7123591-1996_47_01.jpg
Digital In Arbeit

Kreative machen ihr Glück

1945 1960 1980 2000 2020

Unsere Arbeitswelt wird zunehmend schwierig und undurchschaubar. Die Formel „Eine solide Ausbildung plus Fleiß ist gleich eine gesicherte Zukunft” gilt nicht mehr.

1945 1960 1980 2000 2020

Unsere Arbeitswelt wird zunehmend schwierig und undurchschaubar. Die Formel „Eine solide Ausbildung plus Fleiß ist gleich eine gesicherte Zukunft” gilt nicht mehr.

Wir müssen unser starres Lebenssystem in Frage stellen.” Mit dieser kühnen Ankündigung überraschte kürzlich Rrigitte Kderer. „Kin Drittel ausbilden, das zweite arbeiten, das dritte in Pension - das ist auf Dauer ein Wahnsinn. Die Kunst wird nur sein: solche grundlegenden Änderungen anzugehen, ohne Ängste zu verstärken.” Soweit die bemerkenswerte Aussage der SPÖ-Bundesgeschäftsfüh-rerin. Nur - sie kommt, wie so vieles aus Politikermund, reichlich spät und ziemlich vage. Denn die wirkliche wirtschaftliche Entwicklung ist schon längst dabei, das „starre Lebenssystem” zu zertrümmern - und fast alle bekommen das bereits zu spüren.

Die meisten Menschen sind in ihr Berufsleben eingestiegen zu einer Zeit, wo sie mehr oder weniger gleichzeitig das Haus verließen, an fest verorteten Arbeitsplätzen mit ihren Kollegen zusammentrafen und sich am Feierabend wieder auf den Weg nach Hause machten. In der Schule hat man ihnen beigebracht, „Leistung lohnt sich”: Wer fleißig lernt und später gewissenhaft arbeitet, der kann es zu etwas bringen. Die Eltern sagten: „Du sollst es einmal besser haben!” Gemeint waren Wohlstand, ein „sicherer” Arbeitsplatz und gesellschaftlicher Aufstieg.

Heute ist das anders. Es sind nicht mehr nur die „Ungelernten”, „Bequemen” oder „Faulen”,' die keinen Job finden oder stempeln gehen müssen. Jeder kennt mittlerweile Beispiele aus seinem Bekanntenkreis, wo Arbeitslosigkeit wie ein Blitz aus heiterem Himmel eingeschlagen hat - in Berufen, wo niemand gedacht hatte, einmal auf der Karriereleiter ins Lsere zu greifen. Wir erleben täglich mit, wie schwierig es ist, sich wieder mit einer guten, angesehenen und modernen Arbeit ins Erwerbsleben einzuklinken, wenn man einmal draußen ist.

Die „Presse” zitierte kurzlich einen Wirtschaftsforscher mit den Worten: „Arbeitslos mit 40 oder 50? Keine Chance mehr!” Er plädierte dafür, alle Energien und Finanzmittel lieber in die Ausbildung der Jugend zu stecken, statt sich um die wenig chancenreiche Umschulung von 40- oder 50jähri-gen zu kümmern.

Die Frage#blieb allerdings offen, in welche Ausbildung? Rerufliche Karrieren sind weniger denn je planbar. Gerade die Jugend hat derzeit massiv das Gefühl, in eine nicht mehr durchschaubare Arbeitswelt hineingeworfen zu werden, und das auch noch unter extrem unangenehmen Redin-gungen: Es gibt wenig offene Lehrstellen, sieht man von einigen ungeliebten Rerufen einmal ab. In den Abschlußklassen der Schulen geht die Angst um. Für Schulabgänger hagelt es Absagen auf fiewer-bungen, viele haben die Hoffnungen auf ihren Lieblingsbe ruf begraben. Ähnliches passiert in den Universitäten: viele Studenten merken allmählich, daß sie in Ausbildungskanälen feststecken, die womöglich sogar nirgendwohin führen. Viele Kräfte und Potentiale, der gute Wille und die Ambitionen junger Menschen laufen derzeit ins Leere.

Und die, die einen Job haben, wissen auch nicht so recht, welche Zukunft sie vor sich haben. Gelten die Lebensentwürfe, die sozialen Absicherungen, die Ausbildungsstandards wie sie bisher üblich waren, auch morgen noch etwas?

Und wenn man sich ein Rild machen will, wie es weitergeht mit der Zukunft der Arbeit, so bekommt man widersprüchliche Prognosen serviert, die ebenfalls verwirrend sind.

