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"Flexibel wie ein Grashalm"

Seit zehn Jahren gibt es das Arbeitsmarktservice (AMS) und mit ihm sein Unternehmensgründungsprogramm. AMS-Chef Herbert Böhm betont im furche-Gespräch über die Veränderungen des Arbeitsmarktes jedoch die eklatanten Unterschiede zur umstrittenen Ich-AG nach deutschem Muster.

Die Furche: Begriffe wie "Ich-AG" und "Marke Ich" machen deutlich, dass jeder Arbeitnehmer zugleich Unternehmer seiner eigenen Arbeitskraft ist: Er muss sich vermarkten, um auf dem Markt bestehen zu können. Egoismus ist eine der wichtigsten Qualifikationen, wer da nicht mit kann, bleibt auf der Strecke. Wie sehen Sie den Arbeitsmarkt?

Herbert Böhm: Das ist so, weil jeder Einzelne für sich selbst sein wichtigstes Produkt ist. Wer zu sich selbst kein Vertrauen hat, darf auch nicht erwarten, dass andere ihm vertrauen. Die Konsequenz ist Sozialdarwinismus: Jemand mit viel Eigeninitiative obsiegt gegen die, die das nicht haben. Das ist ein Selektionsprinzip der Evolution, das wir sicher nicht außer Kraft setzen können. Wir können aber unsere humane und soziale Verantwortung dazu verwenden, den Schwächeren, Unentschlosseneren und nicht so Mutigen Rat und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Da darf man selbstbestimmte Arbeit nicht ausschließen.

Die Furche: Und wie ist es in Österreich um diese Eigeninitiative, die Sie beschrieben haben, bestellt?

Böhm: Hierzulande gibt es viel mehr Unterlasser als Unternehmer. Man muss daher das unternehmerische Element stärken. Mut zum Risiko, Mut sich etwas zuzutrauen - kaum sind wir über den Grenzen, sind die Österreicher erfolgreich, aber im eigenen Land sehen wir zuerst die Hürden, die Barrieren. Der Mut zum aufrechten Gang ist manchmal durch die Möglichkeit behindert, dass wir die Krücke mitbekommen. Ein Ausweg aus der Arbeitslosigkeit ist auch die Überlegung: Bisher habe ich für andere gearbeitet, jetzt könnte ich doch einmal mein eigenes Business aufmachen. Das setzt die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen voraus.

Die Furche: Wie haben sich die Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes geändert?

Böhm: Heute gibt es das nicht mehr, dass man in einem Unternehmen anfängt und dort nach 40 Jahren in Pension geht. Früher wurde die Wirtschaftlichkeit großer Firmen mit staatlicher Förderung unterstützt. Heute müssen sie im internationalen Wettbewerb bestehen. Diese Entschlackungskuren, die jeder für sich im Wellnessbereich so gern macht, machen Firmen eben auch. Und wenn man das Fettpölsterchen ist, das eigentlich weggehört, muss man schauen, dass man Muskeln ansetzt. Und da geht es eben darum, immer eine Nasenlänge voraus zu sein.

Die Furche: Was heißt das für jeden Einzelnen?

Böhm: Das fachliche Wissen, das früher ganz wichtig war, ist heute nur noch zu einem Drittel relevant. Soziale Kompetenz hat an Bedeutung gewonnen. In Österreich steht das Wort "Team" ja leider meistens für "Toll, ein anderer machts". So funktioniert das natürlich nicht. Man muss schon sein Geld wert sein. Es gibt nun einmal nichts gratis. Dazu kommt, dass man die Kunden entdecken muss. Heute sind sie emanzipierter als früher, sie wechseln die Firma, die Marke, wollen freundlich bedient werden. Das gilt auch für Arbeitnehmer. Die Leute müssen eines begreifen: Wenn sie im Büro den Hörer abheben, telefonieren sie vielleicht gerade mit jemandem, der ihre Gage bezahlt. Und wer sich dann dementsprechend verhält, ist näher beim Kunden als jemand anderer. Jobs behält nur der, der für ein Unternehmen Wertschöpfung bringt, weil Wertschöpfung auch mit Wertschätzung zusammenhängt. Das lässt sich auch umlegen auf den Arbeitnehmer, der einen Kunden, also einen Arbeitgeber, sucht. Da ist Flexibilität ganz wichtig, auch wenn ihr die Österreicher sehr zwiespältig gegenüberstehen. Aber in der Natur ist es auch so - wenn ein Strohhalm, ein Grashalm starr wäre wie Beton, würde er nicht überleben. Interessanterweise hat die Natur sehr flexible Bedingungen zur Anpassung an klimatische Bedingungen geschaffen.

