Sliwa

Moralphilosophin: "Es braucht Denkhygiene"

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Politik ist immer moralisch gesteuert, sagt die Philosophin Paulina Sliwa. Ein Gespräch über ethisch fundierte Entscheidungen, universelle Werte und zementierte Geringschätzung innerhalb der Gesellschaft.

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Politik ist immer moralisch gesteuert, sagt die Philosophin Paulina Sliwa. Ein Gespräch über ethisch fundierte Entscheidungen, universelle Werte und zementierte Geringschätzung innerhalb der Gesellschaft.

Nach jahrelanger Forschungsarbeit in Cambridge (GB) hat die Moralphilosophin Paulina Sliwa seit diesem Semester eine Professur an der Uni Wien inne. Mit der FURCHE spricht sie über die Rolle von Moralexpert(inn)en im politischen Diskurs und die Praxis der Werteabwägung bei Entscheidungsträgern.

DIE FURCHE: Frau Professor Sliwa, pandemiebedingt wird viel über Moral und Ethik diskutiert. Nicht zuletzt ob der Impfpflicht. Politische Entscheidungen werden als unmoralisch diffamiert oder im Gegenteil als ethisch notwendig beschrieben. Wie kommt der Einzelne eigentlich auf sein (moralisches) Urteil?
Paulina Sliwa:
Der Einzelne definiert nicht, was Moral ist. Moral ist etwas, das finden wir heraus. Wir finden heraus, was richtig und was falsch ist und wie wir gut miteinander leben können. Grundsätzlich entstehen die Antworten im Miteinander. Kinder erlernen ihren moralischen Kompass ähnlich, wie sie andere Zusammenhänge in der Welt begreifen. Sie beobachten die Erwachsenen, hören zu, probieren Sachen aus, bekommen Feedback, machen sich ihr eigenes Bild. Außerdem erhalten sie von uns ein ganzes Set von moralischem Vokabular, von moralischen Konzepten wie Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Bewertungen. Das sind Ressourcen, die jeder Mensch nutzt, um in Alltagssituationen über moralische Sachverhalte nachzudenken.

DIE FURCHE: Gibt es eine universelle Moral? Wer hat tatsächlich im Jahr 2022 die moralische Autorität inne?
Sliwa:
Diese Fragen gilt es aufzusplitten. Erstens: Wir sind biologische Wesen, mit bestimmten Naturellen, Bedürfnissen. Wir brauchen bestimmte Dinge, damit wir gedeihen können. Moralische Fragen haben etwas damit zu tun, dass der Mensch gut leben kann. Und daher muss die Moral einen gewissen universellen Anspruch haben. Es ist für keinen gut, ganz egal wie oder wo er lebt, wenn er oder sie leidet, Schmerzen hat oder gefoltert wird. Und dann gibt es natürlich noch moralische Detailfragen. Die Antworten darauf sind dann tatsächlich kontextabhängig, also wie das Umfeld mit diesen Causen umgeht. Also ja, die Moral ist universell. Aber je nach unterschiedlichen Gegebenheiten kann es unterschiedliche Antworten auf einzelne moralische Fragestellungen geben.

Was die Autorität angeht: In diesem Gebiet unterscheidet sich die Moral von der Naturwissenschaft. Für naturwissenschaftliche Fragen gibt es ausgewiesene Expert(inn)en, die sind auch institutionell legitimiert durch ihre Stellung in der Gesellschaft, durch ihre universitären Abschlüsse usw. In puncto Moral gibt keine ganz klar anerkannte gesellschaftliche universelle Autorität, zu der man mit seiner moralischen Frage hingehen kann und die einem dann sagen kann, wie man sich verhalten soll. Nehmen wir die Impfung. Welcher Impfstoff wirksam ist, welcher mehr Antikörper produziert – das lässt sich nicht zuletzt an statistischen Sachverhalten ausdrücken. Ich kann ein Experiment anstellen und dann eine klare Aussage treffen. Bei ethischen Fragestellungen kann ich so nicht vorgehen.

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