Wenn der BIP-Zwang  Lebensglück frisst  - Wachsen, wachsen ohne Rast – und zunehmend auch ohne Ziel: Der Weg der Wirtschaft steht massiv in Frage. - © Illustration: Rainer Messerklinger
Wirtschaft

"Die Angst ist berechtigt"

1945 1960 1980 2000 2020

Muss die Wirtschaft wachsen oder kann man bei hohem Wohlstand auch einmal pausieren oder gar schrumpfen? Ein Interview mit dem Ökonomen Mathias Binswanger über Kapital, Klimawandel und schizophrene Debatten.

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Muss die Wirtschaft wachsen oder kann man bei hohem Wohlstand auch einmal pausieren oder gar schrumpfen? Ein Interview mit dem Ökonomen Mathias Binswanger über Kapital, Klimawandel und schizophrene Debatten.

Im Zuge der Klimakrise wird der Kapitalismus in seiner heutigen Form massiv in Frage gestellt. Welche Chancen haben Reformen? Der Ökonom Mathias Binswanger hat sich des Themas angenommen und kommt zu sehr ernüchternden Ergebnissen.

DIE FURCHE: Gerade in den letzten Jahren ist von Null-Wachstum die Rede, von Null-Grenzkosten-Gesellschaft und von Degrowth. Verstehen Sie diese Versuche?
Mathias Binswanger: Der Wunsch ist verständlich. Wachstum trägt zunehmend weniger zum subjektiven Glücksempfinden bei. Auf der anderen Seite ist Wachstum mit erheblichen Kollateralschäden verbunden, was das Klima und die Umwelt betrifft, und daher ist es auch verständlich, dass man argumentiert, wir brauchen kein Wachstum mehr. Meine zentrale Beobachtung ist aber, dass Null-Wachstum nicht funktionieren kann in unserer Wirtschaft.

DIE FURCHE: Deshalb sprechen Sie von „Wachstumszwang“. Aber wer zwingt die Wirtschaft eigentlich?
Binswanger: Wenn wir die Wirtschaft genauer analysieren, erkennen wir: Entweder sie wächst, oder sie schrumpft. Man kann nicht einfach sagen, jetzt sind wir mit einem bestimmten Niveau zufrieden und da bleiben wir jetzt. Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, können weniger Unternehmen Gewinne erwirtschaften. Einige Unternehmen gehen dann in Konkurs, was zu weniger Nachfrage nach Investitionsgütern und Vorleistungen führt, die Arbeitslosigkeit nimmt zu, der Konsum geht zurück. Dadurch bekommen weitere Unternehmen Probleme und gehen ebenfalls in Konkurs. Eine Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen. Der Wachstumszwang besteht nicht darin, dass jemand mit der Peitsche dasteht und uns dazu zwingt, weiterzuwachsen. Er besteht darin, dass wir alles versuchen, eine Abwärtsspirale zu vermeiden.

DIE FURCHE: Dann hat Wachstum eigentlich sehr viel mit Angst zu tun.
Binswanger: Mit einer Angst, die berechtigt ist. Man kann das sehr gut in Griechenland sehen, wo sechs Jahre hintereinander kein Wachstum stattgefunden hat. Zwischen 2008 und 2013 sind über 30 Prozent der Unternehmen verschwunden. Die Arbeitslosigkeit ist auf beinahe 30 Prozent angestiegen und der Kapitalbestand und die Investitionen schrumpften. Da sehen wir, was passiert, wenn sich solche negativen Auswirkungen einstellen.

DIE FURCHE: Aber ist nicht die Sättigung der Bedürfnisse das erklärte Ziel der Ökonomie? Keynes etwa sieht die Möglichkeit eines „zufriedenen Kapitalismus“.
Binswanger: Wir leben aber zunehmend nicht in einer Bedürfnisdeckungs-, sondern in einer Bedürfnisweckungswirtschaft. Dieses Sättigungsproblem hat sich eigentlich schon in den 1950er-Jahren in den USA bemerkbar gemacht. Da gab es wirklich Befürchtungen, dass die Haushalte schon alles haben und das Wachstum gefährdet sei. Deshalb wurden Werbestrategien entwickelt, um den Wohlstand weiter am Laufen zu halten. Diese Strategien sind bis heute sehr erfolgreich und werden immer erfolgreicher. Es ging immer weiter. Der Konsum ist die stabilste Komponente des BIP. Auch in der Krise wuchs er sehr regelmäßig. Man konnte nicht beobachten, dass der Konsum einmal nicht gewachsen wäre.

Im Zuge der Klimakrise wird der Kapitalismus in seiner heutigen Form massiv in Frage gestellt. Welche Chancen haben Reformen? Der Ökonom Mathias Binswanger hat sich des Themas angenommen und kommt zu sehr ernüchternden Ergebnissen.

DIE FURCHE: Gerade in den letzten Jahren ist von Null-Wachstum die Rede, von Null-Grenzkosten-Gesellschaft und von Degrowth. Verstehen Sie diese Versuche?
Mathias Binswanger: Der Wunsch ist verständlich. Wachstum trägt zunehmend weniger zum subjektiven Glücksempfinden bei. Auf der anderen Seite ist Wachstum mit erheblichen Kollateralschäden verbunden, was das Klima und die Umwelt betrifft, und daher ist es auch verständlich, dass man argumentiert, wir brauchen kein Wachstum mehr. Meine zentrale Beobachtung ist aber, dass Null-Wachstum nicht funktionieren kann in unserer Wirtschaft.

DIE FURCHE: Deshalb sprechen Sie von „Wachstumszwang“. Aber wer zwingt die Wirtschaft eigentlich?
Binswanger: Wenn wir die Wirtschaft genauer analysieren, erkennen wir: Entweder sie wächst, oder sie schrumpft. Man kann nicht einfach sagen, jetzt sind wir mit einem bestimmten Niveau zufrieden und da bleiben wir jetzt. Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, können weniger Unternehmen Gewinne erwirtschaften. Einige Unternehmen gehen dann in Konkurs, was zu weniger Nachfrage nach Investitionsgütern und Vorleistungen führt, die Arbeitslosigkeit nimmt zu, der Konsum geht zurück. Dadurch bekommen weitere Unternehmen Probleme und gehen ebenfalls in Konkurs. Eine Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen. Der Wachstumszwang besteht nicht darin, dass jemand mit der Peitsche dasteht und uns dazu zwingt, weiterzuwachsen. Er besteht darin, dass wir alles versuchen, eine Abwärtsspirale zu vermeiden.

DIE FURCHE: Dann hat Wachstum eigentlich sehr viel mit Angst zu tun.
Binswanger: Mit einer Angst, die berechtigt ist. Man kann das sehr gut in Griechenland sehen, wo sechs Jahre hintereinander kein Wachstum stattgefunden hat. Zwischen 2008 und 2013 sind über 30 Prozent der Unternehmen verschwunden. Die Arbeitslosigkeit ist auf beinahe 30 Prozent angestiegen und der Kapitalbestand und die Investitionen schrumpften. Da sehen wir, was passiert, wenn sich solche negativen Auswirkungen einstellen.

DIE FURCHE: Aber ist nicht die Sättigung der Bedürfnisse das erklärte Ziel der Ökonomie? Keynes etwa sieht die Möglichkeit eines „zufriedenen Kapitalismus“.
Binswanger: Wir leben aber zunehmend nicht in einer Bedürfnisdeckungs-, sondern in einer Bedürfnisweckungswirtschaft. Dieses Sättigungsproblem hat sich eigentlich schon in den 1950er-Jahren in den USA bemerkbar gemacht. Da gab es wirklich Befürchtungen, dass die Haushalte schon alles haben und das Wachstum gefährdet sei. Deshalb wurden Werbestrategien entwickelt, um den Wohlstand weiter am Laufen zu halten. Diese Strategien sind bis heute sehr erfolgreich und werden immer erfolgreicher. Es ging immer weiter. Der Konsum ist die stabilste Komponente des BIP. Auch in der Krise wuchs er sehr regelmäßig. Man konnte nicht beobachten, dass der Konsum einmal nicht gewachsen wäre.

Man hat in der Wirtschaftstheorie die Rolle des Geldes systematisch ausgeblendet. Dabei sind Geld und Gewinn das wichtigste Ziel in der kapitalistischen Wirtschaft.

