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Wer glaubt noch an morgen?

FOKUS
Depression  - © Foto: Pixabay

Ein Masterplan für psychisch kranke Jugendliche

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Die Wissenschaft findet klare Worte: Jungen Menschen geht es heute schlechter denn je. Handelt es sich um Symptome einer Sinnkrise? Ein Gespräch mit dem Gesundheitsforscher Christoph Pieh.

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Die Wissenschaft findet klare Worte: Jungen Menschen geht es heute schlechter denn je. Handelt es sich um Symptome einer Sinnkrise? Ein Gespräch mit dem Gesundheitsforscher Christoph Pieh.

Im vergangenen Jahr sorgten Christoph Piehs Studien für Aufregung: Mehr als die Hälfte der Schüler(innen) litt seit der Pandemie an depressiven Symptomen, Ängsten und Schlafstörungen, so die Ergebnisse der Forschung an der Donau-Universität Krems. Heute geht es ihnen noch schlechter, so der Wissenschafter. Grund für Pessimismus bestehe jedoch nicht. Mit der FURCHE spricht Pieh über Krisenzeiten, Anpassungsfähigkeit und die Forderung nach verbesserter psychosozialer Versorgung.

DIE FURCHE: Im Frühjahr 2021 haben Sie Studienergebnisse veröffentlicht, die viel zitiert wurden. 16 Prozent der Schüler(innen) berichteten darin von suizidalen Gedanken. Was hat sich seitdem getan?

Christoph Pieh: Wir haben seitdem viele weitere Untersuchungen durchgeführt, durch die wir ein ziemlich genaues Bild abzeichnen konnten. Im letzten Jahr sind die Zahlen der psychischen Belastungen recht stabil geblieben. Heuer haben sie sich nochmals verschlechtert. Vor allem unter Mädchen haben sich suizidale Gedanken seit 2021 verdoppelt. Zwar haben Mädchen schon vor der Pandemie mehr psychische Erkrankungen gehabt als Buben, diese stärkere Verschlechterung bei ihnen ist aber neu.

Im vergangenen Jahr sorgten Christoph Piehs Studien für Aufregung: Mehr als die Hälfte der Schüler(innen) litt seit der Pandemie an depressiven Symptomen, Ängsten und Schlafstörungen, so die Ergebnisse der Forschung an der Donau-Universität Krems. Heute geht es ihnen noch schlechter, so der Wissenschafter. Grund für Pessimismus bestehe jedoch nicht. Mit der FURCHE spricht Pieh über Krisenzeiten, Anpassungsfähigkeit und die Forderung nach verbesserter psychosozialer Versorgung.

DIE FURCHE: Im Frühjahr 2021 haben Sie Studienergebnisse veröffentlicht, die viel zitiert wurden. 16 Prozent der Schüler(innen) berichteten darin von suizidalen Gedanken. Was hat sich seitdem getan?

Christoph Pieh: Wir haben seitdem viele weitere Untersuchungen durchgeführt, durch die wir ein ziemlich genaues Bild abzeichnen konnten. Im letzten Jahr sind die Zahlen der psychischen Belastungen recht stabil geblieben. Heuer haben sie sich nochmals verschlechtert. Vor allem unter Mädchen haben sich suizidale Gedanken seit 2021 verdoppelt. Zwar haben Mädchen schon vor der Pandemie mehr psychische Erkrankungen gehabt als Buben, diese stärkere Verschlechterung bei ihnen ist aber neu.

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Christoph Pieh

forscht an der Donau-Universität Krems zum Thema psychische Gesundheit

forscht an der Donau-Universität Krems zum Thema psychische Gesundheit

DIE FURCHE: Wir wissen mittlerweile, dass Covid-19, Ausgangssperren, Home-Schooling und derartige Beschränkungen für viele Jugendliche sehr belastend waren. Aber ist das alles?

Pieh: Das ist sicher nicht alles. Die Pandemie war ein Brandbeschleuniger in der derzeitigen Phase, aber die Hauptbelastung hat sich mittlerweile verschoben. Jetzt sind nicht mehr nur die Pandemie und die Einschränkungen das Thema, sondern finanzielle Sorgen, der Ukraine-Krieg und gerade bei den Jugendliche natürlich auch der Klimawandel, der sich immer drastischer zeigt. Man muss immer von multiplen Ursachen ausgehen. Fakt ist, dass sich die Häufigkeit von depressiven Symptomen vor der Pandemie auf lediglich fünf und nun auf 50 Prozent der jungen Menschen beläuft.

