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Im modernen Spannungsfeld

Nicht selten wird der Kirche der Vorwurf gemacht, sie habe versagt. Sie habe v?r^™t in der Findung einer weltweiten Fräedensord-nung, wie es ihr auch auf dem Felde der sozialen Gerechtigkeit sowohl an sozial-reformerischem Elan gegenüber den herrschenden Schichten als auch an umfassenden Lösungserfolgen gegenüber der Not und dem Elend menschlichen Lebens gemangelt habe.

Es ist freilich ein Unterschied, ob solche Vorwürfe aus der Resignation gemacht werden, die Kirche kann es eben auch nicht, oder ob aus dem Gefühl einer neuen sozial-messianischen Ideologie und Utopie heraus: wir werden es schaffen. So ist die christliche Sozialreform immer irgendwie zwischen Resignation und Utopie gestanden, vielleicht in ihrem eschatologischen Glauben immer näher der Zukunftsvision in der Erwartung des „kommenden Reiches“.

Soll daher über die Persönlichkeit des christlichen Sozialarbeiters ausgesagt werden, ist eine kurze Ortung der Position der Sozialarbeit in der historischen gesellschaftlichen Entwicklung von den Grundsätzen der Sozial-ethik her angebracht. Die zeitgemäße Aufgabenstellung des Sozialarbeiters folgt daraus wie ebenso schließlich sich seine Persönlichkeit im Anruf der Zeit abhebt.

Christentum und sozialer Fortschritt

Um es gleich vorweg zu sagen: die sozial-reformerischen Kräfte der Kirche und der Christen werden fälschlich oft unterschätzt. Doch nicht die lauten Revolutionen verändern das Antlitz der Welt so grundlegend wie die stillen! Dabei ist es gar nicht so, als ob die christliche Sozialreform nur die soziale Evolution kennte. Es gibt Situationen, wo — meist durch das Versagen der politischen Führung — das Gemeinwohl so verzerrt sein kann, daß von einem Notwehrrecht des Volkes im Sinne sozialer Erhebung gesprochen werden kann. (Vergleiche zu den Bedingungen für das Eingehen des Risikos revolutionärer Maßnahmen zum Zwecke der Sozialreform: Joh. Messner, Das Naturrecht, Auflage, S. 349!). In der Regel wird aber die radikale Sozialreform eher von der Dynamik gesellschaftlicher Evolution ausgehen.

Eine solche Evolution ganz radikaler Art hat doch das Christentum ausgelöst. Zu immer neu gestellten Fragen der Reform der gesellschaftlichen Einrichtungen und deren Lösung vermittels einer wachsenden Erkenntnis aus der Natur der Sache kommt nicht zuletzt aus den übernatürlichen Heilskräften der Kirche ihr Einfluß auf den Wandel der Gesinnungen.

Ist nun angesichts des offenbaren weltanschaulichen Pluralismus unserer entwickelten industriellen Gesellschaft damit die soziale Reform und Heilskraft der Kirche an dieser Gesellschaft und deren Einrichtungen gemindert, ist nicht das christliche Sozial-apostolat überhaupt in Frage gestellt? Die Meinung der Konziiväter, wie sie sich im Schema über „Die Kirche in der Welt von heute“ ausdrückt, bestätigt solche Annahmen keineswegs. Aber auch ein Blick auf die geistige Situation der pluralistischen Gesellschaft gibt uns Anlaß zur Meinung, daß die Welt des Humanen, der Menschenrechte, wie sie heute doch immer tiefer und weiter erkannt werden und im Wertgewissen der Gesellschaft Eingang gefunden haben, nicht nur aus vergangener christlicher Kulturtradition stammen, von ihr geformt und beeinflußt wurden, sondern auch weiterhin ihren tra-

Nicht frei von Normen

Das soll nicht heißen, daß wir ohne Normen für das gesellschaftliche Apostodat auskommen können. Mehr als in anderen Bereichen zeigt sich auf dem der sozialen Tätigkeit die Verknüpfung der Fragen mit dem Menschenbild und den Wertauffassungen. Aus objektiven Werten, an denen wir Christen hier nie vorbeisehen können, folgen aber auch allgemeinverbindliche Normen. Dabei ist sehr beachtlich, daß die traditionelle christliche Ethik sowohl am Ziel möglichster irdischer Glückserfüllung (Eudämonie des Aristoteles!) festgehalten hat als auch an der Notwendigkeit, diese durch seinsbedingte Normen und deren Erfüllung zu erreichen. Eudämonisti-sche und normative Ethik sind kein Widerspruch, ebenso wie es personalistische und normative Ethik nicht sind! Dies sei gegenüber einer sich modern und allein „persona-listisch“ dünkenden Situationsethik gesagt zugunsten der manchmal als „inhuman“ apostrophierten naturrechtlichen Ethik und christlichen Moral.

Galt es bisher, sich im Sinne der Kirche zu einer christlichen Sozialreform zu bekengenderen Grund im Christentum haben, als es zunächst auszusehen scheint.

Unsere pluralistische Situation hat dadurch einen sehr positiven Aspekt und die Hoffnung auf die Evolution einer humaneren und damit christlicheren Gesellschaft und Gesellschaftsordnung, als es vielleicht zu Zeiten einer äußerlich geschlossenen Christianität in Staat und Gesellschaft der Fall gewesen schien.

Nach dem Konzil

Der Aufruf des Konziiis für ein Sozial-apostolat der Laien hat die ungeteilte Verantwortung des Volkes Gottes für den gesamten gesellschaftlichen Bereich wieder betont. War in früheren Zeiten das Sozialapostolat und soziale Aktion überhaupt stark auf einzelne charismatische Bewegungen der Kirche, insbesondere auf viele Ordnungsgemeinschaften beschränkt, dürfte heute die Zeit gekommen sein, daß das soziale Engagement mit dem besonderen Anruf an die Laien praktisch die Gesamtkirche zu erfassen beginnt. Kein Katholik kann sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung mehr ruhigen Gewissens entziehen. Freilich hat er dabei mehr als früher vielleicht auch neben der Soziallehre der Kirche sein eigenes Gewissen über seine soziale Verpflichtung und seinen Weg dabei zu befragen! nen und die in der pluralistischen Gesellschaft neugelagerte, aber erweiterte Chance der Zeit dafür zu erkennen, soll weiter die moderne Aufgabenstellung des christlichen Sozialapostolats skizziert werden.

Freie Lebensgestaltung

Die für unsere Zeit so charakteristische gesellschaftliche Verflechtung des Lebens ist kein Gegensatz zur Entfaltung der Einzelpersönlichkeit. In vielen Belangen ist der Mensch heute zu einer freieren Lebensgestaltung gekommen als früher. Die Verdichtung der gesellschaftlichen Kooperation und die soziale Angewiesenheit muß gar nicht zwangsläufig zu einer Verarmung der Persönlichkeitsentfaltung führen, zu einem Abgleiten in die Masse. Mit der sozialen Anpassung, wenn sie aus innerer Haltung bewältigt wird, geht unbedingt eine innere Bereicherung der menschlichen Person einher.

So dürfen wir sicher mit der Zunahme der sozialen Einbettung und Verantwortung unseres Lebens die Möglichkeit zu dessen individueller vollmenschlicher Entfaltung verbunden sehen. Freilich kann den bedauerlichen Formen und Gefahren der Massengesellschaft und der Adaption daran nur mit einer vertieften inneren Bildung des Menschen begegnet werden, doch hängt diese innere Bildung engstens mit der Ausbildung der personalen sozialen Begabungen und Leistungen jedes einzelnen zusammen. Es dürfte daher ein besonderes Bildungserfordernis in unserer Gesellschaft sein, für den einzelnen wie für die ganze Gemeinschaft wiederum, jedes Gesell-schaftsglied für das Leben in der Gemeinschaft zu bilden, entsprechend seinen natürlichen Anlagen die sozialen Fähigkeiten und Tugenden auszubilden und zur Entfaltung zu bringen.

Damit haben wir drei wichtige Aussagen erarbeitet: Sozialarbeit ist heute zuerst und weitgehend nicht Tätigkeit an auftretenden Krankheitserscheinungen am Sozialorganis-mus. Sozialarbeit ist wesentlich Bildung und Erziehung des Menschen, jedes Menschen, für die Gesellschaft.

Damit ist zweitens diese Sozialarbeit ein Bildungsvorgang, der im Dienste der sozialen Gesamtentwicklung steht. Sie ist entsprechend dem Zeiterfordernis sehr stark bildungsorienitiert durch Vermittlung von Wissen wie ebenso von Haltungen und Grundwerten. Unter diesem Gesichtspunkt tut sich ein weites Feld für die Sozialarbeit auf, die zum Teil von alten Sozialberufen noch mehr aufgegriffen werden müßte als vom Lehr- und Priesterberuf. Diese Aufgaben sind aber auch von sozialen Verantwortungsträgern neueren Art, wie es zum Beispiel heute Betriebsräte oder Verbandsfunktionäre sind, zu sehen. Es steht aber noch ein weites Feld offen, für das es noch kaum den sprechenden Typ des Sozialarbeiters gibt, wo ein solcher aber berufsmäßig sehr not täte. Drei Schwerpunkte ließen sich dafür nennen: Familie, Berufswelt (Industrie), Freizeit.

Es ist die Frage, wie weit hier das traditionelle kleine Angebot an Sozialarbeitern überhaupt einen Einsatz Ubernehmen kann und wie entsprechend gegliedert die Ausbildung noch ermöglicht werden müßte. Aus dem Bereich der Freizeit nenne ich nur den Heimleiter und den Sportlehrer auf einem Sportplate der offenen Tür, um die Breite der erforderlichen zusätzlichen Spezialkenntnisse vom Werken bis zum Sport-ABC aufzuzeigen.

