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Gefragt ist eine soziale Bremstheorie

1945 1960 1980 2000 2020

Die Industrie wird heftig von der Öko-Bewegung kritisiert. Für viele ist sie schlechthin der Buhmann. Gegen diese verkürzte Sicht nimmt ein leitender Auge stellter eines Industrieunternehmens Stellung: Die berechtigten ökologischen Anliegen forderten unser aller Lernfähigkeit heraus -nicht nur die der Industrie.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Industrie wird heftig von der Öko-Bewegung kritisiert. Für viele ist sie schlechthin der Buhmann. Gegen diese verkürzte Sicht nimmt ein leitender Auge stellter eines Industrieunternehmens Stellung: Die berechtigten ökologischen Anliegen forderten unser aller Lernfähigkeit heraus -nicht nur die der Industrie.

Kritiker des Industriesystems zeihen dessen Lenker unbeschränkbarer Machtfülle, Verantwortungslosigkeit, Brutalität, des Lobbyismus, der Intervention, der Fixiertheit auf Profite unter möglichster Verdrängung sozialer und ökologischer Auflagen. Die oft zu beobachtende martialische Größe von Industrieanlagen, die technischen Sachzwänge, die weit über das objektive individuelle Bedürfnis hinausgehende aggressive Innovation und der mit Fabriksatmosphäre assoziierte Dauerstreß samt der ihm immanenten Inhumanität skizzieren mit wenigen Strichen das Industriebild in manchen Teilen der Öffentlichkeit.

Der Industrieverantwortliche hingegen vermeint in der Phalanx grüner Kritiker vom ökonomischen System alimentierte und privilegierte Gruppierungen zu erkennen, die von dem durch seine Arbeit bereitgestellten Sockel herunter nicht nur das prekär genug aufrechterhaltene Gleichgewicht in Gefahr, sondern auch seine persönliche Ehrenhaftigkeit in Verruf bringen wollen.

Selbstverständlich sind beide Urteile schlimme Zerrbilderund ich darf einige überbrückende Korrekturen anzubringen versuchen.

Je effizienter, je komplexer ein Instrument, ein Werkzeug, eine Pro-duktionseinheit ist, desto autonomer, unlenkbarer, zwingender wird es gegenüber seinem Besitzet. Aus der Betriebswirtschaft kennen wir die Versuchung, kostensenkende, Konkurrenzfähigkeit steigernde Rationalisierung zu erkaufen um den Preis der Flexibilität.

Der hochspezialisierte Automat, ein millionenteures Gerät, ein den Betrieb auf Jahrzehnte mit Kapitalkosten belastendes Aggregat, verlangen gebieterisch ihre Auslastung, während weniger komplexe Werkzeuge zwar nicht diese Rationalität - sprich Preissenkungsmöglichkeit - versprechen, doch auf Auslastungsschwankung ohne Verlust reagieren können. Man kann von einem Totalitarismus des Sachkapitals reden, der selbstverständlich nicht von dem Gegenstand selbst, von der Maschine ausgeht, sondern von seinem ursprünglichen Firtancier.

Das aber ist in der Regel nicht der Manager, der Fabriksverantwortliche, sondern ein Aktionär, ein Anleihebesitzer, eine Bank und deren Sparer oder im Fall von Staatsbetrieben jeder Staatsbürger, vertreten durch ein politisches Organ. Alle diese Geldgeber erwarten die Rendite für ihren seinerzeitigen Konsumverzicht zugunsten der industriellen Investition.

Zwischen Lohnrate, Sparquote, Kapitalkosten, Marktpreisen und Konsumentenkalkül herrscht ein strenger Zusammenhang, in dem die Industrie keine Dominanzrolle, sondern eher jene eines - oft überdehnten - Instruments spielt. Wahr ist, daß eine hocheffiziente Maschinerie implizit die Erfüllung der ihre Anschaffung begründenden Planungen verlangt -und dies mit derselben Gewalt, mit der Täusende direkte und indirekte Geldgeber und Eigentümer auf die Erhaltung und Honorierung ihrer Werte dringen.

Gewiß, wir haben uns auf eine Kapazität, auf ein Tempo, auf eine Rendite eingelassen, die nicht nur Rohstoffe und Umwelt, sondern auch die humanen Ressourcen schädigen. Doch ob das Aufbrechen der Kette augerechnet beim Produktionsglied den Problemkern träfe, ist nur oberflächlich und als Symptomkur denkbar. Die Wurzel von allem ist die bis heute nicht ausgereifte Ambivalenz von Haben und Sein jedes einzelnen Mitglieds unserer Gesellschaft.

In dieser Perspektive wäre freilich die anzügliche Frage nach der Lernfähigkeit der Industrie allein nicht nur inkorrekt, sondern wegen der so entstehenden mentalen Blockade, sowohl der Anfrager wie der Befragten, kontraproduktiv. Aus der Rolle eines Angeklagten sind kompetente Innovationen kaum generierbar;

In dem gewaltigen Gesprächs- und Lernprozeß, in dem wir uns zum Ende dieses zweiten nachchristlichen Jahrtausends befinden, sollen wir zumindest eine Konvention endlich begreifen und anwenden: nämlich auf polemische Zangen in, subjektiver Schuld-zuschreibung zu verzichten, gar nicht so sehr aus Humanität, sondern aus der erkenntnishygienischen Bedingung zur Findung des Zutreffenden und Zuträglichen.

Konkret läuft die gebotene Korrektur in unseren Breiten darauf hinaus, den Materialumschlag, die Sachgü-terproduktion und Konsumation, insbesondere die ihr immanente objektive Verschwendung, zu reduzieren beziehungsweise zu eliminieren. Also schlicht und einfach, mit einem Fahrzeug, wenn überhaupt, drei- bis viermal so lang zu fahren, Luxusflüge zu unterlassen, einen Anzug, ein Kostüm, ein Kleid, Strümpfe oder Schuhe. Möbel viele Jahre länger zu nutzen und jede Art von Energieumschlag mit Heizung, Heißwasser, Vergnügungsapparaturen, Produktionsprozessen zu minimieren.

Was das für den einzelnen Konsumenten bedeutet, ist leicht einsichtig und vorstellbar. Aber wie verteilt man nun diesen Umsatzrückgang gleichmäßig auf alle direkt und indirekt vor-und nachgelagerten Sektoren? Denn selbstverständlich wird von der Umsatzsteuer der Fahrzeug-, Sanitär-, Tourismus- und Kleiderbranche und so weiter das politische System, das Wissenschafts-, Gesundheits- und Kultursystem finanziert- Wenn weniger Dienstleistungen und Waren wegen der gebotenen Enthaltsamkeit erzeugt und umgeschlagen werden, dann gibt es davon auch für alle weniger.

Vergegenwärtigen wir uns die Verteilungskämpfe der letzten 200 Jahre zur quasigerechten Aufteilung des steigenden materiellen Reichtums, erinnern wir uns des gänzlich inhumanen und irrationalen Verlaufs dieses Prozesses bis herauf zur Findung der bisher relativ besten - absolut freilich immer noch imperfekten -sozialen Marktwirtschaft bis heute, dann können wir uns ein Bild machen über die Problematik des umgekehrten Vorgangs, gerechte, aber zwingend ungleichmäßige, technisch machbare, administrierbare und politisch durchsetzbare Rückführung des Maferialumschlags, des realen Individualeinkommens und des plantaren Kapitalverzehrs.

Fraglos mündet dies wieder in die leider bis zu dieser Stunde gänzlich unentschiedene Frage nach Prioritäten! Vitalität, Aktionismus, Mobilität, Leidenschaftlichkeit als Ersatzdroge für innere Weltwahrnehmung; affektiver Heroismus, impliziter Faschismus des Lebensstils einerseits, Betrachtung, Meditation, Distanz, Diskretion, geistiges Abenteuer, tiefe Lebenswahrnehmung und Lebensfreude, Sublimation, spirituelle Kreativität andererseits: Wenn Sie hierüber heutige Mehrheiten suchen, obsiegt noch die banal verstandene kurzsichtige und kurzatmige, als Lebenslust mißverstandene Enthemmung, Raserei.

Was ich von den hiefür ausdrücklich etablierten, sinn- und regelstiftenden Institutionen erwarte, ist, daß sie sich in sich selbst so organisieren, wie es der Generierung wirklich zustimmungsfähiger neuer kohärenter Normen entspräche.

Das erfolgreiche Verbreiten betroffener Ohnmacht bei allen Nichtfach-leuten des jeweiligen ökologischen Fachgebiets ist zwar ein Anstoß zur notwendigen Verunsicherung bedenkenloser Verschwender, doch die Erfüllung des Selbstanspruchs oder der gesellschaftlichen Aufgabe eines akademischen Apparats ist dies noch nicht. Dies wären erst Anstöße für wirklich konsistente Alternativmodelle einer künftigen Weltgestaltung, Lebensführung und Wirtschaftsverfassung.