Die einen klagen, durch die systematische Automatisierung gehe uns jetzt endgültig die Arbeit aus. Vollzeitjobs für die breite Masse wird es nicht mehr geben. Die anderen meinen, Arbeit gebe es genug, sie müsse nur anders (meist niedriger) bezahlt werden. Wiederum andere verlangen die Umwertung des Arbeitsbegriffes (Arbeitslosigkeit muß „entdramatisiert” werden, unbezahlte Tätigkeiten wie Hausarbeit, Kindererziehung endlich entsprechend entlohnt werden et cetera).

Manche - meist amerikanische - Top-Manager, Gurus und Zukunftsforscher malen uns die Zukunft hingegen als das wunderbare Informationszeitalter, in dem sich Technik, Wissenschaft und neue Rerufe rapide weiterentwickeln. Wir befinden uns zwar in einer revolutionären Ära, die alles bisherige umwirft, aber doch insgesamt zu Arbeit und Wohlstand führt, sagen sie.

Als ein Reispiel, worauf wir uns vielleicht einstellen müssen, sei hier der amerikanische

Investmentbanker und Zukunftsforscher William Knoke zitiert, dessen Buch „Kühne neue Welt. Leben in der place-less society” kürzlich in deutscher Sprache erschienen ist.

Seine zentralen Thesen: Unser Wirtschaftssystem wird in wenigen Jahren nicht mehr wiederzuerkennen sein. Durch die technologische Entwicklung und globale Vernetzung verlieren Distanzen und Entfernungen an Bedeutung. Zunehmend passiert überall alles gleichzeitig. Jeder steht mit jedem in Konkurrenz, jeder kann sich aber auch mit jedem zusammentun. Jene Firmen beziehungsweise Anbieter, die in dieser „ortlosen Gesellschaft” am besten und schnellsten arbeiten, werden die Nase vorn haben. Gefragt ist daher zukünftig eine Kombination aus Kreativität und Know-how, Flexibilität und die Re-reitschaft, das ganze Leben lang zu lernen.

Das entsprechende Stichwort dazu ist inzwischen auch hierzulande längst geläufig: „Globalisierung” (siehe dazu das dieswöchige Dossier).

Wer zuerst kommt und sich auf die neue Situation einstellt, hat alle Trümpfe in der Hand. Das gilt für Unternehmer genauso wie für Arbeitnehmer. Kurzzeitarbeitslosigkeit gehört zum Leben in Zukunft dazu. Aber sie ist eine Art „schöpferische Pause”, die zur Neuorientierung der Karrierechancen genützt wird. Das Einkommen verläuft entsprechend. Einmal verdient man mehr, einmal weniger.

Glaubt man solchen Zukunftsforschern, so gibt es künftig problemlos Arbeit. Allerdings nur für jene mit den entsprechenden Talenten, dem Können, Engagement, flexiblen Denken und der entsprechenden Wandlungsfähigkeit. Sie werden wählen können, wann, wo und wie sie arbeiten: als Spezialisten in der Computerbranche für die Rereiche Planungsforschung, Ablauf und Vernetzungsmanagement, um nur einige Reispiele anzuführen. Fruchtbarkeitsexperten etwa werden tolle Chancen vorausgesagt, weil die Karrierefrauen den Kinderwunsch immer häufiger hinausschieben und dabei Probleme kriegen. Gefragt sind auch internationale Umweltexperten, Anwälte und Spezialisten im Rekrutieren von geeigneten Mitarbeitern aus der ganzen Welt.

Flexibel sein, sich verändern, mit der Unsicherheit leben. Viele kreative Menschen denken auch bereits in Österreich darüber nach, wie sie die neuen Trends und Gegebenheiten für sich nützen können. Sie haben Freude daran und werden auch ihr Glück machen. Aber viele nicht. Und zwar nicht aus Requemlich-keit, sondern weil sie nicht so „gebaut” sind, um mit dieser rasanten Entwicklung in Richtung Techno-Welt mithalten zu können oder zu wollen.

Die Frage ist daher: Hat es Sinn, gegen diese Tendenzen anzukämpfen? Oder müssen alle irgendwie mitspielen? Und die nächste Frage ist: AVas kann, was soll die Politik tun? Was die Gewerkschaft, die Unternehmer, das Bildungssystem und der einzelne selbst?

Wir müssen endlich über die gesellschaftlich gewollte und notwendige Form der Arbeit, ihre zukünftige Organisation und wünschenswerte Entwicklung ernsthaft diskutie-Kleine Wortspenden, wie die eingangs erwähnten, sind bei weitem zu wenig.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau