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Ein Netzwerk, das zu dienen hat

Ethisches Verhalten darf in der Wirtschaft nicht zum Konkurrenz-Nachteil werden. Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Wirtschaftskammer, Christoph Leitl.

Solidarität sei für Österreichs Wirtschaft kein bloßes Schlagwort, stellte Christoph Leitl mit Bezug auf die Solidaritätsstudie fest und illustriert das an drei Beispielen:

Bei der Hotline, die die Wirtschaftskammer angesichts der Hochwasserkatastrophe eingerichtet hatte, seien ein Drittel der Anrufe Hilfsangebote gewesen. Die Unternehmer würden nicht nachfragen, wie ihnen geholfen werden kann, sondern wie sie helfen können.

Auch bei der "Abfertigung neu" habe die Wirtschaft eine solidarische Haltung bewiesen: "Obwohl das ein starker Brocken für die Wirtschaft war, hat es hier keinen Unmut gegeben, sondern Verständnis." Solidarität auch bei der Familienhospizkarenz: "Das ist bei Kleinbetrieben nicht immer einfach. Doch es ist von allen mitgetragen worden."

Ein persönliches Anliegen sind Christoph Leitl die Arbeitsplätze für Behinderte. "Ich kann es nicht hinnehmen, dass 4.000 Behinderte beim AMS als arbeitssuchend gemeldet sind. 4.000 Einzelschicksale müssen doch von 300.000 Betrieben bewältigt werden können." Um den Behinderten die Arbeitssuche zu erleichtern, will die Wirtschaftskammer gemeinsam mit dem Institut für humanistisches Management eine Internet-Jobbörse auf www.wko.at ins Leben rufen.

Die Furche: Auf Ihre Anregung kamen heuer in Alpbach erstmals Gespräche über Wirtschaft und Ethik zustande. Sehen Sie zuwenig Ethik in der Wirtschaft?

Christoph Leitl: Es ging mir darum, das Thema Ethik stärker bewusst zu machen. Nicht nur angesichts aktueller Ereignisse in den USA - Stichwort Managerabfertigungen oder Bilanzfälschungen - ist es wichtig, über die Funktion der Wirtschaft für die Gesellschaft nachzudenken. Ich verstehe Wirtschaft als ein Netzwerk, das zu dienen hat. Das Dienen kommt vor dem Verdienen. Verdienen ist natürlich auch wichtig.

Die Furche: In Europa gibt es viele Gesetze und Institutionen, die dazu führen sollen, dass sich ethisches Verhalten nicht als Nachteil für den Wettbewerb auswirkt. Brauchen wir das auch global?

Leitl: Ja, der globalen Wirtschaft fehlen die globalen Institutionen. In der EU haben wir die Kommission, die Rahmenbedingungen setzen kann, also quasi eine europäische Regierungsfunktion ausübt. So etwas bräuchten wir weltweit. Noch in diesem Herbst soll ein "Global Chamber Network" gegründet werden, wo ich als Präsident der Europäischen Wirtschaftskammern ein Forum der Wirtschaftkammerorganisationen der anderen Kontinente zusammenbringen will. Das kann ein Mosaikstein dazu sein.

Die Furche: Nimmt das ethische Verhalten der Mitglieder der Wirtschaftkammer eher zu oder ab?

Leitl: Da gibt es keine pauschale Antwort. Sorge macht das Wachstum des Schwarzbereiches. Wenn die Abgabenquote so hoch ist, dass manche Betriebe in ihrer Existenz gefährdet sind, ist dann die Flucht in den Schwarzbereich Notwehr oder unethisches Verhalten?

Die Furche: Ist es ein Standortvorteil für ein Land, wenn es den Ruf hat, dass man sich dort ethisch verhält, dass es z. B. keine Korruption gibt?

Leitl: Absolut. Die Unternehmer glauben auch, dass sich ethisches Verhalten im sozialen und ökologischen Bereich durchaus auszahlt. Nicht nur in klingender Münze, sondern auch dass man auf das eigene Unternehmen stolz sein kann. Unser Land mit einer sauberen Verwaltung, ohne Korruption und hoher Sicherheit, das ist ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil.

Das Gespräch führte Christian Brüser.

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