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Digital In Arbeit

Technik auch für morgen

1945 1960 1980 2000 2020

Wirtschafts-, Energie- und Umweltprobleme, Verpla- nung des Menschen sind Merkmale einer Krise, in der viele die Technik fürchten. Im folgenden Auszug aus einem Vortrag werden Auswege gesucht.

1945 1960 1980 2000 2020

Wirtschafts-, Energie- und Umweltprobleme, Verpla- nung des Menschen sind Merkmale einer Krise, in der viele die Technik fürchten. Im folgenden Auszug aus einem Vortrag werden Auswege gesucht.

Die Abhängigkeit des durchschnittlichen Arbeitnehmers verursacht, zusammen mit der Anonymität und Macht moderner Großunternehmen und po- litischer Verwaltungen und deren vielfach nicht gerade zimperlichen Umgang mit der Wahrheit, etwa in der Werbung, ,eine existentielle Angst und ein „Ur — Mißtrauen“ gegen alle nicht unmittelbar überblickbaren Organisationen.

• DasjahrzehntelangeLebenun- ter der ständigen Bedrohung einer Vernichtung der Menschheit mit Hilfe modernster technischer Methoden, insbesondere der Kerntechnik und Raketentechnik, erweitern diese Existenz angst auch auf die Naturwissenschaft und Technik, die diese Bedrohung ermöglichen. Die Menschen spüren, daß die Ethik bei technischen Entwicklungen oder naturwissenschaftlichen Forschungen keine große Rolle spielt.

• Der weltweite Großeinsatz der Technik hat heute ein Ausmaß erreicht, bei welchem die als „Nebenwirkungen“ auftretenden Störungen des Gleichgewichts in der Natur so groß werden können, daß sie durch die Regelmechanismen der Natur nicht mehr korrigierbar bzw. kompensierbar sind. Parallel dazu kann dieser Großeinsatz an die Grenzen der Ressourcen heranführen, wodurch künftigen Generationen große Probleme erwachsen können.

• Die—zumindest in der Vergangenheit — der Technik adäquaten organisatorischen Strukturen führen zu einer Entpersönlichung der menschlichen Arbeit. Organi-’ sation und Kontrolle verdrängen menschliche Initiative und Verantwortlichkeit. Der Einzelmensch wird zum Rad in einer Organisationsmaschinerie und isoliert sich innerlich von seiner Arbeit. ^

• Der durch die Entwicklungen in der Naturwissenschaft und Technik stark geförderte Materialismus hat dem Menschen das eigentliche Wesen des Menschseins, jenen Bereich, der ihn von der übrigen Natur unterscheidet, weitgehend geraubt. Damit ist ihm der Sinn seines Lebens verlorengegangen. Das als Sinnersatz entstandene Konsumdenken ist zwar dem Absatz großer Produktmengen förderlich und trägt daher zur Stabilisierung des geschilderten Systems bei; es läßt aber die Existenzangst, auf die ich schon hingewiesen habe, eher wachsen als schwinden, da es eben keine gültige Antwort auf die Urfrage des Menschen ist.

Diese fünf Problemkreise sind sicher nur ein Ausschnitt aus der Gesamtproblematik. Ihre Kenntnis allein genügt aber m. E. bereits, um die Behauptung zu untermauern, daß die derzeit beobachtbare „grüne Bewegung“ ein aus der Tiefe des menschlichen Bewußtseins kommender Warnruf vor der Gefahr ist, daß der Mensch und die Menschheit sich selbst psychisch und physisch zerstören könnten.

Wie kann es nun weitergehen?

Bekanntlich sollte man Zukunftsprognosen nur im Nachhinein machen, um Fehler zu vermeiden. Ich bin auch kein Prophet und möchte daher nur versuchen, einige wenige Möglichkeiten und Wege anzudeuten.

Vorerst muß man zwischen kurzfristigen und längerfristigen Entwicklungen unterscheiden. Kurzfristig kann (aber muß nicht) die heute vorhandene, technikfeindliche Haltung weiter Bevölkerungskreise (etwa in der Kernenergiefrage) sehr rasch verschwinden, ja sogar in das Gegenteil Umschlagen.

Mir scheint es durchaus denkbar, daß eine drastische Verschlechterung des Lebensstandards — deren Ursache nichts oder nur wenig mit den angeführten Problemkreisen zu tun haben muß —, hohe Arbeitslosigkeit und dergleichen, einen solchen, an sich daraus nicht rechtfertigbaren Meinungsumschwung nach sich ziehen könnte.

Ich bin allerdings der Auffassung, daß selbst ein solcher Mei-

nungsumschwung keine grundlegende Veränderung der langfristigen Situation mit sich brächte. Langfristig werden nämlich tatsächlich neue Weichen gestellt werden müssen, wenn nicht Entwicklungen auf unserer Welt ein- treten sollen, die ganz und gar nicht wünschenswert sind. Je früher es möglich sein wird, die Weichen umzustellen, desto weniger problematisch wird sich der Übergang vom Heute ins Morgen gestalten lassen.