DIE FURCHE: In der Phase der Selbstfindung haben Teenager ja grundsätzlich Stimmungsschwankungen . Wie viel Maß an Krise gehört zu einer gesunden Pubertät, und ab wann wird es bedenklich?

Pieh: Das ist schwer zu quantifizieren. Selbst suizidale Gedanken können bei Jugendlichen durchaus mal vorkommen. Aber wenn sie regelmäßig oder gar täglich vorkommen, ist es eindeutig zu viel. Man kann sich die psychische Gesundheit vorstellen wie eine Waage mit zwei Bereichen, wo auf der einen Seite die Belastungen und auf der anderen die Ressourcen sind. Wenn die Belastungen steigen, aber das Gleichgewicht nicht kippt, ist es in Ordnung. Wie viel eine Person aushält, hängt aber stark von den eigenen Ressourcen ab. Manche tragen sehr viel und schaffen auch sehr viel. Andere haben vielleicht weniger Unterstützung im familiären Kontext, weniger erlernte Strategien, um mit Belastungen umzugehen, und bringen vielleicht in ihrer genetischen Grundausstattung weniger Ressourcen mit.

DIE FURCHE: Nun wird immer wieder von einer Sinnkrise der jungen Generation gesprochen. Unterschreiben Sie das? Ist die Sinnfindung das Problem der Jungen?

Pieh: Jein, würde ich sagen. Von einer reinen Sinnkrise zu sprechen, stellt das Problem reduziert da. Es zeigt sich, dass sich der Optimismus der Jahrzehnte zuvor verändert hat. Das macht in der Tat Sorgen. Die Jugendgeneration zwischen 14 und 24 hat nicht mehr jene optimistische Weltanschauung, die frühere Generationen hatten. Sie nehmen nicht mehr an, dass die Dinge besser werden. Mittlerweile meinen mehr Jugendliche, dass es bergab geht mit der Welt, dass es die eigenen Kinder schlechter haben werden als sie selbst. Insofern würde ich nicht von einer reinen Sinnkrise sprechen, sondern von einer Ansammlung vieler verschiedener Facetten. Ich glaube, das Thema Klimakrise ist ein großes Damoklesschwert, das der Jugendgeneration bewusster ist als der älteren Generation. Sei es, weil sie eher Probleme damit haben werden, weil die Krise in der Zukunft noch stärker auf uns zukommt. Sei es, weil sie einfach ein besseres Bewusstsein dafür haben. Aber es ist ja keine Sinnkrise, wenn wir eine Klimakatastrophe haben und uns dessen bewusst sind. Das ist aus meiner Sicht zu eng und zu einseitig gesehen.

DIE FURCHE: In einer Studie zeigen Sie auf, dass die Wahrscheinlichkeit für depressive Symptome dann umso höher ist, wenn Jugendliche viel Zeit mit ihrem Smartphone verbringen. Wo liegen die Probleme in der Nutzung neuer Medien?

Pieh: Mit jeder Stunde mehr in Social Media steigen psychische Symptome an. Auch das sehen wir bei Mädchen mehr als bei Burschen. Bezeichnend ist, dass in der Gruppe mit der höchsten Screen-Time siebenmal häufiger depressive Symptome vertreten sind. Die Gründe dafür verstehen wir aber nur bedingt. Einerseits zeigen sich bei intensiver Smartphone-Nutzung Parallelen zum Suchtverhalten. Es zeigen sich mitunter sogar Entzugssymptome wie Unruhe, Nervosität, wenn die Batterie mal leer wird und man kein Lade­kabel dabei hat. Der ständige Vergleich in ­Social Media, wo alle vermeintlich schöner, toller und besser sind, ist eine gute Möglichkeit, unglücklich zu werden. Andererseits kennen wir die Kausalitäten nicht. Es könnte auch sein, dass Jugendliche, die ohnehin schon mehr depressive Symptome aufweisen, auch mehr Zeit am Bildschirm verbringen.

DIE FURCHE: Gleichzeitig leben wir in einer Wohlstandsgesellschaft. Dass wir nun durch die Inflation damit zurechtkommen müssen, uns weniger leisten zu können, als das früher der Fall war, ist für Menschen in anderen globalen Regionen ganz normal. Geht es ihnen psychisch schlechter als uns, oder wird sich unsere Psyche daran anpassen?

