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Ökonomie jenseits der Marktreligiosität

1945 1960 1980 2000 2020

Stephan Schulmeister hat mit seinem Buch "Der Weg zur Prosperität" ein Plädoyer für eine anteilnehmende Ökonomie verfasst -und ein Werk gegen eine "Mainstream-Wissenschaft", die die systemischen Ursachen der Krise von 2008 weitgehend ignoriert. Eine Kritik.

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Stephan Schulmeister hat mit seinem Buch "Der Weg zur Prosperität" ein Plädoyer für eine anteilnehmende Ökonomie verfasst -und ein Werk gegen eine "Mainstream-Wissenschaft", die die systemischen Ursachen der Krise von 2008 weitgehend ignoriert. Eine Kritik.

Dass es Propheten im eigenen Land bekanntlich schwer haben, trifft auch auf Ökonomen zu. Stephan Schulmeister, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes und zugleich eine der meistbeachteten kritischen Stimmen gegen den ökonomischen "Mainstream", kann ein Lied davon singen. Wie seltsam, dass ihn gerade das mit seinem ideengeschichtlich größten Gegner verbindet!

Denn auch Friedrich August von Hayek, der das Vorgängerinstitut des WIFO zwischen 1927 und 1931 leitete, bevor er an die London School of Economics berufen wurde und später seine Karriere in Chicago und Freiburg fortsetzte, stieß in seiner ursprünglichen Heimat stets auf eine höchst geteilte Aufnahme -selbst nach seiner Auszeichnung mit dem Wirtschafts-Nobelpreis im Jahr 1974.

Schulmeister erklärt nun in seinem Werk "Der Weg zur Prosperität" Hayek zum Urheber jenes "marktreligiösen" Neoliberalismus, in dem er das Grundübel von so ziemlich allen sozialen Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte sieht. Hatte Hayek 1944 seine in einem totalitären Umfeld verfasste, mutige Streitschrift "Der Weg zur Knechtschaft" "den Sozialisten in allen Parteien" gewidmet, wirft Schulmeister seinem imaginären Gegner den Fehdehandschuh hin und widmet sein Opus Magnum "den Neoliberalen in allen Parteien, den Medien und der Wissenschaft". Dieses mitunter doch ein wenig überstrapazierte Narrativ bildet den Überbau zu einem insgesamt faszinierend fakten- und ideenreichen Plädoyer für eine Ökonomie, die endlich ihren Elfenbeinturm modellverliebten Denkens verlässt und sich zu "anteilnehmendem Denken" bequemt.

Eintreten für die Realwirtschaft

Ich selbst hatte Gelegenheit, mit Stephan Schulmeister zusammenzuarbeiten, als er 1999 für einen Sammelband im Rahmen einer von Wolfgang Schüssel initiierten "Denkwerkstatt" einen Beitrag über den Europäischen Weg zur Vollbeschäftigung und die Erneuerung des Modells der Sozialen Marktwirtschaft verfasste.

Es war eine Zeit, in der Volkspartei und Sozialdemokraten noch darum wetteiferten, mit Hilfe von unabhängigen Intellektuellen möglichst reichhaltige konzeptionelle Vorarbeit für kommende Wahlen zu leisten. Sein Text von damals enthält schon alle wesentlichen Elemente, die auch heute den von ihm skizzierten "Weg zur Prosperität" ausschildern: Nachhaltige Stärkung der Realwirtschaft, regulatorische Eindämmung einer allzu großzügig liberalisierten Finanzwirtschaft, konsequente Ökologisierung der Produktion, Bedachtnahme auf sich damals schon verschärfende Verteilungsfragen.

Die Fortführung dieser Erzählung in seinem aktuellen Buch liest sich wesentlich kämpferischer. Der Grund für seinen mitunter durchklingenden "heiligen Zorn" mag darin liegen, dass die "Mainstream"-Finanzwissenschaft seine in wesentlichen Bereichen zutreffende Sicht der systemischen Ursachen der großen Finanzkrise des Jahres 2008 weitgehend ignoriert -obwohl sie bis heute über keine belastbaren Theorien zu dem Geschehen auf den Finanzmärkten verfügt.

Kosten blinder Marktgläubigkeit

Schon deshalb lohnt es sich, Schulmeisters Kritik an einer überzogenen Modellgläubigkeit der Ökonomie genauer zu verstehen. Denn die Theorie des allzeit effizienten Marktes, der stets zu den "richtigen" Preisen führt und deshalb "immer recht hat", verleitet in Verbindung mit dem einseitigen Menschenbild des "Homo Oeconomicus" dazu, dem Marktgeschehen eine unantastbare Objektivität zuzumessen. Sein grundsätzlicher Vorwurf, dass sich damit die Realität immer weniger erklären lässt und aus wirklichkeitsfremden Annahmen mitunter vollkommen falsche Schlüsse für das wirtschaftspolitische Handeln gezogen werden, ist in weiten Bereichen nachvollziehbar.

