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Die falsche Gleichung

Daß christliche Politik möglich ist, steht fest, sei es über die Institution einer Partei oder in anderer, freier Form. Bis zum zweiten Weltkrieg hatte es nun den Anschein, als ob christliche Politik weitgehend mit „bürgerlicher“ Politik gleichzusetzen sei. Als Folge dieser falschen Gleichung wurde daher christliche Politik in ihrem Wesen als nur-bürgerliche Klassenpolitik gewertet. „Bürgerlich“ hier nicht im allgemeinen, sondern in seinem spezifisch politischen und soziologischen Sinn als „Besitzbürgertum“ und im bewußten oder faktischen Gegensatz zur Arbeiterschaft und zu jeder sozialen Neuordnung.

Wer als Christ aber z. B. bürgerliche Politik und ausschließlich diese macht, der macht eben nur bürgerliche und nicht christliche Politik und ist Vertreter von Interessentengruppen, wobei selbstverständlich nicht gesagt sein soll, daß eine nur-bürgerliche Politik wegen ihrer Ausschließlichkeit allein schon unchristlich ist. Das wäre ein Denken aus einem Klassenkampfmythus heraus, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Daher ist auch Nur-Arbeiterpolitik deswegen allein (wie man zuweilen in Frankreich meint) noch nicht christliche Politik. Politisches Handeln aber wird jedenfalls durch eine bürgerliche Etikettierung allein nicht „getauft“. Halten wir das fest.

In diesem Zusammenhang ist es auch notwendig, neuerlich auf die Frage zurüde- zugreifen, ob ein Christ marxistischer (also atheistischer) Sozialist sein könne. Die Ant wort kann immer nur „nein“ lauten. In gleicher Weise aber ist es geboten, zu fragen, ob ein Christ Mitglied einer, wenn auch nicht offen, so doch faktisch atheistischen „bürgerlichen“ Partei sein darf (etwa der FDP in Deutschland), die bereit ist, jederzeit „belgisch“ zu reden, das heißt mit dem offenen Atheismus zusammenzugehen. Konsequent zu Ende gedacht, müßte die Antwort die gleiche sein: Nein! Man kann nicht eine Form des Atheismus ablehnen, eine andere aber, weil eleganter und konzilianter vorgetragen und mit nationalem Aufguß versehen, annehmen oder wenigstens dulden.

Jede Politik mündet nun irgendwann in Interessenpolitik. Das ist unvermeidbar und entspricht der menschlichen Natur, die sich auch als ein Bündel von Interessen darstellt. Auch eine wahrhaft christliche Politik wird — zumindest nebenher — Interessenpolitik sein und sein müssen. In ihrem Wesen muß christliche Politik auf institutionelle Neuordnung und Schaffung jener sachlichen Bedingungen, die christliches Leben in seiner Fülle erst möglich machen, gerichtet sein.

In die Auseinandersetzung um den sozialen Standort christlicher Politik greifen seit einem Jahrzehnt vor allem die christlichen Demokraten Frankreichs und Italiens bestimmend ein.

In Frankreich wird die soziale Unordnung mit besonderer intellektueller Schärfe empfunden und klassifiziert. Da aber die Massen des christlichen Volkes und des Klerus in Frankreich dem bürgerlichen Sog in einer unheilvollen Weise erliegen, vermag die MRP (als katholische „Linke“) kaum raumgreifend zu wirken und nicht über den Status einer politischen (wenn auch gewichtigen) Sekte hinauszukommen.

Anders scheint es in 11 a 1 i e n zu sein, wo im Rahmen einer Politik der letzten Stunde die Männer um den christlichen Demokraten Fanfani die „Hemdenlosen“ aufrufen, jene Massen, von denen, wie eine Statistik ermittelte, 1,337.000 Familien ein (amtlich beglaubigtes) Elendsdasein führen und 870.000 in Höhlen hausen. Es ist nicht ein billiger Romantizismus, sondern ein neues und tieferes Begreifen des Realbezuges der christlichen Lehre, wenn die Linke der DC versucht, die gesellschaftliche Ordnung, soweit dies menschenmöglich ist, an die Postulate des Evangeliums anzupassen. Das kühne Vorhaben Fanfanis muß sich aber gegen den Widerstand der Rechten der DC ebenso wie gegen das Großbürgertum der Konservativen und gegen Teile des Hochadels durchsetzen, die, beide noch einem feudalen Machtgedanken verhaftet, gemeinsam in Form von Orgien und Skandalen demonstrieren, wie sie sich eine gesellschaftliche „Ordnung“ vorstellen: als eine Diktatur von Kondottieris und Geldwechslern.

