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Ethik für den Markt

Die Bilanzfälschungen bei US-Parade-Unternehmen weisen auf eine Krise der vorherrschenden einseitigen Marktideologie hin. Gespräch mit Ulrich Thieleman, Hauptredner bei den diesjährigen Wirtschafts- und Ethikgesprächen in Alpbach.

Kommunikation und Netzwerke" lautet das Thema des diesjährigen Europäischen Forums Alpbach. Vom 15. bis 31. August werden international anerkannte Wissenschaftler und Meinungsbildner sich dieses Themas in seinen verschiedenen Facetten annehmen. "Gehirn und neuronale Netzwerke", "Vernetzung in der Evolution" oder "die Erde als Geo-Bio-Ökosystem" sind Themen der ersten Woche. Anschließend finden Gespräche in Bereichen wie Technologie, Gesundheit oder Politik statt. Das Thema der Veranstaltung, zu der das Österreichische College und die Wirtschaftskammer Österreich einladen, hätte nach den Bilanzfälschungsskandalen der letzten Wochen kaum besser gewählt sein können: "Chefsache Wirtschaft und Ethik?" Hauptredner der Auftaktveranstaltung am 20. August ist der Ökonom Ulrich Thielemann, Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftethik in St. Gallen. Christian Brüser - er berichtet für die Furche von den Gesprächen über Wirtschaft und Ethik -, hat vorab mit ihm gesprochen.

Die Furche: Die Wirtschaftswelt wurde in den vergangenen Wochen von Skandalen erschüttert. Wurde das Gewinnprinzip überspannt?

Ulrich Thielemann: Danach sieht es in der Tat aus. Aus wirtschaftsethischer Sicht müssen die Alarmglocken ohnehin läuten, wenn vom "Gewinnprinzip" oder von "Gewinnmaximierung" die Rede ist. Gewinn zum Prinzip des Handels zu erheben bedeutet, alles zu tun, damit die Gewinne langfristig so hoch wie möglich sind. Dies aber ist nicht rechtfertigungsfähig. Denn da bliebe logisch kein Platz mehr, um das Gewinnstreben zu legitimieren. Gewinnstreben und Markterfolg sind eben nicht alles - wie noch Hermann Josef Abs (1901-1994), der langjährige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, wusste: "Gewinn ist so notwendig wie die Luft zum Atmen, aber es wäre schlimm, wenn wir nur wirtschaften würden, um Gewinne zu machen, wie es schlimm wäre, wenn wir nur leben würden, um zu atmen."

Die Furche: Solche Aussagen hörte man heute von Managern selten. Korrumpiert das System die Manager?

Thielemann: Der Börsenboom erlaubte riesige Arbitragegewinne, weil die Anleger den Analysten, die Renditen im zweistelligen Bereich versprachen, Glauben schenkten und Aktien kauften, was das Zeug hielt. Bei vielen, moralisch weniger gefestigten Managern sind da wohl Sicherungen durchgebrannt. Man lebte in aussergewöhnlichen Zeiten mit unglaublichen Wachstumsraten und Gewinnchancen, und da kann man dann auch zu, vornehm ausgedrückt, unkonventionellen Mitteln greifen. Man hat sich nicht nur Gratifikationen im mehrstelligen Millionenbereich zugestanden, sondern auch vor Betrug und Fälschungen nicht zurückgeschreckt.

Die Furche: Müssen Manager besonders gefestigte Charakter haben?

Thielemann: Nein. Manager müssen moralisch genauso gefestigt sein wie wir alle. Es bedarf keiner Sonderethik für Manager. Die gerne geäusserte Annahme, wer mehr Macht hat, habe eben auch eine grössere Verantwortung, hat ja auch etwas Ideologisches. Damit meint man, die eigene Machtposition rechtfertigen zu können.

Die Furche: Gibt es Unterschiede zwischen europäischen und US-Managern?

Thielemann: Man hat die kulturellen Unterschiede lange Zeit unterschätzt und US-amerikanische Managementmethoden allzu unkritisch übernommen. Vor allem haben sich die dortigen Manager in einem Maße bereichert, welches man hier nur als schamlos bezeichnen kann. Mit den Mitarbeitern, die wegen des "hire-and-fire" immer flexibler werden müssen, verfährt man dort nicht eben zimperlich. Dass selbst die Anleger vom Management zahlreicher Firmen betrogen wurden, lässt viele an der Vorbildfunktion der USA zweifeln.

