas. Ein Gastkommentar.

Debatten über Kopftuch-und Schwimm badverbote oder Registrierungen von Menschen, deren Religion geschächtetes Fleisch vorschreibt, haben anscheinend vor allem eine Funktion: Sie lenken von wichtigeren Themen ab. Was aber sieht man, wenn man an dem Für und Wider zu Hardliner-Ansagen vorbei blickt? Speziell aus der Perspektive freiwilliger Flüchtlingsarbeit nimmt man den Alltag wahr, der viel komplexer ist als vereinfachende Debatten es vermuten lassen.

Mit den Problemen des Alltags sind vor allem Freiwillige, Schulen und Arztpraxen befasst, das hat FP-Landesrat Gottfried Waldhäusl aus Niederösterreich schon richtig erkannt. Aber diese an sich richtige Beobachtung soll nur dazu herhalten, Caritas und Diakonie zu maßregeln und in der Flüchtlingsbetreuung auszuschalten. Tatsächlich können die NGOs aufgrund zu geringer Mittel ihren eigenen Ansprüchen kaum gerecht werden, Menschen nach der Flucht professionell zu begleiten -in sozialen, rechtlichen und medizinischen Fragen sowie in psychischen Krisen. Politik vertraut offensichtlich zunehmend billigstbietenden Firmen, die keinen Anspruch auf professionelle Sozialarbeit erkennen lassen. Das fällt gerade angesichts der Umsiedlungsaktionen der Bewohner des Quartiers St. Gabriel durch das Land Niederösterreich auf. NGO-Bashing verschleiert daher nur den Trend zu schlechterer Versorgung.

Kopftuch als Integrations-Hindernis?

Viele reale Probleme warten zugleich darauf, von umsichtiger Politik aufgegriffen zu werden, und zwar moderierend und fördernd und nicht als autoritäre Geste:

Die Helfenden sind durch Eigenlogiken von Professionen und Organisationen zersplittert; die Kommunikation an Nahtstellen zwischen NGOs, Freiwilligen, Quartiergebern, Verwaltung und Politik findet kaum oder gar nicht statt. Und alle Beteiligten leiden unter den Zick-Zack-Kursen von Landes-und Bundespolitik mit immer neuen Vorgaben.

Es mangelt an struktureller Unterstützung der Freiwilligenarbeit. Insbesondere gibt es keine telefonische Unterstützung durch Dolmetscher bei Arztbesuchen und Amtswegen, wo immer Übersetzungen benötigt werden. Speziell medizinische Behandlung wird aus diesem Grund oft verweigert. Auch an sozialen Räumen, in denen heftigere Probleme kultureller Unterschiede ideologiefrei thematisiert bzw. aufgelöst werden können, mangelt es.

Auf dem Sektor Gesundheit und Soziales fällt auf, dass auch das Gesundheits-und Sozialsystem für Einheimische ungenügend ist, vor allem in ländlichen Regionen. Es gibt viel zu wenige Angebote für betreutes Wohnen in Krisenfällen, interdisziplinäre Helferkonferenzen scheinen unbekannt zu sein. Darunter leidet sowohl die Integration von einheimischen sozial Benachteiligten als auch die Integration von Asylsuchenden.

Die Folgen traumatischer Erfahrungen oder Gewalt im familiären Kontext werden kaum wahrgenommen und reflektiert -weder von den Betroffenen, noch von den Helfenden. Es gibt keine geeigneten sozialpsychiatrischen Angebote für Menschen, die meist aufgrund der sozialen und rechtlichen Unsicherheit ihrer Lage überhaupt nicht fähig sind, sich auf eine Einzeltherapie einzulassen. Auch solche Angebote sind kaum vorhanden -auf dem Land gar nicht und in den Städten mit langen Wartezeiten. Daher sind auch wir Freiwilligen immer wieder mit prekären Situationen konfrontiert, in denen sich weder das Gesundheitssystem noch NGOs und schon gar nicht marktförmig agierende Firmen als hilfreich erweisen. Und die wenigen Beispiele guter Praxis, die trotz chronischen Mangels funktionieren, werden ausgehungert und aufgelöst wie das Quartier St. Gabriel. Das Antwortschreiben des niederösterreichischen VP-Klubs auf Protestschreiben an die Landeshauptfrau zu dieser Entwicklung kommt aus der Perspektive des Alltags freiwilliger Leistungen daher als nicht zu überbietende Vogel-Strauß-Politik an: "Für uns steht im Mittelpunkt, dass Menschen, die Hilfe brauchen, ordentlich versorgt und betreut werden. Das muss auch im Fall der Bewohner der Unterkunft St. Gabriel sichergestellt werden." Doch während angeblich noch "eingehende und objektive Prüfungen" stattfinden, werden vor Ort Fakten gesetzt und weitere Einsparungen vorgenommen. Durch eine mit unglaubwürdigen Floskeln verdeckte Sparpolitik wird die Gefährdung aber nur unsichtbarer, nicht geringer. Es ist zu vermuten, dass genau diese Unsichtbarkeit der Sinn der geplanten Betreuung durch eine Bundesagentur sein soll.

