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"CSR ist eine Sache der EINSTELLUNG“

WKÖ-Präsident Christoph Leitl über die Verantwortlichkeit der Unternehmer und die Zukunft der österreichischen Wirtschaft.

* Das Gespräch führte Oliver Tanzer

Christoph Leitl ist seit dem Jahr 2000 Präsident der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Ein Interview über die Herausforderungen der Krise, die Vorzüge des Unternehmertums, die Jugend Österreichs und die innere Social Responsibility der Unternehmer.

Die Furche: Österreichs Wirtschaft hat eine Periode unerhörten Wachstums erlebt und nun auch eine der großen Unsicherheit. Hat sich das Land verändert?

Christoph Leitl: Die Menschen haben sich zum Guten entwickelt. Sie sind mehr als früher bereit, ihre Begabungen und Talente zu entwickeln, in die Welt hinauszugehen. Zum Positiven entwickelt hat sich auch unsere duale Ausbildung. Sie ist heute für viele Nationen ein Best-Practice-Modell. Wir sind auch in den Berufseuropameisterschaften ganz vorne mit dabei. Man kann wirklich stolz sein.

Die Furche: Bildungstechnisch sind wir da aber nicht ganz so weit. Stichwort Pisatest.

Leitl: Das zeigt uns, woran es in unserem Bildungssystem krankt. Nämlich am Eingehen auf die inneren Talente des Menschen. Man muss den Jungen über die Schulter schauen und ihnen sagen, da musst du noch dazu lernen, aber hier bist du gut und da fordere und fördere ich dich. Da sporne ich dich zu Höchstleistungen an. Diese Höchstleistungen sind es dann, die uns die Qualität bei den Produkten geben, um weltweit erfolgreich zu sein. Sechs von zehn Euro unseres Wohlstandes verdienen wir außerhalb der österreichischen Grenzen.

Die Furche: Wir haben Wochen der Auseinandersetzung zwischen Regierung und Lehrergewerkschaften hinter uns. Was würden Sie denn aus Perspektive der Wirtschaft konkret vorschlagen?

Leitl: Ich würde dem Schul- aber auch dem Universitätssystem die Kombination zwischen Beruf und tertiärer Ausbildung sehr empfehlen. Wenn jemand einen Beruf lernt und dazu noch einen Bachelor absolviert, hat er die besten Chancen auf ein sehr gutes berufliches Fortkommen. Ich kann der Regierung also nur empfehlen, nehmt euch die Vorschläge der Sozialpartner zu Herzen.

Die Furche: Inwiefern? Gerade bei den Verhandlungen zum Lehrerdienstrecht hat sich gezeigt, dass es auch auf Seiten der Sozialpartner, in diesem Fall bei den Gewerkschaften, wenig Bereitschaft zu Erneuerung und Umstellung gab.

Leitl: Ich hätte hier einen ganz anderen Zugang. Ich würde fragen: Was erwarten wir von unseren Pädagogen? Meine Antwort: Dass sie die Schwächeren fördern und dabei die Besseren nicht vergessen. Dass wir das System also begabungsdifferenziert betrachten und nicht schultypdifferenziert. Das Gymnasium könnte dabei zu einem wichtigen Teil der Zukunftsgestaltung werden - etwa, indem man Fremdsprachen wie Englisch als Unterrichtssprache anbietet.

Die Furche: Und was ist mit jenen, die heute aus dem System fallen?

Leitl: 10 Prozent aller Jugendlichen, das sind über 8000 pro Jahrgang, brechen ihre Ausbildung, sei es Pflichtschule oder Lehre, ab. Dadurch sind sie wie ausgeblendet aus unserem Gesichtsfeld. Gute Ansätze sind das Jugendcoaching in den Schulen und das Lehrlingscoaching über die Wirtschaftskammern, wo den Jungen bei Schwierigkeiten geholfen wird. Ich bin überzeugt, dass in jedem jungen Menschen Begabungen und Talente stecken. Man muss sie nur ausfindig machen.

Die Furche: ... und die Gymnasien wären für die Bildungselite zuständig?

Leitl: Ich will gar nicht von Elite sprechen, weil das bei uns sofort missverstanden wird. Nein. Alle, die auf eine internationale Ausbildung Wert legen, brauchen eine entsprechende Qualifikation. Aber im Übrigen gilt es, Begabungen und Talente zu fördern und den Schwächeren zu helfen. Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Ich war in Deutsch hervorragend. Aber da hieß es: Jedes Fach ist gleich wichtig. Wenn du, Christoph Leitl, in Mathematik und Chemie hängst, dann ist das dein Problem. Dann fliegst du eben durch. Konsequenz: Der Schüler Leitl hat Mathematik und Chemie gelernt bis zum Umfallen und ist durchgekommen. Aber mein eigentliches Interesse, nämlich Literatur, ist dabei auf der Strecke geblieben.

Die Furche: Aber als WirtschaftskammerPräsident muss man doch auch mit Mathematik umgehen können.

Leitl: Natürlich. Aber da ging es um andere Dinge. Ich kann Ihnen heute noch Volumen und Oberfläche eines um eine Tangente rotierenden Körpers berechnen. Aber habe ich nicht zu viel versäumt, weil ich dafür nicht dazu kam, Goethes "Faust“ zu lesen?

Die Furche: Von der Mathematik zur Budget-Rechenkunst. Die Staatssäckel in ganz Europa sind derzeit ziemlich leer. Wie wird das Ihrer Meinung nach weitergehen?