Wenn in dieser Zeit der Kommunismus in Italien eine neue Form der Gerechtigkeit verheißt, was dürfen wir dann etwa den italienischen Landarbeitern, die auf den Reisfeldern unter ungeheuerlichen Bedingungen arbeiten müssen, zumuten, gegen ihn vorbringen? Wenn sie fragen, warum ihnen zwei Jahrtausende Christentum zu einem Leben verhülfen haben, das sich von dem des Tieres nur durch ein geringeres Maß an Schonung unterscheidet, was antworten wir darauf? — Was ihnen der Kommunismus laut verspricht, ist Sicherheit und Brot und scheint die Erfüllung jener durchaus auch mit weltlichen Bezügen versehenen Wahrheiten des Evangeliums zu sein, von denen manche gläubigen Christen zwar viel gesprochen, nach denen sie aber nur in Ausnahmefällen und selten im politischen Raum gehandelt haben. Schlechter als jetzt kann es ihnen, so muß die Meinung der italienischen Landarbeiter sein, kaum mehr gehen, ihnen nicht und nicht den Obdachlosen in Paris, den vertierten Proletariern Südamerikas und den Höhlenbewohnern Spaniens, die, an den Zäunen des Lebens stehend, einen Luxus der Reichen von antiken Ausmaßen beschauen dürfen.

Was bedeutet den Skelettmenschen auf den Reisfeldern, den Noch-Menschen aus dem Herrschaftsbereich eines Spätfeudalismus, der aus dem Denken bürgerlicher „Wohlanständigkeit“ formulierte Slogan von der „Heiligkeit des Eigentums“, wenn dieses Eigentum die Funktion zu haben scheint, nur für Privilegierte Nutzen zu stiften, die Massen aber über die Macht des Faktors „Kapital“ in sklavenähnlichen Abhängigkeiten zu halten? Oder konkret: Was kann einem italienischen Landpächter die Schilderung der trostlosen Lage etwa der rumänischen Arbeiter bedeuten, wenn sein eigener sozialer Status dem eines chinesischen Kulis nahekommt? Für den italienischen Proletarier des Südens (er möge aus dem Charakter seiner Rasse heraus auch an seinem Zustand zu einem Teil selbst schuld sein) ist Ungerechtigkeit ein Abstraktum, soweit sie in fernöstlichen Territorien herrscht, aber eine täglich empfundene Wirklichkeit seines Milieus, gekennzeichnet durch Hunger, Kälte, Unbildung und Kinderarbeit. Jener Kinderarbeit, der auch bei uns neuerlich wieder das Wort geredet wurde. „ … es ist niemand verhungert, und gerade aus den ärmsten und kinderreichsten Familien, wo der Junge schon mit 10 Jahren mithelfen mußte, sind die besten Handwerker … hervorgegangen.“ (Der deutsche Fabrikant G. Bauer in der „Wiener Handelskammer“ vom 4. September 1954’’.)

In dieser Zeit haben nun die christlichen Politiker, sie mögen dieser oder jener Gruppe angehören, „rechts“ oder „links“ stehe , neuerlich die große Chance, die Wahrheit des Evangeliums über die geheiligten Bezirke der bürgerlichen Reservationen hinauszutragen in die weltanschauliche „Provinz“, in den toten Winkel der Seelsorge. Diese Chance wird begründet:

1. Durch das völlige Versagen eines orthodoxen • Liberalismus, der sich, weil selbst richtungslos, nun in Chauvinismus und Linksradikalismus flüchtet und in der „Freiheit“ die Sicherung der Privilegien der einen und die Konzession zum Verhungern für die anderen sieht. So gesehen, gewinnt die Parabel von den drei Ringen eine durchaus aktuelle Bedeutung und erweist sich die liberale „Gewaltlosigkeit“ als stummer Terror. Der alte Liberalismus hat sich jedenfalls als unfähig erwiesen, die von ihm geforderte Freiheit zu einer konkreten allgemeinen zu machen.

