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Der Krieg im HANDEL(N)

1945 1960 1980 2000 2020

Die FURCHE entstand 1945 in einem "Goldenen Zeitalter" der Wirtschaft. Heute ist die Ökonomie geprägt von Aggression, Kleptomanie und Sadismus. Ein Ruf nach Reform.

1945 1960 1980 2000 2020

Die FURCHE entstand 1945 in einem "Goldenen Zeitalter" der Wirtschaft. Heute ist die Ökonomie geprägt von Aggression, Kleptomanie und Sadismus. Ein Ruf nach Reform.

Man kann viel und oft über die Segnungen der Wirtschaft sprechen, über den Fortschritt, den die Globalisierung über die Menschheit gebracht hat, oder sagen wir besser über einen Teil der Menschheit. Aber es ist merkwürdig: Gerade dort, in jenem Teil der Welt, in dem die Marktwirtschaft besonders fruchtbar zu sein schien, indem sie über Jahrzehnte die größten Profite abwarf, scheint heute die allergrößte Anspannung zu herrschen: In den Industrienationen. Angst vor Verarmung, Vernichtung von Reichtum durch Krisen, vor zuviel Arbeit (für wenige) oder zu wenig Jobs (für viele). So kämpft ein jeder und eine jede um Erfolg und Existenz. Selbst die Friedfertigsten -die Meditativen -sind davor nicht gefeit. Zum Beispiel die Leute von Zen@Work, eine Gruppe von transzendental orientierten Managern. Sie haben sich zusammengeschlossen, um "die Mitte" zu finden und die Ruhe in ihrer allzu stressbehafteten Umgebung. Auf der Flucht vor Burn-out, Scheidung und anderen Selbst- und Lebendigkeitsverlusten.

Wenn etwa ein Betriebsleiter wie Helmut Bauer aus Berlin bei seiner morgendlichen Zen@Work-Meditation seelisch in die Realität seines Jobs hinübergleitet, dann weiß er schon, was eigentlich Sache ist, so zumindest vertraute er das Journalisten der Zeit an. "Wirtschaft ist Krieg", sagt Bauer und "die Zen-Meditation ist meine Waffe".

Von Clausewitz bis Marx

Wirtschaft als Krieg? Gewöhnlich hört man ähnliche Parallelen nur vom preußischen General Clausewitz mit seinem Bonmot, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Aber Wirtschaft als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln? Um solche Assoziationen zu finden, muss man schon in radikalen Ecken der ökonomischen Literatur kramen, etwa bei Karl Marx, der schon in den unseligen Zeiten des Manchesterliberalismus die Selbstauflösung des Systems durch das Konkurrenzprinzip und die Konzentrationsprozesse des Kapitals heraufdämmern sah - samt Vernichtung des Mittelstandes.

Die Wirtschaft im Krieg, die Wirtschaft im Kampf gegen sich selbst - das mag wie eine unzulässige Übertreibung wirken -, denn wo wären denn auf diesem Schlachtfeld die Waffen? Wenn man aber in die Strukturen der kapitalisierten Wertschöpfungssysteme hineinhorcht, kann man kriegerische und aggressive Tendenzen erkennen, die so gar nicht unserem Bild der konstruktiven Wirtschaft entsprechen und nicht einmal jenem der "schöpferischen Zerstörung", das ihr der große österreichische Ökonom Joseph Schumpeter gegeben hat.

Am besten beginnt man diese Analyse mit folgender Frage: Wären Sie ein Lehrer, der mit einer Maschine den perfekten Lehrling der Wettbewerbsgesellschaft erzeugen könnte: auf welche Eigenschaften würden Sie setzen? Wären es Empfindsamkeit, Fantasie, Behutsamkeit, Schöngeistigkeit und ein Sensorium für den Nächsten? Oder wären es Einsatzbereitschaft, Ausdauer, Wagemut, Verlässlichkeit, Härte und Selbstüberwindung? Die Antwort wird - unschwer zu erkennen - auf Zweiteres hinauslaufen.

