Wald Wachstum - © Pixabay
Wirtschaft

Vom Heilsversprechen zur Zukunftsgeissel

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Bücher mit unterschiedlichen Ansätzen zum Wachstum kommen zum Schluss: Wir sind gefangen in einem System, dessen Reform Schmerzen verursachen wird.

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Zwei Bücher mit unterschiedlichen Ansätzen zum Wachstum kommen zum Schluss: Wir sind gefangen in einem System, dessen Reform Schmerzen verursachen wird.

Wenn die Zeit der Kongresse be­ginnt, auf denen das Gute und Schöne im Menschen hervorgekehrt wird, dann ist viel von Nachhaltigkeit, vom Klimaschutz, von Postwachstum, von Suffizienz, von „Degrowth“ die Rede, Bücher bekannter alternativer Ökonomen werden gereicht zusammen mit Listen von „wachstumsneutralen Unternehmen“. Das sind jene guten, die keinen Gewinn anstreben, die nicht wachsen wollen und bei denen Wachstum von Gewinn, Unternehmensgröße oder Umsatz kein Ziel ist. In einer deutschen Studie aus dem Jahr 2013 findet sich darunter das Waldviertler Schuhmacherunternehmen GEA, das als eines der nachhaltigsten Österreichs gilt. Aber wächst GEA nicht?

In einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 2016 sagt Schuhfabrikant Heini Staudinger Folgendes: „Wir machen jetzt 31 Millionen Euro Umsatz. Bevor die Lehman Brothers in Konkurs gegangen sind, waren es keine zehn Millionen.“ Der Gewinn sei im Vorjahr bei etwa einer knappen Million Euro vor Steuern gelegen. „Die letzte negative Bilanz haben wir 1997 gehabt.“ Staudinger ist also zu gratulieren. Aber Null-Wachstum sieht anders aus.

Der Zwang und seine Mittel

Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger hat in seinem neuen Werk weitere angeblich neutrale Unternehmen geprüft, das Ergebnis war ernüchternd: Nur wenige Unternehmen verdienen die Bezeichnung tatsächlich und auch unter diesen kann nur ein geringer Teil erfolgreich wirtschaften. „Mehr als eine Milderung des Wachstumszwangs kann man nicht erreichen“, so Binswanger.

Er hat sich auf die Spur des Wachstums gesetzt und zeigt auf knapp 300 Seiten, wie tief ein jeder Unternehmer, und ein jeder Mensch, ober er das nun will oder nicht, einem Wirtschaftssystem unterworfen ist, das wachsen muss, um zu überleben, und das ohne Gewinn/Wachstum in eine Abwärtsspirale gerät, aus der es kaum ein Entrinnen gibt, siehe die Griechenlandkrise.

Sehr anschaulich wird da gezeigt, wie die klassische Ökonomie die wichtigsten Wachstumstreiber größtenteils aus ihren Gleichungen ausgelassen hat – das Geld, den Kredit und die Gewinnerwartung. Ein nicht unähnlicher Fehler scheint aber nun auch den Wachstumskritikern zu unterlaufen. Denn jeder Wirtschaftsprozess, der im kapitalistischen Konzept von Bedeutung ist (also nicht Tauschwirtschaft), ist nach Wachstum und Wachstumserwartung ausgerichtet. Ohne diese beiden brechen auch die Investitionen zusammen, das wirkt sich auf die Modernisierung, die Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitsplätze aus.

Wenn die Zeit der Kongresse be­ginnt, auf denen das Gute und Schöne im Menschen hervorgekehrt wird, dann ist viel von Nachhaltigkeit, vom Klimaschutz, von Postwachstum, von Suffizienz, von „Degrowth“ die Rede, Bücher bekannter alternativer Ökonomen werden gereicht zusammen mit Listen von „wachstumsneutralen Unternehmen“. Das sind jene guten, die keinen Gewinn anstreben, die nicht wachsen wollen und bei denen Wachstum von Gewinn, Unternehmensgröße oder Umsatz kein Ziel ist. In einer deutschen Studie aus dem Jahr 2013 findet sich darunter das Waldviertler Schuhmacherunternehmen GEA, das als eines der nachhaltigsten Österreichs gilt. Aber wächst GEA nicht?

In einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 2016 sagt Schuhfabrikant Heini Staudinger Folgendes: „Wir machen jetzt 31 Millionen Euro Umsatz. Bevor die Lehman Brothers in Konkurs gegangen sind, waren es keine zehn Millionen.“ Der Gewinn sei im Vorjahr bei etwa einer knappen Million Euro vor Steuern gelegen. „Die letzte negative Bilanz haben wir 1997 gehabt.“ Staudinger ist also zu gratulieren. Aber Null-Wachstum sieht anders aus.

Der Zwang und seine Mittel

Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger hat in seinem neuen Werk weitere angeblich neutrale Unternehmen geprüft, das Ergebnis war ernüchternd: Nur wenige Unternehmen verdienen die Bezeichnung tatsächlich und auch unter diesen kann nur ein geringer Teil erfolgreich wirtschaften. „Mehr als eine Milderung des Wachstumszwangs kann man nicht erreichen“, so Binswanger.