Leitl: Wir sind in einer nicht einfachen, aber trotz allem durchaus bewältigbaren Situation. Aber wir sollten endlich mit dem Schönreden aufhören. Wir machen uns ja gerne ein X für ein U vor.

Die Furche: Beispielsweise indem die Regierung ein Budgetloch in eine "auseinanderlaufende Prognose“ umtauft?

Leitl: Wir dürfen uns nicht selbst betrügen. Wir sollten angesichts dessen, was auf uns zukommt, nüchtern und realistisch sein.

Die Furche: Was kommt auf uns zu oder besser auf Österreichs Unternehmer?

Leitl: Wir müssen erkennen, dass die Lohnkosten in Asien gerade einmal ein Prozent des österreichischen Niveaus betragen und dass die Energiekosten in den USA um die Hälfte billiger sind. Das sind Entwicklungen der letzten Jahre, die wir nicht leugnen können. Wir können nicht sagen, es geht uns ohnehin noch gut. Die Chinesen bauen die Autos der Zukunft, die Inder entwickeln die Software der Zukunft, die Brasilianer die Flugzeuge der Zukunft. Die Frage ist: Wofür sind wir Europäer da?

Die Furche: Hätten Sie darauf Antworten?

Leitl: Darauf habe ich eine konkrete und eine abstrakte Antwort. Erstens: Wir hätten gute Chancen bei erneuerbaren Energien und Umwelttechnologien. Wenn ich europäischer Verantwortlicher für die Zukunftsstrategie Europas wäre, würde ich ins Parlament nach Strassburg gehen und sagen: beendet euren Wanderzirkus zwischen Strassburg und Brüssel und verwendet die 200 Millionen Euro, die uns das jährlich kostet, für einen Forschungs- und Entwicklungsstandort für Umwelttechnologien. Da wollen wir Weltmarktführer sein.

Die Furche: Und die abstrakte Antwort?

Leitl: Die Amerikaner sind sehr gut in der Produktivität und Effizienz. Die Asiaten sind ungeheuer fleißig. Die Europäer können dafür mit Humanressourcen ungeheuer gut umgehen. Wir sollten also neue Produkte und Dienstleistungen für bestehende Probleme rascher finden können als irgendjemand sonst. Das ist die Basis des Erfolgs. Das ist Europas Chance.

Die Furche: Machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir behaupten, Zukunftstechnologien entwickeln zu wollen, aber uns vor allem Neuen fürchten? Ich denke da gerade an die Diskussion um das Fracking.

Leitl: Was das Fracking betrifft, so muss man sich intensiv damit auseinandersetzen. Etwas abzulehnen, ohne dass man sich eingehend damit auseinandersetzt, halte ich nicht für richtig. Aber auch ganz grundsätzlich hat unsere Gesellschaft ein gespaltenes Verhältnis zur Technik. Es herrscht zum Beispiel immer noch die Meinung, dass Frauen und Technik verfeindete Geschwister sind. Das Gegenteil ist der Fall. Frauen erbringen auch in der Technik Spitzenleistungen.

Die Furche: Ich möchte mit Ihnen gerne über den Bereich Corporate Social Responsibility sprechen. Beinahe jedes große Unternehmen betreibt schon eine eigene CSR-Abteilung. Aber betreibt nicht auch ein kleiner Unternehmer natürliche Verantwortlichkeit, indem er Menschen beschäftigt und Steuern zahlt? Ist das nicht schon in sich ein Dienst an der Gesellschaft?

Leitl: Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Dreiviertel aller österreichischen Unternehmer bekennen sich zu der mit ihrem Wirken verbundenen sozialen Verpflichtung. Das ist entscheidend. Nach innen, indem er fragt, wie gehe ich mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um. Nach außen, indem er fragt: Was ist der nachhaltige Nutzen, den ich dem Kunden biete? Wie gehe ich mit gesellschaftlicher Verantwortung um? Dann wird das bedeutend, wovon Sie sprechen: Ich zahle Steuern, ich bilde aus und biete Beschäftigung. So gesehen ist CSR eine Einstellungs- keine Organisationsfrage. Ich rede von einer inneren CSR.

Die Furche: Hat sich das Unternehmerbild geändert in diesen vergangenen 10 Jahren? Hin zum Dienstleistungs- und Serviceunternehmer. Hin zum Kleinstunternehmer?

Leitl: Ja. Das hat sich so entwickelt. Wir sind die intensivsten Begleiter der Gründer und stolz auf sie und überzeugt, dass sie noch sehr viel leisten werden. Alles beginnt im Kleinen, aber viele Neugründungen entwickeln sich in gutgehende mittlere und größere Unternehmen.

Die Furche: Sie sind ein Vertreter der Sozialpartnerschaft. Denken Sie, dieses System hat Zukunft?

Leitl: Es ist moderner und aktueller denn je.

Die Furche: Inwiefern?

Leitl: Wenn ein Unternehmen heute hoch vernetzt und unter hohem Druck arbeitet, darf es keine Störungen im wirtschaftlichen Ablauf geben. Streiks sind vertrauensmindernd. Bei den drei erstgenannten Gründen, warum sich ein Unternehmen in Österreich ansiedelt, steht als erstes immer der soziale Friede. Das ist ein Zeichen für Verlässlichkeit und ein Wettbewerbsvorteil in Krisenzeiten - durch die Sozialpartnerschaft.

Diese Seite entstand in Kooperation mit der Wirtschaftskammer Österreich.

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