In Asylverfahren zeigen sich sehr unterschiedliche Zugangsweisen der zuständigen Referenten. Es gibt welche, die sich ernsthaft um eine gerechte Beurteilung bemühen. Es gibt aber auch solche, die sich bei den Anhörungen in Sadismus und Zynismus flüchten. Das Kopftuch dient in solchen Fällen gerne als Zeichen von Integrationsunwilligkeit, Bikinis gelten als Code für kulturelle Anpassung. Widersprüche in den Aussagen führen leicht zu einem negativen Bescheid. Vielfach entstehen sie, weil die Befragten bei den Anhörungen übermüdet sind -das erste Mal nach den Strapazen der Flucht, das zweite Mal, weil die Anhörungen oft so organisiert sind, dass die Anreise zur Befragung eine halbe Nacht dauert. Übermüdung und Aufregung bewirken, dass die Ergebnisse entsprechend verworren sein können. Es fällt zudem auf, dass Menschen aus den aktuellen Krisengebieten nicht gewohnt sind, sich so punktgenau auszudrücken, wie es bei Anhörungen erwartet wird. Man spricht eher in Metaphern und Umschreibungen, was vielfach unverständlich wirkt -auch bei Menschen, deren Fluchtgründe der Genfer Konvention entsprechen. Diese Beobachtung deckt sich damit, dass 42,4 Prozent der angefochtenen negativen Asylbescheide von 2017 gerichtlich revidiert wurden.

Hunger nach Demokratie

Projekte von Caritas und Diakonie zur Wohnungsvermittlung für anerkannte Asylwerber werden abgebaut. Vor allem in den Städten gibt es fast nur mehr Wohnraum von anderen Migranten zu überhöhten Mietpreisen mit illegalen Verträgen. Es drohen Kündigungen und der Verlust der ohnehin schwer erschwinglichen Kautionen.

Lange Zeiten des Nichtstuns fördern depressiven Rückzug, aggressives Verhalten sowie Misstrauen der eingesessenen Bevölkerung gegenüber der angeblichen Faulheit von "Asylanten". Es bräuchte mehr speziell begleitete gemeinnützige Projekte -mit flexiblen Arbeitszeiten und informeller Begegnung mit Einheimischen im öffentlichen Raum. Arbeiten kann auf diese Weise allen Beteiligten Freude machen. Selten habe ich Menschen bei der Arbeit so herzlich lachen gesehen wie in einem gemeinnützigen Arbeitsprojekt, obwohl Renovierungen zu erledigen waren, für die kein Einheimischer zu gewinnen war.

Auch für mich überraschend: Aus Kriegsund Krisengebieten kommen nach Demokratie geradezu hungrige junge Menschen wie Rania und Ayman aus Raqqa, die bemerkenswerte Erfahrungen zivilgesellschaftlichen Engagements mitbringen. Das müsste aufgegriffen werden, auch als Unterstützung für künftige demokratische Prozesse in den Herkunftsländern. Nicht zuletzt würde es hiesigen jungen Menschen angesichts antidemokratischer Tendenzen in Europa guttun, zu erfahren, wie sich Menschen in aktuellen Krisengebieten für Demokratie einsetzen.

Der ganz normale Alltag mit Flüchtlingen macht auf strukturelle Probleme und Möglichkeiten aufmerksam, die Eingesessene und Zugezogene gleichermaßen betreffen können. Manipulative Politik nutzt sie, um zu spalten, sachdienliche Politik greift sie auf im Sinne der Integration aller, die in diesem Land leben.

| Die Autorin ist Historikerin und Philosophin und leistet seit Juli 2015 freiwillige Arbeit in der Betreuung von Flüchtlingen|

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