Erst in dritter Linie würde ich als Aufgabengebiet des Sozialarbeiters die Fürsorge im traditionellen Sinn nennen. Sind die zwei obigen Aufgabengebiet in Bezug zur sozialen Ausbildung aller Menschen zu sehen, handelt es sich hier um Maßnahmen der Sozialhüfe und der Resozialisie-rung. Auch hier ist eine Ausweitung der Sozialarbeit unverkennbar. Das hängt einmal mit der Erkenntnis der Verantwortung der Gesellschaft für die Schwachen zusammen. Barmherzigkeit, in der Antike ein Fremdwort, durch das Christentum gepredigt, oft aber in erster Linie nur von den Orden und unmittelbar kirchlichen Einrichtungen organisiert, wahrgenommen, ist heute sicher als Zeichen der Humanität im Begriffe, allgemein anerkannt zu werden.

So ist das Sozialgewissen heute eine treibende Kraft für die Maßnahmen der Gesamtgesellschaft des Staates geworden. Doch nicht nur das Bewußtsein der Verpflichtung zur Sozialarbeit ist universell geworden, auch die Aufgabengebiete sind so erkannt, daß zumindest der Wille zur universellen Sozialfürsorge in allen Sorgefällen des menschlichen Lebens wirksam geworden ist. Soziaiarbeit ist heute weiter selbst als Verpflichtung am Weltgemeinwohl erfaßt!

Zum Leitbild für den Sozialarbeiter

Sollten wir dies alles nicht als Zeichen des Anbruchs für ein sozialeres und damit humaneres Zeitalter auffassen dürfen? Es ist dies freilich mehr ein Anruf des entfalteten Gewissens und seiner gesellschaftlichen Wirkkraft als schon Wirklichkeit! Dieser Anruf wird auch zum Teil nur soweit wirksam, als sich Menschen der Sozialarbeit zur Verfügung stellen.

Noch befinden wir uns in der Sozialarbeit in einem gewissen Pionierzeitalter, noch ist deren Wert nicht allgemein so anerkannt, daß der hauptberufliche Sozialarbeiter immer entsprechende Stellung und Bezahlung findet. Diese Situation stellt ihn aber zugleich in die Reihe derer, die wirklich aus Idealismus ihren Beruf gewählt haben.

Sozialarbeit wird dabei immer eine echte Berufung bleiben, ein Beruf, der einen Menschen voll auszufüllen vermag. Sozialarbeit verlangt im Umgang und Dienst am Menschen einmal ein grundlegendes Wertbewußtsein des Humanen, des Wahren, Guten, Schönen und Heiligen. Ein solches Wertbewußtsein kann nicht ohne Werteinheit und gesicherte Wertordnung bestehen, was aber wieder nicht ohne Weltanschauung zu bewältigen ist. Welche Hilfe und Kraftquelle kann daher für den Sozialarbeiter die Religion sein!

Der Umgang mit Menschen, Bildungseinfluß, kann nur erfolgreich sein, wenn das persönliche Vorbild mitwirkt. Oharakterliche Festigkeit und besondere Ausbildung der sozialen Tugenden sollten den Sozialarbeiter auszeichnen. Das höchste Gut der Gemeinschaft, das Leben in der Liebe, muß nicht zuletzt der Sozialarbeiter durch die Wärme seiner Liebe bewirken helfen. Ehrfurcht vor der menschlichen Würde, Dienstbereitschaft und Demut müssen ihm zu Ausdauer und Geduld im Berufswirken helfen, das nicht selten ein selbstloses und unbedanktes bleiben wird.

Bei der Fülle der Aufgaben und Probleme, für die es weitgehend nicht den „Spezialisten“ geben kann, wird der Sozialarbeiter ein umfassendes geistiges und praktisches Rüstzeug benötigen. Das Opfer einer längeren Ausbildung, eines späteren Berufseintritts ist damit verbunden.

Auch das Konzilsdokument über die Kirche in der Welt von heute ruft in bewegten Worten zum Sozialapostolat auf und umreißt die Persönlichkeit des Sozialapostels: Alle, „die am heutigen wirtschaftlichen Fortschritt aktiv teilnehmen und sich zu Vorkämpfern für Gerechtigkeit und Liebe machen, sollen überzeugt sein, daß sie viel zum Wohl der Menschheit und zum Frieden der Welt beitragen können“. Sie sollen in ihren Wirkungskreisen „beispielhaft vorangehen,... sich das nötige Wissen und die notwendige Erfahrung aneignen“. Sie mögen leben „in Treue gegen Christus und sein Evangelium, damit ihr individuelles wie soziales Leben vom Geiste der Seligkeiten... geprägt werde. Wer, in der Nachfolge Christi, zuerst das Reich Gottes sucht, empfängt von dort eine stärkere und reinere Liebe, um allen seinen Brüdern zu helfen und das Werk der Gerechtigkeit uniter dem Antrieb der Liebe zu vollenden“. (Nr. 72).

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