2. Durch die Wandlung von Teilen des Sozialismus marxistischer Prägung in einen Machtsozialismus, der, im Nominalismus und Dogmatismus erstickend, die Aufgabe seiner Prinzipien oft mit der Akquisition von ökonomischer Macht aufzuwiegen sucht.

Das ist nun die Chance Christ-' 1 i c h er Politik:

1. Zu erkennen, welche allgemeine und von der Natur her gerechtfertigte Gewalt das ökonomische Interesse darstellt, wie seine allseitige Förderung auch für die Realisierung christlicher Wahrheiten von Bedeutung ist.

2. Zu erkennen, daß christliche Politik nicht allein Kulturpolitik ist, verlängerte Seelsorge etwa und eine Begrenzung auf die spirituellen Bereiche des Lebens. In dieser Begrenzung ist die christliche Politik ein Torso und inhuman, gibt sie „Steine“, wo Brot verlangt wird.

3. Zu erkennen, daß Sozialreform auch in besonderen Situationen Enteignung und Uebereignung, Gewinnkürzung und Lohnanstieg zur Folge haben kann, daß sie aber, wenn realisiert, eine Sicherung des Bestandes dessen, was man die „bürgerliche Welt“ nennt, bedeutet. Durch den Ausbruch der christlichen Politik aus der bürgerlichen Festung und aus einer elementaren gesellschaftlichen Befangenheit würde das christliche Werkvolk auch aus dem Dilemma befreit werden, aus weltanschaulicher Disziplin oft Männer in die gesetzgebenden Körperschaften entsenden zu müssen, die zuweilen offen gegen seine sözialökonomischen Interessen handeln. Diese weltanschauliche Treue bis zur sozialökonomischen Selbstaufgabe ist ergreifend; sie weiter und dauernd zu verlangen, stellt aber eine Ueber- forderung dar.

Man bedenke — am Beispiel christlicher Politik in Oesterreich —, wie aber christliche Politiker sich oft .verhalten, wenn es sich um Fragen der Fixierung der „Gewinne“, um Steuervorteile für ohnedies Begünstigte oder um die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit dreht, Wie selten nehmen christlich-politische Blätter für den Arbeiter gegen den Unternehmer dann Stellung, wenn dieser offensichtlich im Unrecht ist. Oder, wie wenig Unterstützung erfahren zuweilen die Bemühungen der christlichen Arbeitnehmervertreter von den christlichen „Bürgerlichen“, wie wird z. B. die „Aktion Prinke“ (Wohnungseigentum), deren sozialreformatorischen Wert erst spätere Jahrzehnte voll würdigen werden, unterstützt, wie geht es Versuchen um eine Besserstellung der Familien, wie Dr. Kummer mit seinen Bemühungen, den Gedanken der Arbeitsgenossenschaften zu realisieren!

Wenn christliche Politik eine „Sendung“' hat, so ist es u. a. die, das Phänomen der „sozialen Frage“ in seiner ganzen Breite zu lösen und dadurch die „etablierte Unordnung“ aufzuheben. Dabei ist die soziale Frage weder Arbeiterfrage noch Bauernfrage oder die Sache bürgerlicher Sozialpolitik allein, sondern der he- roische Versuch, jede soziale Unordnung, sie sei dieser oder jener Art, zu beseitigen, der freilich auch dann unternommen werden muß, wenn die Benachteiligten Schichten angehören, die traditionell als „bürgerlich“ eingestuft werden.

Wenn die christliche Politik so verfährt, daß sie allgemeine Wohlfahrt und nicht Teilwohlfahrt sichern und steigern hilft, wird sie keineswegs, wie man oft glaubt, zur politischen Praktizierung einer bloßen Ethik oder auf einen westlichen, christlich etikettier ten Pragmatismus absinken, der christliche Qualitäten, etwa in Kilogramm gependeter Trockenmilch, zu messen sucht.

Ist christliche Politik vornehmlich soziale Politik, welche den „Verdammten“ dieser Erde nicht nur geistige, sondern die notwendig mit dieser verbundene ökonomische und soziale Freiheit bringt, dann wird auch die christliche Jugend in der Politik wieder eine Möglichkeit sehen, christliche Wahrheiten vor aller Welt zu bekennen und im sozialen Bereich in „gute Werke“ umzusetzen.

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