Die Furche: In Deutschland wurde für Arbeitlose die Gründung von Kleinstunternehmens, bekannt geworden als "Ich-AG", als Lösung für fast alle Arbeitsmarktprobleme propagiert. Es gab finanzielle Förderungen ohne jede weitere fachliche Unterstützung. Viele sind damit gescheitert, die Ich-AG ist in Verruf gekommen. Was ist bei unseren Nachbarn schief gelaufen?

Böhm: Bananen gerade biegen ist nicht unbedingt ein nachhaltiger Job. Man kann nicht nur verordnen, mach dich mit 600 Euro selbstständig. Man kann auch nicht jeden einfach aus der Arbeitslosenstatistik in die Unternehmensgründung drängen. Man muss sich mit dem Menschen beschäftigen, nicht nur mit Zahlen. Und dann ist es auch eine Frage der Rahmenbedingungen. Man hat die Erfordernisse nicht zu Ende gedacht. Es ist die Unterstützung nicht aus einer Hand. Und es wurden die Gründungsideen nicht anhand eines Business Planes auf ihre Nachhaltigkeit hin überprüft, was ab kommendem Jahr allerdings geändert werden soll. Man hat bisher die Leute relativ allein gelassen, wir tun das Gegenteil.

Die Furche: Wie funktioniert das österreichische Pendant, das Unternehmensgründungsprogramm des AMS?

Böhm: Wir sind sehr selektiv. Da wird zuerst ein Business Plan erstellt und die Idee geprüft. Wir wollen auf die mögliche Aufnahme einer selbstständigen gewerblichen Tätigkeit vorbereiten. Da muss man zum Beispiel etwas wissen von Steuerrecht, von Buchhaltung, Marketing, aber auch von Arbeitsrecht, denn es sollen ja auch weitere Arbeitsplätze entstehen. Man kann binnen sechs Monaten die Wissenslücken in allen nötigen Bereichen durch modulartig aufgebaute Kurse abdecken. In der Zeit wird auch der Lebensunterhalt vom AMS bezahlt. Aber die Leute müssen sich auch selber informieren, selber aktiv werden. Da muss Pepp dahinter sein. Wenn jemand selbstständig ist, hat er ja auch nicht jemanden neben sich, der ihm immer sagt, wie es geht. Nach der Gründung, für die es allenfalls eine Gründungsbeihilfe gibt, folgt noch eine dreimonatige Phase, in der ein Checkup durch Unternehmensberater erfolgt.

Die Furche: Wie viel gibt das AMS für eine Unternehmensgründung aus?

Böhm: Ein gegründetes Unternehmen kostet uns im Durchschnitt 4.360 Euro. In Deutschland, wo drei Jahre lang ein Existenzgründungszuschuss bezahlt wird, kostet eine Gründung 14.400 Euro bei relativ hohem Risiko, in die Arbeitslosigkeit zurückzukehren. In Österreich sind dagegen nach einem Jahr noch 80 Prozent der Gründer in ihrem Unternehmen. Und zwar deshalb, weil bei uns eben nicht jeder einfach so einen Zuschuss zur Gründung bekommt. Es gibt jährlich 19.000 Interessenten, voriges Jahr sind rund 9.286 in das Programm aufgenommen worden. Mit denen wird dann erst einmal die Idee geprüft. 4.237 haben dann tatsächlich ein Unternehmen gegründet, das ist die höchste Zahl seit Bestehen des Programms. Und es sind 15 Prozent aller Unternehmensgründungen in Österreich. Und alle drei Jahre entsteht im Schnitt pro Gründung ein weiterer Arbeitsplatz. Unternehmer schaffen ja auch Beschäftigung. Ich bin auf dieses Programm sehr stolz, weil es für viele Menschen ein Ausweg aus einer schwierigen Situation ist.

Das Gespräch führteClaudia Feiertag.

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