Arbeit, Einsatz, Hingabe, Disziplin. Diese Eigenschaften prägen den Ehrenkodex der Wirtschaft und zeigen auffällige Parallelen zu Armeen. Nicht umsonst sind die Rangordnung der Angestellten großer Konzerne oft aus der militärischen Rangordnung übernommen. Offiziere und Chefs, wohin man blickt: Chief Executive Officer (CEO), Chief Communications Officer (CCO), Chief Accounting Officer (CAO), Chief Marketing Officer (CMO), Chief Financial Officer (CFO), Chief Operating Officer (COO), Chief Human Resources Officer (CHRO). Dass diese Hingabe für das Unternehmen wie bei Armeen bis zum Tod gehen kann, ist ein in Japan, Korea und China weit verbreitetes Phänomen. Die Japaner nennen das "Karoshi" - den ehrenhaften Tod durch Arbeit. In Korea heißt es Arbeitstod - "Guarosa" -, in China "Guolaosi". Nach einer Untersuchung des "Australian Institute of Management" sterben daran jährlich zehntausende Menschen.

Auffällig ist auch die gleiche Sicht der Pflichterfüllung in militärischen wie in Managementstrukturen: der absolute Gehorsam ist eine Grundbedingung zum Erfolg. Aus seiner Zeit in einer der NS-Schulen zur Heranbildung des Nazi-Nachwuchses, den berüchtigten Napolas, ist dem heuer verstorbenen Literaturkritiker Helmuth Karasek folgender Satz in Erinnerung geblieben: "Man muss dienen und gehorchen gelernt haben, um befehlen und herrschen zu können". Und Folgendes lesen wir heute in einem weit verbreiteten Managementführer: "Nur der, der gelernt hat zu gehorchen, kann auch führen." Hier treffen wir auf eine eindrucksvolle Mischung von Sadismus und Masochismus, die auch Theodor W. Adorno treffend beschrieben hat: "Die Vorstellung, Männlichkeit bestehe in einem Höchstmaß an Ertragen-Können, wurde längst zum Deckbild eines Masochismus, der, wie die Psychologie dartat -, mit dem Sadismus nur allzu leicht sich zusammenfindet. Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll, bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin. Dabei wird zwischen dem eigenen Schmerz und dem anderer gar nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein. Und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte."

Der Sadomasochismus vereint beides - ähnlich wie die Armee das untertänige und das befehlende Element in sich trägt. Sigmund Freud nannte diese Erscheinung das "turning around upon the subject" (Wendung gegen die eigene Person), das die Erscheinung der Aggression von einem Moment auf den anderen vom "Gerne-Erleidenden" zum "Leid-Zufügenden" wandelt.

Erfolgsrezept Aggression

Wie ist nun die soziologische Ausformung dieser psychologischen Argumentation: Amerikanische Studien an Colleges belegen, dass der aggressivere Typ Mensch, der Ungeduld und Leistungsbereitschaft sowie hervorstechendes Konkurrenzverhalten zeigt, angesehener ist, obwohl seine Kreativität gegenüber dem "gemütlicheren" Typus abfiel. Der aggressivere Typ Student bekam höhere Auszeichnungen und strebte mehr als andere eine höhere Bildung an. Außerdem fanden Sozialpsychologen eine ausgeprägte Häufigkeit von Karriere und Wohlstand bei diesem Charaktertyp.

Es ist eine Auslese zum Aggressiven, wie der britische Psychologe John Carl Flugel in seinem Klassiker "Man, Morals and Society" ausführt. Der Soziologe Max Weber hat ihn in seiner berühmten Studie über die protestantische Wirtschaftsethik schon vorausgeahnt, als er "stahlharte puritanische Kaufleute" beschrieb.

Aber nach welchem Vorbild werden die Studenten ausgebildet, die später die Elite der Gesellschaft bilden sollen? Die "Stahlhärte" scheint offenbar im Trend zu liegen, samt ihren Nebenerscheinungen: In einer Langzeitanalyse aus dem Jahr 2010 wies die US-Psychologin Sara Konrath nach, dass das Mitgefühl gegenüber anderen bei amerikanischen Collegeabsolventen zwischen 1979 und 2009 beständig abnahm. Umgekehrt formuliert sichert Aggression wirtschaftlichen Erfolg, weil die auf diese Art "entfesselte" Wirtschaft vielfach die rüdesten Handlungsformen belohnt.

Der kanadische Psychologe Robert Hare und der US-Unternehmensberater Paul Babiak haben zu diesem Themenfeld mehrere hundert Interviews mit Managern und Unternehmern gemacht und sind zu folgendem Schluss gekommen: In den Führungsetagen von hochkompetitiven Gesellschaften ist der Anteil an Psychopathen dreimal so hoch wie in der normalen Gesellschaft.

Diese Menschen sind keine Mörder. Der Psychopath ist in gewisser Weise nur ein vollkommen auf sich bezogener und deshalb sozial gestörter Mensch. Ihm fehlt die emotionale Tiefe, nicht aber Intelligenz und auch nicht Benehmen oder Liebenswürdigkeit. Er ist charmant und witzig gegenüber Menschen, von denen er sich Vorteile verspricht, andererseits aber auch brutal und rücksichtslos gegen Untergebene. Der Psychologe Hare drückt das so aus: "Denken Sie an ein soziales Raubtier, das von Bereichen angezogen wird, in denen es einen Gewinn oder einen eigenen Vorteil vermutet."

Der Wolfscharakter

Was Robert Hare da konstatiert, findet sogar seine direkte Umsetzung in Managementseminaren. In Deutschland bietet ein Unternehmen den smarten Businessmen den Kursus "Führen wie die Wölfe" an - samt Teilnahme am "Talent-Workshop - Wolf Leadership", und das auch noch am lebenden Vorbild - in einem Tierpark in der Lüneburger Heide. Dort werden dann auch die Vorzüge der strikten Rangordnung und Unterwerfung gezeigt, wie sie eben in einem Manager-Rudel üblich sein sollte.

Statt über die mächtigeren Zähne definiert sich diese Rangordnung in der Wirtschaft über Geld. Hören wir dazu den ehemaligen Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, der einmal gefragt wurde, ob denn sein Gehalt von 13,2 Millionen Euro gerechtfertigt sei. Ackermann antwortete: "Das muss so sein. Auch die Mitarbeiter erwarten, dass der Chef der Deutschen Bank im internationalen Vergleich hervorragend dasteht ... Als ich zur Deutschen Bank kam, hatte ich zwei Millionen Mark (Jahresgehalt; Anm.). Wenn ich heute ein vergleichbares Gehalt hätte, würde ich jeden Respekt verlieren. Man würde sagen: Der hat keinen Marktwert."

Aber hat es den Wolfsmanager nicht schon immer gegeben? Ja, zweifellos, aber wohl nicht in dieser Häufung und in diesen entscheidenden Positionen. Einer der hervorstechendsten Fälle dieser Art war die Vorgangsweise des US-Energiekonzerns Enron. Enron betätigte sich beispielsweise als Energieversorger im Bundesstaat Kalifornien. Das geschah nicht auf einem herkömmlichen Weg, sondern mit dem Ziel rücksichtsloser Profitmaximierung. Wenn ihnen die Strompreise zu niedrig erschienen, ließen Enron-Manager einfach Elektrizitätswerke abschalten. Das erhöhte den Energiebedarf und in der Folge auch die Preise sprunghaft. War die Gewinnmarge danach hoch genug, wurden die Kraftwerke wieder hochgefahren.

Diese Praxis führte jahrelang zu hunderten "Blackouts" in Kalifornien, mit enormen wirtschaftlichen Einbußen. Dem nicht genug: Alles, was mit vermehrtem Strombedarf zu tun hatte, etwa Naturkatastrophen, wurde von den zuständigen Enron-Managern lauthals bejubelt und belacht. Später tauchten Tonbandprotokolle dieser Freudenbekundungen auf. Als ein riesiger Waldbrand die Versorgung lahmlegte und zahlreiche Siedlungen zerstörte, ließen sich die Manager von Enron über Telefon vernehmen: "Yes! Burn, baby, burn!"

Die Ökonomie der Stehlsucht

Seit Jahrtausenden diskutieren und lehren die Menschen über das gerechte Geben und Nehmen von Gütern. Von Platon und Aristoteles reicht diese Tradition über Seneca, Thomas von Aquin und die Scholastiker bis herauf zu Adam Smith und David Ricardo, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman. Immer in der Geschichte der Ökonomie ging es um die Verteilung und den Handel mit Gütern. So unterschiedlich die Ansätze auch immer waren - platonisch, klassisch, sozialistisch, utopisch, keynesianisch, protestantisch oder neoklassisch: Keine Schule lehrte die Räuberei als den probatesten Weg zum menschlichen Wohlbefinden.

