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Aus Liberalität - konservativ

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Am Schluß seines 1970 veröffentlichten Buches „Freedom in a Rocking Boat“ spricht der britische Managementwissenschaftler Sir Geoffrey Vickers die Vermutung aus, daß unser Zeitalter den Namen „post-liberal age“ verdient. Vor kurzem erschien in einem westdeutschen Verlag ein Band mit Essays des Soziologen Walter Hildebrandt unter dem Titel „Das nachliberale Zeitalter“. Unabhängig voneinander gelangen beide Autoren zu dem Ergebnis, daß wir bereits in der Epoche des Nachliberalismus leben. Eine solche Standortbestimmung hängt, wie jede belangvolle politisch-soziale Diagnose, mit einer bestimmten Vision des historischen Prozesses und einer „Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“ zusammen.

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Am Schluß seines 1970 veröffentlichten Buches „Freedom in a Rocking Boat“ spricht der britische Managementwissenschaftler Sir Geoffrey Vickers die Vermutung aus, daß unser Zeitalter den Namen „post-liberal age“ verdient. Vor kurzem erschien in einem westdeutschen Verlag ein Band mit Essays des Soziologen Walter Hildebrandt unter dem Titel „Das nachliberale Zeitalter“. Unabhängig voneinander gelangen beide Autoren zu dem Ergebnis, daß wir bereits in der Epoche des Nachliberalismus leben. Eine solche Standortbestimmung hängt, wie jede belangvolle politisch-soziale Diagnose, mit einer bestimmten Vision des historischen Prozesses und einer „Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“ zusammen.

Ich möchte im folgenden, relativ unabhängig von den einzelnen Analysen und Befunden der beiden Autoren, die Chancen, Aufgaben sowie die Legitimität einer konservativen Position in der nachliberalen Epoche umreißen. Es ist dies ein Problem, zu dem sowohl Vickers als auch Hildebrandt nicht ausdrücklich Stellung nehmen. Ich spreche also nicht vom Konservatismus im allgemeinen, sondern von der Aktualität und Berechtigung des Konservatismus in der Gegenwart sowie in der voraussehbaren Zukunft. Im Zusammenhang damit sind drei Punkte zu beachten.

1. Die Verbindung moralisch-politischer Werte mit gewissen Ideologien, Bewegungen und Parteien ist nicht zeitlos. Sie ist das Ergebnis geschichtlicher Konstellationen und unterliegt auch dem geschichtlichen Wandel. So wanderte zum Beispiel das Ideal der Nation im Laufe des 19. Jahrhunderts von links nach rechts, bis es in unserer Zeit in den „antiimperialistischen“ Bewegungen der Linken erneut als Instrument aggressiver Mobilisierung zum Einsatz gelangte. Dagegen scheint das aufklärerische Ideal der Freiheit von Forschung, Lehre und Bekenntnis, das ursprünglich von einer liberalen Linken gegen den Absolutismus von “thron und Alter *-hervorgehoben wurde, heute eher von jenen Kreisen verteidigt zu werden, die, meist in einem abschätzigen Sinne, als konservativ, rechts oder reaktionär gelten. Umgekehrt können gewisse Einstellungen, Werte und Sentiments, die man traditionell auf der rechten Seite zu Hause wußte, plötzlich in der entgegengesetzten Richtung sichtbar werden: so etwa eine zivilisationskritische Romantik mit technikfeindlichen und antipositivistischen Zügen oder der Elitegedanke.

2. Daraus folgt, daß bestimmte Grundsätze, Werte und Errungenschaften auch dann noch aktuell und gültig sein können, wenn der ideologisch-apolitische Kontext, in dem sie ursprünglich Heimatrecht hatten, längst historisch geworden ist. Das Zeitalter der Ritter, des Minnesangs und der höfischen Kultur ist unwiederbringlich dahin, und nicht einmal ein nostalgischer Mensch wäre bereit, mit Haut und Haaren in ihm zu leben. Dennoch verdanken wir dieser Epoche nicht nur die großen Münster und Kathedralen, sondern auch ein gewisses Erbe an gepflegten zwischenmenschlichen Umgangsformen, an Urbanität, an Zügelung und Kultivierung unserer Sitten, auf das wir auch unter sonst völlig veränderten gesellschaftlichen Bedingungen kaum verzichten können.

3. Es gibt Situationen, in denen bestimmte Werte und Errungenschaften nur dann gehalten werden können, wenn man sie neu definiert, traditioneller ideologischer Vorzeichen entkleidet und ihren früheren Treuhändern entreißt. Ich möchte auch diese allgemeine These konkretisieren —' und zwar im Hinblick auf das Thema des Aufsatzes: es ist meine feste Überzeugung, daß die liberalen Prinzipien und Institutionen, die die gesamte westliche Kultur geprägt haben, nur dann gesichert und auf eine den Erfordernissen der Zeit angemessene Weise entwickelt werden können, wenn man sie gegen einen zur puren Wut gewordenen Liberalismus der „Emanzipation“ verteidigt und wenn man

aus der Tatsache, daß die Prämissen der liberalen Ideologie obsolet geworden sind, die fälligen, nicht immer populären Schlüsse zieht. Und diese Schlüsse weisen in eine Richtung, die man mangels eines besseren Wortes als konservativ be-

zeichnen mag. Der Konservative der siebziger Jahre hat nur dann eine geistig-politische Funktion, wenn er sich dialektisch versteht: als Kritiker und Erbe des Liberalismus. Es hängt in entscheidendem Maße von ihm ab, ob im nachliberalen Zeitalter, das bereits begonnen hat, die gelebte Erfahrung individueller Freiheit und Vielfalt von dem doppelten Sog technokratischer und sozialutopischer Ansprüche völlig verschlungen wird oder nicht.

Der Konservative ist Kritiker des Liberalismus. Auch wenn er Nietzsches Wort, liberal sei gleichbedeutend mit mittelmäßig, für ungerecht hält, ist er sich der Tatsache bewußt, daß der Liberalismus mehr Probleme aufwirft als bewältigt, daß seine ideologischen Voraussetzungen heute im strengen Sinne des Wortes irreal sind und daß er als geschichtlicher Faktor eine Dynamik auslöst, die seine eigenen Verheißungen Lügen straft.

Der Liberalismus steht vor dem Dilemma, daß er, der als Kritik von Überlieferung und Autorität angetreten ist, sich selbst aufhebt, wenn die Überlieferung und Autorität des von ihm Kritisierten vollends zu Ende geht. Christopher Dawson und Joseph A. Schumpeter haben nachgewiesen, daß der Liberalismus nur so lange schöpferisch wirkt, als er auf vorliberale Bestände zurückgreifen kann. Gleichzeitig ist er jedoch daraufhin programmiert, eben diese ihn bedingenden Bestände zu liquidieren.

Der Liberalismus ging davon aus, daß das unter der Parole „Laisser-faire“ begonnene technologischökonomische Wachstum sich unbegrenzt fortsetzen könne. Er vertraute darauf, daß dieses von ihm als Fortschritt gedeutete Wachstum sich von selbst, wie von einer „unsichtbaren Hand“ gelenkt, stabilisieren und harmonisieren könne. Er meinte, daß der Mensch primär ein rationales Wesen und an seiner Selbsterhaltung naturgemäß interessiert sei. Er zeichnete das Bild einer Gesellschaft, in der einzelne Selbständige ihres Glückes Schmied sind und das fiesamtwohl fördern.

indem sie sich, befreit von staatlichen, kirchlichen und sonstigen Schranken, selbst helfen. Der Liberalismus hielt, wie den Markt auf ökonomischem Gebiet, so im Bereich der Politik Wahlen, Parlamente und Diskussion für geeignete Mittel, um Freiheit, Rationalität und Humanität bei der Lösung von Konflikten zu optimieren. Er glaubte, daß eine an diesen Grundsätzen sich orientierende Praxis alle Formen von Ausbeutung, Herrschaft und Unmündigkeit beseitigen würde. Er glaubte überdies, daß diese Grundsätze prinzipiell für alle Völker und Zeiten gültig und zweckmäßig seien.

Zu den nicht geringsten Resultaten konservativen Denkens gehört der Nachweis, daß alle diese Voraussetzungen und Annahmen des ideologischen Liberalismus fragwürdig sind. Wir wissen inzwischen, daß sie,

wenn überhaupt, nur lokal und temporär zutreffen und daß die vom Liberalismus entfesselte Dynamik dazu treibt, ihren Wirklichkeitsgehalt zunehmend zu vermindern. Der Liberalismus ist angewiesen auf institutionelle, ethische und schließlich auch ökologische Bestände, die er nicht geschaffen hat und nicht zu schaffen oder auch nur zu garantieren vermag. Die von ihm inspirierte Emanzipation von alten Autoritäten führte dazu, daß Raum frei wurde für neue Formen von Fremdbestimmung und Abhängigkeit, die wir weniger denn je kontrollieren können. Der Liberalismus verkannte, wie wenig rationale Diskussion fruchtet, wenn sie sich nicht im Rahmen eines ihr schon vorgegebenen und undiskutiert bleibenden Konsensus vollzieht. Radikale Konflikte können durch herrschaftsfreien Dialog ebensowenig gelöst werden wie für die Zuteilung von Rettungsbooten auf einem sinkenden Schiff eine Auktion geeignet ist. Der Liberalismus ignorierte, daß eigenständige politische Autorität (und damit Macht, Zwang und gewisse Formen von Hierarchie) notwendig ist, um in der modernen Massengesellschaft wenigstens1 einige elementare liberale Errungenschaften zu sichern, die gerade von einem ungezügelten, Freiheit auf bloßes Sichbefreien reduzierenden Liberalismus untergraben werden.

