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Vor dem alltäglichen Wahnsinn warnen

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Schneller Genuss und ungebremster Hedonismus: Deswegen wird der Westen in ärmeren Weltgegenden verachtet, meint Joachim Bauer. Der Wissenschaftsautor über mangelnde Selbststeuerung, die suchtanfällige Gesellschaft und die aktuelle Wendezeit.

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Schneller Genuss und ungebremster Hedonismus: Deswegen wird der Westen in ärmeren Weltgegenden verachtet, meint Joachim Bauer. Der Wissenschaftsautor über mangelnde Selbststeuerung, die suchtanfällige Gesellschaft und die aktuelle Wendezeit.

In seinen Sachbüchern bringt Joachim Bauer neurobiologische Erkenntnisse in bildungs- und sozialpolitische Debatten ein. Welches Rezept hat der Arzt und Psychotherapeut für turbulente Zeiten parat?

DIE FURCHE: Wie sehen Sie die aktuellen technologischen und sozialen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen: Erleben wir gerade eine Zeit des Umbruchs?

Joachim Bauer: Ja. Wir leben in einer Zeit der Krise. Das Wort Krise kommt aus dem Griechischen und bezeichnet eine Situation, in der sich entscheidet, ob man den einen oder den entgegengesetzten anderen Weg geht. Die Ressourcen dieser Welt - Wasser, Nahrungsmittel, Energie und Rohstoffe - sind begrenzt. Wenn wir es zu einem globalen Verteilungskampf kommen lassen, werden wir als Menschheit nicht überleben. Der alternative Weg besteht darin, die Lebenschancen dieser Welt halbwegs fair zu verteilen. Wir brauchen keinen Kommunismus, aber globale Fairness und sozialen Ausgleich.

DIE FURCHE: Um auf die persönliche Ebene zu kommen: Was brauchen wir, um erfolgreich eine Wende, eine Korrektur des eigenen Lebensstils zu vollziehen?

Bauer: Der Wille, im eigenen Leben eine persönliche Wende zu vollziehen, kann in uns aus ganz unterschiedlichen Situationen heraus entstehen. Notwendig wird eine Wende spätestens dann, wenn die Vernachlässigung guter Selbstfürsorge zu schwerwiegenden negativen Folgen geführt hat oder zu führen droht. Eine solche Situation ist zum Beispiel dann gegeben, wenn wichtige andere Menschen sich von einem abwenden, oder wenn ein gravierender medizinischer Befund im Raum steht.

DIE FURCHE: Veränderung bedeutet Stress: Wie geht man am besten damit um?

Bauer: Wir müssen zwischen gutem und schlechtem Stress unterscheiden. Guter Stress liegt vor, wenn wir Aufgaben zu meistern oder zu erledigen haben, denen wir im Prinzip gewachsen sind, also Aufgaben, die uns nicht völlig überfordern. Guter Stress ist gesund, denn ohne Aufgaben würden wir vor Langeweile sterben. Schlechter Stress bedeutet, dass wir etwas leisten sollen, was beim besten Willen nicht zu leisten ist. Guter Stress aktiviert die Motivationssysteme des Gehirns, schlechter Stress hingegen die Angst-u nd Aggressionssysteme.

DIE FURCHE: Wie lassen sich längerfristige Ziele in einer immer schnelllebigeren Gesellschaft erreichen?

Bauer: Indem wir - wie wir beide jetzt in diesem Gespräch - immer wieder innehalten und reflektieren, welches Leben wir eigentlich führen. Meine Erfahrung ist, dass Menschen, die in der Mitte des Lebens stehen, dazu kaum noch in der Lage sind. Diejenigen, die uns warnen können, weil sie spüren, in welchem Wahnsinn wir teilweise unterwegs sind, sind einerseits die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, und andrerseits die Älteren, die irgendwann anfangen zurückzublicken und dann erkennen, wie problematisch die Prioritäten sind, die wir uns im Leben setzen.

DIE FURCHE: Was heißt Selbststeuerung und warum messen Sie Ihr heute eine solch herausragende Bedeutung bei?