Nur scheint das in der Praxis verschütt gegangen zu sein. Im Wettbewerb gewinnt nicht mehr derjenige, der geschickter gibt und nimmt. Wer aber nur noch nehmen will/muss und alle seine Tätigkeit auf den eigenen Gewinn bezieht/beziehen muss, ist ein natürlicher oder dahin gezwungener Kleptomane. Die Psychologie beschreibt damit eine Störung der Impulskontrolle, das pathologische Stehlen, das oft in Zusammenhang mit frühen traumatischen Erfahrungen wie dem Erleben von Gewalt oder Inzest steht. Der Akt des Stehlens wird oft zur Ableitung und zum Abbau einer ängstlich-depressiven Verstimmung ausgeführt.

In nicht unähnlicher Weise agiert auch die wachstumsfixierte Wirtschaft. Ihre Urangst ist der Mangel, ihr Trauma die Krise. Ihre daraus entstehende Phobie ist jene der stagnierenden Umsatz- und Gewinnzahlen, da sich das System darauf eingerichtet hat, den Prozess der Schrumpfung als todbringend zu interpretieren anstatt als periodischen, unausweichlichen und nützlichen "Reset", als eine Erholungsphase des Systems.

Seine Impulse sind darauf ausgerichtet, diesen Zustand um jeden Preis zu vermeiden, selbst wenn es damit letzten Endes jene schädigt, denen es eigentlich dienen sollte. Lohndumping, Teile der radikalen Flexibilisierung der Arbeit und der Arbeitszeit, bis zum Zwang vollständiger Verfügbarkeit, die Inkaufnahme krankheitsfördernder oder -bildender Stressniveaus, die Akzeptanz der rücksichtslosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen unter dem Diktat der Gewinnmargen, das alles sind Symptome eines sich selbst schädigenden kleptomanen Systems.

Die Auswüchse dessen sehen wir in den Bergwerken Südamerikas oder Chinas, in den verseuchten Flüssen Afrikas, in den Tuch-und Kleiderfabriken Asiens, im "Land Grabbing" und dem damit einhergehenden Entzug der Lebensgrundlage für die Bevölkerung in Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas. Dieses System schenkt einem Teil der Menschheit die Illusion des Überflusses, indem es dem anderen Teil zwanghaft Ressourcen absaugt. Die ängstlich-depressiven Stimmungen, denen das globalisierte System zu entkommen versucht, münden zwangsläufig in neue, noch zerstörerische Zwänge und Handlungen.

Perversionen der Wertschöpfung

Und die Perversion der Wertschöpfung ist gerade im Nahen Osten am Werk zu sehen, wo mit europäischen und US-amerikanischen Waffen ein Krieg tobt, der Hunderttausende Flüchtlinge erzeugt hat. Eine zynische postdemokratische Art der Umverteilung sieht nach diesem Modell wie folgt aus: Die Aktionäre der Waffenproduzenten werden mit Milliarden versorgt und bauen sich ihre Schlösser, während die EU-Staaten für die Unterbringung der Flüchtlinge zu sorgen und dazu noch mit Terror zu kämpfen haben.

Der folgende Satz gilt nicht nur für die Waffenindustrie: Was in der Mikroökonomie den Anschein hat, Arbeitsplätze zu sichern, indem Fabriken betrieben und Waren und Werte geschöpft werden, hat unkontrollierbare makroökonomische und gesamtgesellschaftliche Folgen für ganze Regionen -und am Ende für uns selbst. Die vergangenen 70 Jahre haben uns scheinbar stetig wachsenden Fortschritt und Reichtum gebracht. Wenn es aber auch eine Zeit des ökonomischen Erwachens geben sollte, dann ist die vielleicht gerade jetzt angebrochen. Und die Erkenntnisse aus der Weltlage und den Ungleichgewichten, die so offen daliegen wie kaum zuvor, sind klar: Es ist Zeit für ökonomische Friedensverhandlungen, auch wenn dabei hohe Kosten für uns entstehen.

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