Wie diese Weichenstellungen im einzelnen aussehen sollten oder gar aussehen werden, das wage ich derzeit nicht zu beurteilen. Ich meine, daß hier noch viel Denkarbeit zu^leisten sein wird.

Es scheint mir aber so, als könnte man bereits jetzt einige Grundlinien erkennen, die bei der Weichenstellung zu beachten sein werden:

# Die Technik und Naturwissenschaft ist an sich weder gut noch böse, weder moralisch noch unmoralisch, weder menschlich noch unmenschlich. Es ist der Mensch, der im Umgang mit Technik und Naturwissenschaft, in ihrer Entwicklung und Nutzung moralisch oder unmoralisch werden läßt. Allerdings ist zu beachten, daß eine mehrhundertjährige Geschichte die Ausgangsposition der Zukunft belastet.

• Ohne Technik und Naturwissenschaft scheint mir eine menschenwürdige Zukunft von fünf bis zehn Milliarden Menschen auf dieser Erde unvorstellbar. Ich selbst kann mir zumindest nicht vorstellen, wie ohne ganz massiven Einsatz von Technik und Naturwissenschaften auch nur die primitivsten biologischen Grundbedürfnisse für diese Menschheit (Essen, Trinken, Schutz vor Witterung, Gesundheit) sichergestellt werden könnten. Das heißt natürlich nicht, daß sich nicht etwa die Technologien ändern könnten oder müßten, um weniger und problemlosere Nebenwirkungen zu zeitigen.

• Aufgrund der beiden ersten Feststellungen und der Analyse der Situation, die ich zu skizzieren versucht habe, bin ich der Überzeugung, daß in Zukunft weit mehr als bisher moralische Überlegungen im weitesten Sinne fester, ja zentraler Bestandteil des Arbeitens in Naturwissenschaft und Technik sein müssen. Dazu wird es unumgänglich notwendig sein, daß sich Naturwissenschafter und Techniker nicht nur ein „Weltbild“ zurechtlegen, sondern auch zu einer echten „Weltanschauung“ kommen, die ihre Wurzeln nicht im Menschen selbst oder einer von ihm geschaffenen Konstruktion, sondern im Urheber der Natur, in Gott sucht!

In diesem Zusammenhang wird es ein besonders wichtiges Anliegen sein müssen, eine neue Gene ration von Naturwissenschaftern und Technikern heranzubilden, die sich vor Gott für ihr Handeln verantwortlich weiß.

Ich bin mir natürlich bewußt, daß das niemals vollkommen erfolgen kann und wird; wesentlich erscheint es mir aber, eine Trendumkehr einzuleiten, was m. E. durchaus im Bereich des Möglichen liegt.

• Hand in Hand mit einer Trendumkehr in der Technik wird eine Veränderung in den organisatorischen Strukturen der Industriegesellschaft notwendig sein und werden. Die Grundrichtung hiebei möchte ich mit dem Wort „Personalisierung“ kennzeichnen.

Damit meine ich, daß etwa in der Arbeitswelt „Arbeitsplätze“ durch „Personen“ zu ersetzen wären, Formulare und Unterschriftshierarchien durch persönliche, moralisch fundierte Verantwortung des einzelnen u. dgl.

Vermutlich wird das nur mit der Schaffung kleinerer Organisationseinheiten möglich sein, was der langsam aufdämmernden betriebswirtschaftlichen Erkenntnis entgegenkommen würde, daß stete Vergrößerung und Zentralisierung nicht zu wirtschaftlicher Verbesserung einer Wirtschaftseinheit (Firma, Gemeinde etc.) führen muß, ja sogar zum Gegenteil führen kann.

Nicht die „Gruppe“, die „Gesellschaft“, die „Klasse“, die „Firma“ sollten Vorrang haben, sondern der einzelne Mensch, nämlich „Du“, wobei ich bewußt „Du“ und nicht „Du und ich“ sage, da mir eine Trendumkehr, also die angestrebte und erforderliche Weichenstellung für die Zukunft, nur mittels einer moralischen Haltung möglich erscheint, die eine Abkehr von unserem heute praktizierten Gesellschaftsund Wirtschaftssystem voraussetzt, das vom Prinzip her auf Eigennutz, also egozentrisch ausgerichtet ist.

Es kann also nicht nur darum gehen, die Naturwissenschafter und Techniker moralisch „aufzurüsten“, dieser Prozeß ist für alle notwendig!

Der Autor ist Professor für Maschinenbau an der Universität Leoben. Dieser Beitrag ist ein wörtlicher Auszug aus einem 1980 gehaltenen Vortrag, dessen Aussagen ausdrücklich nicht die Autorität des Wissenschafters beanspruchen wollten, sondern als Denkanstöße zu Problemen, die weit über den Fachbereich des Autors hinausgehen, anzusehen seien.

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