Mathias Binswanger - Der Ökonom lehrt an der Universität St. Gallen und ist erfolgreicher Sachbuchautor u. a. Die Tretmühlen des Glücks - © NFB / Klaus Ranger
© NFB / Klaus Ranger

Der Ökonom lehrt an der Universität St. Gallen und ist erfolgreicher Sachbuchautor u. a. Die Tretmühlen des Glücks

DIE FURCHE: Wenn man die Werbe- und Marketingabteilungen der Unternehmen schließen würde, hätte das einen Einbruch des Konsums zur Folge?
Binswanger: Ja, dann hätten wir wahrscheinlich sehr bald ein Problem, und dieses Problem würde das gesamte Wirtschaftssystem gefährden.

DIE FURCHE: Da muss aber auch theoretisch einiges schiefgegangen sein?
Binswanger: Man hat in der Wirtschaftstheorie die Rolle des Geldes systematisch ausgeblendet. Geld kommt in der heute fast überall gelehrten neoklassischen Wachstumstheorie nicht vor. Dabei sind Geld und Gewinn das wichtigste Ziel in der kapitalistischen Wirtschaft für Unternehmer. Kredit war überhaupt die Voraussetzung dafür, dass die industrielle Revolution erfolgreich war. Und eine Mehrheit von ihnen kann nur dann einen Gewinn erzielen, wenn Wirtschaftswachstum stattfindet. Investitionen werden aufgrund von Wachstumserwartungen getätigt, oder um es einfach zu sagen: Wo es Geldschöpfung für Investitionen gibt, muss es Wachstum geben.

DIE FURCHE: Und dann erwähnen Sie ja auch noch den Wettbewerb als Wachstums­treiber. Jede von einem Unternehmen oder einem Land angestrebte Schrumpfung würde sofort bestraft.
Binswanger: Das ist richtig. Es kommt auch bei uns gleich das Argument: Wenn die anderen Staaten immer schneller wachsen und wir weniger schnell, dann werden uns die irgendwann überholen und wir fallen dann immer mehr zurück und damit sind wir auch nicht mehr als Investitionsstandort attraktiv und deshalb müssen wir uns eben anstrengen, da auch mitzuhalten. Wir könnten das Wachstum kontrollieren, wenn wir vielleicht eine Weltregierung hätten, aber davon sind wir weiter entfernt denn je.

DIE FURCHE: Wir haben eine Welt, in der die Jugend jeden Freitag für weniger Treibhausgase und mehr Umweltbewusstsein demonstriert und ein Umdenken fordern. Für weniger Energie und einen Stopp der Verschwendung. Werden sie scheitern?
Binswanger: Die haben natürlich ein berechtigtes Unbehagen an der Wirtschaft. Aber solche Proteste gab es in der Geschichte immer wieder. Wer erinnert sich heute noch an „Occupy Wall Street“? Da war auch die Rede, dass es jetzt den Wandel geben würde. Den wird es hier auch nicht geben. Sobald die Wirtschaft nämlich schlechter läuft und die Arbeitslosigkeit steigt, wandelt sich sehr schnell die öffentliche Wahrnehmung. Das heißt, es ist gut, dass man immer wieder durch die Proteste auf die Probleme aufmerksam gemacht wird, aber das ändert nichts Grundsätzliches.

DIE FURCHE: Ein kritikresistentes System?
Binswanger: Die Wirtschaft kann auch Kritik integrieren. Die Wirtschaft muss einfach wachsen, egal ob mit oder ohne Kritik. Deshalb ist der Kapitalismus sehr robust.

DIE FURCHE: Die Wirtschaft wohl, aber der Mensch? Auf dem Cover Ihres Buches ist ein Mensch in einem Hamsterrad dargestellt. Möglich, dass es sich erst aufhört zu drehen, wenn der Mensch zusammenbricht.
Binswanger: Zum Teil gibt es das ja auch, etwa Burnout. Aber tatsächlich leben wir auch sehr gut heute. Was schlimmer ist, ist die Sinnlosigkeit, die man empfindet. Das ist das viel größere Problem. Dass sich immer mehr Menschen fragen, wozu denn das Ganze eigentlich? Was wir für den Markt sagen, gilt ja für den Einzelnen: Er muss aufsteigen im Job, er muss aufpassen, dass er nicht runtergedrückt wird und so weiter.