Er hat sich auf die Spur des Wachstums gesetzt und zeigt auf knapp 300 Seiten, wie tief ein jeder Unternehmer, und ein jeder Mensch, ober er das nun will oder nicht, einem Wirtschaftssystem unterworfen ist, das wachsen muss, um zu überleben, und das ohne Gewinn/Wachstum in eine Abwärtsspirale gerät, aus der es kaum ein Entrinnen gibt, siehe die Griechenlandkrise.

Sehr anschaulich wird da gezeigt, wie die klassische Ökonomie die wichtigsten Wachstumstreiber größtenteils aus ihren Gleichungen ausgelassen hat – das Geld, den Kredit und die Gewinnerwartung. Ein nicht unähnlicher Fehler scheint aber nun auch den Wachstumskritikern zu unterlaufen. Denn jeder Wirtschaftsprozess, der im kapitalistischen Konzept von Bedeutung ist (also nicht Tauschwirtschaft), ist nach Wachstum und Wachstumserwartung ausgerichtet. Ohne diese beiden brechen auch die Investitionen zusammen, das wirkt sich auf die Modernisierung, die Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitsplätze aus.

"Der Wachstumszwang" von Mathias Biswanger ist ein Anker der Realität in einem Meer der Illusionen von Postwachstumsgesellschaft.

Dabei tut die Wirtschaft so, als stecke sie noch in den Versorgungskrisen des 19. Jahrhunderts fest, als der Franzose Jean Baptiste Say sein Gesetz der allgemeinen Absatzwege formulierte, in dem jedes Angebot auch seine Nachfrage findet. Binswanger gibt Beispiele und Modellrechnungen zum Verständnis und er zeigt, wie eine ganze Industrie heute versuchen muss, den Menschen einzureden, sie bräuchten Dinge, deren Nutzen sich nicht erschließt, oder denen der Nutzen auch gänzlich fehlt. Wie aber auch Fortschritt im Sinne technischer Entwicklung und Energieeinsparung verschwendet wird, indem zusätzliche Benefits für den Kunden das Eingesparte verbrauchen.

Und in einem lässt der Ökonom auch keinen Zweifel. Natürlich kann man das System radikal ändern. Aber man muss dabei die Konsequenzen benennen und akzeptieren: Es sind dies schwere Krisen in der Wirtschaft, der Politik und damit in der Gesellschaft. Binswangers Arbeit ist nicht die erste zu diesem Thema, sie schließt an, wo Stephan Schulmeister oder Hans Christoph Binswanger (der Vater des Ökonomen „Die Wachstumsspirale“) ansetzten. Aber in seinem trockenen, unterhaltsamen Stil ist „Der Wachstumszwang“ ein Anker des Realtitätssinnes in einem Meer von Illusionen und halbgaren Paradiesversprechen von einer neuen grünen Wirtschaft. „Wir müssen wachsen, selbst, wenn wir gar nicht mehr Wohlstand wollen.“

Anklageschrift

Gegen „Der Wachstumszwang“ liest sich „Die Tyrannei des Wachstums“ des Londoner Anthropologen Jason Hickel von der London School of Economics wie eine zornige Anklageschrift gegen die westliche Gesellschaft. Der Titel scheint dabei vom dtv-Verlag irreführend verdreht worden zu sein. Im Original geht es tatsächlich um die Ungleichheit und trägt den Namen „The Divide“. In diesem Sinne wächst dort auf den ersten 300 von 400 Seiten hauptsächlich die Schuld der USA und Europas an den Zuständen auf der Welt.

Hickel zeichnet die dauerhafte Schlechterstellung des Südens der Welt historisch nach. Die Zerstörung der Bauernschaft Englands durch den Wolladel, die Schaffung des Kapitalismus durch Ausbeutung und die Ausbeutung der Welt durch den Kolonialismus liest sich wie eine Mischung aus Thomas Morus’ „Utopia“ und Karl Marx’ „Das Kapital“ (Teil 1). Und das bleibt so im Stil, wenn Hickel über die kolonialen und quasikolonialen Verhältnisse in Südamerika und Afrika doziert. Unerwartet treffen sich dann aber gegen Ende des Buches die Meinungen von Hickel und Binswanger, wenn Hickel über das Wachstum schreibt und zu einem ähnlichen Schluss wie Binswanger kommt: Dass es nichts nutzt, mit dieser oder jener Initiative „an den Rändern des Systems herumzubas­teln“ (Hickel) und die grundlegende Logik des Kapitalismus, exponentielles Wachstum, unangetastet zu lassen.

Buchtipps - © Verlag
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Buch

Die Tyrannei des Wachstums

Wie globale Ungleicheit die Welt spaltet und was dagegen zu tun ist

Von Jason Hickel

Aus den Engl. von Karsten Petersen u. Thomas Pfeiffer

dtv 2018. 432 Seiten, geb., € 28,80

Buchtipps - © Verlag
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Buch

Der Wachstumszwang

Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben

Von Mathias Biswanger

Wiley-VCH 2019

310 Seiten, geb., € 25,70