Zwei kürzlich im Fernsehen gezeigt Bilder waren bezeichnend für die Problematik: Die Einwohner ganzer amerikanischer Mittelstädte arbeiten ausschließlich in der dortigen Rüstungsindustrie - ein Jagdbomber kostet zwischen 330 und 550 Millionen Schilling - und Budgetkürzungen brachten Zehntausende um ihren Arbeitsplatz, darunter eine schlichte, ältere, mütterliche Arbeiterin, die man bei der Adjustierung des Fahrwerks an einem Kampfflugzeug ihre private ausweglose Lage beklagen sah.

Die zweite Sendung betraf hilflose Versuche russischer Panzerarbeiter, die schweren Kettenfahrwerke für einen land- oder bau wirtschaftlichen Gebrauch umzurüsten. Auch diese individuelle Not dokumentierte die letztlich instrumentale und nicht autonome Rolle, die das Produktionssystem spielt -vor allem dann, wenn an den Hebeln seiner riesigen Herstellungsmöglichkeit andere als technisch-ökonomische Mächte drücken.

Daß eine verhängnisvolle Symbiose zwischen militärischer Aufgabenstellung und der hiefür ständig vorangetriebenen Waffentechnik wirkt, ist leider außer Zweifel. Doch sowohl Militär wie Industrie sind ja zunächst von der Gesellschaft mit eindeutigen Zielsetzungen installiert und budge-tiert.

Und solange über die breiteste Entscheidungshierarchie Regierungen nach dem Kritierum von Vormacht, Gewaltüberlegenheit, physischer Unangreifbarkeit bestellt werden, müssen wir die Ur-Ursache dieses Syndroms eben in politischen Mechanismen suchen. Die von mir skizzierten Fabriken haben sich jedenfalls nicht selbst erschaffen.

Ich beklage die schwächliche oder berechnende Abstinenz der vorgeblichen geistigen Eliten, die, soweit ich sehen kann, das Ringen um die Verbindlichkeit globaler Existenznormen und Ethikkataloge nachhaltig unterlassen!

Man ergeht sich in diplomatischen Konventionen, bleibt sogar auch angesichts von Massakern formal völkerrechtlich tonlos, läßt die Denkfallen Unterschiedlicher oder glatt empirisch widerlegter Welttanschauun-gen aufgerichtet, man schweigt vor der Macht, die hinter obskuren Ideologien steht. Sind die Eliten lernfähig? Wenig denkgenaues geistiges Ringen, oft pragmatische Permissivi-tät, pfiffiger Indifferentismus in letzten Fragen.

Und vor diesem Szenario kaum auslotbarer Schuldverstrickung aller meint man, nur mit der Fokussierung eines „militärisch-industriellen Komplexes" schon eine moralische Position erklimmen zu können? Ausgerechnet die Betriebsstätten und ihre Mitarbeiter, die Milliardeninvestio-nen in die Produktionsmittel am Ende solcher epochaler Fehlentwicklung stehen am Pranger?

Nichts ist vorgesorgt für das hauswirtschaftliche Auffangen Hunderttausender bei einer wünschenswerten Umstrukturierung arbeitslos werdendender, subjektiv unschuldiger - oder besser: nicht stärker schuldiger -Bürger.

Denn entweder müßten haargenau dieselben Nachfragemittel in denselben Branchen mit anderen als militärischen Zielen nahtlos generiert werden - was unmöglich ist - oder die Folgen der wünschenswerten Produk-tionsverlangsamung, die dadurch punktuell ausfallenden Einkünfte, die so beendeten Umsätze, somit Verminderung der Konsumanteilscheine, die Entbehrungen der früher in diese Branchen gelockten Mitarbeiter müßten völlig transparent und rational auf alle Wirtschaftsteilnehmer gerecht verteilt werden. Aber haben Sie etwa jemals von einer derartigen sozialen Bremstheorie etwas gehört?

Der Autor ist Direktor der Waagner-Biro AG, sein Beitrag ein Auszug aus einem Vortrag im Rahmen der Lehrveranstaltungsreihe Ökologie-Energie am 12. März 92 an der TU-Graz.

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