DIE FURCHE: Nun gibt es in Sachbüchern des Öfteren nach der Beschreibung der düs­teren Gegenwart Vorschläge für eine bessere Welt. Welche Tipps haben Sie?
Binswanger: Mein vordringliches Ziel ist, aufzuzeigen, woher der Wachstumszwang kommt und dass man ihn nicht so einfach abschaffen kann, ohne schwere Konsequenzen zu verursachen. Wenn man den Zwang abschaffen will, dann muss man bei den Ursachen ansetzen und die Hauptantreiber des Wachstumszwangs sind heute die Aktiengesellschaften. Alle großen Unternehmen sind Aktiengesellschaften. Sie werden von der Börse bewertet und das Management steht unter einem entsprechenden Druck, einen höheren Kurs zu generieren, der wiederum von den zukünftigen Gewinnerwartungen abhängt. Es gibt einen permanenten Druck, aus dem man mit CSR (Corporate Social Responsibility) und anderen Initiativen nicht herauskommt. Das ist nur Symptombekämpfung.

DIE FURCHE: Und der Ausweg?
Binswanger: Andere Formen, wie etwa Genossenschaften, haben mehr Möglichkeiten. Eine Genossenschaft kann auch andere Ziele festschreiben und die sind dann zwingend. Das heißt jetzt nicht, dass Genossenschaften der absolute Idealfall sind, aber wir müssen wahrscheinlich in diese Richtung denken. Es können ja auch Stiftungen sein, die diese Ziele ebenfalls festschreiben können und nicht an der Börse untergehen. Eine solche Entwicklung gibt es schon im Lebensmittelbereich, wo es durchaus Versuche gibt, lokale Ketten und Genossenschaften aufzubauen. Das funktioniert bei Lebensmitteln durchaus, aber bei Produkten wie Airbus oder iPhone sieht das anders aus.

DIE FURCHE: In Summe bleiben aber auch diese lokalen Initiativen ohne volle Wirkung. Die einzige Periode in den vergangenen Jahren, in denen es sinkende Treibhausgase gab, war während der Wirtschaftskrise 2009.
Binswanger: Da zeigt sich die Schizophrenie. Wir setzen uns großartige Ziele, den CO₂-Ausstoß zu reduzieren aber de facto gibt es dann eine vom Betrag her irrelevante CO₂-Steuer oder Emissionszertifikate, die viel zu großzügig herausgegeben werden. Unterschiedliche Akteure leben letztlich auch in verschiedenen Realitäten. Der Wachstumskritiker sieht, dass es bereits 5 nach 12 ist. Wachstumsbefürworter können oder wollen hingegen gar kein menschengemachtes CO₂-Problem erkennen.

DIE FURCHE: Ökonomen sind ja keine Propheten, trotzdem die Frage: Glauben Sie, dass der Zwang, den der Klimawandel entfaltet, dazu führen wird, dass es ein nachhaltigeres Wachstum geben muss?
Binswanger: Hundertprozentig nachhaltig wird das Wachstum nie werden. Ich glaube, dass diese Entwicklung letztlich zu einem Konflikt führen muss. Aber nicht so schnell, wie sich das viele vorstellen. Es ist noch nicht fünf nach 12. Es gibt noch viele Möglichkeiten, die Ressourceneffizienz zu verbessern und die Grenzen des Wachstums nochmals in die Zukunft zu verschieben. Doch gleichzeitig gibt es auch den Rebound-Effekt. Wenn man Motoren effizienter macht, dann schafft dies eine Möglichkeit, luxuriösere, leistungsstärkere und schwerere Autos zu produzieren. Deshalb ist der durchschnittliche Benzinverbrauch trotz enormen Effizienzsteigerungen kaum zurückgegangen. Diesen Effekt dürfen wir ebenfalls nicht vernachlässigen. Das Wachstum muss auf jeden Fall nachhaltiger werden. Doch was das genau heißt und inwieweit das möglich ist, können wir nur vermuten.

Rezensionen zu zwei weiterführende Bücher finden Sie hier.