6903951-1980_38_03.jpg
Digital In Arbeit

Die Spirale des Fortschritts"

Es ist sehr verständlich, daß Männer der Wirtschaft, Politik, der Naturwissenschaften sich mit den Krisen heute und morgen befassen. Ein österreichischer Denker, Elias Canetti, bemerkt zum Fortschrittsglauben der Gegenwart 1942: „Der Fortschritt hat seine Nachteile: von Zeit zu Zeit explodiert er. Wir kommen von zuviel her. Wir bewegen uns auf zu wenig weiter."

Für einen Historiker, der sich lebenslang mit diesem unserem „Herkommen" befaßt hat, lösen sich die Fragen um Fortschritt nicht einfach in die Ängste und Hoffnungen im Heute auf. Im* Heute steht sichtbar auch vor ihm die Möglichkeit dieses ganz großen Fortschrittes: von der so weitgehend gelungenen Endlösung der Judenfrage zu einer zumindest ebenso partiellen Endlösung der Menschenfrage.

Nun: Hier keine Jeremiaden! Sie sind billig und nutzlos. Ehre den großen Optimisten, Ehre den großen Pessimisten: den Menschen, die für ihren Glauben an den Fortschritt des Menschen ihr Leben gaben, den Menschen, die für ihre Warnungen starben!

Ehre also den Menschen, die aus dem „Tal der Tränen" einen Garten der Gotteskinder machen wollten. Ehre den großen Warnern Jesaias, Jeremias, - schon weniger ihren kleineren prophetischen Nachkommen im 19. und 20. Jahrhundert. Ehre den Menschen, die gegen Höllen auf dieser Erde kämpfen, auch wenn sie wissen, daß Paradiese fern - oder gar nicht in Sicht sind.

Ehre den großen Pessimisten: des Buches Kohelet in der Bibel, Aischylos, Sophokles, den großen Gnostikern! Ehre den großen pneumatischen, also vom Heiligen Geist erfüllten Optimisten, also dem großen Plotin (nicht mit Piaton zu verwechseln!), der die frohe Botschaft verkündet: „Der Kosmos aber ist ein seliger Gott."

Wir sind Neandertaler: Das wußte in Wien der Architekt Adolf Loos, das haben Einstein, Freud und in einer beachtenswerten Rede der erste Kennedy gesprochen. In uns allen arbeiten alle Vergangenheiten der Menschheit, wir reagieren in Krisen wie unsere kannibalischen Vorväter, in Schreck, in Schocksituationen - manchmal auch unter einem himmelblauen Kaisergeburtstagswetter (der Kaiser in Peking und Wien, den kaisergelben sonnenhaften Städten, wurde als Garant des kosmischen Friedens verstanden). Ganz plötzlich also.

Ich stelle demgegenüber als eine Chiffre die Spirale vor, um den komplexen Sachverhalt menschlicher Lebensprozesse anzudeuten: anzudeuten, nicht zu „erklären", nicht in Worte aufzulösen. Ich stelle eine Spirale hier als ein Bild vor, um dies anzudeuten: Kulturen, Zivilisationen und einzelne Menschen falten ihre Lebensprozesse oft so aus: Sie wachsen in einer Spirale, die lebt. Sie entfaltet sich in partiellen Fortschritten, die sich etwa auf ihren Höhen in einer Wissenschaft, einer Lebenskunst, einem wirtschaftlichen Pro-greß bekundet.

Diese Fortschrittspiralen leben aber nur in den Gewittern der Geschichte: Stürme, Erdbeben, Springfluten, politische, gesellschaftliche Krisen und Katastrophen beugen sie, so daß sie in sich zusammensinken, sich verdichten, auch verdrückt, verpreßt, deformiert werden.

Sehen Sie einmal Bäume in den Alpen an, die ihre wunderschöne krumme Gestalt den Winden und Wettern ihrer Lebens-Geschichte verdanken: Die Spirale kann dann bis auf den Boden gedrückt werden, auch eingestampft werden - von irgendeiner Goldenen Horde, es müssen nicht Mongolen sein. Goldene Horde ist die goldene Zeltstadt, das goldene Haus des Großkhans, sein Moskau, New York etc.

Nun ist dies bedeutsam: Die Spirale, der lebende Mensch, eine lebende Zivilisation muß nicht ganz zusammengedrückt, in ihren Mutterschoßgrund eingepreßt werden. Sie kann sich wieder erheben, sich wieder auffalten, und in schmerzhaften Windungen - Fortschritt kostet Schmerz, ist immer an Kreuzigungen, an Passionswege gebunden, verpflichtet - in neuen Wachstümern neuen Höhen zustreben: wobei sie, diese lebendige Spirale, immer lebt von den Säften, von den Kräften, von den lebendigen Erbstoffen, die ihr aus ihrem Mutterboden zuströmen. Also auch von allen Giften, Viren, Bakterien etc., aller ihrer Vergangenheiten. Gift und Gabe sind nicht zu trennen, wie das englische Wort „gift", das deutsche Wort „Mitgift^' ansagt.

Kostspielig, gefährlich, immer gefährdet ist also jeder Fortschritt als ein Lebensprozeß in einer Person, in einer Zivilisation. Konkret möchte ich hier folgende drastische Wirklichkeit ansprechen: Wie da in Enkeln, konkret also in den jungen Menschen einer dritten, auch einer vierten Generation die Spirale sich wieder erhebt, und das Leben, die Weisheit, die Kenntnisse, die Lebenskünste von Vorfahren revitali-sieren!

Nachdem zwei Weltkriege und der über dreißigjährige Weltbürgerkrieg seit 1945 in allen Kontinenten die alten Zivilisationen zusammengedrückt haben, erleben wir heute ein Erwachen - in dritten und vierten Generationen erwachen irf Nordamerika in Indianern und den Angehörigen vieler anderer Zivilisationen, in Menschen, deren Väter und Großväter sich rabiat einamerikanisieren wollten, die mentalen Haltungen ihrer Vorväter.

Riesenhafte Prozesse dieser Art wühlen heute ganz Südamerika auf. Man werfe nur einen Blick in die großen Poeme des Pablo Neruda, dann auf Schwarzafrika, den Islam, China: Der große Mao, der groß und gefährlich war, der die Beugung seiner Spirale war, der lebendigen Stahlmacht, als die er weiterlebt, weiterwirkt, für sehr lange Zeit überleben wird, verstand sich auch in den tristen Jahren der mörderischen „Kulturrevolution" als Lebensgenosse chinesischer Weiser und Dichter, die erstmalig vor dreitausend Jahren, vor zweitausend Jahren, vor sechshundert Jahren ihre Lebensprozesse zu entfalten begannen ...

Um nur ein österreichisches Modell zu nennen: Beim letzten Hofmannsthal-Symposium in Wien überraschte ein hochbegabter, weithin als linksradikaler Schriftsteller bekannt gewordener junger Österreicher durch sein Bekenntnis zu Hofmannsthal, der von seinen Gesinnungsgenossen weithin alsein dekadenter Trottel einer abgelösten Zeit abgetan worden war.

Spirale, Spirale, Spirale. Puschkin also und Lermontow. aufleuchtend in den Augen junger Russen, heute. Altafrikas strahlende Friedenskulturen. Wer trampelt, vernichtet, als nicht existierend vermeldet von Menschen der Zivilisation des Weißen-Ein-Mann-Gottes: ein Gott, eine Kirche, eine Partei, eine Gewerkschaft, eine reine, das heißt: meine Wissenschaft.

Strahlend steigen sie heute herauf, Kulturen, vernichtet, zerstört, Renaissancen bahnen sich an, besser: Wiedergeburten, in Südamerika, Asien, Afrika, in jeder Weise ebenbürtig europäischen Renaissancen und ihren Enkeln, die da zu schnüffeln begannen, zunächst im armen, malträtierten Boden Griechenlands, dann Kleinasiens. Troja stirbt nicht. Jericho, die neuntausendjährige Stadt, stirbt nicht. Jerusalem, das dreiundeinige Jerusalem, stirbt nicht. Die Spirale, die große Spirale lebt.

Das „Zurückbomben in die Steinzeit", - diese Parolen eines amerikanischen Generals (Günter Anders: „Visit beautiful Vietnam"), ist täglich als Tat möglich. Der lange Marsch aus der Steinzeit, die in uns allen lebt, durch die Windungen, die Beugungen, die Pressungen, die Blutkreisläufe in den Spiralen unseres Lebens - hier heute in Osterreich, Johannesburg, Rio de Janeiro, und andernorts, extrem stoßen als NichtZeitgenossen Menschen, nahe Verwandte aufeinander, die in verschiedenen Zeiten leben.

Dieser sehr lange Marsch, länger noch als der 10.000-Meilen-Marsch des jungen Mao, ist schwierig, schmerzhaft, kostet viel, wird oft abgebrochen, worauf die Ricorsi, die Rückschritte, die Rückschraubungen, das Sich-Ver-dichten zu erdnahen Regressionen, also auch Aggressionen, Re-Infantilisierun-gen, also gefährliche Barbarisierungen, sofort zur Stelle sind.

Fortschritt: Ja, es gibt Fortschritte, partielle Fortschritte, die aber jederzeit von Biegungen, von Beugungen zurück, von Krümmungen nach unten, als einem Untertauchen im Irrationalen bedroht, ihnen ausgesetzt sind ...

Fortschritte (Mehrzahl) dennoch: Fortschritte in der Menschwerdung des Menschen, so daß dieser konkrete Mensch besser verstehen, mehr ertragen, mehr wahrnehmen und mehr Verantwortung auf sich nehmen kann! Für den Menschen. Adalbert Stifter drückt das vor über hundert Jahren so aus: der Mensch wird „Allberührung" lernen müssen, um den kommenden Jahrtausenden gewachsen zu sein, ihrem Druck, ihren Anforderungen.

Fortschritte: Wir können heute mehr denken, das heißt weiter, schmerzwacher, wissender den Menschen verantworten als ein Aristoteles, ein Piaton, mehr als Descartes, mehr als Kant, mehr als die großen Denker des deutschen Idealismus, diese Ein-Mann-Denker, die nahezu nichts davon wußten, daß der Mensch nicht Mann-Gott, Ein-Gott, Mann-Mensch ist, sondern dies:

Mann und Frau und Kind und Farbiger, Menschenkind in allen Formierungen geistiger, seelischer Entwicklung und Deformation: groß als Kranker, als Behinderter. Die Entdeckung der Menschenwürde der Behinderten gehört zu den größten Fortschritten im Heute, nachdem die denunziatorische Firmierung als „Geisteskranker" gefallen ist . . .

Jeder Fortschritt kostet sehr viel.Das ist die Gretchenfrage, die sich rechts und links und in der Mitte gerade in unserem Europa, das ja nicht im Sinne eines unangefochteten Besitzes uns gehört, jedem einzelnen stellt, der sich jenseits seiner eigenen tagesbedingten Pessimismen und Optimismen, seiner sehr privaten Ängste und Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, der Verantwortung stellt, die Fortschritt hier und heute als Problem und als Realität präsentiert.

Es hat wenig guten Sinn, über unsere Sümpfe, über Ausfall an Moral zu jammern und zu klagen, wenn das nicht gesehen, nicht wahrgenommen wird: Wir verwenden das geringe Potential, das wir in uns erschließen, eben dazu, uns einen einigermaßen fetten Happen zu holen: in unserer Karriere, im Berufsleben, im politischen Leben. Wir erschließen nicht zumindest fünf bis sieben Prozent unseres inneren Potentials, unserer geistigen, seelischen Kräfte, um eine Mit-Menschlichkeit zu wagen, um nicht nur das Sägen harter Bretter zu betreiben, das angeblich die Arbeit der Demokratie ist, sondern das Formen, Erziehen von Menschen ...

Wer heute junge Maturanten besieht, wird oft erschrecken: Wie wenig wissen sie vom Menschen, von seinen Möglichkeiten, Versuchungen und sehr großen Chancen! Wer heute junge Doktoranden besieht, auch junge Ärzte, nicht nur Juristen, wird oft erschrecken. Wer heute junge, jüngere und ältere Politiker und Erfolgsmenschen in anderen hochdotierten Jobs besieht, wird erschrecken: wie schmal, wie kleinkariert, wie eindimensional ist ihre Optik! Sie fahren auf Einbahnstraßen ihrer Erfolge und Mißerfolge in ihr Leben, in ihren Tod.

Gegen diese unheilige Allianz der Sich-Selbst-Befriedigenden kann sich ein Gegenbund bilden: Es gibt ihn in jedem Beruf und also in den vier bis fünf jungen und den drei bis vier älteren Generationen Menschen, die durch ihre gute Unruhe bezeugen, daß sie mit den drei bis vier Prozent ihres aktivierten Potentials nicht zufrieden sind.

Sie wollen mehr: mehr wissen, mehr arbeiten, mehr leisten, ja, auch mehr geben, opfern. Sie spüren, wie ihr uner-schlossenes Potential in ihnen arbeitet, schmerzhaft arbeitet, sie unruhig macht. In diesem Potential melden sich die Mütter und Väter vieler Generationen, vieler Vergangenheiten an.

Gegenwart und Zukunft gilt der schmerzhaften Produktion von Ubermenschen: Nietzsche hat dies Wort von Goethe übernommen, Goethe hat es von Gregor von Nyssa übernommen, der in seinem „Leben des Moses" Moses als den exemplarischen Menschen zeigt, der Schritt um Schritt aufwärts in die lebendigen Feuer der 'Gottheit schreitet.

Ubermensch heute: ein Mensch, der transzendiert, täglich sich bemüht, über sich hinauszuschreiten, und etwas mehr von dem Potential zu erschließen, das unerschlossen präsent in ihm ist.

Auszug aus einem Tür das „Europäische Forum Alpbach 1980 - Konsequenzen des Fortschritts" vorbereiteten, dann aber wegen Erkrankung nicht gehaltenen Referates.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau