Sinnvollbild
Gesellschaft

Mein sinnvolles Tun

1945 1960 1980 2000 2020

In einem AMS-Experiment im Waldviertel wurde eine Art Grundeinkommen ausprobiert. Ein persönlicher Bericht – samt Plädoyer für ein neues Verständnis von Arbeit.

1945 1960 1980 2000 2020

In einem AMS-Experiment im Waldviertel wurde eine Art Grundeinkommen ausprobiert. Ein persönlicher Bericht – samt Plädoyer für ein neues Verständnis von Arbeit.

Es ist Freitagmorgen. Martha, damals 56 Jahre alt, kommt zur Türe herein und sagt: „Ich habe gehört, man kann hier ein halbes Jahr arbeiten?“ Ich bin etwas verlegen und versuche zu erklären, dass dem nicht ganz so ist – sondern es die Möglichkeit über eine AMS-Maßnahme gibt, das zu tun, was man von Herzen gerne tut. Und so frage ich sie: „Was machen Sie denn wirklich gerne?“ „Naja, eigentlich eh alles“, antwortet Martha.

Ich unternehme einen neuen Versuch: „Gibt es etwas, was Sie schon immer tun wollten, aber nie dazu die Gelegenheit hatten?“ „Eigentlich hat es immer nur Kinder und Arbeiten gegeben. Da war nie für was anderes Zeit!“, lautet ihre Antwort diesmal. Wir reden noch eine Weile, graben in ihrem Leben und werden auch fündig. Wir vereinbaren, dass sie einmal überlegt – und wenn sie eine Entscheidung getroffen hat, möge sie wiederkommen, um gemeinsam die Rahmenbedingungen festzulegen. Was möchtest du von Herzen gerne tun?

Das ist für uns in der Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel die wichtigste Frage. Denn wir sind davon überzeugt: Jeder Mensch hat einzigartige Fähigkeiten, die uns bereichern können! Allerdings werden sie meist nicht nachgefragt. Viele sind funktionstüchtige Leistungsbringer für die Wirtschaft. Doch wir müssen weg von der rein leistungsorientierten zu einer gastfreundlichen Gesellschaft: In ersterer klaffen geforderte Leistung und innere Erfüllung (wie bei Martha) oft auseinander. In der gastfreundlichen Art hat der Mensch um seiner Selbst willen einen Wert – und nicht aufgrund von Leistung. Das heißt gleichzeitig: Leistung und Erfüllung werden zur Einheit! Damit wird auch die Logik des Kapitals durchbrochen. Die Frage an Martha war also eine totale Wende ihrer bisherigen Werte: Sie selbst war stets gewohnt gewesen, das zu tun, was andere von ihr erwarten: früher in der Fabrik, dann beim Putzen und an anderen Arbeitsplätzen, vielleicht auch in der Familie. Auf die Idee, ihren Fähigkeiten entsprechend etwas zu suchen, war sie gar nicht gekommen. Es war in ihrer Generation nicht üblich –und es hat auch heute seine Grenzen.

Entwicklung der eigenen Fähigkeiten

Mit der Frage „Was willst du von Herzen gerne tun?“und der darauf folgenden Aufforderung, es wirklich zu tun, es sich nicht von anderen anschaffen zu lassen, sondern es zu machen, weil man es will, wird Arbeit neu definiert: als Entwicklung der eigenen Fähigkeiten – und Versuch, diese mit anderen zu teilen, das heißt, sie in die Gesellschaft einzubringen. Schließlich will jeder Mensch auch Anerkennung, die nicht aus sich selbst kommt, sondern nur durch andere und in Gemeinschaft. Seit Jahren führen wir in der Betriebsseelsorge Versuche wie die oben erwähnte Arbeitsmarktmaßnahme durch. Sechs Monate haben Menschen ohne Erwerbsarbeit dabei die Chance auf eine Beschäftigung.

Einzige Bedingung ist eine Antwort auf die Frage: Was möchtest du von Herzen gerne tun? Es gibt kein Kriterium zur Beurteilung, ob etwas sinnvoll ist oder nicht. Einzig die Absicht zählt. Gemeinsam suchen wir dann nach einem sozialen Umfeld. Denn: Wer arbeitslos ist, ist draußen! So lässt sich die Erfahrung vieler Betroffener zusammenfassen. Es braucht also Gemeinschaft. Ab April 2018 haben wir das Experiment in der Stadt Heidenreichstein im Oberen Waldviertel erweitert: Der neue Titel des Projekts lautete „Sinnvoll Tätig Sein“ – und war ein Schritt in Richtung Grundeinkommen. 44 Frauen und Männer aller Altersgruppen und Bildungsschichten hatten dafür 20 Monate lang keine andere Aufgabe, als ihre Talente zu leben, sie zu entwickeln und in der Gemeinschaft wirken zu lassen. Es war eine bunte Gruppe: Junge, die im Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen konnten, 50-Jährige, die von der Arbeit kaputt waren, Alleinerzieherinnen, Menschen mit Migrationshintergrund, andere mit Betreuungspflichten von Kindern oder Alten, Akademiker und Menschen ohne Schulabschluss, Alleinstehende und eine Mutter mit sechs Kindern, ein Schriftsteller und eine Fabrikarbeiterin.

Allesamt waren sie seit (teils vielen) Jahren ohne Erwerbsarbeit – und ein Großteil ohne Chance auf einen Arbeitsplatz. Während manche sagten, der oder die soll doch endlich etwas arbeiten, wollte sie gleichzeitig niemand beschäftigen.

Raus aus der Isolation

Doch wie sah das Konzept konkret aus? Das Einkommen war seitens des AMS gesichert, es gab also keinen Druck der Lebenssicherung, ebenso keine Vorstellungsgespräche oder Termine beim AMS. Denn: Arbeitslosigkeit belastet schließlich, und die obligate Frage, was man denn jetzt beruflich mache, drängt in die Isolation.Niemand will als Versager dastehen, vor allem, wenn der Zustand der Arbeitslosigkeit schon länger andauert. Wer verzweifelt ist, braucht keine Vorwürfe, sondern Menschen, die mehr an ihn glauben als mitunter man selbst. Das wollten wir bieten.

Durch diese Atmosphäre konnten sich die Teilnehmer(innen) zunächst einmal aufrichten. Sie bekamen Anerkennung und auch Bewunderung dafür, wie sie ihr Leben meistern: Das gab den Blick frei für anderes, schuf neuen Freiraum! Die sozialen Kontakte bewirkten Horizonterweiterung und legten Fähigkeiten frei. So entstand eine unglaubliche Vielfalt: Sprachkurse für Menschen mit Migrationshintergrund, Gesundheitsprogramme, Betriebsgründungen, Schulabschluss, Schreibwerkstätten, Gestaltung des öffentlichen Raumes, Bildungsangebote, überraschende Möglichkeiten für Arbeitsplätze, soziale Aktionen und politische Betätigungen.