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Das gespaltene Lager

Es gehört zur guten Taktik aller Parteisekretariate, bei Legislativwahlen von einem historischen Ereignis zu sprechen, die Wähler zu schockieren, schwarze Teufel und rote Katzen an die Wand zu malen. Aber bei sämtlichen Voten der westlichen Welt seit Kriegsende handelt es sich im wesentlichen darum, der einen oder anderen Partei, die sich zum pluralistischen System der Demokratie bekannt hat, einen größeren oder kleineren Vorsprung einzuräumen. Ob wir Österreich 1970, die Bundesrepublik 1972 oder Großbritannien betrachten. müssen wir feststellen, daß wohl zwei Konzepte des Regierens zur Diskussion gestellt wurden. Aber niemand konnte ernstlich glauben, daß im Falle eines Sieges der sozialdemokratischen Parteien die bestehende Gesellschaftsordnung in der Substanz bedroht würde. Wohl gibt es in den reformfreundlichen sozialistischen Parteien dynamische Gruppen, die von einer Einführung des integralen Sozialismus träumen. Diese sind bisher in der Minderheit geblieben. Niemand wird annehmen, daß Männer wie Wilson, Brandt oder Kreisky tolle Revolutionäre geworden sind. Diese Feststellung erfährt gewisse Korrekturen, wenn man an Italien denkt, wo eine mächtige kommunistische Partei eine Alternative zur liberalen Ordnung präsentiert. Die Akzente werden noch um, vieles dramatischer in Frankreich gesetzt, wo sich in diesen Februar- und Märztagen eine Entwicklung anzubahnen droht, die einen tiefen Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte Europas darstellen könnte. Denn diesmal handelt es sich nicht darum, daß unter Umständen Mitterrand Pompidou und Marchais den Ministerpräsidenten Messmer ablöst.

Die Sprecher der sozialistischen und kommunistischen Partei haben unmißverständlich und eindrucksvoll dokumentiert, daß sie im Falle eines Sieges ein sozialistisches System und eine kollektivistische Gesellschaftsordnung einzuführen gedenken. Mögen über die Etappen dieser Revolution Zweifel bestehen und Differenzen nicht ganz ausgeräumt sein, so leuchtet der Hoffnungsstern einer sozialistischen Renaissance über sämtlichen Enunziationen und Dokumenten der vereinigten Linken. Manchmal verschleiert, dem Soziologen, Nationalökonomien und Zeithisto-riker durchaus bewußt, wollen die Kommunisten Frankreichs die Fünfte Republik in eine Volksdemokratie verwandeln. Diese nimmt sich als Vorbild die Sowjetunion oder zumindest Ungarn. Die einen mögen diese Perspektiven gutheißen und eine neue Brüderlichkeit und Gerechtigkeit zwischen den Menschen wünschen. Die anderen lehnen diese Form der Beziehungen zwischen Individuen und Staat ab. Eines kann nicht eskamotiert werden: bringt der 11. März der sozialistisch-kommunistischen Allianz einen Erfolg, werden die innen- und außenpolitischen Karten grundlegend neu gemischt und Weichen gestellt, die in eine höchst ungewisse Zukunft führen. Also ist der Begriff von einem „historischen“ Wahlgang zulässig.

Dieses Land ist nun bis in die Tiefen der Volksseele, in den gewachsenen Strukturen, in den Sitten und Gebräuchen eine katholische Region Europas. Mögen 1,5 Millionen Protestanten und zirka 700.000 Juden beachtliche Beiträge zur Spiritualität leisten, so bekennen sich heute noch von zehn Franzosen neun als katholisch. Der Wohlstandsatheismus unserer Jahre hat viele Prärogativen und Einflußmöglichkeiten der katholischen Kirche beseitigt. Aber das Christentum ist ein essentieller Ausdruck der Nation. Es existieren mächtige Organisationen, wie der Verband der Eltern aller Schüler des freien Unterrichts, der 700.000 Mitglieder zählt. Allerdings sind starke zentrifugale Kräfte am Werk, um die Kirche aufzufächern, in verschiedene, oft feindlich gegenüberstehende Gruppen zu zerlegen. Die Katholiken stellen nach wie vor die Hauptmasse der Wähler. Von ihnen hängt es ab, in welcher Weise die ambitionierten Ziele Mitterands und Marchais' verwirklicht werden.

Die Wortführer der linken Union geloben, die Glaubens- und die politische Freiheit zu respektieren. Nachdem die Trennung von Staat und Kirche beiden Seiten zur Selbstverständlichkeit geworden ist, besteht nur in zwei Punkten die Gefahr eines sofortigen Konfliktes zwischen den Gewalten. Nach wie vor spielen die katholischen Privatschulen eine gewichtige Rolle im Erziehungswesen. Nach einem heftigen Kulturkampf in der Dritten Republik, der gelegentlich in der Vierten gefährliche Dimensionen annahm (die christlichen Demokraten des MRP und die Sozialisten konnten sich in diesem Punkt nie richtig einigen), hat General de Gaulle diese Frage vollkommen entschärft. Durch das Gesetz Debre werden seit 1959 den freien Schulen unter gewissen Voraussetzungen staatliche Subventionen gewährt. Das Programm der Linken sieht eine schnelle Nationalisierung des privaten Schulunterrichts vor. Maßgebende Persönlichkeiten der katholischen Kirche haben des öfteren derartige Ideen ventiliert. Bei einer eventuellen Übernahme der nicht staatlichen Unterrichtstätten sollen allerdings die bisher als Lehrer oder Professoren tätigen Priester, Ordensleute und Schwestern nicht übernommen werden. Es handelt sich ohne Zweifel um eine flagrante Diskriminierung von wahlberechtigten Bürgern. Der Kleriker ist dem Arbeiter, Bauern und Angestellten nicht gleichgestellt.

Die katholische Kirche stand seit Anfang des Jahrhunderts im Gegensatz zur Republik und lehrte, arbeitete in einem Ghetto, welches jedoch fließende Grenzen kannte. Es entwickelte sich ein kämpferischer und intransigenter politischer Katholizismus, der durch Jahrzehnte die extreme Rechte bildete. Nur wenige Pioniere, wir erinnern an den wagemutigen Gründer der christlichen Demokratie, Marc Sangnier, predigten diese Versöhnung von Kirche und Staat. Genannter war es, der die konservative Gesinnung seiner Glaubensgenossen auflockern wollte und das soziale Gewissen weckte. Erst der Zusammenbruch des Jahres 1940 und die Widerstandsbewegung haben diesen Prozeß beschleunigt und zur Reifung gebracht. Das Regime von Vichy war der letzte Triumph des Rechtskatholizismus und ein Versuch, die Synthese zwischen Thron und Altar zu zementieren. Marschall Petain fungierte in dieser Optik als Ersatzkönig. Die Masse der jungen Kleriker und der Gläubigen, zutiefst getroffen durch den politisch-moralischen Fall der Dritten Republik, suchten und fanden neue Horizonte. Noch waren sie nicht bereit, das Pendel zu weit nach links ausschlagen zu lassen. Die Gründung des MRP kann als der Wille gedeutet werden, soziale Reformen in einer Evolution in die Wege zu leiten. Die christlichen Demokraten hatten sich einmalige Verdienste um den Aufbau des Staates erworben, konnten jedoch gewisse Probleme, wie die Entkolonialisierung, nicht lösen. Es fanden sich schnell im katholischen Raum heftige Kritiker der christlich-demokratischen Partei, welche von einem Versagen des eigentlichen Auftrages des MRP sprachen. Enttäuscht durch das Schwanken, die vielfachen Rückzüge und die Verwässerung der Ideologie, wandte sich die christliche Mehrheit zunächst dem Gaullis-mus zu. Im wesentlichen unterstützte die Hierarchie den General, der als Ordnungsfaktor ersten Ranges betrachtet wurde. Zum letztenmal im April 1962 wagten die Bischöfe eine Wahlempfehlung und sprachen sich für das „Ja“ im algerischen Referendum aus. Es war der algerische Krieg, in dem 500.000 junge Franzosen mit den harten Auseinandersetzungen eines blutigen Kolonialkonfliktes konfrontiert wurden, der die Elite der katholischen Jugend politisierte und die Zweifel an der bisherigen Gesellschaftsordnung förderte. Natürlich haben zahlreiche andere Elemente dazu beigetragen, viele katholische Laien von Rechts und der Mitte zur Linken zu führen. Die revolutionäre Theologie der fünfziger Jahre, welche die Tore zur Welt der Gegenwart aufriß, das Experiment der Arbeiterpriester, die Entwicklung der christlichen Gewerkschaft zu einem Instrument des Klassenkampfes, sind weitere Momente, die eine Radikalisierung und Politisierung zahlreicher Organisationen der katholischen Aktion inaugurierten. Die sozialen Ungerechtigkeiten, die zweifelsohne durch den herrschenden Staatskapitalismus akzentuiert wurden und das gelegentliche Versagen der Regierungsmehrheit, Visionen für die Zukunft zu entwickeln, trieb viele der jungen Katholiken in die Reihen zuerst der extremen Linken und jetzt der sozialistischen Partei Mitterrands.

Sind im Bereich der Sozialpolitik zahlreiche Übereinstimmungen zwischen Katholiken und der geeinten Linken zu konstatieren, so sind Im Sektor der Moral nachhaltige Divergenzen festzustellen. Die linke Union plädiert für eine Freigabe der Abtreibung. Die ihnen nahestehenden Ärzte und Gelehrten eröffneten diesbezüglich im Februar eine aufsehenerregende Kampagne. In der Diskussion um das Eherecht, die Erziehung, klaffen Gegensätze zwischen den Christen und den Sozialisten-Kommunisten. Was wird schließlich den Ausschlag geben? Die Verteidigung bestimmter moralischer Prinzipien oder der Wille, eine Gesellschaft zu bauen, die nicht mehr liberale, individuelle, sondern kollektivistische und marxistische Züge trägt? Die Entscheidung liegt am 4. und 11. März bei den Katholiken.

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