Digital In Arbeit

Die Entzauberung der Mythen

Wirtschaftskritische Ökonomen haben die wichtigsten Thesen über Entstehung und Wirkung der Finanzkrise einer Überprüfung unterzogen. Dabei konstatierten sie hinter mancher Rechtfertigung strategische Geschichtsfälschungen mit dem Ziel des wirtschaftlichen Machterhalts.

Die Welt steht an einer Zeitenwende, die Stunde der Entscheidung ist gekommen, die Wahl zwischen dem alten Kapitalismus liberalen Zuschnitts und einer Ökonomie der Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. So tönt es seit nunmehr zwei Jahren aus den Glossen der Zeitungen und einem mittlerweile guten Hundert von Sach- und Fachbüchern zum Thema Krise. Die einen verdammen den Staat, die anderen das Kapital, das Geld, die Dritten die Banken und Manager, die Vierten die Notenbanken. Und doch glaubte man bisher einen Grundkonsens über die Ursachen der Krise gefunden zu haben, auf dem aufbauend die wichtigsten Schlussfolgerungen zu treffen wären. Eine Immobilienkrise in den USA, unterstützt durch eine verfehlte Zinspolitik der US-Notenbank, gepaart mit der Gier von Bankmanagern führte das überschuldete Finanzsystem der USA an den Rand des Kollaps. Das arme Europa wurde unschuldig mit in die Tiefe gezogen und nun droht die Gefahr des Protektionismus, der Hyperinflation ausgelöst durch die riesigen Konjunkturpakete. Aber: Stimmt das auch alles so?

Nun, ganz so ist es scheinbar doch nicht, geht man nach der Meinung der jener 22 wirtschaftskritischen Experten, die sich zum Thema „Mythen der Krise den Kopf zerbrachen und im gleichnamigen Buch versuchen, das eine oder andere gängige Vorurteil zu entkräften. Mitgearbeitet haben dabei unter anderen Markus Marterbauer vom Institut für Wirtschaftsforschung, die Ökonomin Gabriele Michalitsch oder die Attac-Finanzmarktspezialistin Karin Küblböck.

Historische Gegenbeweise

Die Analyse beginnt bei den Vorwürfen, die staatliche Zinspolitik der USA hätte versagt. Unverantwortliche Subprime-Kredite im Immobilienbereich seien durch einen niedrigen Eckzinssatz befeuert worden. Doch Boomphasen hätten sich in allen historischen Vergleichsfällen unabhängig vom Realzins entwickelt. 1929 etwa sei der Realzinssatz bei über sechs Prozent gelegen. 1999, vor der Asienkrise bei 3,5 Prozent. Hätte die Zentralbank ab 2001 die Zinsen weniger stark gesenkt, so die Autoren, wären die langfristigen Zinsen trotzdem sehr niedrig geblieben. Generell diene der Vorwurf gegen die Notenbanken der Diskreditierung staatlicher Kontrollorgane, eine Art Ablenkungsmanöver vom wahren Verursacher, dem globalen Finanzsystem.

Auch die Angst um die Hyperinflation aufgrund explodierender Staatsschulden etwa sei vollkommen übertrieben, so die Autoren. Einzig die Finanzierung der Bankenrettung sei außergewöhnlich. Österreich etwa habe nicht sechs Milliarden Euro in die Krisenbekämpfung gezahlt, sondern drei Milliarden. Darüber hinaus rührten die steigenden Staatsdefizite nicht von den Ausgaben her, sondern von den stark sinkenden Steuereinnahmen der Regierungen aufgrund der Umsatzeinbrüche bei den Unternehmen und dem Ausfall von Sozialbeiträgen durch die steigende Arbeitslosigkeit. Statt sich um diese Probleme stärker als bisher zu kümmern, werde vornehmlich bei den Sozialausgaben gespart, wie das die Beispiele Ungarn, Slowakei aber auch Griechenland vorzeigen.

Die allgemein geäußerte Einsicht, Vermögenssteuern seien kontraproduktiv, würde weiters jene, die durch ihre Bereitschaft zur Spekulation mitschuldigen Spekulanten schützen.

Schließlich kritisieren die Experten auch noch jene Maßnahmen hart, die sich mit der künftigen Regulierung der Finanzmärkte beschäftigen. Die bisherigen Vorschläge zielten ausschließlich darauf ab, Finanzmarktprodukte transparenter zu gestalten. Übersehen werde dabei, dass das Finanzsystem generell viel zu aufgebläht sei und der Realwirtschaft zu viel an Ressourcen entziehe.

So sehr die eine oder andere These des Buches überrascht und Widerspruch provoziert, so wichtig ist die Grundidee des Buches: Man solle, so heißt es im Vorwort, „nicht vergessen, dass bei der Debatte um die richtigen Lehren aus der Krise viel auf dem Spiel steht: Es geht um die grundsätzlichen Vorstellungen von Gesellschaft, es geht um Macht, um Geld und Einfluss. Mithin um alles.“

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau