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Englands eisernes Jahrzehnt

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz vieler Erfolge des „Thatcherismus" ist die Skepsis über den weiteren Weg nicht zu übersehen. Was ist aus dem „Stahlbad“ für die britische Wirtschaft geworden ?

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Trotz vieler Erfolge des „Thatcherismus" ist die Skepsis über den weiteren Weg nicht zu übersehen. Was ist aus dem „Stahlbad“ für die britische Wirtschaft geworden ?

Am letzten Parteitag der „ britischen Konservativen im Herbst des Vorjahres gaben die begeisterten Delegierten ihrer Hoffnung Ausdrack, Frau Thatcher möge für mindestens noch einmal zehn Jahre als Partei- und Regierungschefin zur Verfügung stehen.

Dieses Begehren ist in mancherlei Hinsicht interessant: Zunächst steht es in merkwürdigem Kontrast zum Programm der Tories selbst, den eigenverantwortlichen und mündigen Bürger zu schaffen, der keine Leitfigur und keine Bevormundung braucht; andererseits könnte die

Einsicht dahinterstehen, daß die nächsten zehn Jahre nicht leichter werden als die vergangenen, und daß weiterhin auf eine eiserne Hand vertraut werden sollte.

Dazu paßt, daß in der internationalen Presse - auch derjenigen, die Mrs. Thatcherideologischnahesteht - trotz mancher Erfolge des Thatcherismus Skepsis über den weiteren Kurs nicht zu übersehen ist. Man siehtnichtrecht, wie dereingeschla- gene Weg fortzusetzen ist; möglicherweise waren die Erfolge solche, die durch Hinausschieben und Vernachlässigen anderer Problembereiche erzielt wurden.

Vor zehn J ahren hatte Frau Thatcher die britische Wirtschaft in einem nicht gerade blendenden Zustand übernommen: mäßiges Wachstum, hohe Inflation, für damalige Begriffe gleichfalls hohe Arbeitslosigkeit, Leistungsbilanzdefizite und laufende Abwertungen des Pfund kennzeichneten die Lage. Große Teile der Industrie arbeiteten ineffizient, die Produkte waren international nicht wettbewerbsfähig, das soziale Klima war bei andauernden Arbeitskämpfen alles andere als freundlich. Man muß zugute halten, daß die Weltwirtschaft Anfang der achtziger Jahre allgemein in eine krisenhafte Entwicklung geriet. Doch das Programm, das Mrs. Thatcher verordnete und das demgemäß oft als „Stahlbad“ bezeichnet wurde, setzte noch verschärfende Akzente. Es war auch gar nicht Ziel dieses Programms, die Krise zu mildem, sondern die gesamte britische Ökonomie sollte auf eine neue Basis gestellt werden.

Im Mittelpunkt des „Thatcherismus“ steht der unbedingte Glaube an das Individuum und seine E igen- initiative; so etwas wie „Gesellschaft“ gibt es nach Frau Thatchers eigenen Worten eigentlich gar nicht und braucht es auch nicht zu geben. Denn das Streben des Individuums nach seinem eigenen persönlichen Wohlstand führe nicht nur zu einer effizienten Wirtschaft, sondern stärke auch diese „Gesellschaft“ und halte sie zusammen.

Logische Konsequenz ist das Bestreben, den Staat so weit wie nur irgend möglich aus den wirtschaftlichen und sozialen Prozessen zu verdrängen und lediglich ein angebotsorientiertes Programm zu betreiben, das heißt, den Individuen optimale Rahmenbedingungen zum Ausleben ihrer ökonomischen Bestrebungen zu bieten.

Wesentlicher Schritt dabei war es, die Einkommenssteuer, die als Hindernis für Eigeninitiative und private Wohlstandsmehrung betrachtet wird, radikal zu senken, nämlich Progressionsspitzen von 83 Prozent auf 40 Prozent. Damit der solcherart erworbene private Wohlstand nicht durch Inflation aufgezehrt werde, ist durch eine restriktive Geldpolitik der Preisauftrieb hintanzuhalten. Auf der Ausgabenseite des Budgets wird gleichfalls der Rotstift angesetzt,. weil Defizit und Verschuldung abgebaut werden müssen. Begleitet wird all das von umfassender Liberalisierung der Märkte, vor allem des Arbeitsmarktes, wo die Macht der Gewerkschaften zurückzudrängen ist.

Welche Bilanz kann nun nach zehnjährigem Wirken dieses Konzepts, das ja nicht zufällig große

Ähnlichkeit mit den sogenannten Reaganomics hat, gezogen werden?

Auf gesellschaftspolitischem Gebiet war es für die Engländer sicher wichtig, sich wieder darauf zu besinnen, daß eigene Initiative nutzbringender und befriedigender sein kann als das plumpe Vertrauen auf Hilfe durch die staatliche Bürokratie. Gepflegt und gefördert wird daher der aggressive ökonomische Aufsteiger, denn er soll Arbeitsplätze schaffen und damit auch den Wohlstand für die ärmeren Schichten verbessern. Funktioniert letzteres nicht, soll - und das geschieht tatsächlich im heutigen England und zeigt den Rückfall in überwunden geglaubtes viktorianisches Gedankengut - durch verstärkte private Zuwendungen an Wohltätigkeitseinrichtungen Abhilfe geschaffen werden. Wie wünschenswert eine solche Mentalität ist, soll hier nicht beurteilt werden. Sie hat jedenfalls auch zu Exzessen, zu - wie Kritiker sagen -hemmungs- und rücksichtsloser Geldgier.