Pieh: Ländervergleiche sind recht kritisch, weil da viele Variablen vorkommen, die wir nicht kontrollieren können. Es ist natürlich ein Luxusproblem, wenn man von einem hohen Preis hinunterfällt auf einen mittleren, der immer noch deutlich höher ist als in anderen Ländern. Trotzdem ist das zuallererst einmal eine Veränderung, und Veränderungen erzeugen in der Regel Stress. Da muss man sich neu aufstellen, neu orientieren. Jemandem, dem es schlecht geht, zu sagen, dass es anderen noch schlechter geht, bringt in dem Moment nichts. Wenn ich jemandem, der körperlich krank ist, sage, dass jemand anderer noch kranker ist, wird diese Person auch nicht eher gesund.

DIE FURCHE: Wenn wir weiterhin in Krisen­situationen lebten, würde sich die Psyche der nächsten Generation also an die neuen Umstände gewöhnen?

Pieh: Ich glaube, das würde keine ganze Generation lang dauern. Wir sind sehr anpassungsfähige Wesen, das haben wir mehrfach bewiesen. Es gab in früheren Zeiten deutlich größere Krisen, die wir schon überstanden haben. Aus diesen sind wir nicht nur geschwächt herausgegangen, sondern in einer gewissen Form auch gestärkt. Es kann beispielsweise den Selbstwert stärken, eine schwierige Situation gemeistert zu haben. Vorausgesetzt, man zerbricht nicht daran. Wenn die aktuellen Krisen weitergehen, werden wir ein Stück weit davon gebeutelt sein und ein Stück weit auch wieder Schritt fassen können. Ich wäre da nicht zu pessimistisch, dass sich diese Negativspirale fortführt. Das sind aber sehr hypothetische Überlegungen.

DIE FURCHE: Was wäre notwendig, damit junge Menschen gestärkt aus dieser Situation he­rausgehen können?

Pieh: Einerseits ist es, wie schon angesprochen, wichtig, Dinge nachzuholen, von denen man das Gefühl hat, sie versäumt zu haben. Man muss sich von dem Gedanken lösen, zu kurz gekommen zu sein. Andererseits ist es wichtig, Sinn im Leben zu finden. Auch Menschen, die alles haben, sind oft nicht glücklich. Die Generation, die während der Lockdowns in der Pubertät war und nun volljährig ist, braucht das Gefühl, Aufgaben und Möglichkeiten im Leben zu haben. Es braucht Per­spektiven, Ausbildungsmöglichkeiten und gute Chancen, in das Arbeitsleben einzusteigen, einen Job zu finden, den man gerne macht und der Geld bringt. Auch der Staat muss sich darum bemühen, dass das möglich ist.

DIE FURCHE: Angesichts der großen Anzahl psychischer Belastungen scheint das psychische Wohlergehen der Bevölkerung mehr denn je Verantwortung des Staates zu sein – und nicht nur die einzelner Individuen.

Pieh: Genau. Es gibt natürlich einen Bereich, den man selbst machen kann. Nicht alle der über 50 Prozent mit depressiven Symptomen brauchen Psychotherapie, Medikamente und schon gar keine stationäre psychiatrische Versorgung. Auch der Bildungsbereich hat Verantwortlichkeiten. Eine sehr gute Überlegung, wie ich finde, ist die kürzlich vorgestellte tägliche Sportstunde in der Schule. Aber es braucht zweifelsohne auch eine gute psychotherapeutische Versorgungssituation für jene unter den 50 Prozent, die wirklich behandlungsbedürftig sind. Die muss schnell und kostenfrei zugänglich sein. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien ächzen aus dem letzten Loch. Gerade weil suizidale Gedanken ansteigen, Essstörungen immer schwerer werden und immer jüngere Patient(inn)en betroffen sind, brauchen wir also auch dort mehr Ressourcen. Kurz zusammengefasst brauchen wir einen Masterplan, um die psychische Gesundheit zu ver­bessern, und ich glaube nicht, dass es den bisher gibt.

Fakt

Fehlende Hilfen

Expert(inne)n betonen seit Jahren, dass die psychosoziale Versorgung in Österreich mangelhaft ist. Auf die erhöhte Nachfrage wurde heuer mit einem Ausbau um etwa 20.000 zusätzliche Kassenplätze reagiert. Nun werde auch das Psychotherapiegesetz überarbeitet, um mehr Ausbildungsangebote zu schaffen, wie Grünen-Gesundheitssprecher Ralph Schallemeiner sagt. Praktizierende Psychotherapeut(inn)en befürworten die Akademisierung des Fachs , befürchten aber Mängel in der Versorgung durch Qualitätseinbußen bei derzeit geplanten Ausbildungsmodellen, so Susanne Pointner vom Netzwerk Psychotherapiegesetz neu.

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