Bauer: In jedem Menschen sind zwei Systeme wirksam, die ihren Sitz im Gehirn haben und den entscheidenden Einfluss auf unser Verhalten ausüben: Das eine System wirkt "bottom-up", es beinhaltet unsere Triebe. Dieses System ist nichts Schlechtes, denn es sorgt dafür, dass wir vital sind und Lebenskraft in uns spüren. Der einzige Nachteil ist, dass dieses System über keinerlei Intelligenz verfügt und leicht verführbar ist, denn sein einziges Interesse ist auf die schnelle Befriedigung von momentan auftretenden Bedürfnissen gerichtet. Glücklicherweise haben wir Menschen ein zweites System, das "top-down" wirksam und in der Lage ist, vorausschauend zu denken und das abschätzen kann, was uns langfristig Vorteile bringt. Da dieses System außerdem in der Lage ist, die Perspektive anderer zu berücksichtigen, versetzt es Menschen in die Lage, miteinander zu kooperieren. Gute Selbststeuerung besteht darin, zwischen dem "bottom-up-" und dem "top-down"-System eine kluge Balance zu finden. Beide Systeme sollen in Frieden miteinander leben.

DIE FURCHE: Was sind eigentlich die Voraussetzungen gelingender Selbststeuerung?

Bauer: Die wichtigste Voraussetzung für gute Selbststeuerung ist die Fähigkeit, bei anstehenden Alltagsentscheidungen einen kurzen Moment innehalten und nachdenken zu können, also: Was ist die Situation? Was ist jetzt kurzfristig verlockend und was ist längerfristig sinnvoll? Will ich einen momentanen Vorteil wahrnehmen, mir einen spontanen Genuss gönnen, oder will ich die Befriedigung eines Bedürfnisses aufschieben? Wir sollten keineswegs immer darauf verzichten, etwas spontan zu genießen, sondern abwägen. Der Grund für einen Aufschub kann zum Beispiel sein, mein soziales Ansehen nicht zu gefährden, zu einem späteren Zeitpunkt einen größeren Vorteil zu ernten oder ein größeres Genusserlebnis zu ernten. Diese abwägenden Überlegungen können wir nur dann anstellen, wenn wir nicht in ständiger Hetze unterwegs sind. Ein weiteres Hindernis für gute Selbststeuerung ist soziale Benachteiligung: Wer zum Beispiel keine Bildung genossen hat, in finanzieller Not lebt oder gar Hunger leidet, der findet keine Ruhe, um bei anstehenden Entscheidungen längerfristige Gesichtspunkte zu berücksichtigen.

DIE FURCHE: Ist das Konzept der Selbststeuerung auch auf soziale Gruppen und Gesellschaften übertragbar und was würde das kollektiv gesehen bedeuten?

Bauer: Wir Menschen sind -wenn Sie so wollen -soziale Tiere, das heißt, wir lassen uns durch das, was andere um uns herum tun, stark beeinflussen. In unseren westlichen Gesellschaften dominiert die Tendenz zum schnellen Genuss und zum ungebremsten Konsum. Wir sind im Westen auf dem Weg in eine süchtige Gesellschaft. Das zeigt unter anderem der hohe Konsum von Alkohol, von Drogen aller Art, die Bildschirmsucht und die beängstigend weite Verbreitung von Übergewicht und daraus folgenden Erkrankungen, vor allem Diabetes und Bluthochdruck. Dass es um die Selbststeuerung in unseren westlichen Ländern nicht gut bestellt ist, sehen auch viele Völker dieser Welt, die ohne Wohlstand oder gar in Armut leben und uns wegen unseres ungebremsten Hedonismus verachten.

DIE FURCHE: Sie forschen gerade über das schon exotisch anmutende Konzept der Muße (s. Kasten): Wie könnte ein moderner Zugang zu solchen Freiräumen aussehen?

Bauer: Der Menschheit ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Muße verloren gegangen. Auf uns allen lastet der Zeitdruck, die Hetze und das Diktat ständiger Leistung. Denen, die aus dieser Maschinerie herausgefallen sind, geht es auch nicht besser: Sie leiden Langeweile oder Not, nicht selten beides. Muße meint einen Zustand, in dem wir die Zeit vergessen können. Muße kann sich sowohl bei der Arbeit einstellen - wenn wir uns ganz versunken und ungestört mit einer interessanten Aufgabe beschäftigen - als auch dann, wenn wir nur unseren Gedanken nachsinnen oder etwas Zweckloses tun. Zum Beispiel ein Buch lesen, musizieren, miteinander spielen, die Natur genießen oder mit Freunden ein Gespräch führen.

DIE FURCHE: Sie betonen, wie wichtig es ist, an die Zukunft zu glauben. Warum?

Bauer: Damit wir unseren Lebensmut nicht verlieren! An die Zukunft zu glauben, heißt, den nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt hinterlassen zu wollen. Der Glauben an die Zukunft ist überall dort verschwunden, wo die Menschenliebe verloren gegangen ist, wo purer Zynismus herrscht und es nur noch darauf ankommt, aus allem einen maximalen und schnellstmöglichen Profit zu ziehen.

Das Gespräch führte Martin Tauss

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