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Hausgemachte statt importierte Inflation

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Ein wichtiger Satz in der Jahresrückschau des Institutes für Wirtschaftsforschung ist in der Presse kaum beachtet worden. Er lautete: „Als die importierten inflationären Tendenzen schwächer wurden, gewannen die binnenwirtschaftlichen Auftriebskräfte an Gewicht.“

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Ein wichtiger Satz in der Jahresrückschau des Institutes für Wirtschaftsforschung ist in der Presse kaum beachtet worden. Er lautete: „Als die importierten inflationären Tendenzen schwächer wurden, gewannen die binnenwirtschaftlichen Auftriebskräfte an Gewicht.“

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Der internationale Preisauftrieb, so erläuterte das Wirtschaftsforschungsinstitut seine Feststellung, habe nämlich im Frühjahr 1970 den Höhepunkt überschritten, die Rohwarenpreise seien seither rückläufig, der Anstieg der übrigen Einfuhrpreise habe sich verlangsamt. Im Inland habe hingegen die kräftige Teuerung das ganze Jahr über angehalten.

Unter der glatten Oberfläche einer sich gleichmäßig beschleunigenden Inflation haben sich also gewaltige Umwälzungen vollzogen: aus der importierten ist eine hausgemachte Inflation geworden, aus der über uns h er eiingebrochetien eine selbstverschuldete.

Es hat gegen Ende 1969 begonnen. In den vorhergehenden Jahren war es gelungen, die Inflationsrate stark abzubremsen. 1968 machte die jährliche Geldentwertung nur noch 1,5 Prozent aus und hatte somit einen bemerkenswerten Tiefstand erreicht. Auch 1969 ging zunächst alles gut. Aber dann kam der Regierungswechsel in Deutschland und in seinem Gefolge die DM-Aufwertung, welche die Preise für Einfuhrwaren aus unserem wichtigsten Lieferland sprunghaft ansteigen ließ. Gleichzeitig brachte die weltweite Hochkonjunktur eine starke Steigerung der internationalen Rohwarenpreise; insbesondere die Buntmetallnotierungen erhöhten sich sprunghaft: von Herbst 1968 bis Frühjahr 1970 waren sie um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Diese Entwicklung konnte auch an Österreich nicht spurlos vorübergehen, zumal die Lohnrunde 1969 besonders kräftig ausgefallen war und somit in das Feuer der eingeführten Inflation noch einiges inländisches öl goß. Der damalige Finanz- minister Prof. Koren versuchte der Preisentwicklung durch die sogenannten „flankierenden Maßnahmen“, hauptsächlich Zoll- und Ausgleichssteuersenkungen, entgegenzuwirken. Der Anprall der eingeführten Inflation wurde dadurch etwas gemildert und der Anstieg des Verbraucherpreisindex hielt sich 1969 noch im Rahmen von 3,5 Prozent. Ungefähr mit dem Regierungswechsel in Österreich im Frühjahr 1970 fiel eine Tendenzumkehr auf dem Weltmarkt zusammen: Der Rohwarenindex des Londoner „Economist“, der von Herbst 1968 bis Frühjahr 1970 einen Anstieg von mehr als 20 Prozent ausgewiesen hatte, ver- zeichnete von Ende 1969 bis Ende 1970 einen, wenn auch bescheidenen, Rückgang um 2,5 Prozent; bei den besonders stark verteuerten Buntmetallen wurde sogar der gesamte Anstieg von mehr als 50 Prozent wieder rückgängig gemacht und gegen Jahresende 1970 war wieder der Tiefstand vom Sommer 1968 erreicht. Die Preise für die sonstigen eingeführten Waren stiegen zwar noch weiter, aber die Steigerungsraten bröckelten im Verlauf des Vorjahres stark ab; die Inflationsimpulse aus dem Ausland wurden schwächer. Dennoch stieg der österreichische Verbraucherpreisindex im Gesamtjahr 1970 um 4,5 Prozent, wobei die Steigerung im Verlaufe des Jahres zugenommen hatte. Im Dezember lagen die Verbraucherpreise insgesamt schon um 4,6 Prozent über dem Vorjahresstand, ohne die amtlich preisgeregelten Waren und Leistungen sogar um 4,9 Prozent. Dort, wo die Preisregelung den Preisanstieg zurückgehalten hat, wird dieser zweifellos, dafür sind genügend Anzeichen schon vorhanden, in diesem Jahr nachgeholt.

