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Umschulden und umdenken notwendig

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Immer mehr Länder geraten in Zahlungsschwierigkeiten: Um alte Schulden zu zahlen, werden ungünstigere neue eingegangen. Aus diesem Teufelskreis hilft nur ein neues Konzept.

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Immer mehr Länder geraten in Zahlungsschwierigkeiten: Um alte Schulden zu zahlen, werden ungünstigere neue eingegangen. Aus diesem Teufelskreis hilft nur ein neues Konzept.

1982 wird als unerfreuliches Jahr in die Annalen der internationalen Finanzgeschichte einge- hen. Was zunächst als neues Rekordjahr in bezug auf Umsatzvolumen der internationalen Kapitalmärkte ausgesehen hatte (im ersten Halbjahr 1982 neue Kreditgewährung von knapp 1500 Milliarden Schilling, das entspricht ei-

ner Zunahme von 50 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 1981), entpuppte sich schließlich als Periode, in der einige Zeitzünder detonierten.

Sie brachten das komplizierte internationale Kreditgefüge ins Wanken. Einerseits kam es zu internen Erschütterungen im Kreditapparat durch die Ambrosiano-Affäre und zu großen Verlusten amerikanischer Großbanken durch den Konkurs der Penn Square Bank bzw. der Drysdale Securities. Andererseits folgte auf die Zahlungsunfähigkeit Polens diejenige Rumäniens, Costa Ricas, Mexikos, Argentiniens und Kubas sowie einiger notorischer Umschuldner (Zaire, Sudan).

Im Bankwesen gilt die Faustregel, langfristige Kredite (fünf Jahre und darüber) nur an solche Schuldner zu gewähren, die ein gutes Risiko darstellen, mit der Überlegung, sich auf längere Zeit sicherer Zinszahlungen erfreuen zu können.

Die langfristige Verfügbarkeit schlug sich in der Vergangenheit für den Kunden in höheren Zinsen nieder, d. h. er mußte für einen langfristigen Kredit mehr bezahlen als für einen mit kurzer Laufzeit. Vor drei Jahren sah man sich jedoch mit dem Phänomen der inversen Zinsstruktur konfrontiert, also mit höheren Sätzen für kurz- als für langfristige Mittel.

Dies war eine Folge von großen Unterschieden im internationalen Zinsgefüge und substantiellen Kursschwankungen, vor allem aber der amerikanischen Hochzinsphase.

Für diejenigen Entwicklungsländer, die zur Aufrechterhaltung ihres Wirtschaftswachstums und zur Bezahlung der gestiegenen ölpreise sich auf den internationalen Finanzmärkten Kredite beschaffen wollten, ergab sich eine fatale Konstellation:

Von vornherein als schlechtes’ Risiko eingestuft, hatte man ihnen nie gerne langfristige Mittel gewährt. Zur Bedienung alter Schulden und Aufnahme neuer Mittel mußten sie jetzt hochverzinsliche Kredite in Anspruch nehmen, die zudem meist eine Laufzeit von nur ein bis drei Jahren hatten.

Ende 1981 waren 47 Prozent aller internationalen Kredite innerhalb eines Jahres fällig, Mitte 1980 hatte dieser Anteil erst 43 Prozent betragen. Aber gleichzeitig mit der Zunahme der kurzfristigen Verbindlichkeiten nahm das Gesamtvolumen der neuen, an die Entwicklungsländer gewährten Kredite seit 1978 kontinuierlich ab, nämlich von 975 Milliarden auf 790 Milliarden Schilling im Jahre 1981.

Zu diesem Bild geringer werdender Liquidität und Verkürzung von Zahlungszielen fügte sich noch die Steigerung der Zinsen dazu. Im Durchschnitt stiegen die laufenden Zinskosten für Entwicklungsländer für festverzinsliche Verbindlichkeiten von 4,2 Prozent im Jahre 1972 auf 6,2 Prozent 1981 und für variabel verzin

ste Kredite von 7,9 Prozent im Jahre 1972 auf 18 Prozent 1981.

Das Zusammentreffen all dieser Faktoren, also immer höhere Zinsen für immer kürzere Kredite und immer weniger Exporteinnahmen in der Zeit einer weltweiten Rezession führte schließlich zu einer Anhäufung von Umschuldungskandidaten. Nach Polen, das noch zusätzlich innen- und außenpolitische Schwierigkeiten in Kauf nehmen mußte, waren nun Länder wie Mexiko, Argentinien und Brasilien gefährdet.

Je kürzer die Laufzeiten wurden, desto mehr konzentrierten sich die Refinanzierungserfordernisse auf kürzere Zeiträume. Das heißt, daß diese Länder noch mehr Mittel in einer begrenzten Zeit auf trockengewordenen Kapitalmärkten aufnehmen mußten, was in Einzelfällen zu echten Auswüchsen führte: Auf dem deutschen Kapitalmarkt zahlte ein mexikanischer Schuldner einen Kupon von elf Prozent bei einem Marktzinssatz von neun, auf dem US-Markt bei einem Marktzinssatz von 15 Prozent einen Kupon von 18,25 Prozent.

Es hat sich erwiesen, daß die Politik, schlechteren Schuldnern oder solchen, die bereits in Schwierigkeiten stecken, aus „Vorsicht“ nur kurzfristige Kredite zu gewähren, nachteilige Wirkungen zeigen kann. Kurzfristige Kredite sind nun einmal nicht das richtige Mittel zur Finanzierung von strukturell bedingten langfristigen Zahlungsbilanzdefiziten.

Wenn man sich zudem vor Augen führt, daß bei Umschuldungen immer größter Wert auf die Bezahlung zumindest der Zinsen gelegt wird, so ist erkennbar, daß Gläubiger die etwa im Falle Polens in den letzten drei Jahren langfristige Mittel gewährt hatten, nicht schlechter gestellt sind als diejenigen, die aus Vorsicht nur noch kurzfristige Kredite zur Verfügung gestellt hatten.

Letztere mußten jetzt auch eine Umschuldung der Kapitalzahlungen in Kauf nehmen. Schließlich ist eine Umschuldung nichts anderes als die Erstreckung , von Zahlungszielen.

Unter diesen Umständen wäre wohl ein Umdenken angebracht. Wenn man sich schon nicht zu einer langfristigen Kreditgewährung vor Eintreten akuter wirtschaftlicher Probleme eines Landes durchringen kann, so sollte man sich zumindest anläßlich einer Umschuldung die Einräumung langfristiger Mittel überlegen.

Sonst wird diese „Vorsicht“ gegenüber schlechteren Schuldnern weiter dazu beitragen, daß man den Eintritt der Zahlungsunfähigkeit, vor dem man sich fürchtet, noch beschleunigt.

Die voraussichtliche Reaktion der Kommerzbank dürfte nun sein, einerseits in verstärktem Maße direkt mit Exporten oder konkreten Projekten verbundene Finanzierungen zu gewähren, die durch Staatsgarantien abgesichert sind, andererseits sich wieder mehr auf das Inlandsgeschäft zu konzentrieren. Es gibt jedoch auch unter den Kommerzbanken genug Verantwortliche, die vor einem Herdentrieb in die entgegengesetzte Richtung, also einem totalen Rückzug aus dem internationalen Kreditgeschäft warnen.

Es liegt aber hauptsächlich bei den internationalen Institutionen, vor allem dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, in verstärktem Maße Mittel zur Verfügung zu stellen, die, mit gewissen Auflagen versehen, den verschuldeten Entwicklungsländern eine Sanierung ihrer Zahlungsbilanz ermöglichen.

Dem trugen auch die wichtigsten IWF-Mitgliedsländer Rechnung, als sie kürzlich für 1983 eine Aufstockung der IWF-Quoten um 50 Prozent auf etwa 1600 Milliarden Schilling beschlossen.

Es ist auch zu erwarten, daß der von den Amerikanern vorgeschlagene „emergency fund“ beim IWF eingerichtet wird, der helfen soll, kurzfristige Liquiditätsengpässe zu überbrücken.

Einen Vorschlag, der den Schuldnerländern eine echte Erleichterung bringen würde, werden die Kommerzbanken jedoch kaum aufgreifen, nämlich die Stundung von Zinsenzahlungen. Aus Angst vor der Schaffung von Präzedenzfällen und einer Reduzierung ihrer Profite werden sie weiterhin auf einer Begleichung der Zinsen bestehen, das Kapital umschulden und dabei kräftig verdienen.

Eei solchen Anlässen pflegt man den variablen Zinssatz anzuheben und zusätzlich noch eine Umschuldungsprovision zu kassieren. Jüngstes Beispiel ist Mexiko.

Für die Entwicklungsländer ist jedenfalls die Aufnahme von Krediten zur Bezahlung der Zinsen alter Kredite die unproduktivste Verwendungsform teurer Finanzierungsmittel. Sollte man nicht auch hier umdenken?

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