Was bedeutet diese Kritik für den auf der Höhe der Zeit stehenden Konservativen, der einen besseren Rat weiß als den, sich einfach anzupassen, der aber auch nicht davor zurückschreckt, wenn er gelegentlich zu Entscheidungen gezwungen ist, die als „reaktionär“ verteufelt werden? Wenn ich recht sehe, dann geht es heute um einen Konservatismus, der sich, bei aller Kritik an der libe-ralistischen Ideologie, als Erbe der institutionellen Errungenschaften des Liberalismus versteht. Es geht um einen Konservatismus, der das, was an den Erträgnissen des liberalen Zeitalters wertvoll ist, gegen einen dekadenten Liberalismus mit Zähnen und Klauen zu bewahren trachtet. Für diesen Liberalismus,

rla-n foictö o.iit- nrier mutwillig seine

eigenen Werke und Werte verrät, gilt auch heute noch das Wort Samuel Butlers aus dem Jahre 1893: „Ich fürchte mich vor dem Liberalismus oder, genauer gesagt, vor Leuten, die sich Liberale nennen; diese flirten mit Radikalen, die mit Sozialisten flirten, die wiederum mit Anarchisten flirten, die ihrerseits aber mehr tun als mit dem Dynamit nur zu flirten.“ Den institutionellen Errungenschaften des klassischen Liberalismus, wie Rechts- und Verfassungsstaat, Meinungs- und Gewissensfreiheit, Schutz religiöser und ethnischer Minderheiten, gilt jedoch das Bekenntnis Alexis de Tocque-villes, dieses großen Konservativen, der zugleich ein großer Liberaler war: „Ich hätte die Freiheit zu allen Zeiten geliebt; in der heutigen aber neige ich dazu, sie zu vergöttern.“

Wer sonst als der Konservative ist dazu berufen, auf die Idee der Freiheit zu schwören in einer Welt, wo alle progressistischen Bewegungen nach zunehmenden politisch-gesellschaftlichen Eingriffen in mühsam genug errungene individuelle Freiheiten lechzen und auch die noch verbliebenen liberalen Parteien sich von ihren Prinzipien, wie sie etwa ein John Stuart Mill klassisch for-

muliert hat, immer mehr entfernen? Der Konservative des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts kann nur in einer durch liberale Institutionen geadelten politischen Kultur leben, weil er von den liberalen Idealen und Werten in einem Maße geprägt ist, daß sie geradezu bestimmend Elemente seines eigenen Ethos geworden sind. Nur ein Konservativer, der zwischen der anachronistisch gewordenen Ideologie des Liberalismus und dem unaufgebbaren Erbe liberaler Institutionen zu Unter-

scheiden weiß, ist den Herausforderungen unseres Zeitalters gewachsen und vor der Gefahr der Regression gefeit. Und ich füge hinzu: Ein Liberaler, dem die heute systematisch angegriffenen liberalen Institutionen wirklich etwas wert sind, wird sich nicht einreden lassen, daß der unter emanzipatorischem Vorzeichen betriebene Abbau der Freiheit deren Ausdehnung bedeute. Er kann unmöglich zu den von einem masochistischen Todeswunsch beherrschten Feiglingen gehören, die, wie Alexander Solschenyzin sagt, „dem Ansturm der grinsenden Barbarei nichts anderes entgegenzusetzen haben als Nachgiebigkeit und Lächeln“. Er wird einsehen, daß es ohne Konservative in dieser Welt auf die Dauer kaum auszuhalten wäre. Er wird selbst, bis auf weiteres, aus Liberalität konservativ werden müssen. Es ist zu hoffen, daß sie sich finden: Konservative, die die Freiheit der Person, den Schutz individueller Initiative und Vielfalt als ihr eigenes Anliegen begreifen, und Liberale, die nicht dazu beitragen wollen, daß ihre Grundsätze in Kampfmittel gegen die institutionelle Verkörperung dieser Grund-

sätze umfunktioniert werden. Daß sie zusammenfinden, wird darüber entscheiden, ob in einer Zeit, in der ein emanzipatorischer Progressismus zunehmend schreckliche Züge annimmt, der Freiheit wenigstens kleine Königreiche erhalten bleiben.

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