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Euro-Panzerfäuste und Milliardäre

Die Beruhigung der Märkte über die Anleihenkäufe der EZB ist trügerisch. Die Eurozone ist jedenfalls weit davon entfernt, ihre Probleme gelöst zu haben.

Für die gerade in der Eurozone nach letzten finanziellen Sicherheiten lechzenden Bürger war Dienstag ein großartiger Tag. Da erschien im fernen Singapur eine Studie über die Superreichen der Welt und siehe da: Es gibt Geld in ungeahnter Hülle und Fülle auf diesem Planeten - speziell in Europa und den Vereinigten Staaten. Wenn beispielsweise ein jeder, der mehr als 30 Millionen Dollar eignet, sein Geld spendete, man erhielte mehr als 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Das ist das gesamte BIP von China, den USA und Südamerika gemeinsam. Allein damit könnte man den riesigen Schuldenberg der USA von 18 Billionen Dollar rund zweimal tilgen. Und mehr als einhundertsechsmal Griechenlands Schuldenberg. Das nur zu den Dimensionen des Reichtums von exakt 187.380 Menschen - also von einem 137 Tausendstel der gesamten Erdbevölkerung.

Auf dem großen Athener Fleischmarkt (im Bild oben) wusste man am Dienstag zwar nichts von dem Reichtum der anderen, sehr viel aber von der eigenen Misere. Der sonst vor Tieren, Händlern und Menschen übergehende Platz blieb geschlossen. Einfache Ursache: Kein Geschäft mehr in einer Zeit des Abschwungs.

Zwischen diesen Extremen schien die Welt dennoch ihren Glauben an das krisengeplagte Europa wiederzufinden. Finanzmärkte und Börsen feierten weltweit die scheinbare Lösung der Eurokrise mit Kursfeuerwerken von mehr als drei Prozent. Die EZB hatte sich davor bereit gefunden, den vielzitierten Spekulanten den Kampf anzusagen, indem sie ankündigte, Anleihen von Staaten unter dem Europäischen Schutzmechanismus ohne Limit aufkaufen zu wollen - was in extremis nichts anderes bedeutet als eine garantierte Liquidität für alle Staaten der Eurozone.

Die Panzerfaustlösung

Die Lösung war derart gewichtig, dass sie wegen ihrer "Feuerkraft“ auch als "Bazooka“ bezeichnet wird. Nun ist so eine Bazooka-Panzerfaust zwar eine mächtige Waffe, aber sie löst in ihrer finanziellen Form nur einen geringen Teil der Krise und könnte unter Umständen sogar zu ihrer Verschärfung beitragen.

Dann nämlich, wenn die Regierungen der notleidenden Staaten sich nicht unter den Rettungsschirm begeben und stattdessen aus dem Laster des Schuldenaufnehmens eine Tugend machen - und weiter Milliarden auf Milliarden türmen. Spanien zeigt einen gewissen Appetit auf dieses Modell. Gleich nach der Ankündigung der EZB fand es Ministerpräsident Rajoy entgegen anderer Ankündigungen nicht mehr der Mühe wert sein Land unter den Rettungsschirm zu führen, wo dann Fiskal- und Sparpolitik gegolten hätte. Dagegen verkaufte Spanien am Montag erfolgreich Staatsanleihen (man könnte auch sagen: machte erfolgreich neue Schulden) - und das bei nur noch zwei Prozent Risikoaufschlägen.

Trotz solcher vermeintlicher Erfolge ist nicht nur kein Ende der Rezession in Sicht - auch die Misere der Sparkassen, die Spaniens Immobilienboom finanziert haben ist lange noch nicht ausgestanden. Am Dienstag musste das Finanzministerium in Madrid den Anteil der faulen Kredite am Gesamtdarlehensvolumen der Institute mit 10 Prozent angeben. Diese Abschreibungen sind noch in keinem Krisenplan enthalten und schon gar nicht getilgt.Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass sich Spanien erneut Kapital auf Pump besorgen wird müssen. Wie daraus neue Wettbewerbsfähigkeit entstehen soll, können weder Madrid noch die EZB beantworten. Ganz ähnlich ergeht es Portugal und - noch stärker - Griechenland.

Ein erfolgloser Kampf

In letzterem Fall gibt es keinerlei Anzeichen, dass eine Selbstbefreiung von der Korruption im Staat stattfände. Im Gegenteil. Laut Finanzministerium in Athen schulden vor allem Repräsentanten des oberen Einkommensdrittels, also Ärzte, Rechtsanwälte, Unternehmer, Beamte und Politiker, dem Fiskus noch immer über 30 Milliarden Euro und keine Änderung ist in Sicht (siehe auch Seite 12).

Und nicht nur das: Über 530 Milliarden Euro sollen vermögende Griechen nach Angaben des Handelsblattes allein auf Schweizer Konten liegen haben. Hier freilich zeigen sich die wahren Gewinner der Krise. Denn dem Euroschmuggler kann egal sein, ob Griechenland zu Drachme und Hyperinflation zurückkehrt: Er wird dank seines stabilen Euro-Auslandskontos im neuen Griechenland noch mehr Herr sein als im alten.

530 Mrd.

So viele Euro haben Griechenlands Millionäre angeblich auf Schweizer Bankkonten liegen. Das griechische BIP beträgt 200 Milliarden Euro, die Gesamtstaatsverschuldung 240 Milliarden.

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