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Geliebter Narziss

Narzisse - © Collage: Rainer Messerklinger (unter Verwendung eines Bildes von iStock/republica
Wirtschaft

Narzissmus in der Ökonomie: Schlafwandler des Glücks

1945 1960 1980 2000 2020

Wie die Wirtschaft den narzisstischen Charakter hofiert und belohnt und damit ein System des Wachstums sichert. Und wie sich damit die Welt, wie wir sie kennen, verändert.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie die Wirtschaft den narzisstischen Charakter hofiert und belohnt und damit ein System des Wachstums sichert. Und wie sich damit die Welt, wie wir sie kennen, verändert.

Es gibt eine blumige Facette jener Geschichte, die diesem Themen-Schwerpunkt zugrunde liegt: die Sage des selbstverliebten Narzissos und seiner Geschichte mit der unglücklichen Nymphe Echo. Nachdem er eines göttlichen Fluches wegen in seinem Spiegelbild ertrunken war, wollten seine Schwestern, die Najaden, Narzissos bestatten. Doch da geschah laut Ovid eine Metamorphose: „Schon bereiteten sie den Scheiterhaufen vor, Fackeln, um sie zu schwingen, und die Totenbahre: Da war der Leib nirgends mehr. An seiner Stelle finden sie eine Blume, in der Mitte safrangelb und umsäumt mit weißen Blütenblättern.“ So entstand (sagenhaft) die Narzisse aus dem Fluch der Selbstliebe. Eine kuriose Wahl: Die Narzisse gefällt sich ja offensichtlich nicht selbst und dreht sich auch nicht im Spiegel. Sie wurde von den Menschen als Heilpflanze auch nicht eingesetzt, um das Selbstbewusstsein ins Krankhafte zu steigern. Sie war vielmehr hochgeschätzt als ein Betäubungsmittel.

Vielleicht ist aber diese letzte Postmortem-Anekdote gar nicht zufällig und reimt sich auf Narzissmus ebenso wie auf unser Gesellschaftssystem. Letzterem wird zumindest Eigensucht konstatiert, von Privatpersonen auf Instagram oder Facebook über Führungskräfte international agierender Konzerne bis hin zur hohen Politik – und ihrer Zer-Trumpelung. Denn durch eine eigenartige Betäubung erklärt sich, warum die Wissenschaft seit mittlerweile Jahrzehnten relativ erfolglos gegen die Veränderung des Klimas warnt. Warum auch die Warnungen des Club of Rome vor den Grenzen des Wachstums seit Dekaden ungehört verhallen. Narzissmus als System, so die hier vertretene These, bewirkt eine Anästhesie der globalen Aufmerksamkeit. Er verhindert gesamthaftes Denken, indem er die Menschen vereinzelt und jedem seinen persönlichen Traum gibt. Er zwingt niemanden in diesen Traum, er verordnet ihn über Verlockungen: Modeströmungen, Belohnungen in Bildung und Karriere, definiert auch als Erfolgskriterien. Und er belohnt das Streben dahin, verleiht das Ansehen in der Gesellschaft.

Dieser Traum, mannigfaltig gewoben und gesponnen ist der Traum vom „Glück“. Eine ganze Maschinerie arbeitet ohne Unterlass daran, dass es kein Erwachen aus ihm gibt, indem ein Traumbild nach dem anderen erscheint und sich als Produkt materialisiert, aus dessen Erwerb Wirtschafts-Wachstum sprießt: Auto, Haus, Karriere, Reise, Unterhaltung, Zeitvertreib. Alles Begriffe, die sich ausstaffieren lassen mit Millionen Produkten und Dienstleistungen. Es geht also um eine „Schlafkritik des kleinen Eifers“, der den Blick auf das große Ganze verdrängt und den Schaden, den er am Weltgebäude verursacht.

Der Nutzen und sein Zerrbild

Der englische Philosoph Jeremy Bent­ham hat 1822 das „Prinzip des größten Glücks“ in Worte gefasst. Es trete dann ein, so Bentham, wenn der Nutzensuchende die Unterwerfung unter Leid und Freude anerkenne und in seinem Wirken darauf achte, dass sich die Summe des Glücks insgesamt für die Menschheit erhöhe. In diesem Sinn wäre die Welt heute, auf dem Gipfel ihres Reichtums, die beste aller bisher möglichen Glücksmenschheiten. Und zwar unabhängig davon, ob den Reichtum nur wenige haben. Wichtig sei nur, dass es mehr davon gibt denn je. Reichtum wird in diesem Sinn als Wachstum verstanden und gleichgesetzt. Und damit ist schon der Kern des Wirtschaftssystems umrissen.

Die Güter zur Befriedigung des Wachstums sind nun auch nicht mehr bloß Güter. Sie werden verschlüsselte, gesellschaftliche Codes. Diese Problemlage manifestiert sich in einem wissenschaftlich vermessenen Anstieg der narzisstischen Charaktereigenschaften bei Führungskräften und Studenten in den USA, festgestellt von ­Jean Twenge, Keith Campbell und Robert D. ­Hare. Der Impuls, jeden Wunsch sofort befriedigen zu müssen, hat in den vergangenen Jahren auch zu einem rasanten Anstieg der Privatschulden (von einer Billion auf vier Billionen Dollar in 20 Jahren) geführt. Und so stecken hinter der Fassade der Zufriedenheit oft Schulden bei der Bank und ein stressgeplagtes Berufsleben, das gleichzeitig die Beziehungen in Familien in die Randzeiten des Lebens verbannt.

Es gibt eine blumige Facette jener Geschichte, die diesem Themen-Schwerpunkt zugrunde liegt: die Sage des selbstverliebten Narzissos und seiner Geschichte mit der unglücklichen Nymphe Echo. Nachdem er eines göttlichen Fluches wegen in seinem Spiegelbild ertrunken war, wollten seine Schwestern, die Najaden, Narzissos bestatten. Doch da geschah laut Ovid eine Metamorphose: „Schon bereiteten sie den Scheiterhaufen vor, Fackeln, um sie zu schwingen, und die Totenbahre: Da war der Leib nirgends mehr. An seiner Stelle finden sie eine Blume, in der Mitte safrangelb und umsäumt mit weißen Blütenblättern.“ So entstand (sagenhaft) die Narzisse aus dem Fluch der Selbstliebe. Eine kuriose Wahl: Die Narzisse gefällt sich ja offensichtlich nicht selbst und dreht sich auch nicht im Spiegel. Sie wurde von den Menschen als Heilpflanze auch nicht eingesetzt, um das Selbstbewusstsein ins Krankhafte zu steigern. Sie war vielmehr hochgeschätzt als ein Betäubungsmittel.

Vielleicht ist aber diese letzte Postmortem-Anekdote gar nicht zufällig und reimt sich auf Narzissmus ebenso wie auf unser Gesellschaftssystem. Letzterem wird zumindest Eigensucht konstatiert, von Privatpersonen auf Instagram oder Facebook über Führungskräfte international agierender Konzerne bis hin zur hohen Politik – und ihrer Zer-Trumpelung. Denn durch eine eigenartige Betäubung erklärt sich, warum die Wissenschaft seit mittlerweile Jahrzehnten relativ erfolglos gegen die Veränderung des Klimas warnt. Warum auch die Warnungen des Club of Rome vor den Grenzen des Wachstums seit Dekaden ungehört verhallen. Narzissmus als System, so die hier vertretene These, bewirkt eine Anästhesie der globalen Aufmerksamkeit. Er verhindert gesamthaftes Denken, indem er die Menschen vereinzelt und jedem seinen persönlichen Traum gibt. Er zwingt niemanden in diesen Traum, er verordnet ihn über Verlockungen: Modeströmungen, Belohnungen in Bildung und Karriere, definiert auch als Erfolgskriterien. Und er belohnt das Streben dahin, verleiht das Ansehen in der Gesellschaft.

Dieser Traum, mannigfaltig gewoben und gesponnen ist der Traum vom „Glück“. Eine ganze Maschinerie arbeitet ohne Unterlass daran, dass es kein Erwachen aus ihm gibt, indem ein Traumbild nach dem anderen erscheint und sich als Produkt materialisiert, aus dessen Erwerb Wirtschafts-Wachstum sprießt: Auto, Haus, Karriere, Reise, Unterhaltung, Zeitvertreib. Alles Begriffe, die sich ausstaffieren lassen mit Millionen Produkten und Dienstleistungen. Es geht also um eine „Schlafkritik des kleinen Eifers“, der den Blick auf das große Ganze verdrängt und den Schaden, den er am Weltgebäude verursacht.

Der Nutzen und sein Zerrbild

Der englische Philosoph Jeremy Bent­ham hat 1822 das „Prinzip des größten Glücks“ in Worte gefasst. Es trete dann ein, so Bentham, wenn der Nutzensuchende die Unterwerfung unter Leid und Freude anerkenne und in seinem Wirken darauf achte, dass sich die Summe des Glücks insgesamt für die Menschheit erhöhe. In diesem Sinn wäre die Welt heute, auf dem Gipfel ihres Reichtums, die beste aller bisher möglichen Glücksmenschheiten. Und zwar unabhängig davon, ob den Reichtum nur wenige haben. Wichtig sei nur, dass es mehr davon gibt denn je. Reichtum wird in diesem Sinn als Wachstum verstanden und gleichgesetzt. Und damit ist schon der Kern des Wirtschaftssystems umrissen.

Die Güter zur Befriedigung des Wachstums sind nun auch nicht mehr bloß Güter. Sie werden verschlüsselte, gesellschaftliche Codes. Diese Problemlage manifestiert sich in einem wissenschaftlich vermessenen Anstieg der narzisstischen Charaktereigenschaften bei Führungskräften und Studenten in den USA, festgestellt von ­Jean Twenge, Keith Campbell und Robert D. ­Hare. Der Impuls, jeden Wunsch sofort befriedigen zu müssen, hat in den vergangenen Jahren auch zu einem rasanten Anstieg der Privatschulden (von einer Billion auf vier Billionen Dollar in 20 Jahren) geführt. Und so stecken hinter der Fassade der Zufriedenheit oft Schulden bei der Bank und ein stressgeplagtes Berufsleben, das gleichzeitig die Beziehungen in Familien in die Randzeiten des Lebens verbannt.

Narzissmus verursacht auch eine Anästhesie der globalen Aufmerksamkeit. Sie verhindert gesamthaftes Denken, sie vereinzelt Menschen in ihren persönlichen Träumen.

Die Forderung, wettbewerbstauglich und ansehnlich zu bleiben, lässt in diesem Sinn keine Entspannung zu. Das Alter ist verpönt­ und einsam. Man stelle sich nur einen alten Narzissos vor, mit hängenden Wangen und hohlen Augen, von Falten übersät und bucklig (ist da der tote junge nicht besser aufgehoben in unserer Zeit?). Und wieder hilft die Maschinerie weiter mit Illusionskraft. Die Straffungscremes und Anti-Age-Mittel für ewige Schönheit. Und ein immer größer werdendes Heer an Schönheitschirurgen arbeitet dem körperlichen Verfall entgegen, mit dem Skalpell und auch mit der Spritze, die mit Schlangengift Muskelkontraktionen lähmt.

Auf der anderen Seite hat diese Maschinerie letztlich dazu beigetragen, dass vormals hehre Werte weniger oder gar nichts zählen, die früher dem einfachen Menschen Selbstbewusstsein gegeben haben: Arbeitsamkeit, Pflichtbewusstsein und Sparsamkeit. Wenn man den Berechnungen des französischen Ökonomen Thomas Piketty glaubt, kann man heute (durch die massive Umverteilung der Güter) nur in Ausnahmefällen durch Arbeit zu Geld und Ruhm kommen. Man muss schon reich heiraten oder erben. Das bedeutet eine Entwertung der Erwerbsarbeit.

Und die Märkte selbst? Letztlich ist der Narzissmus auch für die „irrational exuberance“ verantwortlich, die sich regelmäßig vor Krisen zeigt. In einem Buch über die Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahrzehnte haben die US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff den Hauptgrund für die großen Krisen unserer Zeit gefunden. Die Einbrüche, so meinen sie, passierten immer dann, wenn jemand glaube, die Lösung „für alles“ gefunden zu haben und davon auch viele andere überzeugen könne: „Diesmal ist alles anders“ war der oft gehörte Satz im Vorfeld mehrerer Krisen. Diese Sicht der Dinge passt nicht nur bestens zu einer narzisstischen Pathologie, die sich übermenschliche Fähigkeiten zuschreibt, sie formuliert ja auch für die Masse der Investoren, Politiker, Medien und Unternehmer ein „Alles ist möglich“. Diese Verzerrung wird oft als „gesunder Optimismus“ gesehen. Er macht die Gelockten mutig. Er verdrängt die Kritiker.

Moral unterm Joch

Er ordnet aber auch die Moral dem Zweck unter. Es ist egal, wie der Erfolg zustande kommt, solange er zustande kommt (auch das ist übrigens eine Einstellung, die dem narzisstischen Charakter entspricht). Er macht Ethik in der Wirtschaft zu einer mehr oder weniger willkommenen Nebensache. Das ist besonders dort spürbar, wo sich die Wirtschaft und ihre Manager Diktatoren und autoritären Machthabern andienen, wie dies etwa bei Wladimir Putin und westlichen Ölkonzernen der Fall ist. Es gilt im Extremfall nicht, „zuerst kommt das Fressen, dann die Moral“, sondern „wo die Moral kommt, gibt es kein Fressen“.

Die Umwertung geht freilich noch weiter – und in gewisser Hinsicht tiefer. Denn sie verursacht eine Anpassung der Rangordnung der Materie und Interessen an das alleinige Ziel, zählbare Erfolge zu erreichen. Das alles entscheidende Kriterium für den Wert eines Objekts ist seine Verwertbarkeit. Damit wird letztlich Leben in „nützlich“ und „ausscheidbar“ unterteilt. Diese Unterscheidung hat nicht die bewusste Tötung dieser oder jener Spezies zur Folge, aber indirekt deren Vernichtung.

Die Ausdehnung der Sojaplantagen in den Urwäldern des Amazonas gehorcht beispielsweise diesem Prinzip: Der Stoff Soja ist es uns wert, Hunderte andere Pflanzen abzuholzen und damit ganze Ökosysteme zu opfern. Der Urwald trägt in diesem Sinn zum Größen-Selbst des ökonomischen Narzissmus nichts bei. Er ist damit entbehrlich und tötbar. In diesem Sinn sind die Feuer Amazoniens und die klimabedingten Feuer Australiens Zeichen einer Krankheit, die in unserer Arithmetik des Erfolgs steckt. Ovid würde sagen, unser Zeitalter errichte sich selbst, in süße Narzissen-Träume versunken, seinen Scheiterhaufen