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Das Gerede vom Untergang

Woher die Kraft nehmen, den Erscheinungen der Auflösung heute zu widerstehen? Gründe für ein Erschrecken, für Aufregung, für Depression gibt es genug, man braucht nur am Morgen die Nachrichten zu hören, in den Zeitungen zu lesen, am Abend die Fernsehberichte zu sehen. Man fragt sich oft, wo denn die Gründe für Optimismus, für Zuversicht, für Freude hingeraten sind. Hat man angesichts von so viel entsetzlichem Geschehen überhaupt noch ein Recht auf Freude?

Wenn diese Fragen auftauchen, gibt es für mich ein Beispiel, das mir hilft. Der heilige Augustinus saß als alter Mann in Hippo, dem heutigen Annaba, einer algerischen Hafenstadt, die von den nach Nordafrika einströmenden Vandalen vollkommen eingeschlossen war. Rom war kurz vorher gefallen, und die Horden Ala-richs hatten die einst glanzvolle Hauptstadt verwüstet. Die Situation der „westlichen Kultur“ war katastrophal, das Christentum schien am Ende.

Was war Rom damals? Etwa Paris, London, Wien, Berlin, New York zugleich - und noch mehr. Sie alle also in der Hand wahnwitziger, brutaler Gegner, von Menschenschlächtern und Kulturzerstörern. Augustinus hatte keine äußeren Gründe zu Optimismus, Hoffnung oder gar zur Freude. Der alte Mann unterbrach seine Arbeit nicht. In der belagerten kleinen Stadt, deren Eroberung abzusehen war, schrieb er weiter an seinen „Epistulae“. Augustinus mußte sogar damit rechnen, daß seine Manuskripte in den Trümmern vernichtet, mit seinem Kloster in Flammen aufgehen würden. Schwerkrank, wie Augustinus war, starb er vor der Erstürmung.

So miserabel wie dem heiligen Augustinus geht es heute dem Denkenden, Wirkenden, Schreibenden noch lange nicht. Zwar hat man auch nicht die Kraft eines Heiligen, aber nachdenklich kann eine solche Unbeirrbarkeit schon stimmen. Immerhin auch deshalb, weil sie derart erfolgreich war. Nicht viele andere Werke und andere Persönlichkeiten haben für die Kultur des Christentums und ganz Europas eine solche Bedeutung gewonnen wie Augustinus und seine Schriften.

Also ist es nicht nur den Paulus-Briefen nach richtig „gegen alle Hoffnung zu hoffen“; auch der reale Verlauf der Geschichte zeigt oft, daß es sich lohnt. Natürlich besteht rechnerisch gesehen nur eine kaum absehbare Chance. Doch wer das Risiko nicht eingeht, läßt überhaupt keine spätere Möglichkeit offen.

Natürlich kommt es darauf an, wie jeder zu seinem Tun und Wirken steht: Wer allein eine Steigerung im Materiellen anstrebt, handelt mit ganz anderem Antrieb, bei ihm wird ziemlich sicher bereits spätestens in der „midlife crisis“ die Stadt erobert und der Großteil dessen, was er erworben zu haben meint, wird in Flammen aufgehen. Zumindest die Kriegsgeneration (die es so rasch vergessen hat) könnte sich erinnern und es den Jüngeren weitererzählen: Häuser, Schmuck, Perserteppiche, Autos verschwinden sehr schnell, wenn etwas passiert, und das muß nicht einmal ein Krieg sein. Private Veränderungen, Einbußen an Gesundheit lassen derlei sehr bald anders einschätzen. Was der alte Mann im bedrohten Hippo geschrieben hat, war nicht nur für uns wichtig, sondern für ihn selbst. Auch wenn sich nichts erhalten hätte, war es für ihn selbst ein Zeichen von Überlegenheit, eines Trotzdem, eines möglichen Sieges über das, was auch immer kommen sollte.

Die Intellektuellen sind heute außerordentlich intensiv damit beschäftigt, die Gefahren unserer Zivilisation bis zur totalen Selbstvernichtung ausführlich und mit gewaltigem Effekt darzustellen, und das hat Berechtigung. Nur wird dabei meist vergessen, daß wir dennoch leben, arbeiten, daß sehr viele durchaus in Frieden sterben. Uber dieses banale, durchaus normale Leben wird aber wenig gedacht und gesagt, und wenn dies der Fall ist, dann oft in Schundromanen, in miserabler Qualität. Man baut schon wieder - ex negativo - eine „große Zeit“, eine „einzigartige, nie dagewesene Epoche“ auf und vergißt, daß man auch in dieser sehr banale Probleme hat, sie lösen muß, Kompromisse oft nicht vermeiden kann, also sein eigenes „kleines“, keineswegs apokalyptisches Leben lebt.

Der Begriff „der Intellektuelle“ kommt von „intellectus“, wobei ich mich wieder auf Augustinus berufen kann: „Ut intellectus im-pleat te - daß Einsicht dich erfülle“. Thomas von Aquin schrieb, intellegere heiße „gleichsam inwendig lesen, nämlich intus-lege-re“. Die Intellektuellen also sollten sich ein wenig auskennen — und viele tun dies auch. Wenn man allerdings den Massenmedien Aufmerksamkeit schenkt, die Zeitstimmung wahrzunehmen versucht, sieht man deutlich jene am Werk, die den großen Effekten nachrennen, die Skandale nicht nur aufdecken, sondern in ihnen baden, die, wenn es einmal keine gibt, geradezu einen „horror va-cui“ erleben.

Oft frage ich mich, ob heute Skandale, Korruption, Gemeinheiten wirklich noch nie dagewesene Höhepunkte erreichen oder ob wir einfach über die Massenmedien mehr von ihnen wissen. Weder in Athen noch im alten Rom ist es sehr integer zugegangen, das kann freilich nicht bedeuten, daß man dies nicht auch heute bekämpfen sollte. Ich meine allerdings, eine große Zeit der Unterschlagungen, der Korruption, des politischen Machtmißbrauchs haben wir heute nicht, wir erkennen all das nur deutlicher, und dies ist keineswegs von Nachteil.

Origenes, der übrigens nicht weit von Hippo, nämlich in Alexandrien, allerdings zwei Jahrhunderte früher, gelebt hat, sprach psychologisch sehr modem vom „doppelten Menschen“, dem „äußeren“ und dem „inneren“. Natürlich klingt es heute sehr fern, wenn er weiter von dem „im Fleische“ und dem ,4m Geiste“ schreibt, aber man braucht das nur mit „unbewußt“ und „bewußt“ zu übertragen, und ist sehr in der Gegenwart. Unbewußt oder von mangelndem Bewußtsein bestimmt ist der „äußere Mensch“. Nous, intellectus, Vernunft (im Sinn von Logos), Geist bestimmen den Denkenden, den Intellektuellen, wobei das konsequente Denken zum Denken in der Bedeutung des Logos führt. Pascal schreibt: „Nur ein Schilfrohr, das zerbrechlichste in der Welt, ist der Mensch, aber ein Schilfrohr, das denkt... Bemühen wir uns also, richtig zu denken.“

Hoffnung und Freude entstehen, wenn sie Bestand haben, im „inneren Menschen“. Dieser innere Mensch ist, unabhängig von der Zeit und weitgehend auch von den Umständen, in denen er lebt, dem Ursprung nahe. Darum gibt es auch Heiterkeit bei jenen, denen sie gerade besonders schwerfallen müßte, in Gefahr, in Krankheit, in ärmlichsten Verhältnissen. Sogar öfter als in Wohlstand und Luxus. Uberfluß ist geradezu ein besonders schlechter Boden für Hoffnung oder Freude. Peter Handke läßt die Nova in seinem Stück „Uber die Dörfer“ den Zeitgenossen zurufen: „Schüttelt euer Jahrtausendbett frisch. Bewegt euch. Die lebenslang Siechen, das seid nicht ihr.“ Und: „Laßt euch nicht mehr einreden, wir wären die Lebensunfähigen und Fruchtlosen einer End- oder Spätzeit... Wir hier sind so nah am Ursprung wie je...“

Gerade viele jener Intellektuellen, die unter günstigen Umständen wirken, sind von Unzufriedenheit besessen - die mit den apokalyptischen Zeichen unserer Gesellschaft und mit dem Elend der Welt gerechtfertigt wird, keineswegs zu Unrecht. Nur gibt es auch eine Hybris mit umgekehrtem Vorzeichen: die Hybris, ständig unter dem Leid der Welt zusammenzubrechen, aber im überschaubaren Bereich das zu versäumen, was in Ordnung gebracht werden könnte, und Uberfluß im Privatleben keineswegs zu meiden. Ich hielt es immer für falsch, die Intellektuellen (wie Helmut Schelsky dies tat) in ihrer Gesamtheit mit Haß polemisch zu attackieren und dabei jenen Begriff, der mit „intellectus“ verbunden ist und ein Ideal darstellen sollte, ausschließlich negativ aufzufassen. Gerade das bedeutet Kapitulation und Selbstaufgabe.

Herder meinte in seinen Humanitäts-Briefen: „Die Denkart macht den Menschen, nicht die Gesellschaft“, und er spricht von den „denkenden Menschen in allen Weltteilen“, die zueinander finden sollten. Auch Sigmund Freud, der so oft mißverstanden wird, schrieb: „Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben... Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat.“ Warum den Intellekt, die Intelligenz als Verstand abwerten und nicht als Vernunft — in Zusammenhang mit dem Logos — positiv auffassen? Ist die Vernunft nicht jene Eigenschaft, die den Menschen auszeichnet?

Die Hoffnung, also der Glaube an die Möglichkeit des Guten, kommt aus einer persönlichen Haltung. Sie schließt die Annahme aus, daß es gelingen könne, die Welt in ein Paradies zu verwandeln. Die Welt wird stets bleiben, was sie ist, niemals werden Menschen zu Engeln, sie bleiben in der Erbsünde. Aber den einzelnen in seiner Umgebung zu akzeptieren ist notwendig, nur so ist eine Haltung möglich, durch die wir „dem Ursprung so nah wie je“ sind.

Utopien werden allzu leicht mit Wirklichkeit verwechselt, auch negative Utopien. Sie haben sich als äußerst gefährlich erwiesen. Leichter läßt sich von Idealen sprechen, von denen freilich klar sein muß, daß sie auf Erden nur angestrebt, vielleicht ein wenig annähernd, aber nie ganz erreicht werden können. Augustinus schrieb das unmißverständlich: „Dieser himmlische Staat beruft in seiner irdischen Pilgerschaft seine Bürger aus allen Völkern und sammelt seine Pilgergemeinde aus allen Sprachen, unbekümmert der Unterschiede in den Sitten, Gesetzen und Einrichtungen.“ Die Unterscheidung zwischen ..himmlischem Staat“ und „irdischer Pilgerschaft“ ist deutlich. Zu der Zeit, als diese Worte des Augustinus geschrieben wurden, meinte Hieronymus: „Der ganze Erdkreis stürzt zusammen“, denn: „Was gibt es noch Sicheres, wenn Rom untergeht?... Das Licht der Welt ist erloschen!“

Für uns heute gibt es weitaus mehr konkrete Hoffnung. Die Umschau über alles das, was wir als erfreulich bezeichnen können, fällt erheblich besser aus als zu Augustinus' Zeiten und zu vielen anderen Epochen. Gewiß gehört einige Bescheidung dazu. Ohne jene Einsicht, die uns erfüllen sollte, bleibt die Hoffnung ungeschützt. Bestand hat nur die „doc-ta spes“, die Hoffnung des zweiten, des wissenden Menschen.

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