"Es geht um Haltungen, nicht um Gesetze"

Weder rechtliche Bestimmungen noch Bußgelder seien taugliche Mittel zur häufigeren Beschäftigung behinderter Menschen,+ meint Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl im Furche-Interview. Besser wäre mehr Information und Mediation.

Die Furche: Ihrer Überzeugung nach besitzen behinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Unternehmen einen doppelten Wert: einen betriebswirtschaftlichen Wert - durch ihre Leistung - und einen erhöhten sozialen Wert, weil sich Integration positiv auf das Arbeitsklima in einem Betrieb auswirken würde. Haben Österreichs Unternehmen diesen doppelten Wert schon ausreichend erkannt?

Christoph Leitl: Ausreichend sicher nicht, aber sicher schon wesentlich mehr, als das früher der Fall war. Gerade dort, wo Behinderte integriert sind, sind die Erfahrungen besonders positiv und daher ermutigend für all jene, die sich das noch nicht getraut haben.

Die Furche: Es sind noch einige Betriebe, die davor zurückschrecken. Was macht die Wirtschaftskammer, um den Unternehmen die Beschäftigung behinderter Menschen schmackhaft zu machen?

Leitl: Zuvor müssen wir natürlich alles tun, um die vorhandenen gesetzlichen Rahmenbedingungen abzubauen. Statt gesetzlicher Keulen müssen wir versuchen, Mediationsprozesse in Gang zu bringen, wenn es zu Konflikten im Betrieb kommt. Aber darüber hinaus tun wir schon einiges: Wir geben Information - etwa durch eine elektronische Jobbörse für Menschen mit Behinderungen unter www.wko.at. Zweitens wollen wir die integrative Berufsausbildung für junge Menschen forcieren, für die die reguläre Lehre nicht geeignet ist. Wir wollen drittens maßgeschneiderte Lösungen von Arbeitsplätzen - sowohl für die Unternehmen, als auch für die Behinderten - mit der entsprechenden Förderung. Neben der schon genannten Mediation als Begleitprozess wollen wir schließlich die zahlreichen Klein- und Mittelbetriebe bis 25 Mitarbeiter, die nicht dem Behinderteneinstellungsgesetz unterliegen, motivieren. Hier könnte man zeigen, dass man nicht unbedingt eines Gesetzes bedarf, um eine integrative Aufgabe erfolgreich erfüllen zu können.

Die Furche: Neben gutem Willen ist es natürlich so, dass Betriebe auch rechnen: Derzeit müssen sie in Österreich bei Nichteinhaltung der gesetzlichen Beschäftigungsquote eine monatliche Ausgleichstaxe von 196,22 Euro bezahlen. Behindertenvertreter kritisieren, dass diese Summe zu niedrig angesetzt sei. Was meinen Sie dazu?

Leitl: Erstens ist der Ausgleichsfonds derzeit ausreichend dotiert. Zweitens sind meiner Meinung nach weder gesetzliche Bestimmungen noch finanzielle Bußen besonders gut geeignet, einen Wandel herbeizuführen. Es geht mir eher um Einstellungen und Motivationen. Aber wenn man schon sagt, dass Betriebe rechnen, dann muss man auch die öffentlichen Förderungen anführen, die sie bekommen, sodass sich der betriebswirtschaftliche Aspekt durchaus verbinden lässt mit der Bereitschaft, behinderte Menschen einzustellen.

Die Furche: Als eine der von Ihnen genannten "Keulen" gilt bei vielen Unternehmern der erhöhte Kündigungsschutz für behinderte Menschen. Soll er bleiben oder soll er gelockert werden?

Leitl: Nicht gelockert, sondern ergänzt oder ersetzt durch eine Mediation. Bei sozialen Konflikten darf es nicht so sein, dass der betroffene, beeinträchtigte Mitarbeiter sagt: "Ich habe einen Schein. Mir können Sie nichts anhaben." Das wäre ein negatives Beispiel, das viele andere Unternehmen abschrecken würde. Ein umfangreicheres Angebot an Mediation und Arbeitsassistenz könnte solche Entwicklungen verhindern.

Die Furche: Bis 3. Dezember 2003 muss in Österreich die EU-weite Richtlinie zur Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf in nationales Recht umgesetzt werden. Ein Ziel der Behindertenbewegung wäre aber darüber hinaus, einen einklagbaren Rechtsanspruch auf Gleichbehandlung in der Arbeitswelt durchzusetzen - etwa nach dem Vorbild des "Disability Discrimination Act" in Großbritannien. Wären Österreichs Unternehmen für diese Herausforderung gerüstet?

Leitl: Noch einmal: Man löst menschliche Fragen nicht mit Gesetzen. Wenn es eine innere Bereitschaft und Haltung gibt, die auf menschlichem Verständnis und einem Gefühl für Fairness beruht, dann sind die Voraussetzungen für mehr Integration gegeben. Überall dort aber, wo es gesetzliche Androhungen, Verpflichtungen und Strafen gibt, wird jeder schauen, dass er sich herauswindet. Wenn man etwas freiwillig macht, wird eine positive Energie erzeugt - und um die geht es mir.

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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