Einfuhren kein Inflationselixier

Das sind nur einige Kennzeichen, die den weitgehenden Wandel von der importierten zur hausgemachten Inflation verdeutlichen. Diese Entwicklung scheint auch heuer weiterzugehen; die Konjunkturforscher befürchten unter den gegebenen Umständen 1971 eine noch höhere Teuerungsrate als 1970.

Aus dem Sprachschatz der Regierung und der ihr nahestehenden Kreise sind zwar in letzter Zeit jene inflationsfreundlichen Sätze verschwunden, die der Bevölkerung nahelegten, sich doch mit der Geldentwertung als unvermeidlichem Schicksal abzufinden, weil diese der Preis für Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum sei. Man hört nun sogar laute und kraftvolle Bekenntnisse zur Inflationsbekämpfung.

Leider sind den Worten bisher noch keine Taten gefolgt. Als mutige Taten der Inflationsbekämpfung wird mit beachtlichem propagandistischem Aufwand eine Verlängerung der „preisdämpfenden Maßnahmen“ über die Jahresmitte hinaus gefeiert, was im großen und ganzen nichts anderes bedeutet als die bloße Beibehaltung jener Gesetze, die schon vor fast zwei Jahren unter der Regierung Klaus beschlossen worden sind und zu denen sich trotz erheblich verstärkten Inflaitionsraten die Regierung Kreisky nichts wesentlich Neues bisher hat einfallen lassen. Daran ändert auch die Aufwertung des Schillings nichts, die übrigens keine eigenständige österreichische Leistung ist, sondern nur ein selbstverständliches Mitmachen bei einer längst überfälligen (und eher ungenügenden) allgemeinen Bereinigung der europäischen Währungsparität darstellt. Abgesehen davon, daß sie als Schutzdamm gegen die Inflationseinfuhr kaum ins Gewicht fällt, berührt sie das im Augenblick viel dringlichere Problem der hausgemachten Inflation überhaupt nicht. Der Preisauftrieb dauert daher auch an und zeigt sich vom neuen Wechselkurs, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht beeindruckt.

Somit blieb im großen und ganzen das, was einst Prof. Koren als ersten Schritt gegen die Schillingschrumpfung angesehen hatte, bisher der Weisheit letzter Schluß; der Wandel der Inflationsursachen wurde überhaupt nicht berücksichtigt. Denn Vorkehrungen, die auf die eingeführte Inflation zugeschnitten sind, taugen noch lange nicht für die hausgemachte.

Was etwa sollen Zollsenkungen oder auch Wechselkursänderungen, wenn im Inland die Kosten munter weiter steigen? Damit geraten höchstens verschiedene Betriebe in die roten Zahlen und auf längere Sicht meist in ausländischen Besitz, aber das Inflationsproblem bleibt ungelöst.

Mit Einfuhren allein kann man einer nachfragebedingten, nicht aber einer kostenbedingten Inflation zu Leibe rücken. Alles was auf diesem Wege bisher erreicht wurde, ist eine zunehmende Passivierung der Handelsbilanz, die sich zwar dank guten Ergebnissen im Fremdenverkehr und anderen, meist zeitlich eng begrenzten günstigen Entwicklungen (etwa dem Rückstrom des im Ausland veranlagten Kapitals infolge des sinkenden internationalen Zinsniveaus) noch nicht auf . die Zahlungsbilanz ausgewirkt haben, sich aber bei Anhalten der gegenwärtigen Entwicklung sehr bald und sehr kräftig auswirken werden.