Die Ursache des amerikanischen "Raubtierkapitalismus" liegt weniger in blanker Gier, als in tief sitzenden, ökonomistischen Hintergrundüberzeugungen, die sich in der Maxime zusammenfassen lassen: Was Geld einbringt, muss auch ethisch gut sein. Der Markterfolg gilt in den USA als Zeichen der Auserwähltheit, ja des Guten und Richtigen überhaupt. Das ist die alte "Protestantische Ethik", in der Max Weber den "Geist des Kapitalismus" erblickte, und die in den USA stärker verankert ist als in Europa. Sie bildet sozusagen die kulturelle Geburtsstunde der vergleichsweise jungen USA.

Die Furche: Liberale Ökonomen, besonders aus den USA, fordern weltweit die Abschaffung aller Hindernisse für den "freien Markt". Teilen Sie den Ruf nach mehr Markt?

Thielemann: Es ist eine nach wie vor weit verbreitete Annahme, man müsse nur für "offene Märkte" und für "mehr Markt" sorgen, und dann ginge es, wie durch ein Wunder, allen besser und der Wohlstand würde wie Manna vom Himmel fallen. Dabei wird vergessen, dass der Markt bzw. der untrennbar mit ihm verbundene Wettbewerb, ein, wie Josef Schumpeter formulierte, Prozess "schöpferischer Zerstörung" ist: Er schafft systematisch Gewinner und zugleich Verlierer. Natürlich bieten offene Märkte, und da schließe ich den Abbau von Agrarsubventionen etwa in der EU ein, mehr Wohlstandschancen für die Menschen in den Entwicklungsländern. Doch ließe sich fragen: Für alle Menschen oder nur für diejenigen, denen es schon gut geht? Oder: Sind Kinderarbeit und die teilweise unsäglichen Arbeitsbedingungen etwa in den "sweat shops" der Textilindustrie besser als das, was vorher bestand? Oder sind sie eine Reaktion auf Zustände, die just durch offene Märkte und mehr Wettbewerb hervorgerufen wurden? Dies ist eine offene Frage. Der größte Teil der Weltbevölkerung, nämlich etwa 55 Prozent, findet immer noch in der Landwirtschaft sein Auskommen, in den Entwicklungsländern meist in einer Mischung aus Subsistenzwirtschaft und Produktion für den Markt. In Bangkok sah ich z.B. eine unvorstellbare Vielzahl an Früchten. Von Produktstandardisierung war dort nichts zu spüren. Zugleich bieten die kleinen Supermärkte in Thailand neben den traditionellen, lokalen Waren auch Standardprodukte nach westlichem Muster an, oft exakt die gleichen, die wir auch kennen. Vermutlich werden die Thailänder zunehmend zu den "moderneren" Produkten greifen und damit ihre Landsleute, etwa in der Landwirtschaft, unter Druck setzen und - ohne dass sie daran denken - deren Einkommensquelle zerstören. Diesen bleibt dann nichts anderes übrig, als ihre traditionelle Landwirtschaft aufzugeben. Sie landen dann möglicherweise in diesen Sweat shops. Die Armut kann also durch offene Märkte durchaus auch zunehmen. Wir hier in Europa hatten die gleiche Situation Ende des 19. Jahrhunderts. Man kann sich also ausmahlen, welches Tal der Tränen noch durchschritten werden muss, um von den 55 Prozent Agrarbevölkerung auf die in modernen Volkswirtschaften üblichen 3-5 Prozent zu gelangen. Diese Entwicklung ist insgesamt durchaus zu begrüßen, aber sie sollte nicht ungebremst ablaufen. Auch die Ökonomen sind gefordert. Sie sollten den Betroffenen deutlich sagen, worauf sie sich mit mehr Markt und Wettbewerb einlassen. Ihre beschönigenden, ja ideologischen Empfehlungen sähen ganz anders aus, wenn sie nicht nur die Schokoladenseite von mehr Markt und Wettbewerb betonten, sondern auch auf die "zerstörerische".

Die Furche: Wäre also aus Ihrer Sicht gegen die Öffnung der Märkte mit begleitender Sozialpolitik nichts einzuwenden?

