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Der Streit um die Bildung

Was Theologie und Kirche(n) zur Bildungsdebatte beitragen können.

Learning to be" nannte die UNESCO ihren Bildungsreport im Jahre 1973. Ein Vierteljahrhundert später stellte die Europäische Union ihr programmatisches Bildungsdokument unter das Thema: "Auf dem Weg zur Wissensgesellschaft". Dem entspricht ein Mitglied der EU-Kommission, das die Kirchliche Pädagogische Hochschule in Wien mit den Worten "Humankapital", "Ressourcen", "fit machen im globalen Wettbewerb" eröffnete. Daran soll sich die Bildung der Lehrenden orientieren? Dabei bilden Pädagogische Hochschulen fast ausschließlich Lehrende an allgemein bildenden (!) Pflichtschulen aus. Für die Frage nach dem Verständnis von Allgemeinbildung, so man sie nicht rein bildungsbürgerlich oder im ökonomischen Verwertungsinteresse abhandelt, ist eine Auseinandersetzung mit Wolfgang Klafki auch heute noch hilfreich. Er macht das "Allgemeine der Bildung" fest, dass sie (1) eine Bildung für alle ist, (2) die Entfaltung aller menschlichen Möglichkeiten umfasst und (3) sich im Medium des Allgemeinen vollzieht, also jener "Schlüsselprobleme", die alle betreffen, die gemeinsam sind, und die befähigt, diese zu bearbeiten. Dieses Bildungsverständnis steht in konfliktreichem Widerspruch zu jenen Interessen, von denen die öffentliche Bildungsdiskussion in Europa derzeit primär bestimmt ist: Bildung wird auf Ausbildung für eine sich globalisierende Weltwirtschaft reduziert, allgemein bildende Aspekte nach dem Nutzen für diese bewertet. Die Schlüsselfragen, um die sich der Konflikt um die Bildung rankt, lauten: Was ist Bildung? Wem dient Bildung? Wozu dient Bildung?

Woran die Theologie erinnert

Theologie und Kirche erinnern daran, dass die Frage nach dem Nutzen von Bildung zwar legitim ist, dass sie aber - wird sie zum wichtigsten Aspekt erklärt - zerstörerisch wirkt. Ohne Einbettung der Frage nach dem Nutzen in den größeren Horizont von Wesen und Subjekten, Zweck und vor allem Sinn von Bildung wird diese zur entfremdenden Ware, zum anpassungsorientierten Reproduktionsvorgang und dient primär der Karriereförderung einzelner sowie dem wirtschaftlichen Erfolg. Sozialer Zusammenhalt und Solidarität, Gerechtigkeit und Gemeinwohlorientierung als wesentliche Aufgaben von Bildung geraten ins Hintertreffen.

"Bildung für alle" ist so z. B. für die Katholische Aktion Österreichs (KAÖ) angesichts der Benachteiligung von "Kindern aus MigrantInnenfamilien" derzeit nicht erfüllt. Sie vertritt in Konsequenz christlichen Glaubens eine "Option für die Armen" und verlangt "Bildungsgerechtigkeit als soziale Aufgabe" verwirklicht in einer "inklusiven Schule", in der alle Kinder gemeinsam lernen und es normal ist, verschieden zu sein. Für die KAÖ sind gebildete Menschen in der Geschichte durch "ihre Fähigkeit zur eigenständigen Beurteilung der Dinge und zum eigenständigen und selbstverantwortlichen Handeln" aufgefallen. Demnach war Franz Jägerstätter, der einfache Bauer und Mesner, ein (religiös und sittlich) gebildeter Mensch, der sich seine Bildung von keiner gesellschaftlichen Autorität degradieren ließ.

"Bildung schafft Bindung", stellt auch der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich in seinem Sozialwort fest, "und stärkt so den sozialen Zusammenhalt." Hier ist wieder das Bildungsverständnis der UNESCO zu finden, wenn "Bildung bedeutet, dass Menschen sich bilden", um "ihr Leben sinnvoll zu gestalten".

Im Rahmen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf wurde bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten unter Beteiligung von Paulo Freire der Ansatz des "Ökumenischen Lernens" entwickelt. Hier wird Ökumene im Sinne des griechischen oikos (Haus, Haushalt) und der oikumene (bewohnter Erdkreis) verstanden. "Leben lernen im Haushalt der einen Welt", das wäre eine Allgemeinbildung, die gerade im christlichen oikos, der Gemeinschaft, die dem Herrn zugehörig ist, erworben werden könnte.

Schließlich kann die Theologie daran erinnern, dass Bildung nicht nur dem Erwerb von Wissen, von Qualifikationen und Kompetenzen dient, sondern ein Vorgang ist, in dem Menschen einander fördern, ermutigen und ermächtigen, autonom und gemeinsam an Wachstum und Entwicklung, Aufbau und Entfaltung einer freien und gerechten, solidarischen und friedlichen Welt mitzuwirken. Aller Wissens- und Kompetenzerwerb bekommt von diesem Horizont her seinen Sinn. Theologisch formuliert: Bildung ist ein Beitrag zur "Reich-Gottes-Praxis", denn in einer solchen "gebildeten" Welt kann Gott glaubwürdig als jene Wirklichkeit erfahren werden, die Grund, Sinn und Ziel menschlichen Lebens ist - und selbst schöpferisch wirkt, seine Menschheit zu verwandeln, zu bilden.