Doch abgesehen davon, daß solche Phänomene zusätzliche E lemaite von Instabilität in eine Ökonomie bringen - wie nicht zuletzt die Börsenkrise des Oktober 1987 gezeigt hat -, schaffen smarte Yuppies und Spekulanten auch keine realen Werte. Dementsprechendkonnte auf diesem Weg der industrielle Niedergang Englands nicht aufgehalten wenden. Im Gegenteil: Zu Beginn der achtziger Jahre wurden ganze Industrieregionen dichtgemacht - nicht nur, weil sie veraltet und ineffizient waren, sondern auch weil die erwähnte restriktive Geldpolitik zu hohen Zinssätzen und hohem Pfundkurs geführt hatte und die Betriebe dadurch in den Bankrott getrieben wurden.

Trotz der Reduzierung des Einflusses der Gewerkschaften ist es auch bis heute nicht gelungen, hohe Lohnabschlüsse und damit starken Kostendruck in der Industrie zu vermeiden. Offenkundig war die These, daß die Gewerkschaften schuld an kräftigen Lohnerhöhungen der Vergangenheit waren, nicht ganz richtig - wenn sie auch Verursacher anderer Mißstände gewesen sein mögen.

Zwar wurden ganze Generationen unfähiger Manager ausgewechselt und ihre Ausbildung verbessert, alles in allem sind aber britische Industrieprodukte auch heute international nicht wettbewerbsfähig. Trotz der Einnahmen aus dem Nordseeöl ist deshalb die Leistungsbilanz seit 1987 wieder in riesige Defizite geschlittert.

Nicht erreicht werden konnte auch das viel beschworene Ziel der Preisstabilität: Die Inflation ist bei weitem nicht mehr so hoch wie vor zehn Jahren, aber doch deutlich höher als in den meisten europäischen Staaten und hat sich insbesondere in den letzten Monaten wieder auf etwa acht Prozent beschleunigt.

Lebensstandardmäßig ist Großbritannien zuletzt schon von Italien überholt worden.

Selbst ein aufgeblähter Finanz- und Dienstleistungsbereich konnte die von der Industrie freigesetzten Arbeitskräfte bei weitem nicht aufnehmen. Auch nach dem langen Konjunkturaufschwung der letzten Jahre sind immer noch mehr als zwei MillionenEngländer arbeitslos. Das sind zwar bedeutend weniger als noch vor zwei oder drei Jahren, doch viele der neu geschaffenen Arbeitsplätze sind von niedriger Produktivität und tragen wenig zum Aufbau einer modernen Ökonomie bei.

Die Steuerreformen haben - es ist fast zu banal, tun es auszusprechen - die großen Einkommen um bis zu 1.000 Pfund pro Monat entlastet, die kleinen um oft weniger als 20 Pfund, die aber durch gleichzeitig erfolgende Erhöhungen der Mehrwertsteuer mehr als aufgefressen wurden.

Daß die Kluft zwischen arm und reich deutlich größer geworden ist, mußte selbst Mrs.

Thatchers Arbeitsminister neulich zugeben, und das ist noch zurückhaltend aiisgedrückt. In Wirklichkeit ist eine extreme soziale Polarisierung eingetreten, wobei der Standard der unteren Schichten zusehends absinkt.

Am deprimie- rendsten ist die soziale Lage in den heruntergekommenen Städten, wo die Probleme kumulieren: Rassenkonflikte, Armut,

Arbeitslosigkeit, eine Jugend ohne Perspektive. Bis hierher sind die wohlfahrtschaffenden Effekte der Förderung der Privatinitiative offenbar noch nicht gedrungen und werden es auch nicht.

Da das Interesse von Yuppies und Spekulanten auch nicht darauf gerichtet ist, in die Infrastruktur des Landes zu investieren, be finden sich unter anderem Straßen und Bildungswesen in einem recht schlechten Zustand. Gerade das Versäumnis, rechtzeitig Berufsausbildung und Schulwesen zu reformieren, gehört zu den fatalsten Fehlem der Thatcher-Regierung, der die Perspektiven zur Wiedererlangung industrieller Wettbewerbsfähigkeit stark verdüstert Viele Experten meinen daher, daß Großbritannien nun auf eine Phase der Stagflation zusteuert, eine Zeitgeringen Wachstums bei hoher Inflation und Arbeitslosigkeit

Angesichts all dessen bleibt beim Versuch, abzuwägen, was heute in Großbritannien eigentlich besser geworden ist, relativ wenig in der Hand.

Der Autor ist volkswirtschaftlicher Referent in der Nationalbank.

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