Was uns besonders zu denken geben sollte, ist das wachsende Handelsbilanzdefizit bereits in einer Zeit, in der die Geldentwertung in Österreich zum Teil noch geringer war als in vielen der wichtigen Lieferländer; es zeigt sich, daß unser Inflationsspielraum (aus Gründen, deren Erörterung hier zu weit führen würde) weitaus geringer als in vielen anderen Industriestaaten ist. Der Hinweis auf die Inflationsraten der anderen ist daher nur ein schwacher Trost.

Auch auf eine Konjunkturautomatik sollten wir uns nicht zu sehr verlassen. Gewiß neigt die Handelsbilanz in der Spätphase der Hochkonjunktur zur stärkeren Passivierung; das gewährleistet aber noch lange keinen Tendenzumschlag in weiteren Konjunkturphasen.

Je länger wir uns mit einer echten und wirksamen Inflationsbekämpfung Zeit lassen, um so schmerzhafter müssen die schließlich doch unvermeidlichen Maßnahmen sein. Was heute vor allem nottut, isit eine gezielte Bekämpfung von konjunkturellen Überhitzungerscheinungen Unter den gegebenen Umständen kann das freilich nicht mittels des „klassischen Instrumentariums“ gelingen, weil dieses vor allem auf eine allgemeine Konjunkturdämpfung ausgerichtet ist, in Österreich aber nur Teilbereiche und Teilfunktionen der Wirtschaft von der Überhitzung betroffen sind, wogegen sich in vielen anderen, trotz den erstaunlich günstigen Pro- duktionsergebnissen zu Jahresbeginn, Schwächeerscheinungen bemerkbar machen.

Die eigentlichen Überhitzungsfaktoren sind derzeit vor allem die Arbeitskräfteknappheit und die Investitionspolitik der öffentlichen Hand, die nicht nur unzeitgemäß umfangreich ist, sondern zu allem Überdruß auch noch die Impulse den arbeitsintensiven und daher besonders unter Personalmangel leidenden Zweigen erteilt.

Diese inflationsfördernde Fehllenkung der öffentlichen Mittel war auch schon im Vorjahr zu beobachten: Die Baukonjunktur wurde mit aller Macht angekurbelt; die realen Bauleistungen, die 1969 gegenüber dem vorhergegangenen Jahr nur um ein Prozent gestiegen sind, wurden 1970 um mindesten 8 Prozent hinaufgetrieben.

„Die Kapazität war voll ausgelastet“,

schreibt das Wirtschaftsforschungsinstitut. „Der Engpaß auf dem Arbeitsmarkt erreichte ein bisher noch nicht beobachtetes Ausmaß und begrenzte das Wachstum der Produktion … in der Versorgung mit Baustoffen traten Lieferschwierigkeiten auf, die Ende Februar 1971 noch nicht überwunden waren.“

Dabei war es nicht der anlageintensive Straßenbau, der besonders stark vorangetrieben Wurde, sondern ausgerechnet der arbeitsintensive Hochbau: Der Tiefbau wurde mit einer Zuwachsrate von 15 Prozent erheblich weniger ausgeweitet als der Hochbau (24 Prozent).

Angesichts der (entgegen der Prognose) anhaltend guten Konjunktur 1970 wäre eine Kürzung der Budgetansätze und eine Zurückstellung von Investitionen unerläßlich gewesen. Tatsächlich hatte auch zu Jahresanfang die Regierung Klaus starke Zurückhaltung geübt. Da aber später trotzdem die gesamten Mittel verwendet wurden, kam es auch noch zu einer Zusammenballung der Investitionen gegen Jahresende. Engpässe und Kostenauftrieb waren die Folge, die ein gerütteltes Maß schuld an der fortschreitenden Geldentwertung tragen.

„Die Hauptursache der zunehmenden Verteuerung war die weitgehende Auslastung der personellen und sachlichen Kapazitäten“, schrieb das Wirtschaftsforschungsinstitut. „Die Übernachfrage auf dem Arbeits- und Gütermarkt ermöglichte es nicht nur, Kostenerhöhungen reibungslos zu überwälzen, sondern auch die Gewinnmargen auszuweiten. Die rege Investitionstätigkeit ließ die Investitionsgüterpreise kräftig steigen (-1- 6,5 %). Auch auf den Konsumgütermärkten verstärkte sich der Preisauftrieb.“

Die Schuld an dieser Entwicklung gibt das Institut der Investitionspolitik der öffentlichen Hand: „Vor allem die späte Belebung der Bau

Wirtschaft führte zu sprunghaften Preiserhöhungen (Bauten verteuerten sich um 7,5 Prozent nach bloß 2 Prozent im Vorjahr).“

Trotz der Konjunkturüberhitzung war der reale Zuwachs des Bruttonationalproduktes 1970 nicht viel höher als 1969, (+ 7,1 Prozent gegenüber + 6,2 Prozent), wobei ein Rückgang der Zuwachsraten im Laufe des Jahres (+ 7,6 Prozent im ersten, + 7 Prozent im letzten Viertel) eintrat; er war besonders ausgeprägt bei der Industrieproduktion (10,2 Prozent, bzw. 7,7 Prozent) und in deren Rahmen wieder bei fertigen Investitionsgütern (18 bzw. 6,9 Prozent), langlebigen Konsumgütern (20,2 bzw. 14,7 Prozent), bei Nahrungs- und Genußmitteln (6,9 bzw. 1,4 Prozent).

Viel stärker als das reale ist das nominale, also das nicht preisbereinigte Bruttonationalprodukt gestiegen. Die Zuwachsrate hatte 1969 9,9 Prozent betragen und ist 1970 auf 12 Prozent hinaufgeschnellt. Während also die reale Rate 1970 nur um 0,9 Prozentpunkte höher lag als 1969, war die nominale um 2,1 Punkte gestiegen; ihr Abstand von der realen Rate machte bereits 4,9 Punkte aus — ein augenfälliges Beispiel dafür, wie sehr die Geldwertverdünnung zunahm, wieviel „Wachstum“ auf inflationären Leerlauf entfiel.

Obwohl im Verlaufe der Jahresvier- tel die Zuwachsrate der Produktion rückläufig war, nahm die der Beschäftigung ständig zu. Der Arbeitskräftebedarf stieg schneller als der Ausstoß an Gütern und Leistungen. Das kam auch deutlich in den sinkenden Zuwachsraten der Produktivität (Produktion je Arbeitskraft) zum Ausdruck; in einigen wichtigen Industriezweigen war die Produktivität Ende 1970 sogar geringer als ein Jahr vorher. Die Arbeitszeitverkürzung konnte also durch Rationalisierung nicht wettgemacht werden; zudem scheint der Arbeitskräftemangel in dem derzeit herrschendem Ausmaß nicht mehr den bestmöglichen Einsatz der Kräfte zu veranlassen, sondern eher zu verhindern. Die konjunkturpolitischen Warnlichter leuchten auf. Statt neuen Dampf in den überlasteten Kesseln zu erzeugen, sollten sich die Wirtschaftspolitiker mehr den Kopf über den sinnvollen Einsatz des vorhandenen Dampfes zerbrechen. Leider sind dafür noch keine Anzeichen vorhanden. Das Budget 1971 stellt neue Anforderungen an den bereits ausgeschöpften Arbeitsmarkt. Die staatliche Wirtschaftspolitik starrt fasziniert auf die globalen Wachstumsraten, deren Aussagekraft immer geringer wird. Und die Inflationsspirale dreht sich munter weiter, ohne daß von ihr echte Wachstumsimpulse ausgingen.

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