Dimensionen von Bildung

Wird Bildung als unverzichtbare Dimension menschlicher und sozialer Entwicklung betrachtet, führt dies zu pastoralen Konsequenzen. Sie ist nicht ein eigener Aufgabenbereich, der in Zeiten knapper werdender finanzieller Mittel beliebig reduziert werden kann, weil er nicht zum "Kerngeschäft" gehört. Bildung ist dann eine Grunddimension allen kirchlichen Handelns. In einer Gesellschaft pluraler Lebensstile und Weltdeutungsmöglichkeiten können nur gebildete Christinnen und Christen glaubwürdig und nachhaltig verständlich machen, warum der Weg der Nachfolge Christi auch im 21. Jahrhundert eine sinnvolle Lebensalternative ist. Bildung ist aber auch im Binnenraum Kirche unabdingbar. Ohne Bildung wird christliche Spiritualität zur Frömmelei, wird Glaubensverkündigung zur bloßen Meinung oder Behauptung; ohne Bildung wird das diakonische Handeln der Kirche rasch zum sozialen Notnagel der Gesellschaft, und Liturgie wird auf ein privates Erbaulichkeitsritual reduziert. Ungebildetes gesellschaftspolitisches Handeln der Kirche wird zur lobbyistischen Interessensvertretung. Kirche wird dann "Partei" im Markt der Meinungen und Positionen und verschärft religiöse, kulturelle, politische Konflikte. Damit aber verfehlt sie ihr Wesen, "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (so das Konzilsdokument "Lumen gentium", LG 1) zu sein - den Menschen zu dienen, indem sie versöhnend mithilft, gemeinsam Lösungen für die gesellschaftlichen Herausforderungen zu finden. Bildung gehört daher zu den zentralen pastoralen Herausforderungen. Nur eine gebildete Kirche kann "Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person" (Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes des II. Vatikanums, GS 76) auf Gott hin sein.

Eine "gebildete" Kirche

Gebildetes Glaubenszeugnis kann zu einer vernünftigen und verantworteten Rede über Gott im öffentlichen Raum beitragen - ein zentrales Anliegen Papst Benedikts XVI. Gebildete Diakonie erkennt die Ursachen sozialer Not und kann Lösungsmodelle mitentwickeln. Gebildetes liturgisches Feiern entfaltet wahrnehmungs- und wirklichkeitsverändernde Kraft, weil es Menschen stärkt, mit Gott in der Spur des Evangeliums Welt und Gesellschaft hier und heute mitzugestalten. Bildung ermöglicht "gelehrte Hoffnung" (Ernst Bloch), aber auch begründete Freude und nüchterne Dankbarkeit, geerdeten Glauben und Liebe, die ihr Handeln vom Anderen her bestimmt- geistliche Haltungen, derer die hochgradig verunsicherten, atmosphärisch von apokalyptischen Zukunftsängsten erfassten modernen Gesellschaften dringend bedürfen. Eine solch gebildete Kirche wird zu jener Pilgergemeinschaft im Glauben, in der Christen mit anderen gemeinsam "Gott glauben lernen".

Eine Lerngemeinschaft

Dafür ist es hilfreich sich zu erinnern, dass die Kirche sich selbst als "Lerngemeinschaft" verstehen darf. Die Kirche(n) als Lerngemeinschaft? Das setzt jedenfalls Fehlerfreundlichkeit voraus, eine Atmosphäre, die nicht davon bestimmt ist, was man glauben muss, sondern wie man glauben lernen kann. Vorrangig wäre dann nicht die Didaktik, "die Kunst des Lehrens", sondern die Mathetik, die Kunst des Lernens.

Ladet alle Menschen ein, sich der Lerngemeinschaft Jesu anzuschließen, wie es ja sinngemäß im Missionsbefehl nach Matthäus heißt (Mt 28,19). Und das II. Vatikanische Konzil stellt die Kirche als eine Gemeinschaft vor, die von Beginn ihrer Geschichte an gelernt hat, "die Botschaft Christi in der Vorstellungswelt und Sprache der verschiedenen Völker auszusagen …, um so das Evangelium sowohl dem Verständnis aller als auch berechtigten Ansprüchen der Gebildeten angemessen zu verkünden" (GS 44). Wer nun wie der Bibeltheologe Wilhelm Bruners entdeckt, dass auch Jesus Lernender war ("Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt", Hebr 5,8), erfährt sich selbst als (Glauben) Lernender in bester Gesellschaft und wird zugleich auf den Zusammenhang von Leiden und Lernen aufmerksam. Hängen nicht Leidvermeidung ("Der Gotteskomplex", Horst Eberhard Richter) und Lernverweigerung eng zusammen? Wer lernt, verändert sich - oft schmerzvoll.

Regina Polak ist Pastoraltheologin, Martin Jäggle ist Professor für Religionspädagogik. Sie leiten das Institut für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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