Gerne greift Schulmeister dabei zum Bild von der "Spielanordnung", die in der marktidealen Modellwelt zu einer Aufwertung der Finanzspekulation zu Lasten realwirtschaftlicher Wertschöpfung führt. In einer solchen Welt musste es zu jener überzogenen Liberalisierung des weltweit verflochtenen Großbankensystems kommen, das mit dem Rückenwind von Regulierungen, die sie in diesem Treiben noch verstärkten, in einer Aufblähung der spekulativen Geldmenge mündete. Und am Ende musste das Kartenhaus mangels eines ausreichenden Eigenkapitalfundaments in sich zusammenbrechen.

Ähnlich der Blick auf die von der Finanzkrise maßgeblich ausgelöste Euro-Krise: Als die Staatsschulden wegen der einbrechenden Konjunktur und steigender Arbeitslosigkeit im Verhältnis zur Wirtschaftskraft explodierten, erzwangen die mechanistischen Regeln des Vertrages von Maastricht budgetäre und damit auch konjunkturelle Einschnitte, die zu noch höherer Arbeitslosigkeit führten. Bis heute ist der Stabilitätspakt, dem sich die Euroländer unterwerfen, ein Konstrukt geblieben, das den einzelnen Euroländern gerade in der Krise das Atemholen erschwert.

Investmentbank-Feldforschung

Wie wohl kaum ein anderer deutschsprachiger Ökonom hat sich Schulmeister schon in seinen ersten Forschungsjahren auf die Erkundung der tatsächlichen Verhältnisse in den Handelsräumen der großen Investmentbanken eingelassen. Die Schilderungen seiner frühen Feldforschungen dazu lesen sich besonders spannend. Er machte sich die Mühe, den Akteuren bei ihren mittlerweile durch perfekt digitalisierte Handelsplattformen unterstützten Kauf- oder Verkaufsentscheidungen über die Schultern zu schauen und ihre Motivlage näher zu erkunden. Auch beschreibt er die unzähligen Varianten von "Derivaten", deren Wildwuchs im Vorfeld der Finanzkrise zum zuletzt nicht mehr beherrschbaren Risiko wurde.

Als Stephan Schulmeister aus diesen Beobachtungen die Notwendigkeit ableitete, die ursprünglich von James Tobin konzipierte Idee einer Finanztransaktionssteuer endlich umzusetzen, wurde er zum maßgeblichen Mitbetreiber einer gesamteuropäischen Initiative zu deren Einführung. Mittlerweile verendet dieses sinnvolle Projekt auf Grund heftigen Gegenwinds der Finanzmarktlobby, aber auch einiger konzeptioneller Schwachstellen, auf der langen Bank der prokrastinierten Vorhaben.

Wesentlich chancenreicher ist eine wichtige Nachbesserung der Architektur der Gemeinschaftswährung durch die Schaffung eines Europäischen Währungsfonds. Schulmeister erinnert daran, dass bei der Konzeption des Euro verabsäumt wurde, eine in Krisensituation für Notinjektionen an Liquidität und Budgetmitteln sorgende Instanz ("lender of last resort") zu schaffen. Mit einem klugen Design des Währungsfonds könnte es gelingen, diese entscheidende Lücke zu schließen.

An mehreren Stellen betont Schulmeister die Eigenständigkeit des europäischen Wirtschaftsstils, der sich klar von der amerikanischen Tradition abhebt. Dieser Weg der Sozialen Marktwirtschaft als sinnvolle und höchst erfolgreiche Alternative zur finanzkapitalistischen Spielanordnung ist jedenfalls realistischer als die eine oder andere ideologische Sackgasse, in die sich das Buch mitunter verzweigt. Auch scheint mir die Schilderung einer von Hayek ausgelösten neoliberalen Weltverschwörung überzeichnet. Immerhin waren ja auch Persönlichkeiten wie Karl Popper ("Die offene Gesellschaft und ihre Feinde"), Walter Eucken oder Wilhelm Röpke ("Jenseits von Angebot und Nachfrage") seinerzeit Mitbegründer der 1947 gegründeten Versammlung liberaler Ökonomen in der "Mont-Pellerin-Society".

Zuzustimmen ist Schulmeister jedoch dort, wo er auf fatale Abhängigkeiten und gegenseitige Verflechtungen von Denkfabriken, Universitäten und globalen Großbanken mit Politik und Medien verweist. Sie schränken den Gestaltungsspielraum für die freie Aushandlung der Spielregeln wirtschaftlichen Handelns ein. Diese ergeben sich eben nicht aus dem Marktgeschehen selbst, sondern sind Teil einer politischen Ökonomie, die dafür zu sorgen hat, dass die Ergebnisse der Marktdynamik zum Wohl der Gesamtheit zum Tragen kommen können. Damit dieses Schulmeister'sche Kernanliegen umsetzbar bleibt, bedarf es unabhängiger Forschung, wie er sie couragiert und eigenständig sein Leben lang betrieben hat.

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