Thielemann: Aus Sicht der Wirtschaftsethik ist die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse problematisch. Diejenigen, die unter Wettbewerbsdruck geraten, müssen aktiv werden, und zwar im weiteren Sinne unternehmerisch aktiv, sonst droht ihnen der Abfall in die Armut. Da der Markt ein weit verzweigter, anonymer und instanzloser Prozess ist, kann man für den Verlust der bisherigen Position niemanden verantwortlich machen - bis auf "den Strukturwandel". Also bleibt den einzelnen nichts anderes übrig, als "selbstverantwortlich" und möglichst vorausschauend in das eigene "Humankapital" zu investieren und zu lernen, sich und andere als "Humankapital" wahrzunehmen, sei es als möglichst "effizient" Produzierende oder Zahlende. Dies führt schließlich zur Funktionalisierung der gesamten Lebenswelt, denn derjenige, der der Welt in einer kalkulatorischen Einstellung gegenübertritt, alles nach "Chancen" und "Risiken" für das eigene Fortkommen einteilt, der zwingt die anderen, die das Leben noch nicht vollständig in ökonomischen Kategorien wahrnehmen, über den "unsichtbaren" Wettbewerb, ihm nachzueifern. Dies ist aus ethischer Sicht höchst problematisch, denn andere nicht als Mittel, sondern, wie Kant es ausdrückte, "als Zweck" zu behandeln, darin besteht just das Prinzip der Moral.

Die Furche: Sie verwenden bei Ihrer Kritik gegenwärtiger Entwicklungen den Begriff "Ökonomismus" - worin äußert sich dieses Phänomen?

Thielemann: Man muss zwischen der Ökonomisierung und dem Ökonomismus unterscheiden. Ökonomisierung ist die eben skizzierte Entwicklung, bei der ökonomische Wertorientierungen einen immer größeren Stellenwert gewinnen. Eigentlich ist der Wettbewerb nichts anderes als ein Prozess der Transformation von Werten und Einstellungen. Wie dieser Prozess zu beurteilen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Fragen hier sind etwa: Wieweit sind die Verlierer des Prozesses zu unterstützen - dauerhaft, übergangsweise oder nur darin, dass sie wieder marktlich "fit" werden? Welche Grenzen wollen wir dem Markt setzen? In welche Richtung ist die Marktdynamik zu lenken? Inwieweit wollen wir ein ökonomisches, kalkulatorisch-kämpferisches Leben führen? Im Ökonomismus ist die Antwort auf diese Fragen vorentschieden. Er beantwortet die Fragen alle zugunsten von mehr Markt und Wettbewerb. Sozialpolitik wird hier beispielsweise betrieben, insoweit sich dies rechnet - etwa unter Berücksichtigung eines effizient verfügbaren Arbeitskräftepotentials. Politik wird zur Fortsetzung des Geschäfts mit anderen Mitteln, die Gesellschaft zur Marktgesellschaft und der Markt zum alles bestimmenden Prinzip. Alles soll sich der ökonomischen Logik fügen. Letztlich läuft er auf eine Ethik des Rechts des Stärkeren hinaus, des Rechts des Wettbewerbsfähigeren oder Zahlungskräftigeren.

Die Furche: Die Skandale haben das Vertrauen der Anleger erschüttert. Stößt das kapitalistische System an seine Grenzen?

Thielemann: Ich bin kürzlich auf zwei Zahlen gestossen, die einen erstaunlichen Zusammenhang offenbaren: Der Gesamtbetrag des weltweit nach Anlage suchenden Kapitals beträgt rund 26 Trillionen US- Dollar. Der Wert eines Weltbruttosozialprodukts liegt bei ungefähr 31 Trillionen Dollar. Beide Werte sind also in etwa gleich groß. Sollten die Anleger eine Rendite von 10 Prozent erwarten, dann müsste die Weltwirtschaft um den gleichen Betrag wachsen. Natürlich ist dies utopisch. Man kann jedoch an den Zahlen den Druck erahnen, den die Kapitalmärkte ausüben. Die Bilanzfälschungen sind in diesem Zusammenhang zu sehen - als Zwischenschritt im Prozess der Redimensionierung. Die Firmen mussten fälschen, wenn sie die Illusion exorbitanten Wachstums aufrechterhalten wollten. Es ist zu vermuten, dass weitere Bilanzfälschungen aufgedeckt werden.

Die Furche: Die Wirtschaftstheorie reagiert auf aktuelle Herausforderungen. Glauben Sie, dass nun die Epoche der Wirtschaftsethiker unter den Ökonomen anbricht?

Thielemann: Derzeit scheint mir eine gewisse Entkrampfung stattzufinden. Wer allzu demütig dem "Marktgott" huldigt, wird heute beinahe ausgelacht. Die Ökonomie öffnet sich derzeit anderen Sichtweisen, meistens noch in vereinnahmender Weise, also im Sinne des "ökonomischen Imperialismus". In diesem Sinne sind übrigens auch viele Ansätze einer "Wirtschaftsethik" ökonomistisch geprägt, insbesondere in Deutschland. Es scheint daher bei weitem zu früh, von einer Kehrtwende zu sprechen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Ökonomen alternative Sichtweisen als Teil der Disziplin zuließen.

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