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Digital In Arbeit

Apparate: Schon mehr als genug

Richtig: „Mikroelektronik ist heute zum Reizwort geworden.” Es steht als Codename für die rasante technische Entwicklung, die nahezu alle unsere Lebensbereiche verändern kann. Die neuen Technologien können— wie Otto Folberth richtig feststellt — Vor- und Nachteile mit sich bringen.

In seinem Beitrag bemüht sich Folberth, die angeführten Befürchtungen durch Argumente zu widerlegen. Aber gelingt es ihm eigentlich wirklich? Liest man seinen Beitrag aufmerksam, so stellt man fest, daß eine echte Auseinandersetzung nur mit dem Thema Arbeitslosigkeit stattfindet. Im übrigen ist sehr viel von Hoffnungen die Rede: „Unser Gesellschaftssystem dürfte genügend Mobilität und Flexibilität aufweisen...” „Präzisere Aussagen ... zu machen ist kaum möglich”, „Umschulungen und Umsetzungen, die... keineswegs zu sozialen Unruhen führen müssen .. .”„Rückfälle ins Mittelalter (seien) wohl kaum zu befürchten ...”

Das alles ist Ausdruck von Hoffnung, die man dem Autor gerne zubilligt. Um gesicherte Tatbestände, um harte Fakten, mit denen die Verantwortlichen gerne argumentieren, handelt es sich jedenfalls nicht. Die Zukunft ist nun einmal ungewiß. Und die Befürchtungen haben mindestens dieselbe Berechtigung wie die Verheißungen. Wer solche Befürchtungen hegt, ist deswegen nicht schon „technophob”, also jeder Art von Technik gegenüber feindlich gesinnt.

Viele wehren sich gegen die

Fortsetzung des bisherigen Weges technischen Fortschrittes, bei dem konsequent vor allem menschliche Leistung durch Apparate ersetzt wurde: Er hat dazu geführt, daß sich fortwährend die Arbeits- und Lebensgewohnheiten an die Notwendigkeiten von Apparaten anpassen mußten. Eine solche Zukunft erwartet auch Folberth. Ihm genügt es allerdings, wenn sie „mit verkraftbaren Änderungsraten” über die Bühne geht, „damit die Mitmenschen nicht zu sehr schockiert werden”. Ist das eine beruhigende Aussicht?

Fragen wir noch einmal, um welcher Vorteile willen wir uns diesen Zwang antun sollten: Arbeitserleichterung, bessere Information und Kommunikation und Erleichterung des Alltagslebens, also mehr Bequemlichkeit, werden uns in Aussicht gestellt. Gut. Stellt sich nur die Frage: Sind das unsere größten Sorgen in dieser krisengeschüttelten Zeit? Führen wir nicht ohnedies schon ein recht bequemes Leben? Mangelt es uns an Information und Kommunikation? Und sind unsere Arbeitsbedingungen im allgemeinen wirklich so dringend reformbedürftig? Wird nicht vielfach neue Monotonie am Arbeitsplatz erzeugt, Facharbeit durch Hilfsarbeit ersetzt?

Und wo liegen mögliche Gefahren der neuen Technik? Bedroht scheinen die Beziehungen zu unseren Mitmenschen, der Zusammenhalt unserer Gesellschaft, unsere persönliche Entfaltung durch Versuchung zur Oberflächlichkeit: Was da wohl schwerer wiegt?

Technik ist nicht neutral

Folberths Hinweis, wir hätten uns auch an Radio und Fernsehen gewöhnt, ist da nur ein schwacher Trost. Seit wann ist denn Gewöhnung gleichbedeutend mit Bewältigung? Man sehe sich Untersuchungen über die Folgen der Anschaffung eines Fernsehapparates für das Familienleben an: weniger Gespräch, weniger gemeinsames Tun, weniger Aktivität... Ist zu erwarten, daß unsere verkümmerten Beziehungen durch noch mehr Fernsehkanäle, Videospiele und Heimcomputer plötzlich zu florieren beginnen werden?

So gesehen wird auch die Fragwürdigkeit der Aussage, „nur mit vermehrtem technologischem Einsatz (seien) befriedigende Lösungen zu finden”, deutlich. Viele unserer Probleme sind ja gerade durch das hohe Maß an einseitiger

Technisierung hervorgerufen. Das Argument erinnert fatal an die Haltung von Süchtigen, die jeden Kater mit noch höheren Dosen bekämpfen wollen.

Kann ein Mehr an Technik, die nach den bisherigen Erfolgskriterien der Wirtschaft entwickelt worden ist, das Arbeitsplatzproblem lösen?

Das erklärte Ziel der neuen Technik ist Rationalisierung, auf gut deutsch: möglichst wenig Arbeitskosten bei gegebener Leistung. Durch Rationalisierung sinken die Kosten und steigt der Absatz, bekommt man darauf zu hören. Mag sein. Nur, wie lange funktioniert das noch in einer Gesellschaft, in der die Nachfrage in weiten Bereichen gesättigt ist? Ja, aber die Länder der Dritten Welt, ihre Not und ihr Hunger! Richtig, das wäre lohnend. Nur, um wirklich zu helfen, müßten wir zunächst Altruisten werden. Experten meinen außerdem, diesen Ländern wäre mit einer anderen, einer „mittleren” Technologie weit mehr geholfen.

Es stimmt ja einfach nicht, daß Technik neutral ist, daß es nur darauf ankomme, was der Mensch daraus mache, „ob die positiven oder negativen Aspekte... überwiegen”.

Technische Entwicklungen sind Ergebnisse zielgerichteten menschlichen Tuns, sie unterliegen Optimierungskriterien, sie stehen im Dienst einer Vision davon, was für den Menschen wertvoll und nützlich ist. Insofern sind sie nicht neutral, sondern tragen zur Verwirklichung des heute dominierenden Menschenbildes bei: des nach möglichst viel Konsum, Genuß und Sicherheit strebenden Vernunftmenschen.

Kein Wunder, daß dabei vieles, was das Leben eigentlich ausmacht, auf der Strecke bleibt.

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